Happy Muschi-Day!

Was bleibt, wenn die rote Rose verwelkt und auch der letzte Rabatt-Code im Zeichen des Feminismus eingelöst worden ist? Frauentag-Retrospektive 2014.

Am Samstag wurde weltweit der internationale Frauentag „gefeiert“, kommentiert oder zumindest medial bemerkt. Man konnte der Dauerversorgung mit unterschiedlichster Berichterstattung und „Beglückwünschungen“ kaum entgehen, sei es auf Facebook oder im Radio – sogar auf dem Weg zur S-Bahn wurde ich morgens von einem Typen abgefangen, der mir zum Frauentag eine Rose schenken wollte. Ob blumige Giftcard oder tolles „Frauentag“-Angebot im Online-Shop, nach 24h-Stunden Presserummel ist es an der Zeit eine Bilanz zu ziehen. Die Bild-Zeitung stellte die Frage in den Raum, ob wir solche Aktionstage überhaupt brauchen würden – Frauentag, Vegetariertag, Biertag (ist das nicht alles das Gleiche?). Was war eigentlich nochmal der Sinn, dieses Tages und was ist überhaupt noch davon übrig geblieben?
Ursprünglich entstand der internationale Weltfrauentag zur Zeit des ersten Weltkrieges, als beispielsweise für das Wahlrecht der Frauen gekämpft worden ist, als Zeichen für Gleichberechtigung und weiblicher Emanzipation. Ein Tag, an dem man auf Erfolge zurückblicken und sich auf noch unerreichte Ziele besinnen konnte. Wenn man jedoch in den letzten Tagen eine Zeitung aufgeschlagen oder bei Facebook die Timeline durchgescrollt hat, schlug einem wenig politisches Engagement, dafür aber umso mehr florales Arrangement entgegen. Was einst der Vergegenwärtigung eines politischen Kampfs diente, wird heute als gewöhnliche Werbestrategie zunächst missverstanden und schliesslich missbraucht. Nicht ganz unberechtigt twitterte „Marx21“: „Frauentag? Blumen oder gleiche Löhne?“, seit wann möchte ich zu meinem biologischen Geschlecht beglückwünscht und im Sinne der Emanzipation gemäß klischeestringenter (Rosa! Shopping! Blumen!) medialer Selbstgerechtigkeit beschenkt werden? Doch offensichtlich ist das ursprüngliche Anliegen dieses Tages kaum noch in den Köpfen der meisten Menschen verankert, es ist vielmehr ein fragwürdiger Anlass geworden, eine falsch verstandene „Weiblichkeit“ bestenfalls grundlos, wenn nicht profitorientiert, zu zelebrieren. Nicht verwunderlich, dass renommierte Hotelketten und Wellness-Tempel ebenfalls auf den Zug aufsprangen und mit Verwöhnangeboten und Beautyspecials warben, Shopping-Events und Rabattaktionen gestartet wurden – alles im Zeichen des Frauentags. Ich habe mich ein bisschen im Netz umgesehen und bin auf zahlreiche mehr oder weniger fragwürdige Beispiele gestossen…

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Shopping Queens, Catwalk, Chicks, VIP-Lounge… da schlägt mein Frauen-äääh-Chica-Herz gleich höher!

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Frauentag, Biertag… ist doch alles das Gleiche, oder?!

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So läuft der Hase!

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Welche Frau möchte keine Prinzessin sein? Zum Glück gibt’s am Frauentag Gelegenheit dazu!

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Schnell, schnell, schnell! Frauentag ist nur einmal im Jahr!

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Scherz, den ich nicht verstanden habe? Kochen, Spülen, Kinder? #Hausfrauentag, #Klischeetag, oder wie?

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Ich weiß, das ist eigentlich im positiven Sinne gemeint… aber warum muss man sich denn überhaupt gegenseitig beherrschen?

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Und natürlich: Blumen, Blumen, Blumen!

Von harmlosen Shopping-Angeboten bis zu anzüglichen Sprüchen ist alles dabei, was das Hashtag-Herz begehrt. Das Ungleichgewicht zwischen gehaltlos-kommerzialisierten und politisch motivierten Beiträgen ist dabei enttäuschend und alarmierend. Natürlich tut ein gratis Nagellack bei jeder Bestellung keinem weh, aber es unterwandert den Sinn der ganzen Sache und entwertet sie gewissermaßen auch. Ich muss nicht dafür gefeiert werden weiblich, männlich, schwarz, weiß, groß oder klein zu sein. Und auch meinen Beitrag für die Gesellschaft kann ich von keinem der genannten „Eigenschaften“ pauschal ablesen, sodass man mir an einem willkürlich auserkorenen Tag nun einfach mal für irgendwas danken müsste. Solche Tage wurden initiiert, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Missstände die nicht nur Frauen, sondern auch Männer betreffen können – Bier hingegen jedoch eher weniger (da muss ich die Bild-Zeitung jetzt leider mal enttäuschen). Und auch an einem Männertag verspüre ich weniger das Bedürfnis meinen Freund, Chef oder Friseur für seinen Schwanz zu beglückwünschen (und diese Geste dann am besten mit einem männlichen Kasten Bier, einer Fußballkarte oder einem Live-Strip zu unterstreichen), als sich beispielsweise mit der Problematik von Väter-Rechten in unserer Gesellschaft oder der Abwertung von Männern in sozialen Berufen zu beschäftigen. Einem farbigen Menschen würde ich schliesslich an einem (in dem Fall fiktiven) Aktionstag auch nicht gönnerisch eine Bongo überreichen, um die Sklaverei und Benachteiligung seiner Vorfahren erträglicher zu machen. Wird langsam deutlich, worauf ich hinaus möchte?

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Natürlich habe ich den freundlichen Typen morgens auf dem Weg zur Bahn nicht dumm angemacht, für seine Bemühungen mir eine Blume schenken zu wollen (sondern lediglich höflich darauf hingewiesen, dass sich eine andere Frau mehr darüber freuen wird). Schliesslich war das eine nett gemeinte Aktion und hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich sehr daran interessiert gewesen, was ihn zu dieser Geste motiviert hat. Ich möchte an dieser Stelle auch niemanden angreifen, der einfach nur aus Nettigkeit Gratulationen und Blumengeschenke verteilt hat. Ich persönlich habe mich allerdings mehr über hämisch-ironische Kommentare wie diese hier gefreut, die ich zwischen all der missverstandenen Frauenfreundlichkeit erfrischend und unterhaltsam fand.

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In diesem Sinne verbleibe ich statt mit obligatorischem Blumenbouquet mit einem solidarischen: fühlt euch gefickt!

Lesetipps zum Thema:

Frauentagfails auf Tumblr

„Flower Power?“ auf Mädchenblog

Beitrag von Dandyliving

Beitrag von Marinas Lied

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