Sprachk(r)ampf.

Familienfeier. Ich muss die geliebte Hauptstadt verlassen und buche mir ein Bahnticket in die Heimat. Morgens in der Tram zur Arbeit erhalte ich dann die Buchungsbestätigung der Deutschen Bahn. Die Anzeige auf meinem Smartphone verrät mir, dass „das Ticket“ nur „für den Reisenden Frau Muschimieze persönlich“ gilt. Ich knirsche mit den Zähnen. Ein Teil in mir sträubt sich dagegen, sich über diese Formulierung zu echauffieren. Vermutlich jener Teil, der sich spätestens seit der Veröffentlichung meines Blogs auf jeder Party neu mit den Feminismus-Wehwehchen meiner Freunde und Bekannte beschäftigen darf. Ja, ich bin diese Muschimieze und nein, ich bin keine kleinliche Emanze. Meistens wird mir dann erklärt, dass Gleichstellung und Gleichberechtigung natürlich grundsätzlich wünschens- und unterstützenswert seien, aber diese kleinkarierte Sprachpedanterie nicht nur nervig und unsinnig sei, nein sie würde auch der Sache selber schaden, indem sie die Allgemeinheit von den eigentlichen emanzipatorischen Aufgaben wegtreiben würde. An der Uni sei es übrigens am schlimmsten (und da sind sich alle einig!). Ich nicke dann meist verständig und antworte einen Satz, ohne Inhalt, auf den nicht selten ein galanter Übergang zum erneuten Besuch an der Bar folgt.

Sehr geehrter Reisender Frau Muschimieze!

So richtig passt es mir also nicht, mich über die Missachtung meines Geschlechts bei der Ansprache durch die Bahn zu ärgern. Viel zu naheliegend, typisch “hysterische” Emanze. „Man weiß doch sowieso wie das gemeint ist“, wurde mir gesagt – warum sich also unnötig aufregen und sich nicht lieber mit wichtigeren Themen der Gleichberechtigung befassen? Unlängst titelte „Die Welt“: „Gender-Kampf verhunzt die deutsche Sprache“ und ja, so wird man dann gerne gesehen, als kämpfende, grimmige Feministin – am besten noch mit einer brennenden Fackel und Mistgabel ausgerüstet, nur gekommen um die schöne deutsche Sprache kaputt zu machen. Gleichberechtigungskämpfe werden angeblich nicht via Duden und Sprachreform gewonnen. Aber wenn man einmal die Geschichte der Frau in unserer Kultur Revue passieren lässt, dann bekommt man eine Idee davon, dass Sprache eben nicht nur ein abstraktes Werkzeug ist, das uns – Formulierung hin oder her – allen etwas vermitteln soll. Sie war tatsächlich eine unfassbar lange Zeit in den meisten Angelegenheiten nur an den männlichen Teil unserer Bevölkerung gerichtet. Das was wir heute als abstrakt-linguistischen Gender-Kampf wahrnehmen, sind die Nachwehen gröbster, realer Ungerechtigkeiten.
Als sich zur Zeit der französischen Revolution das Volk aus der Misere des Ständesystems befreit hat, wurde Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit als neues Leitmotiv gepriesen. Betroffen hat dies jedoch nur den männlichen Teil der Bevölkerung. Die erste Erklärung der Menschenrechte, die im Zuge dessen verfasst worden ist, bezog sich ausschliesslich auf Männer. Emanzipation spielte für die Revolutionäre, die ja immerhin für Gerechtigkeit und die Gleichwertigkeit aller „Menschen“ (und „Menschen“ meint hier, wie auch in vielen andern Zusammenhängen, eigentlich „Männer“) kämpften, keine Rolle. Frauen durften nicht wählen oder sich politisch engagieren, ihnen wurde eben nicht das gleiche Recht zuteil und deshalb wurden sie auch weder erwähnt noch direkt angesprochen. Im Französischen meint das Wort „homme“ sogar gleichzeitig „Mann“ und „Mensch“. Wie passend.
Als im Jahr 1791 Olympe de Gouges „Die Erklärung der Frauenrechte“ veröffentlichte, eine feministische Schrift die den gleichen Inhalt wie ihr Vorgänger hatte, sich jedoch sprachlich auf Frauen bezog, wurde die Problematik öffentlich thematisiert, doch noch längst nicht behoben. De Gouges wurde 1793 hingerichtet.
Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte nach ihrem Tod hat sich das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau weiter fortgesetzt. Bildung, freie Berufswahl, Wahlrecht oder gar eine gesetzliche Gleichstellung war für Frauen lange Zeit undenkbar. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durfte der Ehemann über seine Frau bestimmen und sie sogar bis ins Berufsleben und bei Vertragsabschlüssen bevormunden. Dass sich die Sprache in diesen Zusammenhängen daran gewöhnt hat, nur Männer anzusprechen, ist nicht verwunderlich – sie waren schliesslich auch in den meisten Angelegenheiten die einzigen Adressaten.
Ich bin in eine Generation hineingeboren worden, für die viele Gewinne der weiblichen Emanzipation selbstverständlich sind. Junge Frauen in meinem Alter neigen gerne dazu, sich von feministischen Denkweisen prophylaktisch zu distanzieren – zu schnell wird man in eine Ecke gestellt, mit Alice Schwarzer (und ich hätte fast gesagt „&co.“, aber viel mehr kommt da eigentlich gar nicht), und so wirklich tut doch keinem die Missachtung gewisser sprachlicher Gender-Normen weh, oder?  Ich finde es sehr schwierig, hier ein gesundes Mittelmaß zu finden. Einerseits ist es wichtig, sich seiner Geschichte bewusst zu sein und eben auch deshalb beide Geschlechter konkret anzusprechen und nicht einfach davon auszugehen, dass der unbenannte Teil – der eben lange Zeit auch der ausgegrenzte und unbedeutende Teil war – sich schon angesprochen fühlt. Andererseits lese ich selber ungern Texte, die zugunsten der political corectness durch inflationär eingesetzte Sternchen, Unterstriche und eingeschobener Großbuchstaben bis zur Unkenntlichkeit dechiffriert worden sind. Aber wie in so vielen Angelegenheiten des Lebens frage ich mich einmal mehr, warum es auch hier anscheinend immer nur zwei Extreme geben muss. Nur weil man ein Mindestmaß an Bemühungen zur gleichberechtigten Sprache erwartet, muss man noch lange nicht allen sprechenden und schreibenden Menschen in seinem Umfeld das linguistische Leben zur Hölle machen. Aber ich verstehe beispielsweise nicht, warum ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn mir zwar ein personalisiertes Anschreiben mit all meinen erfassten Kundendaten senden kann und sogar weiß, dass ich „Frau Muschimieze“ bin, aber mich trotzdem im gleichen Atemzug als „der Reisende“ bezeichnet. Was vermutlich in zwei Minuten programmiert wäre und niemandem mit umständlichen Doppelformulierungen auf den Keks gehen würde, wird hier zugunsten einer patriachalischen Standardformulierung schlichtweg ignoriert. Aber was soll‘s, “der Zugbegleiter” wird schon wissen, wie das gemeint ist… Wer übrigens im öffentlichen Dienst arbeitet und sich als Frau über den Titel des „Amtsmanns“ geärgert hat, wurde sogar im Gegenzug lange Zeit mit dem Unwort „Amtsmännin“ abgespeist. An diesem Punkt bekomme ich meinen vorlauten Feministinnenmund gar nicht mehr zu vor lauter Fassungslosigkeit. Die umständliche Korrektur zur „Amtsmännin“ ist also möglich, die Bezeichnung der „Amtsfrau“ aber nicht? Es gibt sicher Situationen im Leben, in denen das ständig umsichtige Umformulieren der alltäglichsten Belanglosigkeiten lästig, nervig und in gewissem Maß auch nicht zwingend notwendig sind. Aber das rechtfertigt noch nicht die generelle Bagatellisierung des Wunsches nach geschlechterspezifischer Ansprachen und Formulierungen.

Ja, ich bin diese Muschimieze und nein, ich bin keine kleinliche Emanze. Nicht immer jedenfalls.

6 Kommentare

  1. FRAU

    Dein Geschlecht ist wichtig! Es muss immer benannt werden. Da stimm ich dir zu. Nicht umsonst nennst du dich Muschimieze. Du bist eine FRAU FRAU FRAU!!!!! Alles andere ist fast egal.

  2. Sexistischer Kackscheißer

    In Mali werden weiblichen Neugeborenen Klitoris und Schamlippen abgeschnitten, in Deutschland verwendet man gelegentlich das falsche Genus. So hat wohl jede ihr Päckchen zu tragen.

    • Ich denke nicht, dass es der richtige Weg ist Gesellschaftskritik mit dem Argument zu kritisieren, dass es woanders immer noch mehr Unrecht gibt. Das ließe sich endlos weiter spinnen. Demnach dürften wir wenig für unsere Gesellschaft relevante Themen auf den Tisch bringen, ohne uns für das Leid in anderen Ländern schuldig fühlen zu müssen. Warum noch über Bildungspolitik sprechen, wenn es woanders nicht mal Schulen gibt. Was in Mali geschieht ist ungeheuerlich und es steht außer Frage, dass solch furchtbare Verbrechen ein anderes Außmaß haben, als genderspezifische Sprachkritik. Ich möchte auch darauf verweisen, dass ich mich in dem Artikel auch relativierend äußere und Sprache nicht über alles stelle. Im Gegenzug finde ich eine Aussage á la: „Jetzt hab dich nicht so. Woanders werden Frauen von kleinauf körperlich verstümmelt, sei mal froh, dass du überhaupt angesprochen wirst und Bahn fahren darfst und halt die Klappe.“, auch ein wenig daneben.

  3. Wahn

    Ich finde es immer befremdlich, wenn man solche Dinge mit der Vergangenheit begründen muss. „Vor 5000-50 vor heute war noch alles kacke für uns Frauen“.

    Richtig ist dagegen, dass so ein Unsinn wie Amtsmännin, genauso beschissen klingt, wie Amts*Mensch*_Innen. Ansonsten ist allerdings gegen den normalen Stand der deutschen Sprache nichts einzuwenden und ich bin froh, dass alle Mädels in meinem Freundeskreis sich nicht wegen so nem Unsinn anstellen.

    • Was genau findest du befremdlich? Und das mit den „vor 5000-50 Jahren war alles kacke“ würde ich persönlich übrigens so nie formulieren – es gab sogar durchaus Kulturen und Gesellschaftsentwürfe die weit vor dem 18./19. Jahrhundert liegen und in einigen Hinsichten weiter entwickelt waren!

  4. Pingback: #Aufkotz: was bleibt nach dem Hashtag-Gewitter? | MUSCHIMIEZE

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