Die Debatte danach.

Muss man Frauen vor sich selber schützen? Die irrationale Angst vor einem inflationären Gebrauch der „Pille danach“.

Wenn ich Kopfschmerzen habe, dann mache ich mir erstmal einen Kaffee. Denn, nachdem ich mal einen Blick auf die Beipackzettel einschlägiger Schmerzmittel gewagt habe (wo von Magengeschwüren bis hin zu Nierenversagen alles Mögliche aufgeführt wird) möchte ich meinen Körper so gut es geht davor verschonen. Erst wenn es mir trotz Hausmittelchen und Schlaf nicht besser geht, greife ich zur Chemiekeule und ehrlich gesagt hat mir das bislang auch noch nicht geschadet. Theoretisch könnte ich jedoch jeden Tag so viele Tabletten nehmen wie ich will, obwohl ein übermäßiger Konsum auf jeden Fall schädlich wäre. Selbiges gilt übrigens für eine Reihe anderer frei zugänglicher Medikamente, sowie für Alkohol und Zigaretten. Die Regierung geht diesbezüglich anscheinend davon aus, dass ich ganz gut selber entscheiden kann, was mir gut tut und was nicht. Ich muss selber Verantwortung für meinen Körper übernehmen.

Wir leben in einem Land, in dem sexuelle Aufklärung und zugängliche Verhütung groß geschrieben wird. Abtreibungen sind legal und werden teilweise sogar von den Kassen bezahlt.
Wenn man nach einer Verhütungspanne (oder Vergewaltigung) Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft hat, steht man als Frau in Deutschland jedoch nicht selten erstmal im Regen. Denn wer die „Pille danach“ haben möchte, braucht ein Rezept – und das am besten sofort. Die Wirkungszuverlässigkeit lässt signifikant nach, desto länger sich die Einnahme verzögert. Blöd, wenn Sonntag ist, die Frauenärztin im Urlaub, oder deine Arbeitszeiten nicht mit den Öffnungszeiten der Praxis kompatibel sind. Dann heißt es ab ins (hoffentlich nicht katholische) Krankenhaus oder mal eben auf der Stelle eine neue Ärztin ausfindig machen, die auch die Kapazitäten und den Willen hat, einen spontan zu behandeln.
Super, wenn man aber zur Arbeit muss, einen Flug gebucht hat oder aus anderen wichtigen Gründen einfach keine Zeit hat für unbestimmte Dauer in einer Praxis zu sitzen, um sich von einer wildfremden Person untersuchen zu lassen und sich dann vielleicht auch noch eine unangebrachte Standpauke oder einen blöden Spruch anhören zu müssen. Anschließend hat man zwar idealerweise das Rezept in der Hand, aber noch kein Medikament, das nun erst noch besorgt werden muss. Abgesehen von organisatorischen Unannehmlichkeiten kommt noch der psychische Stress dazu. Die Angst schwanger zu werden, der Ärger über die ganze Situation, der Druck nun so schnell wie möglich trotz all der Hürden an das Medikament kommen zu müssen, Rechtfertigungen und körperliche Entblössung vor Menschen, von denen man auch noch abhängig ist. Darüber hinaus ist auch nicht zu unterschätzen, dass ein Arztbesuch für viele auch eine Vertrauensfrage ist – ein Vaginalultraschall andere Hemmungen schürt als das obligatorische Blutdruckmessgerät. Hierbei handelt es sich indes um eine Untersuchung, die bei der Rezeptvergabe für die „Pille danach“ oft Standard ist und feststellen soll, ob eine Schwangerschaft bereits besteht. Dies würde eine Einnahme des Medikaments zwar überflüssig, aber keinesfalls schädlich machen. Die „Pille danach“ ist nämlich kein Abtreibungsmedikament, sondern verzögert lediglich den Eisprung – eine bestehende Schwangerschaft bleibt von der Wirkungsweise demnach unberührt.
Deutschland ist neben Polen und Italien eines der drei Länder in der EU, die noch an der Rezeptpflicht festhalten. Warum das so ist, ist zumindest aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar: Eine Kommission hat sich bereits im Jahr 2003 für eine rezeptfreie Abgabe des Medikaments ausgesprochen und diese Einschätzung 2010 bestätigt. Eine Änderung der Rezeptpflicht erfolgte dennoch nicht. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn (über den Muschimieze im Artikel „Heteromonopol in Gefahr!“ bereits berichtete) sorgte mit seiner öffentlich geäußerten Befürchtung, dass Frauen die „Pille danach“ wie „Smarties“ schmeissen könnten für viel Empörung (#wiesmarties , #spahnmemo). Lieber Herr Spahn, es wird sie womöglich überraschen, dass in Deutschland rund 41 Millionen Frauen leben, die sich nicht tagtäglich massenhaft von Häusern stürzen nur weil sie es könnten. Es wird davon gesprochen, dass die Hemmschwelle größer sei, die „Pille danach“ zu nehmen, sofern eine Rezeptpflicht bestehe. Doch für wen erscheint das sinnvoll? Wer fahrlässig mit seinem Körper umgehen will, hat dazu trotz Rezeptpflicht Gelegenheit. Die ärztliche „Beratung“ besteht schließlich nicht darin, von der Einnahme abzuraten und sie gegebenenfalls zu verhindern („Wie jetzt, davon bekommt man Migräne? Dann nehme ich doch lieber das ungewollte Baby mitten in der Abiphase!“). Die Rezeptpflicht geht also zu Lasten der zahlreichen verantwortungsbewussten Frauen, die sich ohnehin schon ihr halbes Leben mit Verhütung rumschlagen müssen und durch teilweise nicht beeinflussbare Umstände in die unangenehme Situation geraten die „Pille danach“ einnehmen zu müssen – und ich betone nochmals: So schnell wie möglich.
Auf Twitter fragt Spahn als Reaktion auf die Aufregung um seinen Smarties-Vergleich, ob die Gegnerinnen der Rezeptpflicht auch gegen eine Rezeptpflicht für die „Pille davor“ seien. Netter Versuch, aber leider völlig daneben! Abgesehen davon, dass es im Gegensatz zur „Pille danach“ für die „Pille davor“ zahlreiche rezeptfreie Alternativen gibt, ist der entscheidende Unterschied doch, dass es sich hier einerseits um kurz- und andererseits um langfristige Maßnahmen handelt. Bei den regelmäßigen Untersuchungen beim Frauenarzt, geht es zudem in erster Linie um generelle Vorsorge, denn ob ein Verhütungsmedikament verträglich ist oder nicht, kann kein Arzt im Vorfeld prophezeien. Und eine spezielle „Pillenuntersuchung“ vor der ersten Rezeptvergabe gibt es ohnehin nicht. Das können Sie, Herr Spahn, natürlich alles nicht wissen, denn Sie sind – richtig! – ein Mann. Und ich füge gleich hinzu (bevor diese Aussage mit einem männlichen #aufschrei geächtet wird), das mache ich Ihnen natürlich nicht zum Vorwurf. Mich wundert und erstaunt es nur, mit was für einer Souveränität und Selbstverständlichkeit hier über Dinge geurteilt wird, für die keinerlei persönlichen Erfahrungswerte vorliegen. Die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis fordert treffend, dass bei dieser Debatte das Selbstbestimmungsrecht der Frauen im Vordergrund stehen sollte. Was auch sonst, wenn aus medizinischer Sicht gar keine Notwendigkeit für die Rezeptpflicht besteht? Die einzigen, die sich für den Erhalt einsetzen, ist neben der CDU die Ärztelobby – für die bei ca. 475 000 Rezepten á 30€ (Quelle: ntv) ungefähr 14 250 000€ dabei jährlich rumkommen.
Für die Ärzte ist es also das Geld und für die CDU? Der Eindruck drängt sich auf, dass es hier um den Erhalt der konservativen Wählerschaft geht, die die sexuelle Selbstständigkeit der Frau bis heute befremdlich finden.

Wer sich für die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ einsetzen möchte, kann diese Online-Petition unterschreiben.

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