Der Muschi-Komplex.

Der folgende Artikel könnte deinen Blick auf Muschis nachhaltig verändern. Die Darstellung des Muschi-Komplex ist mir eine Herzensangelegenheit. Er ist omnipräsent in den Medien, im alltäglichen Leben und den heimischen Betten. Was ich mit Schwanzarroganz meine, was Jenna Jameson und Emilia Galotti gemeinsam haben und die quälende Frage warum Frauen nicht einfach stolz auf ihr eigenes Geschlecht sein können.

In der Schule haben wir im Sexualkundeunterricht einiges über die menschliche Anatomie gelernt. Da war die Rede von Schwellkörpern und Eileitern, Hoden und Schamlippen. Als „Ziel“  haben wir uns die Ejakulation und im weitesten Sinne natürlich die Fortpflanzung notiert. Was wir machen müssen, um unsere Art zu erhalten wird uns früh beigebracht, praktischerweise ist für etwa die Hälfte der Unterrichteten diese Information deckungsgleich mit sexueller Befriedigung. Der weibliche „Rest“ weiß nun zwar was er tun muss, damit die Menschheit in naher Zukunft nicht ausstirbt, wie er verhütet und seinen männlichen Sexualpartner befriedigen kann, bleibt aber im Bezug auf die eigenen sexuellen Bedürfnisse im Unklaren. Gleich der erste schulische Kontakt mit Sexualität hinterlässt für Mädchen in erster Linie die Information zur Fremdbefriedigung. Der Gebrauch des Terminus „Schamlippen“ impliziert bereits im Kindesalter, dass die Gegend „da unten“ (die gerne verlegen umschrieben, anstatt selbstbewusst benannt wird) unanständig und schuldbehaftet ist.
Schon von kleinauf haben Mädchen einen anderen Bezug zu ihren Geschlechtststeilen als gleichaltrige Jungen. Sie nehmen es nicht ständig zum Pinkeln in die Hand (schon gar nicht ohne anschliessendes Hände waschen!) und erhalten nicht selten schon möglichst früh eine spezielle Reinigungsschulung zur Instandhaltung dieses anscheinend nicht ganz unkomplizierten Organs. Im Zweifel gibt es einen speziellen „für unten“-Waschlappen als Vermittler zwischen dem Mädchen und dem Bereich zwischen den Beinen – der ja nicht mit dem für „oben“ vertauscht werden darf. Noch im Erwachsenenalter benutzen viele Frauen Hilfsmittel zur eigenen Befriedigung, bei Männern geht die Zahl gegen Null. Das „Dolmetschen“ nimmt für manche Frauen im Alter also kein Ende, der direkte Kontakt zum eigenen Geschlecht ist nicht immer selbstverständlich. Das Thema weiblicher Masturbation ist überhaupt sehr wenig in unserer alltäglichen Wahrnehmung präsent – im Kontrast zum männlichen Pendant. Dabei belegen neue Studien, dass sich mindestens genauso viele Frauen regelmäßig selbst befriedigen wie Männer. Während heranwachsende Mädchen hinter verschlossenen Türen vielleicht die ersten Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper machen (wer weiß das schon so genau, darüber gesprochen wird jedenfalls nicht), werden heranwachsende Jungen mit einer regelrechten Onaniekultur supportet. Männliche Selbstbefriedigung ist salonfähig und wird in den Medien repräsentiert, wie beispielsweise in dem Jugendfilm „Crazy“.

Die Darstellung des „Kekswichsen“ ist vielleicht nicht für jeden heranwachsenden Mann von realer Relevanz, sie führt uns dennoch vor Augen, was mit diesem Geschlecht theoretisch alles möglich ist. Gemeinschaftliche Masturbation bei Mädchen? Schier unvorstellbar. Bis zu welchem Höhepunkt auch? Vom weiblichen Orgasmus existiert wenn überhaupt nur ein konfuses Bild, das durch niemanden definiert wird. Für den „Hite-Report“ wurden über vier Jahre hinweg rund zwanzig verschiedene weibliche Masturbationstypen gezählt, die einem als junges Mädchen aber keiner auf dem Silbertablett präsentiert. Stattdessen lernen sie schon früh ihre eigene Befriedigung über die Luststillung ihres Sexualpartners zu definieren. Es geht mehr um die Ablieferung einer Leistung und das Erfüllen bestimmter Erwartungen, als um tatsächliche Selbsterfahrung. Die Beziehung zur eigenen Sexualität – die auch ohne konkreten Partner präsent sein sollte – ist nicht selten von Unsicherheit und Unkenntnis geprägt. Die Tabuisierung der Sexualität hat in der Kirche eine lange Tradition und spiegelt sich bis heute im Sexualempfinden der Frau wieder. Was einst so natürlich war wie Essen und Trinken wurde systematisch entnaturalisiert.
Was soll frau nun also mit diesem laut Freud „defekten Genital“ anstellen, das ja bekanntermaßen „nach Fisch stinkt“, weder mess- noch vergleichbar ist und nicht normiert funktioniert?
40% aller Frauen meinen bei sich eine sexuelle Störung oder Dysfunktion erkennen zu können – doch gemessen an welcher Normalität? Das Abbild weiblicher Befriedigung ist kaum präsent. Viele Frauen entwickeln eine Art sexuelle Schizophrenie, benannte Fremdbefriedigung verdrängt die Selbsterfahrung und macht ihre Abwesenheit kaum spürbar. Mangelnde Orgasmusfähigkeit und fehlende Lust sind – vor allem in langjährigen Partnerschaften, wo die Fremdbefriedigung auf Dauer auch ihren Reiz verliert – die Folge. Die Lösung des Problems wird dennoch weiter in der Befriedigung externer Bedürfnisse zu zweit gesucht, anstatt den Fokus endlich auf die eigene, autonome Sexualität zu richten. Frustration und später Resignation sind die Folge. „Ich funktioniere nicht richtig!“ oder „Das ist ganz normal mit der Zeit!“ sind typische Phrasen der Verdrängung. Die Situation gipfelt nicht selten darin, sich mit seinem Schicksal abzufinden, anstatt sich seinem eigenen Körper tatsächlich mal zu stellen.
In den Medien wird oft das Bild der enthemmten, sexuell befreiten und selbstbewussten Frau vermittelt. Eigentlich gar nicht so schlecht, möchte man im ersten Augenblick meinen. Leider reproduzieren die meisten Darstellungen lediglich den bereits beschriebenen Stereotyp, der zur Fremdbefriedigung dient. Die enthemmte Frau wird als Werkzeug des Mannes zur eigenen Lustgewinnung benutzt, die authentische Lust der Frau bleibt meist unberücksichtigt. Eine Frau die sich einfach nimmt was sie will? Sowas funktioniert in den geläufigen bildlichen Darstellung nur dann, wenn das, was „sie will“, zufällig mit männlichen Fantasien konform geht. Was ist so schwer daran einen authentischen Blick auf die weiblich-triebhaften Empfindungen zu gewähren, ohne sie vorher männergerecht zu filtern?
Bei dieser Frage assoziiere ich ein Symptom, das auf viele anorektische Frauen zutrifft: das Unvermögen vor anderen Menschen zu essen. Über 90% aller Betroffenen einer Essstörung sind weiblich. Es gibt sicher viele Gründe, die so eine Krankheit auslösen können, aber ich möchte mich an dieser Stelle nur auf diese Erscheinung beziehen, die übrigens auch bei scheinbar „gesunden“ Frauen auftreten kann. Was bedeutet es eigentlich zu essen? Sich etwas einzuverleiben? Es handelt sich um einen lustvollen Vorgang, der vielleicht sogar etwas von uns preisgibt, das wir nicht immer mit anderen Teilen wollen, vor allem wenn unsere Sozialisierung etwas anderes von uns erwartet. Essen hat etwas potentes, triebhaftes und ursprüngliches. Attribute, die so gar nicht dem medialen Bild der anpassungsfähigen Frau entsprechen, die nicht nur zwischenmenschlich sondern auch im Bett alles dafür gibt, externe Bedürfnisse zu stillen.

Was Freud mit seinem Geschlechtermonismus bereits vor Jahrzehnten in unserer Gesellschaft etablierte, spiegelt sich heute in der allgegenwärtigen Präsenz männlicher Genitalien und der unverdrossenen Abwesenheit weiblicher Geschlechtsorgane in unserem Alltag wieder. Es gibt Filme, in denen Männer mit ihrem „besten Stück“ sprechen und „er“ regelrecht ein selbstbestimmtes Eigenleben führt. Mit Freude wird auf Partys (und mehr oder weniger vertrauten gesellschaftlichen Runden) die Selbstverständlichkeit zelebriert „ihn“ nach Lust und Laune auspacken zu können – ein Phänomen das ich gerne als „Schwanzarroganz“ bezeichne. Egal, ob es nun um erheiternde Spielchen wie das allseits beliebte „Teebeuteln“ (wer es nicht kennt: ein Streich pubertierender Jungen, bei dem Hoden in die Gesichter schlafender Freunde geklatscht werden) geht oder gar um artistische Shows, in denen dieses verblüffend vielseitig einsetzbare Genital (spricht da etwa der blanke Penisneid aus mir?!) zum Kunstwerk oder gar Künstler wird – es gibt für die meisten albernen Rituale (und mögen sie auch noch so überflüssig sein) kein weibliches Äquivalent.
Es wird langsam deutlich: die Frau ist keine Akteurin. Das Bild der rezeptiv-empfangenden Weiblichkeit, das sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte, ist aktueller denn je. Trotz all der Verdrängung des Weiblichen aus den aktiv-produzierenden Bereichen (sei es in den Medien oder im Bett), dient sie dennoch als überrepräsentierte Projektionsfläche für männliche Fantasien. Heute finden wir hierfür zahlreiche Fälle beispielsweise in der Pornoindustrie, ich verweise an dieser Stelle jedoch auch auf die vorangegangene Jahrhunderte überdauernde Entwicklung in der Literatur.

„Im Reich der Phantasie ist sie, (die Frau) von höchster Bedeutung, praktisch ist sie völlig unbedeutend“ – Virginia Woolf

Literaturhistorisch relevante, oft begehrenswerte wenn nicht selten auch labile, Frauenfiguren wie Anna Karenina, Effi Briest oder Emilia Galotti sind genauer betrachtet nichts weiter als die Abbilder der Weiblichkeitsentwürfe ihrer männlichen Erschaffer. Sie zeigen die Frau mal mehr und mal weniger als ihren eigenen Emotionen hilflos ausgeliefertes Subjekt, neigen dazu sie zu mysthifizieren, entrationalisieren und entmündigen. Querverweis Porno: der Blick auf die Frau, durch die Brille des Mannes. Trotz der omnipräsenten Darstellung von Sexualität, stellt sie diese oft nur einseitig dar. Im Porno ist die Frau das Zentrum des Geschehens, die Protagonistin – der Mann nur austauschbares Beiwerk. Die Nachricht die uns dabei übermittelt wird, ist dennoch mehr männlicher denn weiblicher Natur. Jenna Jameson mutet vor diesem Hintergrund wie eine zeitgemäße Emilia Galotti an.
Dieses Ungleichgewicht würde sich nach und nach ausgleichen, würden sich mehr Frauen aus der passiven Rolle befreien und aktiv am Pornogeschäft beteiligen (in einer Art die nicht weiter die bekannten Stereotypen reproduziert, sondern ihre eigene befreite Sexualität widerspiegelt). Doch viele Frauen trauen sich nicht mal als Konsumentin an diese Thematik heran. Die Darstellung von Frauen in Pornos wird von feministischer Seite aus immer wieder gerne kritisiert. Abgesehen davon, dass es durchaus auch einige Frauen gibt, die dem Standard heteronormativ geprägten Vorne-Hinten-Vorne-Gesicht-Szenario etwas abgewinnen können, kann ich darauf nur entgegnen: wo keine Nachfrage, da kein Angebot! Aber wozu auch Pornos konsumieren, wenn sich das eigene Sexualleben sowieso in erster Linie mit der Befriedigung anderer beschäftigt?
Auf einschlägigen Porno-Plattformen gibt es zwar mittlerweile zwischen all der zahlreichen anderen Rubriken eine spezielle „Female Choice“-Kategorie, aber bei der Auswahl dieser Clips werden auch hier lediglich die Stereotypen der romantischen und empfindsamen Frau (die mehr Wert auf eine schöne Deko als auf triebhafte Handlung legt) durch den niemals müden Klischeewolf gedreht. In Internetforen lese ich immer wieder von Mädchen und Frauen, die darüber diskutieren, dass sie ihren Freund bei der Selbstbefriedigung erwischt haben oder er regelmäßig Pornos schaut. Manche sind davon verunsichert, andere finden das „schon ok“ – dass es aber noch die Möglichkeit gibt, sich auch als Mädchen selbst zu befriedigen oder mal einen Porno anzuschauen bleibt bei solchen Gesprächen meist völlig unberücksichtigt.
Alice Schwarzer hat bereits in den 80ern mit ihrer „PorNO“-Kampagne Darstellungen in Pornos mit sexueller Erniedrigung gleich gesetzt. Das sexuell bedingte Machtgefälle zwischen Mann und Frau kann jedoch nicht durch die Entsexualisierung des Mannes, sondern insbesondere durch die aktive Sexualisierung der Frau genesen werden. Die Frau muss dem Mann sexuell (und es ist kein Geheimnis, dass sexuelle Potenz auch politische Potenz meint) in nichts nachstehen, wenn sie endlich den Mut fasst zu ihrer autonomen Sexualität öffentlich zu stehen und aufhört diese unentwegt über die Lust des so selbstverständlich begehrenden Mannes zu definieren. In der Grundschule hing ein Zettel mit dem Leitspruch „ich muss deine Kerze nicht auspusten, damit meine besser brennt“ an unserer Tür. Vielleicht sollten „wir Frauen“ lernen, es mit öffentlich gezeigter Sexualität auch so zu halten und nicht in den Momenten der Ungerechtigkeit unserem männlichen Gegenüber das Recht auf Sexualität absprechen.
Wenn die Portishead-Frontfrau Beth Gibbons in ihrem bekannten Hit „Glorybox“ die Zeilen „give me a reason to be a woman“ haucht, sollten wir uns fragen, ob tatsächlich stets ein binäres männliches Echo von Nöten ist, um unsere Weiblichkeit sichtbar zu machen und unsere sexuelle Energie zu spüren.

Wenn nur eine Frau sich von diesem Text inspiriert fühlt, bei der nächsten Party ungefragt ihre Muschi auszupacken, hat er sich für mich schon gelohnt. Ich erbitte Bericht!

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7 thoughts on “Der Muschi-Komplex.

  1. die kirche ist inzwischen nicht mehr so altbacken, sie greift themen wie sexualität schon längst auf, auch homosexualität wird thematisiert, zum beispiel in jugendgruppen, in christlichen büchern und jugendzeitschriften…

  2. hey, da geb ich doch mal bericht über deinen text- bin durch zufall drüber gestolpert, wie mein name annehmen lässt bin ich männlich-weiß-hetero (kleiner spass) ich habe noch keinen so guten text über die vernachlässigung weiblichen lustempfindens gelesen!! ehrlich, da ist eine eingeimpfte verklemmtheit- man kann normale frauen ja schon schocken wenn man sagt- „ihr macht es euch doch auch selber“ keine gibt es offen zu–während wir männer,ähem, also ich war beim bund und auf einem internat und das was du über das männlichkeits-potenz-geprolle schreibst ist noch echt absolut schmeichelhaft… wenn wir unter uns sind ist es echt noch schlimmer-und ich bin sicher dass es typen gibt die schonmal keksvixen gemacht haben!!!!
    lieber gruss vom erzengel

  3. ich weiss nicht wie ich hier gelandet bin znd gehöre leider zwecks falschen geschlecht auch nicht zu der vordringlich adressierten zielgruppe, muss dir aber unbedingt einen kommentar hier lassen.
    habe noch nie einen so guten femininen und nicht feminsitischen text gelesen, der ganz ohne prolligen frontalangriff auf’s andere geschlecht auskommt und doch so wahr ist (soweit ich das als mann beruteilen darf.
    mehr von deiner sorte und weniger aufschrei-tanten (viel lärm um nichts, phrasen, wenig konkretes) und man käme wirklich vorwärts. und daran haben wir männer (mit hirn) ja durchaus auch interesse.
    würde liebend gerne mal ausführlich mit dir bei nem bier (oder prosecco) plaudern 😉
    und nein, das ist keine dumme anmache, liebe aufschrei-tanten!

    1. Erstmal freut es mich, dass dir der Artikel gefällt. Ich habe keine geschlechtlich festgelegte Zielgruppe, ich freue mich, wenn ich möglichst viele Menschen irgendwie erreichen kann! 🙂

  4. du hast talent – beim schreiben und denken.
    das mit der zielgruppe war ja nicht so wortwörtlich gemeint ;).
    freue mich, mal wieder von dir zu lesen und werde den blog verfolgen.

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