Der Muschi-Komplex.

Der folgende Artikel könnte deinen Blick auf Muschis nachhaltig verändern. Die Darstellung des Muschi-Komplex ist mir eine Herzensangelegenheit. Er ist omnipräsent in den Medien, im alltäglichen Leben und den heimischen Betten. Was ich mit Schwanzarroganz meine, was Jenna Jameson und Emilia Galotti gemeinsam haben und die quälende Frage warum Frauen nicht einfach stolz auf ihr eigenes Geschlecht sein können.

In der Schule haben wir im Sexualkundeunterricht einiges über die menschliche Anatomie gelernt. Da war die Rede von Schwellkörpern und Eileitern, Hoden und Schamlippen. Als „Ziel“  haben wir uns die Ejakulation und im weitesten Sinne natürlich die Fortpflanzung notiert. Was wir machen müssen, um unsere Art zu erhalten wird uns früh beigebracht, praktischerweise ist für etwa die Hälfte der Unterrichteten diese Information deckungsgleich mit sexueller Befriedigung. Der weibliche „Rest“ weiß nun zwar was er tun muss, damit die Menschheit in naher Zukunft nicht ausstirbt, wie er verhütet und seinen männlichen Sexualpartner befriedigen kann, bleibt aber im Bezug auf die eigenen sexuellen Bedürfnisse im Unklaren. Gleich der erste schulische Kontakt mit Sexualität hinterlässt für Mädchen in erster Linie die Information zur Fremdbefriedigung. Der Gebrauch des Terminus „Schamlippen“ impliziert bereits im Kindesalter, dass die Gegend „da unten“ (die gerne verlegen umschrieben, anstatt selbstbewusst benannt wird) unanständig und schuldbehaftet ist.
Schon von kleinauf haben Mädchen einen anderen Bezug zu ihren Geschlechtststeilen als gleichaltrige Jungen. Sie nehmen es nicht ständig zum Pinkeln in die Hand (schon gar nicht ohne anschliessendes Hände waschen!) und erhalten nicht selten schon möglichst früh eine spezielle Reinigungsschulung zur Instandhaltung dieses anscheinend nicht ganz unkomplizierten Organs. Im Zweifel gibt es einen speziellen „für unten“-Waschlappen als Vermittler zwischen dem Mädchen und dem Bereich zwischen den Beinen – der ja nicht mit dem für „oben“ vertauscht werden darf. Noch im Erwachsenenalter benutzen viele Frauen Hilfsmittel zur eigenen Befriedigung, bei Männern geht die Zahl gegen Null. Das „Dolmetschen“ nimmt für manche Frauen im Alter also kein Ende, der direkte Kontakt zum eigenen Geschlecht ist nicht immer selbstverständlich. Das Thema weiblicher Masturbation ist überhaupt sehr wenig in unserer alltäglichen Wahrnehmung präsent – im Kontrast zum männlichen Pendant. Dabei belegen neue Studien, dass sich mindestens genauso viele Frauen regelmäßig selbst befriedigen wie Männer. Während heranwachsende Mädchen hinter verschlossenen Türen vielleicht die ersten Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper machen (wer weiß das schon so genau, darüber gesprochen wird jedenfalls nicht), werden heranwachsende Jungen mit einer regelrechten Onaniekultur supportet. Männliche Selbstbefriedigung ist salonfähig und wird in den Medien repräsentiert, wie beispielsweise in dem Jugendfilm „Crazy“.

Die Darstellung des „Kekswichsen“ ist vielleicht nicht für jeden heranwachsenden Mann von realer Relevanz, sie führt uns dennoch vor Augen, was mit diesem Geschlecht theoretisch alles möglich ist. Gemeinschaftliche Masturbation bei Mädchen? Schier unvorstellbar. Bis zu welchem Höhepunkt auch? Vom weiblichen Orgasmus existiert wenn überhaupt nur ein konfuses Bild, das durch niemanden definiert wird. Für den „Hite-Report“ wurden über vier Jahre hinweg rund zwanzig verschiedene weibliche Masturbationstypen gezählt, die einem als junges Mädchen aber keiner auf dem Silbertablett präsentiert. Stattdessen lernen sie schon früh ihre eigene Befriedigung über die Luststillung ihres Sexualpartners zu definieren. Es geht mehr um die Ablieferung einer Leistung und das Erfüllen bestimmter Erwartungen, als um tatsächliche Selbsterfahrung. Die Beziehung zur eigenen Sexualität – die auch ohne konkreten Partner präsent sein sollte – ist nicht selten von Unsicherheit und Unkenntnis geprägt. Die Tabuisierung der Sexualität hat in der Kirche eine lange Tradition und spiegelt sich bis heute im Sexualempfinden der Frau wieder. Was einst so natürlich war wie Essen und Trinken wurde systematisch entnaturalisiert.
Was soll frau nun also mit diesem laut Freud „defekten Genital“ anstellen, das ja bekanntermaßen „nach Fisch stinkt“, weder mess- noch vergleichbar ist und nicht normiert funktioniert?
40% aller Frauen meinen bei sich eine sexuelle Störung oder Dysfunktion erkennen zu können – doch gemessen an welcher Normalität? Das Abbild weiblicher Befriedigung ist kaum präsent. Viele Frauen entwickeln eine Art sexuelle Schizophrenie, benannte Fremdbefriedigung verdrängt die Selbsterfahrung und macht ihre Abwesenheit kaum spürbar. Mangelnde Orgasmusfähigkeit und fehlende Lust sind – vor allem in langjährigen Partnerschaften, wo die Fremdbefriedigung auf Dauer auch ihren Reiz verliert – die Folge. Die Lösung des Problems wird dennoch weiter in der Befriedigung externer Bedürfnisse zu zweit gesucht, anstatt den Fokus endlich auf die eigene, autonome Sexualität zu richten. Frustration und später Resignation sind die Folge. „Ich funktioniere nicht richtig!“ oder „Das ist ganz normal mit der Zeit!“ sind typische Phrasen der Verdrängung. Die Situation gipfelt nicht selten darin, sich mit seinem Schicksal abzufinden, anstatt sich seinem eigenen Körper tatsächlich mal zu stellen.
In den Medien wird oft das Bild der enthemmten, sexuell befreiten und selbstbewussten Frau vermittelt. Eigentlich gar nicht so schlecht, möchte man im ersten Augenblick meinen. Leider reproduzieren die meisten Darstellungen lediglich den bereits beschriebenen Stereotyp, der zur Fremdbefriedigung dient. Die enthemmte Frau wird als Werkzeug des Mannes zur eigenen Lustgewinnung benutzt, die authentische Lust der Frau bleibt meist unberücksichtigt. Eine Frau die sich einfach nimmt was sie will? Sowas funktioniert in den geläufigen bildlichen Darstellung nur dann, wenn das, was „sie will“, zufällig mit männlichen Fantasien konform geht. Was ist so schwer daran einen authentischen Blick auf die weiblich-triebhaften Empfindungen zu gewähren, ohne sie vorher männergerecht zu filtern?
Bei dieser Frage assoziiere ich ein Symptom, das auf viele anorektische Frauen zutrifft: das Unvermögen vor anderen Menschen zu essen. Über 90% aller Betroffenen einer Essstörung sind weiblich. Es gibt sicher viele Gründe, die so eine Krankheit auslösen können, aber ich möchte mich an dieser Stelle nur auf diese Erscheinung beziehen, die übrigens auch bei scheinbar „gesunden“ Frauen auftreten kann. Was bedeutet es eigentlich zu essen? Sich etwas einzuverleiben? Es handelt sich um einen lustvollen Vorgang, der vielleicht sogar etwas von uns preisgibt, das wir nicht immer mit anderen Teilen wollen, vor allem wenn unsere Sozialisierung etwas anderes von uns erwartet. Essen hat etwas potentes, triebhaftes und ursprüngliches. Attribute, die so gar nicht dem medialen Bild der anpassungsfähigen Frau entsprechen, die nicht nur zwischenmenschlich sondern auch im Bett alles dafür gibt, externe Bedürfnisse zu stillen.

Was Freud mit seinem Geschlechtermonismus bereits vor Jahrzehnten in unserer Gesellschaft etablierte, spiegelt sich heute in der allgegenwärtigen Präsenz männlicher Genitalien und der unverdrossenen Abwesenheit weiblicher Geschlechtsorgane in unserem Alltag wieder. Es gibt Filme, in denen Männer mit ihrem „besten Stück“ sprechen und „er“ regelrecht ein selbstbestimmtes Eigenleben führt. Mit Freude wird auf Partys (und mehr oder weniger vertrauten gesellschaftlichen Runden) die Selbstverständlichkeit zelebriert „ihn“ nach Lust und Laune auspacken zu können – ein Phänomen das ich gerne als „Schwanzarroganz“ bezeichne. Egal, ob es nun um erheiternde Spielchen wie das allseits beliebte „Teebeuteln“ (wer es nicht kennt: ein Streich pubertierender Jungen, bei dem Hoden in die Gesichter schlafender Freunde geklatscht werden) geht oder gar um artistische Shows, in denen dieses verblüffend vielseitig einsetzbare Genital (spricht da etwa der blanke Penisneid aus mir?!) zum Kunstwerk oder gar Künstler wird – es gibt für die meisten albernen Rituale (und mögen sie auch noch so überflüssig sein) kein weibliches Äquivalent.
Es wird langsam deutlich: die Frau ist keine Akteurin. Das Bild der rezeptiv-empfangenden Weiblichkeit, das sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte, ist aktueller denn je. Trotz all der Verdrängung des Weiblichen aus den aktiv-produzierenden Bereichen (sei es in den Medien oder im Bett), dient sie dennoch als überrepräsentierte Projektionsfläche für männliche Fantasien. Heute finden wir hierfür zahlreiche Fälle beispielsweise in der Pornoindustrie, ich verweise an dieser Stelle jedoch auch auf die vorangegangene Jahrhunderte überdauernde Entwicklung in der Literatur.

„Im Reich der Phantasie ist sie, (die Frau) von höchster Bedeutung, praktisch ist sie völlig unbedeutend“ – Virginia Woolf

Literaturhistorisch relevante, oft begehrenswerte wenn nicht selten auch labile, Frauenfiguren wie Anna Karenina, Effi Briest oder Emilia Galotti sind genauer betrachtet nichts weiter als die Abbilder der Weiblichkeitsentwürfe ihrer männlichen Erschaffer. Sie zeigen die Frau mal mehr und mal weniger als ihren eigenen Emotionen hilflos ausgeliefertes Subjekt, neigen dazu sie zu mysthifizieren, entrationalisieren und entmündigen. Querverweis Porno: der Blick auf die Frau, durch die Brille des Mannes. Trotz der omnipräsenten Darstellung von Sexualität, stellt sie diese oft nur einseitig dar. Im Porno ist die Frau das Zentrum des Geschehens, die Protagonistin – der Mann nur austauschbares Beiwerk. Die Nachricht die uns dabei übermittelt wird, ist dennoch mehr männlicher denn weiblicher Natur. Jenna Jameson mutet vor diesem Hintergrund wie eine zeitgemäße Emilia Galotti an.
Dieses Ungleichgewicht würde sich nach und nach ausgleichen, würden sich mehr Frauen aus der passiven Rolle befreien und aktiv am Pornogeschäft beteiligen (in einer Art die nicht weiter die bekannten Stereotypen reproduziert, sondern ihre eigene befreite Sexualität widerspiegelt). Doch viele Frauen trauen sich nicht mal als Konsumentin an diese Thematik heran. Die Darstellung von Frauen in Pornos wird von feministischer Seite aus immer wieder gerne kritisiert. Abgesehen davon, dass es durchaus auch einige Frauen gibt, die dem Standard heteronormativ geprägten Vorne-Hinten-Vorne-Gesicht-Szenario etwas abgewinnen können, kann ich darauf nur entgegnen: wo keine Nachfrage, da kein Angebot! Aber wozu auch Pornos konsumieren, wenn sich das eigene Sexualleben sowieso in erster Linie mit der Befriedigung anderer beschäftigt?
Auf einschlägigen Porno-Plattformen gibt es zwar mittlerweile zwischen all der zahlreichen anderen Rubriken eine spezielle „Female Choice“-Kategorie, aber bei der Auswahl dieser Clips werden auch hier lediglich die Stereotypen der romantischen und empfindsamen Frau (die mehr Wert auf eine schöne Deko als auf triebhafte Handlung legt) durch den niemals müden Klischeewolf gedreht. In Internetforen lese ich immer wieder von Mädchen und Frauen, die darüber diskutieren, dass sie ihren Freund bei der Selbstbefriedigung erwischt haben oder er regelmäßig Pornos schaut. Manche sind davon verunsichert, andere finden das „schon ok“ – dass es aber noch die Möglichkeit gibt, sich auch als Mädchen selbst zu befriedigen oder mal einen Porno anzuschauen bleibt bei solchen Gesprächen meist völlig unberücksichtigt.
Alice Schwarzer hat bereits in den 80ern mit ihrer „PorNO“-Kampagne Darstellungen in Pornos mit sexueller Erniedrigung gleich gesetzt. Das sexuell bedingte Machtgefälle zwischen Mann und Frau kann jedoch nicht durch die Entsexualisierung des Mannes, sondern insbesondere durch die aktive Sexualisierung der Frau genesen werden. Die Frau muss dem Mann sexuell (und es ist kein Geheimnis, dass sexuelle Potenz auch politische Potenz meint) in nichts nachstehen, wenn sie endlich den Mut fasst zu ihrer autonomen Sexualität öffentlich zu stehen und aufhört diese unentwegt über die Lust des so selbstverständlich begehrenden Mannes zu definieren. In der Grundschule hing ein Zettel mit dem Leitspruch „ich muss deine Kerze nicht auspusten, damit meine besser brennt“ an unserer Tür. Vielleicht sollten „wir Frauen“ lernen, es mit öffentlich gezeigter Sexualität auch so zu halten und nicht in den Momenten der Ungerechtigkeit unserem männlichen Gegenüber das Recht auf Sexualität absprechen.
Wenn die Portishead-Frontfrau Beth Gibbons in ihrem bekannten Hit „Glorybox“ die Zeilen „give me a reason to be a woman“ haucht, sollten wir uns fragen, ob tatsächlich stets ein binäres männliches Echo von Nöten ist, um unsere Weiblichkeit sichtbar zu machen und unsere sexuelle Energie zu spüren.

Wenn nur eine Frau sich von diesem Text inspiriert fühlt, bei der nächsten Party ungefragt ihre Muschi auszupacken, hat er sich für mich schon gelohnt. Ich erbitte Bericht!

Die Debatte danach.

Muss man Frauen vor sich selber schützen? Die irrationale Angst vor einem inflationären Gebrauch der „Pille danach“.

Wenn ich Kopfschmerzen habe, dann mache ich mir erstmal einen Kaffee. Denn, nachdem ich mal einen Blick auf die Beipackzettel einschlägiger Schmerzmittel gewagt habe (wo von Magengeschwüren bis hin zu Nierenversagen alles Mögliche aufgeführt wird) möchte ich meinen Körper so gut es geht davor verschonen. Erst wenn es mir trotz Hausmittelchen und Schlaf nicht besser geht, greife ich zur Chemiekeule und ehrlich gesagt hat mir das bislang auch noch nicht geschadet. Theoretisch könnte ich jedoch jeden Tag so viele Tabletten nehmen wie ich will, obwohl ein übermäßiger Konsum auf jeden Fall schädlich wäre. Selbiges gilt übrigens für eine Reihe anderer frei zugänglicher Medikamente, sowie für Alkohol und Zigaretten. Die Regierung geht diesbezüglich anscheinend davon aus, dass ich ganz gut selber entscheiden kann, was mir gut tut und was nicht. Ich muss selber Verantwortung für meinen Körper übernehmen.

Wir leben in einem Land, in dem sexuelle Aufklärung und zugängliche Verhütung groß geschrieben wird. Abtreibungen sind legal und werden teilweise sogar von den Kassen bezahlt.
Wenn man nach einer Verhütungspanne (oder Vergewaltigung) Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft hat, steht man als Frau in Deutschland jedoch nicht selten erstmal im Regen. Denn wer die „Pille danach“ haben möchte, braucht ein Rezept – und das am besten sofort. Die Wirkungszuverlässigkeit lässt signifikant nach, desto länger sich die Einnahme verzögert. Blöd, wenn Sonntag ist, die Frauenärztin im Urlaub, oder deine Arbeitszeiten nicht mit den Öffnungszeiten der Praxis kompatibel sind. Dann heißt es ab ins (hoffentlich nicht katholische) Krankenhaus oder mal eben auf der Stelle eine neue Ärztin ausfindig machen, die auch die Kapazitäten und den Willen hat, einen spontan zu behandeln.
Super, wenn man aber zur Arbeit muss, einen Flug gebucht hat oder aus anderen wichtigen Gründen einfach keine Zeit hat für unbestimmte Dauer in einer Praxis zu sitzen, um sich von einer wildfremden Person untersuchen zu lassen und sich dann vielleicht auch noch eine unangebrachte Standpauke oder einen blöden Spruch anhören zu müssen. Anschließend hat man zwar idealerweise das Rezept in der Hand, aber noch kein Medikament, das nun erst noch besorgt werden muss. Abgesehen von organisatorischen Unannehmlichkeiten kommt noch der psychische Stress dazu. Die Angst schwanger zu werden, der Ärger über die ganze Situation, der Druck nun so schnell wie möglich trotz all der Hürden an das Medikament kommen zu müssen, Rechtfertigungen und körperliche Entblössung vor Menschen, von denen man auch noch abhängig ist. Darüber hinaus ist auch nicht zu unterschätzen, dass ein Arztbesuch für viele auch eine Vertrauensfrage ist – ein Vaginalultraschall andere Hemmungen schürt als das obligatorische Blutdruckmessgerät. Hierbei handelt es sich indes um eine Untersuchung, die bei der Rezeptvergabe für die „Pille danach“ oft Standard ist und feststellen soll, ob eine Schwangerschaft bereits besteht. Dies würde eine Einnahme des Medikaments zwar überflüssig, aber keinesfalls schädlich machen. Die „Pille danach“ ist nämlich kein Abtreibungsmedikament, sondern verzögert lediglich den Eisprung – eine bestehende Schwangerschaft bleibt von der Wirkungsweise demnach unberührt.
Deutschland ist neben Polen und Italien eines der drei Länder in der EU, die noch an der Rezeptpflicht festhalten. Warum das so ist, ist zumindest aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar: Eine Kommission hat sich bereits im Jahr 2003 für eine rezeptfreie Abgabe des Medikaments ausgesprochen und diese Einschätzung 2010 bestätigt. Eine Änderung der Rezeptpflicht erfolgte dennoch nicht. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn (über den Muschimieze im Artikel „Heteromonopol in Gefahr!“ bereits berichtete) sorgte mit seiner öffentlich geäußerten Befürchtung, dass Frauen die „Pille danach“ wie „Smarties“ schmeissen könnten für viel Empörung (#wiesmarties , #spahnmemo). Lieber Herr Spahn, es wird sie womöglich überraschen, dass in Deutschland rund 41 Millionen Frauen leben, die sich nicht tagtäglich massenhaft von Häusern stürzen nur weil sie es könnten. Es wird davon gesprochen, dass die Hemmschwelle größer sei, die „Pille danach“ zu nehmen, sofern eine Rezeptpflicht bestehe. Doch für wen erscheint das sinnvoll? Wer fahrlässig mit seinem Körper umgehen will, hat dazu trotz Rezeptpflicht Gelegenheit. Die ärztliche „Beratung“ besteht schließlich nicht darin, von der Einnahme abzuraten und sie gegebenenfalls zu verhindern („Wie jetzt, davon bekommt man Migräne? Dann nehme ich doch lieber das ungewollte Baby mitten in der Abiphase!“). Die Rezeptpflicht geht also zu Lasten der zahlreichen verantwortungsbewussten Frauen, die sich ohnehin schon ihr halbes Leben mit Verhütung rumschlagen müssen und durch teilweise nicht beeinflussbare Umstände in die unangenehme Situation geraten die „Pille danach“ einnehmen zu müssen – und ich betone nochmals: So schnell wie möglich.
Auf Twitter fragt Spahn als Reaktion auf die Aufregung um seinen Smarties-Vergleich, ob die Gegnerinnen der Rezeptpflicht auch gegen eine Rezeptpflicht für die „Pille davor“ seien. Netter Versuch, aber leider völlig daneben! Abgesehen davon, dass es im Gegensatz zur „Pille danach“ für die „Pille davor“ zahlreiche rezeptfreie Alternativen gibt, ist der entscheidende Unterschied doch, dass es sich hier einerseits um kurz- und andererseits um langfristige Maßnahmen handelt. Bei den regelmäßigen Untersuchungen beim Frauenarzt, geht es zudem in erster Linie um generelle Vorsorge, denn ob ein Verhütungsmedikament verträglich ist oder nicht, kann kein Arzt im Vorfeld prophezeien. Und eine spezielle „Pillenuntersuchung“ vor der ersten Rezeptvergabe gibt es ohnehin nicht. Das können Sie, Herr Spahn, natürlich alles nicht wissen, denn Sie sind – richtig! – ein Mann. Und ich füge gleich hinzu (bevor diese Aussage mit einem männlichen #aufschrei geächtet wird), das mache ich Ihnen natürlich nicht zum Vorwurf. Mich wundert und erstaunt es nur, mit was für einer Souveränität und Selbstverständlichkeit hier über Dinge geurteilt wird, für die keinerlei persönlichen Erfahrungswerte vorliegen. Die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis fordert treffend, dass bei dieser Debatte das Selbstbestimmungsrecht der Frauen im Vordergrund stehen sollte. Was auch sonst, wenn aus medizinischer Sicht gar keine Notwendigkeit für die Rezeptpflicht besteht? Die einzigen, die sich für den Erhalt einsetzen, ist neben der CDU die Ärztelobby – für die bei ca. 475 000 Rezepten á 30€ (Quelle: ntv) ungefähr 14 250 000€ dabei jährlich rumkommen.
Für die Ärzte ist es also das Geld und für die CDU? Der Eindruck drängt sich auf, dass es hier um den Erhalt der konservativen Wählerschaft geht, die die sexuelle Selbstständigkeit der Frau bis heute befremdlich finden.

Wer sich für die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ einsetzen möchte, kann diese Online-Petition unterschreiben.

Hübsch & gern allein.

Eine Party wie jede andere. Ein Gespräch, das gewöhnlicher nicht sein könnte. Gerade kennengelernt und konstruiert lachend ein paar Eckdaten ausgetauscht, die weder ihn noch mich wirklich interessieren. Und plötzlich ist er wieder da: Der Smalltalk-Klassiker und mein persönlicher Konversations-Alptraum.

“Warum hat so ein Mädchen wie du eigentlich noch gar keinen Freund? Du bist doch so hübsch!”

Meine Mimik erstarrt. Betretenes Schweigen. Ich nippe an dem längst abgestandenen Bier in meiner Hand, das ungefähr so faul schmeckt, wie der Nachhall seiner Worte. Was soll ich auf so eine unmögliche Frage antworten, die meinen fremden Gesprächspartner unwissentlich nicht ohnehin schon für sämtliche mittel- und langfristige Zwecke disqualifiziert hat?
Mir schießen tausend Antworten durch den Kopf, die ich am liebsten entgegnen würde. “Einen Freund? Niemals! Ich möchte mich nicht binden und lieber unverbindlich durch Berliner Clubs vögeln!”, oder möchte er lieber von mir hören, dass ich seit Jahren lediglich auf ihn gewartet habe und nun froh bin meinem trostlosen Dasein endlich ein Ende bereiten zu können? Warum nicht gleich die Gegenoffensive starten: “Und warum bist du noch solo? Bindungsängste? Noch ein paar Jahrzehnte die Hörner abstossen? Oder bist du nur einer dieser gewöhnlichen Berliner Langzeitstudenten, die selbst mit Mitte dreißig noch nicht wissen was sie wollen?”.
Manche werden sich nun fragen, eigentlich an dieser “ja sicher nur ganz lieb gemeinten” Frage so ärgerlich sein mag. Um ganz ehrlich zu sein: Sie ist nicht nur langweilend, sondern auch total vermessen. Was für ihn nur ein oberflächliches Kompliment oder eine abgegriffene Floskel ist, spiegelt für mich Jahrhunderte überwährendes, stereotypisierendes Gedankengut wider. Um das Problem zu erklären, muss ich wohl etwas ausholen. Zunächst impliziert die Formulierung der Frage, dass es grundsätzlich für jede „Frau“ erstrebenswert sei, einen „Mann“ an ihrer Seite zu haben. Es wird davon ausgegangen, dass die Frau ohne Mann nicht komplett sei und darüber hinaus, dass sie sich dieser Unvollständigkeit bewusst sei. Der Beisatz “…dabei bist du doch so hübsch!” macht die ganze Angelegenheit nur noch unangenehmer. Hier wird nicht nur suggeriert, dass Aussehen die primäre Qualität meiner Person sei, sondern sich der Mann eine Frau nach diesen äusserlichen Qualitäten “aussuche” – ergo eine hübsche Frau doch eigentlich längst “ausgesucht” (oder sagen wir “besetzt”) sein müsste. Hier stellen sich in wenigen Worten die Kernprobleme gesellschaftlicher Weiblichkeitsvorstellungen dar: Frauen werden nicht nur als konturlos und identitätsfrei (Reduzierung auf Äußerliches) dargestellt, sie sind auch willenlos und unterwerfend.

“Aus diesem gewohnheitsmäßigen Zwang, entsteht eine Gefügigkeit, deren die Frauen ihr ganzes Leben bedürfen, da sie niemals aufhören unterworfen zu sein, sei es einem Mann oder dem Urteil der Männer, und es ihnen nie erlaubt ist, sich über dieses Urteil zu erheben. Die erste Qualität einer Frau ist die Sanftmut.” – Rousseau

Was ist eine Frau ohne Mann (und damit einhergehend natürlich auch einer Familie)? Die Frau wird auf Mutterschaft und Reproduktion festgelegt – wie Freud sagen würde, als einzig befriedigende “Genese” ihrer Weiblichkeit. Dass es hübsche, junge, erfolgreiche, attraktive – oder auch „hässliche“, „alte“, „uninteressante“ (wer immer das auch festlegen möge) – Frauen gibt, die von sich aus (und sei es auch nur temporär) auf den Segen eines festen Lebenspartners (von einer Partnerin ganz zu schweigen) verzichten, ist schier unbegreiflich. Wo ist der Fehler? Dass die keinen “abbekommt”? Eine Zicke? Prüde? Ich nenne hier bewusst eher weiblich assoziierte Adjektive, denn es gibt noch eine Steigerung, die für viele wohl noch unnatürlicher und befremdlicher zu sein scheint: Männliche Adjektive. Ist diese Frau etwa karrieregeil? Selbstsüchtig? Egoistisch? Eine Einzelgängerin? Ich kenne viele Männer, die sexuell befreite und emanzipierte Frauen schon längst nicht mehr als Schlampen bezeichnen, was ist so schwer daran ihre selbst gewählte Ungebundenheit zu akzeptieren?
Und ja, auch wenn das alles sicher nicht die Absicht dieses Typen war, der mich abwartend mustert, so ist er für mich nichts mehr als ein chauvinistischer Party-Prolet, oder wenigstens ein gewöhnlicher Gelegenheits-Macho.
Wenn er nun also mit der nächsten Floskel um die Ecke kommt, ob wir noch zu mir gehen, antworte ich allerhöchstens (und das auch nur wenn die Musik echt nicht mehr gut ist): “Meinetwegen. Aber bitte bleib nicht zum Frühstück.”

Heteromonopol in Gefahr!

Ein Bildungsplan, eine Folge „Menschen bei Maischberger“ – viel Unfug und wirres Parolengedresche, wenig Sinn für Realität.

Das Kultusministerium in Baden-Württemberg arbeitet an einem neuen Bildungsplan, der unter anderem das Wissen über „sexuelle Vielfalt“ vermitteln soll. Neben dem typischen heterosexuellen Familienbild (Mann, Frau, Kind) und den bekannten Geschlechtermodellen sollen auch andere, gerne als „Lebensentwürfe“, bezeichnete Varianten als gleichwertige Lebensform den Kindern vermittelt werden. Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität – Themen mit denen viele Kinder und Jugendliche im Unterricht kaum in Kontakt kommen.
Hier möchte das Land Baden-Württemberg nun greifen und durch den neuen Bildungsplan seinen Beitrag dazu leisten, dass Kinder und Jugendliche über verschiedene Lebensformen aufgeklärt werden und sie somit zu Mitgliedern einer toleranten und offenen Gesellschaft erziehen. Doch nicht nur Akzeptanz gegenüber „dem Anderen“ ist hier von Relevanz: Es geht nicht zuletzt auch darum, Jugendlichen den Rücken zu stärken, wenn sie sich selbst nicht in die gesellschaftlich oft als „normal“ implizierten Raster einordnen können.

Wie bei jedem neuen Vorschlag, lassen die Gegenstimmen nicht auf sich warten. Zum Ausdruck gebracht durch eine Online-Petition namens „Zukunft-Verantwortung-Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“. Es wird unter anderem kritisiert, dass „andere“ Lebensstile wie beispielsweise Homosexualität hier auf einmal als gleich erstrebenswert (als würde man eine sexuelle Prägung „erstreben“) gelten – das heterosexuelle Mann-Frau-Geschlechtermonopol gerät ins schwanken. Außerdem wird bemängelt, dass die „negative Begleiterscheinungen des LSBTTIQ-Lebensstils“ (lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell und queer) nicht erwähnt werden. Gemeint sind beispielsweise die erhöhte Suizidrate, psychische Erkrankungen oder eine höhere Suchtaffinität bei Homosexuellen und Transgendern. In der Sendung Maischberger vom 11. Februar konterte der CDU-Politiker Jens Spahn ausnahmsweise treffend, dass es doch einleuchtend sei, dass Suizid, Süchte oder psychische Erkrankungen die Folge wären, „wenn dein Umfeld negativ auf dich reagiert“. Genau das ist es, worauf der Bildungsplan hinarbeiten möchte: Vermeidung von Ausschluss und Stigmatisierung.

Hier geht es zur Sendung „Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die „moralische Umerziehung“?“ von „Menschen bei Maischberger“

Olivia bei Maischberger

„Ich bin nicht ansteckend!“ – Olivia Jones

Bei Maischberger diskutierten nun Jens Spahn, Beststeller-Autorin Hera Lind, Journalistin Birgit Kelle, Drag-Queen Olivia Jones und Hartmut Steeb, seines Zeichens Generalsekretär der evangelikalen Deutschen Evangelischen Allianz, mal mehr und mal weniger reflektiert über die Notwendigkeit des neuen Bildungsplans. Von der ersten bis zur letzten Minute Sendezeit werden die Kernfragen, die Moderatorin Maischberger stellt, von nahezu allen Beteiligten in frappierender Konsequenz überhört. Auch um Fakten und eine konkrete Positionierung innerhalb der Debatte scheren sich vor allem die Befürworter der Petition (Steeb und Kelle) herzlich wenig. Spahn kritisiert gleich eingangs die vorangegangene Äusserung Steebs, dass er froh sei, dass keiner seiner zehn Kinder schwul oder lesbisch sei. „Solche Aussagen haben zur Folge, dass sich Homosexuelle schlecht und abgewertet fühlen. Ist der heterosexuelle Mensch mehr Wert als der homosexuelle? Das führt zu einer Wertigkeitsdebatte!“, klagt er. Außerdem bemängelt er den Begriff „Lebensentwurf“, der suggeriere, dass sich der Mensch seine Sexualität bewusst aussuche. Olivia Jones erläutert, dass sie sich während ihrer Schulzeit oft alleine gefühlt hat und befürwortet eine schulische Sensibilisierung für die unterschiedlichen Lebensmodelle, „mich wundert es sehr, dass die Leute bei diesen Themen so gereizt reagieren!“. Kelle fragt, wohin das führen solle. Es sei besser, sich in der Schule aufs „lesen und schreiben zu konzentrieren“. Demnach soll die Schule nach Kelle also besser keine gesellschaftlichen Werte und soziale Kompetenzen vermitteln. Um die Notwendigkeit der Petition zu belegen, zitiert sie einen Unterrichtsentwurf für die siebte Klasse, in dem die Frage gestellt wird, ob es sinnvoll für heterosexuell orientierte Frauen sei homosexuell zu werden, da diese statistisch gesehen weniger oft mit sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert seien. Leider verkennt Frau Kelle die Intention dieser Fragestellung gänzlich – nämlich einen Denkanstoss zu liefern. Eine Frage, die innerhalb der Klasse ausdiskutiert werden und natürlich nicht einfältig bejaht werden sollte. Es handelt sich keinesfalls um eine Suggestivfrage, sondern um eine provozierende These die zum selbstständigen Denken und Positionieren animieren soll. Die Fassungslosigkeit über so viel Fehlinterpretation und Ignoranz steht Olivia Jones in das bunte Gesicht geschrieben. Man kann für Frau Kelle nur hoffen, dass es sich bei ihren Ausführungen um eine kalkuliert-polemische Fehleinschätzung handelt, um ihrer Meinung Relevanz zu verleihen und nicht um bloße Inkompetenz. Sie führt an, dass ihr „Geschichten erzählt“ worden seien von einer Lehrerin, die ihren Schülern in der vierten Klasse erklärt habe, dass lesbische Frauen sich durch „Lecken befriedigen“. Vor solchen Menschen müssten wir unsere Kinder schützen. Abgesehen davon, dass diese Behauptung nicht gerade eine fundierte, objektiv einschätzbare Grundlage liefert, ist sie zudem noch ziemlich fragwürdig. Ob eine Lehrerin sich in ihrer Wortwahl, was das Beschreiben sexueller Vorgänge betrifft, angemessen verhält ist schliesslich nicht abhängig davon, ob sie heterosexuelle oder homosexuelle Praktiken beschreibt. Kelle fordert: Lasst die Kinder Kinder sein! Eine Schilderung davon, wie eine Frau einen Mann oral befriedigt müsste ihr demnach genauso wenig passen – der Bildungsplan hat also herzlich wenig mit dem angeführten Argument am Hut. Weiter kritisiert sie, dass die Politik den Eltern die Fähigkeit abspreche, sich selber um Aufklärungsarbeit zu kümmern. Nun ist natürlich fraglich: Wo fängt die Verantwortung der Schule an, wo hört sie auf? Ist es nicht erstrebenswert einen Bildungsstandard für alle Schüler und Schülerinnen zu schaffen, der sozial schwächer geförderte Jugendliche nicht durch das Raster fallen lässt? Diesbezüglich erläutert Kelle ihre Kritik auch noch mit einem Beispiel, dass ihre eigenen Aussage gar in Frage stellt. Sie hätte ihrem siebenjährigen Sohn schliesslich auch erklärt, was Homosexualität sei, als er danach gefragt habe. Aha. Ist nicht schon allein die Tatsache, dass es Kinder gibt, die bis zu ihrem siebten Lebensjahr noch nie auch nur Kontakt zu der Thematik hatten, beziehungsweise von ihrer Existenz wussten, Grund genug diese in Schule und Kindergärten aufzugreifen? Wenn ein Kind erst mit sieben Jahren, oder im Zweifel noch älter, das erste Mal überhaupt von Homosexualität erfährt, wie soll es diese dann als etwas Natürliches und Selbstverständliches einordnen? Sexuelle Vielfalt wird womöglich etwas Abnormales für dieses Kind darstellen, etwas, dass es erst kennenlernen musste, etwas das (entgegen des alltäglichen Mutter-Vater-Kind-Modells) noch nicht für „kleine Kinder“ angemessen ist. Mal angenommen der Bildungsplan wird nicht umgesetzt, dann müssen wir davon ausgehen, dass es auch zukünftig zahlreiche Kinder geben wird, die noch bis ins hohe Grundschulalter das Wort „schwul“ nur als Beleidigung vom Pausenhof kennen. Ideale Voraussetzungen für ein tolerantes Weltbild!
Hera Lind bleibt bei diesem Hagel an unqualifizierter Polemik erfrischend entspannt und optimistisch. Sie amüsiere es, dass es überhaupt noch Probleme mit solchen Themen gäbe. Sie sei zuversichtlich, dass es sich halten wird wie im Feminismus: Nach einer Weile omnipräsenter Diskussionen wird sich das Ganze schon von selber einpendeln und endlich normalisieren.
Steeb führt indessen den Aspekt an, dass der Kontakt zu Homosexualität eine Altersfrage sei. Interessant. Der so alltägliche Umgang mit Heterosexualität ist anscheinend so selbstverständlich, dass er von Steeb nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen wird. Warum soll der Umgang mit Homosexualität nicht altersgerecht sein, die alltägliche Konfrontation mit Heterosexualität jedoch schon? Leider gibt uns der gute Herr keine Antwort auf diese Frage, die bedauerlicherweise auch von keinem der anwesenden Gäste gestellt wird. Dies könnte womöglich nicht zuletzt daran liegen, dass sich die Gesprächsteilnehmer nur selten auf ihr Gegenüber eingelassen haben und sich nur allzu oft lieber mit selbstgefälligen Monologen beschäftigten. Steeb ergänzt noch die Feststellung, dass nur ein „nachhaltiges“ Lebensmodell gäbe: Mutter und Vater verheiratet, am besten lebenslang, Kinder. „Eine Frau ist doch kein Brutkasten!“, entgegnet Olivia Jones zu Recht entsetzt. Steeb ignoriert nicht nur eine Welt jenseits der Heteromatrix, seine Aussage impliziert eine Missbilligung jeglicher selbstbestimmter und individueller Lebensentwürfe außerhalb der Kleinfamilie. Alleinerziehend? Karrieretyp? Nicht an Kindern interessiert? Alles kein Thema für Herrn Steeb. Für ihn gibt es nur ein Modell, nur einen richtigen Weg.

Mit fortschreitender Sendung drängt sich einem mehr und mehr das Bedürfnis auf, mal einen qualifizierten Beitrag zu hören. Wo sind die Pädagogen, Psychologen, Gender-Experten? Es bleibt zu bedauern, dass hier offenbar nur medienwirksam polarisierende Charaktere zusammengesetzt worden sind, die nun öffentlich die Plattform bekamen, ihre private Meinung zu zelebrieren.


Auf Youtube kämpfen Bildungsplangegner_innen „um Leben und Tod“.  Ein älterer Herr erläutert, dass jeder Homosexuelle seine sexuelle Gesinnung ändern könnte – er müsse nur „die Gier überwinden“. Schwule, lesbische und queere Gegendemonstranten kontern singend mit selbstironischen Parolen wie „Eure Kinder, werden so wie wir!“. Ja, wie soll man solch irrsinnige und absurde Aussagen auch sonst ertragen, wenn nicht mir Humor.

Durch die Nacht mit Sasha Grey und Mary Ocher.

Mary: „Du bestimmst über dein Leben und zeigst eine Facette der Weiblichkeit, die oft unberücksichtigt blieb!“

Sasha: „Keine junge Frau wird dazu ermutigt, stolz auf ihre Sexualität zu sein und zu sagen ich mag dies oder jenes. Ich jedenfalls bin nicht so aufgewachsen.“

Wer noch ein bisschen nicht allzu tiefgründige aber dennoch anregende Unterhaltung für den Abend sucht, dem sei diese Folge „Durch die Nacht“ mit Sasha und Mary ans Herz gelegt.

Sasha und Mary.