„Ich schlafe mit wem ich will!“

Das sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Und ihr Todesurteil. Am vergangenen Freitag jährte sich der kaltblütige Mord an der damals 23-jährigen Hatun Sürücü zum neunten Mal. Der Fall hat im Jahr 2005 Aufsehen erregt, als ihr Bruder Ayhan sie auf offener Straße in Berlin-Tempelhof erschoss und somit den Begriff „Ehrenmord“ in alle Schlagzeilen katapultierte. Die junge Türkin, deren Eltern kurdisch-sunnitische Wurzeln haben, hat sich gegen die konservativen Strukturen ihrer Familie gewehrt und beschlossen ein eigenständiges, unabhängiges und westlich orientiertes Leben zu führen. Mit 15 Jahren wird das in Kreuzberg aufgewachsene Mädchen gegen ihren Willen von der Schule abgemeldet und in Istanbul mit einem völlig fremden und neun Jahre älteren Mann verheiratet. Als 17-jährige flieht die schwangere Hatun zurück nach Deutschland zu ihrer Familie, wo sie weiterhin bevormundet wurde und möglicherweise sogar durch einen Bruder sexuell belästigt worden sein soll. Da sie von ihren Eltern keinen Rückhalt bekommt, sieht sie keine andere Wahl, als sich vollkommen von ihnen loszulösen. Sie zieht mit ihrem Sohn Can in eine eigene Wohnung, holt ihren erweiterten Hauptschulabschluss nach und beginnt eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin – ein „typischer Männerberuf“. Das zuständige Gericht sollte ihren selbstbestimmten Lebenswandel später „vor dem Hintergrund ihres damaligen Alters, ihrer Erziehung und allgemeinen Sozialisation“ als „einen ungewöhnlichen und bemerkenswerten Schritt“ bezeichnen. Tatsächlich zeugt das Verhalten Hatuns von Mut und Stärke: trotz des massiven Drucks entschliesst sie sich selbstfürsorglich zu handeln. Sie sagt sich von ihrer Familie los – die sie trotz allem sicher sehr geliebt hat. Statt sich einer Diktatur im eigenen „Heim“ zu unterwerfen, entscheidet sie sich für Bildung, Selbstständigkeit und für eine eigene Perspektive. Trotz allem sehnt sie sich, wie vermutlich alle Söhne und Töchter, nach Akzeptanz und Anerkennung durch ihre Familie. Vergebens. Ihre Versuche, das freie Leben (Beruf, verschiedene Beziehungen, westlicher Kleidungsstil) und die einengenden Erwartungen ihrer Familie (Gehorsamkeit, Ehe, Religiosität) unter einen Hut zu bekommen, scheitern.

Zurück bleibt der Halbwaise Can und die längst durch ein Zeugenschutzprogramm untergetauchte Hauptzeugin Melek. Ein Jahr nach der Tat wurde in Berlin der Frauennothilfeverein „Hatun und Can e.V.“ gegründet, der Mädchen und jungen Frauen Starthilfe für ein neues Leben geben sollte. Schutz vor Zwangsehe und der eigenen Familie. Es habe angeblich täglich verzweifelte Anfragen gegeben. Als im September 2009 Alice Schwarzer bei einem Prominentenspecial „Wer wird Millionär?“ 500.00€ zugunsten des Vereins gewinnt und sich später über den Verbleib erkundigt, gerät der Verein in Verdacht, das Geld nicht satzungsgemäß verwendet zu haben. Der Gründer Udo D. wird im Jahr 2011 zu einer 5-jährigen Gefändnisstrafe wegen Betrugs verurteilt. Das Geld soll unter anderem durch Reisen und Bordellbesuche veruntreut worden sein. Eine traurige Bilanz. Wer heute die Webseite des ehemaligen Vereins aufruft, stösst auf unentzifferbare asiatische Schriftzeichen und die Abbildung eines Eppiliergeräts. Schöne Aussichten für verzweifelte Betroffene, für die jeder Tag zählt wenn es darum geht sich vor Verschleppung und arrangierten Ehen zu schützen. Die Behörden sind kaum auf solche Fälle geschult. Sobald ein Mädchen im Ausland ist, sind ihnen die Hände gebunden.
Ein Opfer. Ein Heranwachsender, der einer jungen Frau zunächst all ihre Rechte abspricht, ihre Persönlichkeit missbilligt und ihr später das Leben nimmt. Ein skrupelloser „Unternehmer“, der aus dem Drama und dem Schicksal unzähliger anderer Betroffenen Profit schlägt. Wer weiß wieviele junge Mädchen gerade jetzt in einer ähnlichen Situation stecken, wie Hatun vor knapp zehn Jahren?

Und das alles, weil sie so leben wollen wie alle anderen Frauen – in dem Land in dem sie aufgewachsen sind.

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