Happy Muschi-Day!

Was bleibt, wenn die rote Rose verwelkt und auch der letzte Rabatt-Code im Zeichen des Feminismus eingelöst worden ist? Frauentag-Retrospektive 2014.

Am Samstag wurde weltweit der internationale Frauentag „gefeiert“, kommentiert oder zumindest medial bemerkt. Man konnte der Dauerversorgung mit unterschiedlichster Berichterstattung und „Beglückwünschungen“ kaum entgehen, sei es auf Facebook oder im Radio – sogar auf dem Weg zur S-Bahn wurde ich morgens von einem Typen abgefangen, der mir zum Frauentag eine Rose schenken wollte. Ob blumige Giftcard oder tolles „Frauentag“-Angebot im Online-Shop, nach 24h-Stunden Presserummel ist es an der Zeit eine Bilanz zu ziehen. Die Bild-Zeitung stellte die Frage in den Raum, ob wir solche Aktionstage überhaupt brauchen würden – Frauentag, Vegetariertag, Biertag (ist das nicht alles das Gleiche?). Was war eigentlich nochmal der Sinn, dieses Tages und was ist überhaupt noch davon übrig geblieben?
Ursprünglich entstand der internationale Weltfrauentag zur Zeit des ersten Weltkrieges, als beispielsweise für das Wahlrecht der Frauen gekämpft worden ist, als Zeichen für Gleichberechtigung und weiblicher Emanzipation. Ein Tag, an dem man auf Erfolge zurückblicken und sich auf noch unerreichte Ziele besinnen konnte. Wenn man jedoch in den letzten Tagen eine Zeitung aufgeschlagen oder bei Facebook die Timeline durchgescrollt hat, schlug einem wenig politisches Engagement, dafür aber umso mehr florales Arrangement entgegen. Was einst der Vergegenwärtigung eines politischen Kampfs diente, wird heute als gewöhnliche Werbestrategie zunächst missverstanden und schliesslich missbraucht. Nicht ganz unberechtigt twitterte „Marx21“: „Frauentag? Blumen oder gleiche Löhne?“

Seit wann möchte ich zu meinem „biologischen Geschlecht“ beglückwünscht und im Sinne der Emanzipation mit klischeegemäßer (Rosa! Shopping! Blumen!) Selbstgerechtigkeit beschenkt werden? Offensichtlich ist das ursprüngliche Anliegen dieses Tages kaum noch in den Köpfen der meisten Menschen verankert, es ist vielmehr ein fragwürdiger Anlass geworden, eine falsch verstandene „Weiblichkeit“ bestenfalls grundlos, wenn nicht profitorientiert, zu zelebrieren. Nicht verwunderlich, dass renommierte Hotelketten und Wellness-Tempel ebenfalls auf den Zug aufsprangen und mit Verwöhnangeboten und Beautyspecials warben, Shopping-Events und Rabattaktionen gestartet wurden – alles im Zeichen des Frauentags. Ich habe mich ein bisschen im Netz umgesehen und bin auf zahlreiche mehr oder weniger fragwürdige Beispiele gestossen…

Frauentag

Shopping Queens, Catwalk, Chicks, VIP-Lounge… da schlägt mein Frauen-äääh-Chica-Herz gleich höher!

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Frauentag, Biertag… ist doch alles das Gleiche, oder?!

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So läuft der Hase!

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Welche Frau möchte keine Prinzessin sein? Zum Glück gibt’s am Frauentag Gelegenheit dazu!

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Schnell, schnell, schnell! Frauentag ist nur einmal im Jahr!

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Scherz, den ich nicht verstanden habe? Kochen, Spülen, Kinder? #Hausfrauentag, #Klischeetag, oder wie?

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Ich weiß, das ist eigentlich im positiven Sinne gemeint… aber warum muss man sich denn überhaupt gegenseitig beherrschen?

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Und natürlich: Blumen, Blumen, Blumen!

Von harmlosen Shopping-Angeboten bis zu anzüglichen Sprüchen ist alles dabei, was das Hashtag-Herz begehrt. Das Ungleichgewicht zwischen gehaltlos-kommerzialisierten und politisch motivierten Beiträgen ist dabei enttäuschend und alarmierend. Natürlich tut ein gratis Nagellack bei jeder Bestellung keinem weh, aber es unterwandert den Sinn der ganzen Sache und entwertet sie gewissermaßen auch. Ich muss nicht dafür gefeiert werden weiblich, männlich, schwarz, weiß, groß oder klein zu sein. Und auch meinen Beitrag für die Gesellschaft kann ich von keinem der genannten „Eigenschaften“ pauschal ablesen, sodass man mir an einem willkürlich auserkorenen Tag nun einfach mal für irgendwas danken müsste. Solche Tage wurden initiiert, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Missstände die nicht nur Frauen, sondern auch Männer betreffen können – Bier hingegen jedoch eher weniger (da muss ich die Bild-Zeitung jetzt leider mal enttäuschen). Und auch an einem Männertag verspüre ich weniger das Bedürfnis meinen Freund, Chef oder Friseur für seinen Schwanz zu beglückwünschen (und diese Geste dann am besten mit einem männlichen Kasten Bier, einer Fußballkarte oder einem Live-Strip zu unterstreichen), als sich beispielsweise mit der Problematik von Väter-Rechten in unserer Gesellschaft oder der Abwertung von Männern in sozialen Berufen zu beschäftigen.

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Natürlich habe ich den freundlichen Typen morgens auf dem Weg zur Bahn nicht dumm angemacht, für seine Bemühungen mir eine Blume schenken zu wollen (sondern lediglich höflich darauf hingewiesen, dass sich eine andere Frau mehr darüber freuen wird). Schliesslich war das eine nett gemeinte Aktion und hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich sehr daran interessiert gewesen, was ihn zu dieser Geste motiviert hat. Ich möchte an dieser Stelle auch niemanden angreifen, der einfach nur aus Nettigkeit Gratulationen und Blumengeschenke verteilt hat. Ich persönlich habe mich allerdings mehr über hämisch-ironische Kommentare wie diese hier gefreut, die ich zwischen all der missverstandenen „Frauenfreundlichkeit“ erfrischend und unterhaltsam fand.

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In diesem Sinne verbleibe ich statt mit obligatorischem Blumenbouquet mit einem solidarischen: fühlt euch gefickt!

Lesetipps zum Thema:

Frauentagfails auf Tumblr

„Flower Power?“ auf Mädchenblog

Beitrag von Dandyliving

Beitrag von Marinas Lied

Sprachk(r)ampf.

Familienfeier. Ich muss die geliebte Hauptstadt verlassen und buche mir ein Bahnticket in die Heimat. Morgens in der Tram zur Arbeit erhalte ich dann die Buchungsbestätigung der Deutschen Bahn. Die Anzeige auf meinem Smartphone verrät mir, dass „das Ticket“ nur „für den Reisenden Frau Muschimieze persönlich“ gilt. Ich knirsche mit den Zähnen. Ein Teil in mir sträubt sich dagegen, sich über diese Formulierung zu echauffieren. Vermutlich jener Teil, der sich spätestens seit der Veröffentlichung meines Blogs auf jeder Party neu mit den Feminismus-Wehwehchen meiner Freunde und Bekannte beschäftigen darf. Ja, ich bin diese Muschimieze und nein, ich bin keine kleinliche Emanze. Meistens wird mir dann erklärt, dass Gleichstellung und Gleichberechtigung natürlich grundsätzlich wünschens- und unterstützenswert seien, aber diese kleinkarierte Sprachpedanterie nicht nur nervig und unsinnig sei, nein sie würde auch der Sache selber schaden, indem sie die Allgemeinheit von den eigentlichen emanzipatorischen Aufgaben wegtreiben würde. An der Uni sei es übrigens am schlimmsten (und da sind sich alle einig!). Ich nicke dann meist verständig und antworte einen Satz, ohne Inhalt, auf den nicht selten ein galanter Übergang zum erneuten Besuch an der Bar folgt.

Sehr geehrter Reisender Frau Muschimieze!

So richtig passt es mir also nicht, mich über die sprachliche Missachtung meines Pronomens zu ärgern. Viel zu naheliegend, fast typisch. „Man weiß doch sowieso wie das gemeint ist“, wurde mir gesagt – warum sich also unnötig aufregen und sich nicht lieber mit wichtigeren Themen befassen? Echte Ungerechtigkeiten besprechen und beschreiben? Unlängst titelte „Die Welt“: „Gender-Kampf verhunzt die deutsche Sprache“ und ja, so wird man dann gerne gesehen: Als kampfbereite Feministin – am besten noch mit einer brennenden Fackel und Mistgabel ausgerüstet, nur gekommen um die schöne deutsche Sprache kaputt zu machen. Gleichberechtigungskämpfe werden angeblich nicht via Duden und Sprachreform gewonnen. Aber wenn man einmal die Geschichte der Frau in unserer Kultur Revue passieren lässt, dann bekommt man eine Idee davon, dass Sprache eben nicht nur ein abstraktes Werkzeug ist, sondern Realitäten re_produziert. Sprache wurde im öffentlichen Raum nicht nur insbesondere von Männern verwendet, sie war auch exklusiv an selbige gerichtet. Das was wir heute als abstrakt-linguistischen Gender-Kampf wahrnehmen, sind die Nachwehen grober, realer Ungerechtigkeiten.
Als sich zur Zeit der französischen Revolution das Volk aus der Misere des Ständesystems befreit hat, wurde Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit als neues Leitmotiv gepriesen. Betroffen hat dies jedoch nur den männlichen Teil der Bevölkerung. Die erste Erklärung der Menschenrechte, die im Zuge dessen verfasst worden ist, bezog sich ausschliesslich auf Männer. Emanzipation war für Revolutionäre kein Thema. Und das, obwohl diese ja immerhin für die Gleichwertigkeit aller „Menschen“ (und „Menschen“ meint hier, wie auch in vielen andern Zusammenhängen, eigentlich „Männer“) kämpften. Frauen durften nicht wählen oder sich politisch engagieren, ihnen wurde eben nicht das gleiche Recht zuteil und deshalb wurden sie auch weder erwähnt noch direkt angesprochen. Im Französischen meint das Wort „homme“ sogar gleichzeitig „Mann“ und „Mensch“. Wie passend.
Als im Jahr 1791 Olympe de Gouges „Die Erklärung der Frauenrechte“ veröffentlichte, eine feministische Schrift die den gleichen Inhalt wie ihr Vorgänger hatte, sich jedoch sprachlich auf Frauen bezog, wurde die Problematik erstmals öffentlich thematisiert. De Gouges wurde 1793 hingerichtet.
Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte nach ihrem Tod hat sich das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau weiter fortgesetzt. Bildung, freie Berufswahl, Wahlrecht oder gar eine gesetzliche Gleichstellung war für Frauen lange Zeit undenkbar. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durfte der Ehemann über seine Frau bestimmen und sie sogar bis ins Berufsleben und bei Vertragsabschlüssen bevormunden. Dass sich die Sprache in diesen Zusammenhängen daran gewöhnt hat, nur Männer anzusprechen, ist nicht verwunderlich – sie waren schliesslich auch in den meisten Angelegenheiten die einzigen Adressaten.
Ich bin in eine Generation hineingeboren worden, für die viele Gewinne der weiblichen Emanzipation selbstverständlich sind. Junge Frauen in meinem Alter neigen gerne dazu, sich von feministischen Denkweisen prophylaktisch zu distanzieren – zu schnell wird man in die Schwarzer-Ecke gedrängt und außerdem tut doch Sprache bei all dem Leid auf dieser Welt doch wirklich keinem ernsthaft weh, oder?  Ich finde es sehr schwierig, hier ein gesundes Mittelmaß zu finden. Einerseits ist es wichtig, sich seiner Geschichte bewusst zu sein und sich eben auch deshalb sprachsensibel zu äußern. Andererseits lese ich selber ungern Texte, die zugunsten der political corectness durch inflationär eingesetzte Sternchen, Unterstriche und eingeschobener Großbuchstaben bis zur Unkenntlichkeit dechiffriert worden sind. Aber wie in so vielen Angelegenheiten des Lebens frage ich mich einmal mehr, warum es auch hier anscheinend immer nur zwei Extreme geben muss. Nur weil man ein Mindestmaß an Bemühungen zur gleichberechtigten Sprache erwartet, muss man noch lange nicht allen sprechenden und schreibenden Menschen in seinem Umfeld das linguistische Leben zur Hölle machen. Was mir nach wie vor ein Rätsel ist: Warum schafft es ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn zwar, ein personalisiertes Anschreiben an „Frau Muschimieze“ zu verfassen, aber nicht diese Information auf die Genderung im Text zu übertragen? Was vermutlich in zwei Minuten programmiert wäre und niemandem mit umständlichen Doppelformulierungen auf den Keks gehen würde, wird hier zugunsten einer bequemen Standardformulierung schlichtweg ignoriert. Aber was solls, “es weiß ja jeder wie es gemeint ist“… Wer übrigens im öffentlichen Dienst arbeitet und sich als Frau über den Titel des „Amtsmanns“ geärgert hat, wurde sogar im Gegenzug lange Zeit mit dem Unwort „Amtsmännin“ abgespeist. An diesem Punkt findet mein bitter bemühtes Verständnis für uneinsichtiges Sprachhandeln ein jähes Ende. Die umständliche Korrektur zur „Amtsmännin“ ist also möglich, die Bezeichnung der „Amtsfrau“ aber nicht? Es gibt sicher Situationen im Leben, in denen das ständig umsichtige Umformulieren der alltäglichsten Belanglosigkeiten lästig, nervig und in gewissem Maß auch nicht zwingend notwendig sind. Aber das rechtfertigt noch nicht die generelle Bagatellisierung des Wunsches nach geschlechterspezifischer Ansprachen und Formulierungen.

Ja, ich bin diese Frau Muschimieze. Und nein ich bin keine kleinliche Emanze… nicht immer jedenfalls.

Die Angst vor der Frau im Mann.

Sei schwul, aber keine Schwuchtel. Wir sind ja alle so furchtbar tolerant, aber sobald Gender-Normen in Frage gestellt werden, bekommen wir kalte Füße. Warum sich im Schubladen-Denken eine waschechte Identitätskrise manifestiert und weshalb „weibliche“ Männer sexy sind.

Endlich Feierabend. Wir stehen noch ein wenig zusammen, ein Glas Sekt, ein paar oberflächliche Witzeleien. Ein Themenwechsel jagt den anderen, ich komme schon gar nicht mehr richtig mit, da lässt mich eine beiläufige Bemerkung aus meiner duseligen Lethargie aufschrecken. „Also ich könnte jedenfalls mit keinem Mann zusammen sein, der schonmal was mit einem Mann hatte!“
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell ein zunächst harmlos anmutendes Gespräch so schnell in den Stammtischdebatten-Modus rutschen kann.  Natürlich könnte ich jetzt die Gender-Keule schwingen und die entspannte Feierabendstimmung kurz und klein schlagen, aber ich verkneife es mir und nippe stattdessen betreten an meinem Glas. Natürlich muss ich nachhause. Jetzt. Ja, es war sehr schön mit euch.
Als ich auf dem Heimweg in der Bahn sitze, lässt mich das Gespräch nicht los. Was kann eine offensichtlich emanzipierte, tolerante und gebildete Frau an der Vorstellung so befremdlich und abstossend finden, dass ihr möglicher Zukünftiger sich und seine Sexualität kennengelernt und ausprobiert hat? Irgendwas an dieser Vorstellung scheint sie zu verunsichern. So sehr, dass sie sich mit so einer Situation gar nicht erst konfrontiert sehen möchte.
Wir alle definieren uns in erster Linie über das, was wir alles nicht sind. Wir suchen ähnliche Menschen, um uns mit ihnen verbunden zu fühlen und analysieren andere Menschen, um uns von ihnen unterscheiden zu können. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Welt voller sich bedingender Gegensätze steckt und sich unser ganzes Leben um diese eine Frage dreht: Wer bin ich? Das heteronormativ geprägte und sozial konstruierte Zwei-Geschlechter-System, das wir schon im Kleinkindalter als selbstverständlich kennenlernen, begrenzt das Feld in dem wir uns einordnen können – es gibt uns Sicherheit und lindert dieses konfuse Gefühl der Orientierungslosigkeit.  Charaktereigenschaften sind plötzlich typisch „weiblich“ oder „männlich“. Der rationale, ehrgeizige und starke Mann steht der emotionalen, bedürftigen und rezeptiv-empfangenden Frau gegenüber. Während weiblich konnotierte Verhaltensweisen in der Regel abwertend wahrgenommen werden (wie Passivität,  Unterwürfigkeit, Intuition), werden männlich assoziierte Attribute oft mit Anerkennung honoriert (wie Mut, Durchsetzungskraft, Logik). Wenn der heranwachsende Junge kein „Mädchen“ sein will, muss er halt „die Eier haben“ oder „seinen Mann stehen“. Unsere Sprache lässt nicht viel Spielraum sich gender- und wertneutral auszudrücken. Wir streben danach, nichts undefiniert zu lassen und zwängen damit  jede noch so individuelle menschliche Eigenschaft in ein generalisierbares Sprachkorsett.
Vor allem heterosexuell orientierte Männer laufen fortwährend Gefahr, durch vermeintlich typisch „weibliche“ Gesten, Handlungen oder Eigenschaften soziale Abwertung zu erfahren und fühlen sich nicht selten dazu gezwungen, ihre „Männlichkeit“ immer wieder neu unter Beweis zu stellen. Dieses Phänomen ist genauer betrachtet nicht nur schwer frauenfeindlich, indem es vermeintlich weibliche Attribute kategorisch entwertet, es nimmt auch Männern ihren Entfaltungsspielraum und setzt sie unter Druck. Gäbe es ein geläufiges Äquivalent zur gemeinhin bekannten „Win-Win-Situation“, würde ich es an dieser Stelle verwenden.
Was passiert nun also in unseren Köpfen, wenn ein mutmaßlich „heterosexueller“ Mann sexuelle Erfahrungen mit anderen Männern gesammelt hat? Ein Mann, der möglicherweise „eingesteckt“ hat, passiv war und von einem anderen Mann „genommen“ worden ist – so wie er sich doch eigentlich nach gemeiner Auffassung nach die Frau „zu nehmen“ hätte. Wir können ihn nicht mehr eindeutig zuordnen, er scheint die negativ geprägten weiblichen Attribute anzunehmen und wird durch sie diskreditiert. Nicht umsonst ist Homosexualität in einigen Kulturen zwar verpönt, aber Sex mit anderen Männern in Ordnung, wenn man als Mann den aktiven Part übernimmt. Solang die Vorstellung des aktiven, starken und dominierenden Mannes aufrecht erhalten werden kann, ist die Welt also noch in Ordnung. Wenn ein Mann seine Homosexualität in einem Gespräch mit heterosexuellen Teilnehmern thematisiert, folgt nicht selten die obligatorische Frage: „Bist du aktiv oder passiv!?“. Hier wird nicht nur deutlich, wie wichtig für die meisten Menschen die permanente Kategorisierung und Einordnung ins binäre Geschlechtersystem ist, sondern auch wie schnell dieser Vorgang über sexuelle Potenz hergeleitet wird. Hier lässt sich die Brücke zu politischen Machtverhältnissen schlagen, die sich über dieses Gleichnis ebenfalls auf die typischen sexualisierten Geschlechterrollen beziehen lassen (Sexuelle Potenz = Politische Potenz).

Du bist „zwar“ schwul, aber „immerhin“ aktiv? Na, da sind wir ja alle beruhigt. Dann ist bist du ja gar nicht so weiblich wie befürchtet!

Dass diese Frage Homosexualität einmal mehr von einer Lebensform zu einer sexuellen Praktik degradiert und an Übergriffigkeit kaum zu übterreffen ist, scheint das Bewusstsein der Fragenden oftmals nicht zu erreichen.
Wenn wir Abgrenzungen zu unserem Gegenüber dazu benutzen, uns selbst zu definieren, dann lehnen wir Menschen schnell ab, die wir nicht eindeutig zuordnen können. Wenn ich es als Frau also befremdlich finde, einen Mann zum Partner zu haben, der nicht lückenlos männlich-assoziierte Eigenschaften in sich trägt, dann fühle ich mich womöglich mit ihm an meiner Seite nicht weiblich genug. An diesem Punkt wird eine Identitätsfrage externalisiert und somit zum Beziehungsproblem.
Viele junge Menschen aus meiner Generation sagen von sich, dass sie Homosexualität zumindest tolerieren, sobald es jedoch um das überschreiten gewisser Gender-Normen geht, fühlen sie sich angeekelt oder gar bedroht. Sei schwul, aber bitte keine Schwuchtel. Die Möglichkeit, dass der Mann den vermeintlich femininen Part übernimmt erscheint oft befremdlich. Und das ist nicht nur beim Sex oder in Partnerschaften so. Junge Mädchen werden heutzutage glücklicherweise oft (wenn auch noch nicht ausreichend) dazu ermutigt, typisch männliche Berufe kennenzulernen und für sich zu entdecken. Als im Jahr 2002 der Aktionstag „Girls‘ Day“ ins Leben gerufen worden ist, um jungen Mädchen typisch männliche Berufszweige nahe zu bringen, wurden gleichaltrige Jungen zunächst außen vor gelassen. Was aus feministischer Sicht auf den ersten Blick wohl nach einer ganz guten Sache aussah, ignorierte einen wesentlichen Aspekt hingegen gänzlich: Werden Mädchen dazu ermutigt sich einen „männlichen“ Bereich zu erschließen, wertet der Vorgang diesen automatisch auf. Wenn jedoch im gleichen Atemzug Jungen nicht dazu animiert werden, weiblich dominierte Gebiete kennenzulernen, markiert dies gleichsam deren gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit.
Männer die sich aus Interesse einen typischen „Mädchenberuf“ aussuchen, haben nicht nur mit Misstrauen und Unterschätzung zu kämpfen – sie laufen auch Gefahr die Anerkennung ihrer „Männlichkeit“ zu bedrohen. Dieser Fakt wird jedoch in vielerlei Hinsicht medial nur unzureichend thematisiert. Schuld daran ist unter anderem die fehlende Sensibilität für männliche Bedürftigkeit, ein Problem, das sich nicht zuletzt in den vorherrschenden Pornografiedebatten manifestiert. Seit Jahren kritisieren Feministinnen das Frauenbild, das in typischer Pornografie angeblich vermittelt wird. Frauen seien unter Druck gesetzt, einem bestimmten körperlichen Idealbild zu entsprechen, gewisse sexuelle Handlungen wie selbstverständlich im Repertoire zu haben und für den Mann unermüdlich verfügbar zu sein. Doch abgesehen davon, dass sich einhergehend mit der Überschwemmung des Marktes von Amateurpornos auch die Bandbreite der weiblichen Darstellung in der Pornografie weiterentwickelt hat und ein typischer Stereotyp Frau zumindest optisch gar nicht mehr feststellbar ist, bleibt bei aller Pornokritik völlig unberücksichtigt, dass auch männliche Darstellungen zu übersteigerten Selbstansprüchen führen können. Der Mann selbst wird in pornografischen Darstellungen eigentlich als völlig irrelevant und geradezu programmiert funktionierend dargestellt, er ist austauschbar – aber dafür ausdauernd. Er „kann“ auf Knopfdruck, solange wie es eben von ihm gefordert wird. Die Frau ist natürlich hellauf begeistert von seinen Qualitäten, bis er automatisiert in der richtigen Szene, im richtigen Moment zum Höhepunkt kommt. Dass es mittlerweile eine Reihe junger Männer gibt, die aufgrund solcher omnipräsenten Darstellungen aus lauter Druck an Potenzstörungen leiden oder zumindest bezogen auf ihre sexuelle „Leistung“ verunsichert sind, wird öffentlich kaum thematisiert und wenn dann hämisch verspottet. Der Mann ist, im Gegensatz zur Frau, eben kein „Opfer“.
Gar nicht so einfach also, in unserer Gesellschaft Mann zu sein. Wenn ich als heterosexuelle Frau das Bedürfnis habe, homosexuelle Erfahrungen zu sammeln, ist dies gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Im besten Fall gelte ich sogar als besonders experimentierfreudig, aufregend und selbstbewusst. Als Mann muss ich mir drei Mal überlegen, ob ich mir den Stempel der verweichlichten „Schwuchtel“ geben lassen möchte. Wir finden es augenscheinlich bedrohlicher, wenn das mächtigere Konstrukt „Hetero-Mann“ ins wanken gerät, als wenn eine Frau die Konturen ihrer Geschlechterrolle verwischt. Was zwar einerseits aus der Abwertung des Weiblichen resultiert, schenkt ihr auf der anderen Seite mehr Bewegungsspielraum zur Selbsterfahrung und Positionierung. Eine Frau im Anzug erfährt (mittlerweile) im Gegensatz zum Mann im Kleid kaum Ablehnung. Welch Ironie, dass die vermeintliche „Stärke“ des Mannes, ihn im Grunde genommen derart beschneidet und in vielerlei Hinsicht hemmt.
Manche Frauen fühlen sich von Männern, die Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht gesammelt haben, also abgestoßen und bedroht. Wenn ich einen heterosexuellen Mann kennenlerne, der Berührungsängste gegenüber Homosexualität hat, verliert er in meinen Augen hingegen recht schnell seinen Glanz. Ein Mann, der seine „Männlichkeit“ immer wieder neu ausloten und vor anderen demonstrieren muss, ist für mich nicht bewundernswert, sondern einfach nur zutiefst verunsichert. Ich möchte ihn dann in meine starken Arme nehmen und ihm sagen, dass die Welt auch cool ist, wenn nicht jede seiner Verhaltensweisen ein Abbild seines Testosteronspiegels sind. Und dann geh ich vielleicht lieber mit dem Typen nachhause, den er vorhin noch innerlich „Schwuchtel“ genannt hat.