Muschiformance.

Ein kurzes Intermezzo für den kleinen Performance-Hunger zwischendurch. In den vergangenen zwei Monaten erregten zwei (mit dem weiblichen Geschlecht verbundene) Kunstaktionen öffentliches Interesse. Die „Craftivistin“ Casey Jenkins erstrickte sich textile Gebilde aus der Vagina heraus und die Schweizer Künstlerin Milo Moiré legte nackt „Eier“ vor der Art Cologne. Wer die Clips noch nicht kennt, dem sein sie wärmstens ans Herz gelegt – inwiefern sie das eigene Kunstverständnis jedoch ansprechen oder gar bereichern werden, sei allerdings dahin gestellt und an dieser Stelle offen gelassen.

Der Wolf auf tausend plateaus schreibt zu diesem Thema:
Casey Jenkins, Performerin und Craftivist, ist in einem Youtube-Video zu sehen, das eine Performance portraitiert, die die Aufmerksamkeit auf Körperpolitiken, -regime, Ressentiments gegenüber der Vagina und vollgeblutete Wollfäden lenken will. Ätherische Klänge im Hintergrund, verklärtes Gesicht, entspanntes im White Cube auf einer Bank sitzen und vor sich hin stricken – Kunst kann so entspannend sein. “Casting Of My Womb” produziert einen 28 Tage lang gestrickten Schal, dessen Faden aus einem Wollknäuel in der Vagina der Performerin kommt.

Den Begriff “Craftivism” musste ich erstmal bei Wikipedia nachschlagen. Eine von der dritten Welle des Feminismus inspirierte Form des Aktivismus, die sich dafür einsetzt, dass Weiblichkeit und Handarbeit, die Domäne des Häuslichen, wieder in den Feminismus integriert werden. Kurz gefasst: Hippie-Scheiße für verklärte Feminist_innen ohne realpolitische Ambitionen. Die Medien der Performance (Körper, im speziellen die Vagina, der in den Körper eingeführte Faden) werden als mutige Instrumente der Emanzipation und Gesellschaftskritik inszeniert. Es ist sehr einfach, viel zu einfach, von den Teilen des Schals angewidert zu sein, die vom Menstruationsblut gefärbt sind. Darauf zielt die Performance ab, darauf will Jinkens hinaus: mit Hilfe einer langweiligen, häuslichen Tätigkeit ihre Weiblichkeit affirmieren und ausstellen. Ihre Haltung ist dabei passiv-aggressiv und verstrickt: sie unterstellt, wenn auch berechtigt, ein schwieriges Verhältnis zum (eigenen) weiblichen Körper. Gleichzeitig essentialisiert sie aber ihre Weiblichkeit, verteidigt sie mit stumpfen Stricknadeln und baut in ihre Performance einen Strick ein, der jedem Kritiker das Genick brechen muss: wenn du mich angreifst, dann nur weil du angeekelt bist.

Der Ekel aber ist das Banale an dem Video. Er ist zu primär, zu leicht zu überwinden. Was übrig bleibt ist eine 28 Tage dauernde Übung in Selbstmitleid, bei der ein Schal aus einer Vagina wächst, der einfach nur ein aus einer Vagina heraus gestrickter Schal ist. Hippie-Scheiße. Genderkonservativität. Fehlgeleiteter Feminismus. Viel zu eindimensional ist Jinkens in ihrer Arbeit. Sie hat eine Masche fallen lassen und es nicht gemerkt.“

Ich persönlich stehe der Arbeit von Casey Jenkins nicht derart kritisch gegenüber, da ich insbesondere die Instrumentalisierung des weiblichen Geschlechts als Kunstmedium interessant und auch überfällig finde (ich habe in meinem Beitrag „Der Musch-Komplex „die mediale Unterrepräsentierung des weiblichen Geschlechts  und dessen latente Abwertung thematisiert).  Jenkins‘ Arbeit mag in gewisser Hinsicht „eindimensional“ sein und auch Schwächen haben, dennoch findet sie in meinen Augen ihre Berechtigung, da sie auf die simple Anerkennung und Akzeptanz des weiblichen Geschlechts abzielt. Mich erreicht die Arbeit nicht als Provokation oder Schockmanöver – sondern als Versuch die Vagina völlig unaufgeregt in ein alltägliches Geschehen zu integrieren und ihr so den „Ekelfaktor“ (der ihr leider in vielen geläufigen Darstellungen unweigerlich anhaftet) zu nehmen.

Mit ihrer Perfomance „#PloppEgg#1“ sorgte die Schweizerin Milo Moiré im April für Aufsehen ber der Art Cologne. Unvermittelt, aber offenbar minutiös einstudiert, errichteten sie und ihre Helfer auf dem Gelände ein Gestänge, auf dem die nackte Künstlerin breitbeinig mit bunter Farbe gefüllte Eier aus ihrer Vagina presste und so ein Bild unter ihr entstehen liess. Sie wollte mit ihrer provokanten Aktion die Entstehung von Kunst als Geburtsakt darstellen. Das entstehende Werk selbst, sei laut Künstlerin dabei „unkrontollierbar“ und „intuitiv“.

Mythos Männerhass. Punkt. Fragezeichen.

Jede Revolution fordert ihre Opfer. Im Zeit-Interview erklärt Femen-Anführerin Schewtschenko das Matriarchat zum Ziel aller feministischen Bemühungen – den Weg dorthin sollen blutendende Männer säumen, denn eine Revolution sei nun mal brutal. Freiheit, Gleichheit, Brüderlich-, äh Schwesterlich-… ja, was jetzt eigentlich? Der Kampf für Frauen ist für viele gleich zu setzen mit einem Kampf gegen Männer, gegen Sex, kurz gegen alles was Spaß macht. „Männerhass!“, ein Wort mit dem niemand in Verbindung gebracht werden möchte. Die wohl größte Fessel der Frauenbewegung, wirkungsvoll abschreckend – wer braucht schon Argumente, wenn es Stempel gibt, die sich keine aufdrücken lassen möchte. Es ist außerdem ein Wort, das ich noch nie aus einem aufgebrachten Frauenmund, dafür aber schon allzu oft den Chören gekränkter, weißer, heterosexueller, verletzter Männergruppen entnehmen durfte. Gibt es diesen universellen, alles vernichtenden Männerhass überhaupt? Frisst die Revolution ihre eigenen Kinder? Statt Männerherrschafft eine Damentyrannei – ich sehe lodernde Fackeln und aufblitzende Guillotinen an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Oder ist der vermeintliche Mythos doch bittere Realität, die durch die lila Brille zu schnell verkannt wird? Ich begebe mich auf die Suche nach diesem „Männerhass“. Passenderweise existiert das schlau klingende Synonym „Misandrie“ erst seit gut zwei Jahrzehnten, für sein Pendant den Frauenhass, gab es schon längst den Fachbegriff „Mysoginie“. Denn es waren schliesslich nicht die Männer, die systematisch unter Ausschluss zu leiden hatten und auch Frauen, die aus blankem „Männerhass“ heimtückisch morderten und vergewaltigten, machten sich in unserer Geschichte rar. Dennoch hält sich der Hass-Vorwurf hartnäckig und vor dem Hintergrund feministischer Aussagen, wie der von Schewtschenko, ist dieser wohl auch nicht immer direkt von der Hand zu weisen. Verzweifelte Distanzierungsversuche sind oft die Reaktion.

„Mein Mann ist nicht mein Klassenfeind, sondern der Fels in meiner Brandung!“, erklärt das geistreiche Schild einer jungen AfD-Wählerin, die vor lauter Naivität strotzend schon fast bemitleidenswert in die Handykamera schielt. Das können wahrscheinlich die meisten Frauen so unterschreiben. Denn wer ist schon mit seinem Feind zusammen. Vielleicht jene Frauen, die unter häuslicher Gewalt zu leiden haben? Müssten die ihren Mann, und somit stellvertretend womöglich alle Männer, nicht für das ihnen alltäglich bescherte Martyrium hassen? Das können wohl die Frauenhäuser verneinen, denn die meisten Frauen kehren zu ihren Peinigern zurück, verzeihen alles und geben sich noch selbst die Schuld. Stockholm-Syndrom at it‘s best, die fachgerecht domestizierte Hausfrau bleibt eben beim Herrchen. Die Frage drängt sich auf: dürfen Frauen überhaupt hassen? Diese liebevollen, verständnisvollen, empathischen, makellosen Geschöpfe? Ist weiblicher „Hass“ genetisch überhaupt möglich, evolutionär vorgesehen, geschweige denn gesellschaftlich gewollt? Natürlich nicht, schreien diejenigen, die sich selber nie als Feministinnen bezeichnen würden! Denn, so habe ich es genau aus diesen ach so männerfreundlichen Mündern schon allzu oft gehört, würden Frauen die Welt regieren, gäbe es keine Kriege mehr, keine Gewalt und kein Leid. Frauen können alles – und das auch noch gleichzeitig (Multitasking und so)! Männer, diese triebgesteuerten, machtbesessenen, untreuen Machos sind alle gleich – entweder besetzt oder beschissen. Er muss ein Gentleman sein, Rechnungen zahlen, Türen aufhalten und in Mäntel helfen, gut verdienen und größer sein. Wenn er einen sexistischen Witz reisst (denn er denkt ja bekannterweise immer nur an das Eine), gibt es verbal auf die Fresse, während die Dame selbst gern mal neckisch Hand anlegt. Ein Klaps auf den Po ist doch schon ok – kann ein Mann überhaupt sexuell belästigt werden? Wahrscheinlich nicht und wenn, dann kann er es gut wegstecken oder steht er doch insgeheim drauf. Ein Mann ist kein Opfer. Er ist immer nur der Täter. Stichwort Beziehung. Stichwort Kriminalität. Ja, Stichwort Wirtschaftskrise. Denn Hochmut kommt vor dem Phall.

Jetzt mal im Ernst, einen Männerhass, wie wir ihn vom Frauenhass kennen, lässt unsere patriarchalisch strukturierte Gesellschaft nicht zu. Diskriminierungen und Benachteiligungen, resultierend aus nicht zuletzt medial künstlich geschürter Angst und geschlechtsspezifischer Stigmatisierung, hingegen schon. Vorurteile und Ablehnungen die auch Männern aufgrund ihres Geschlechts entgegengebracht werden, finden im öffentlichen Diskurs kaum oder gar kein Gehör. Ein männlicher Babysitter oder Erzieher ist irgendwie komisch, „der soll mein Kind bloß nicht anfassen“. Der böse (schwarze) Mann ist der Grund, weshalb jugendliche Mädchen abends von Mutti nach der Party abgeholt werden und gleichaltrige Jungen „schon allein zurecht kommen“. Männer haben keine Ahnung von Mode, Erziehung, Kindern und Liebe und sind eigentlich doch alle gleich.

#Aufschrei hat vielen Frauen die Plattform gegeben, sich auszusprechen und Gehör zu finden. Ein wichtiger Hashtag, der die gesamte Bevölkerung für Sexismus gegen Frauen sensibilisiert hat – doch es gibt kein männliches Pendant dazu. Männerfeindliche Witze werden belächelt und selbst körperlich missbrauchte Männer noch verspottet und kritisch beäugt. „Frauen und Kinder zu erst!“, hieß es nicht nur auf der Titanic – Frauen werden zwar glorifiziert, aber in einem Abwasch auch entmündigt. Die wertende Unterscheidung zwischen den Geschlechtern hat Ungerechtigkeiten auf beiden Seiten zur Folge und patriarchale Systemstrukturen machen den mordenden Frauenhass (wie wir ihn aus Funk und Fernsehen ja zu Genüge kennen) erst möglich. Daraus resultiert teils berechtigte, teils überzogene Angst und Ablehnung gegenüber dem dominierenden Geschlecht, das nicht nur genauso viel Wert, nein, eigentlich auch genauso schwach oder stark, intelligent, dumm, emphatisch oder kaltherzig sein kann wie das „Schwache“. Die Antwort darauf kann wohl kaum ein negatives Abziehbild namens „Matriarchat“ (und sei es durch Schewtschenko auch noch so ironisch gefordert worden) sein. Das Problem ist nicht „der Mann“ oder „die Frau“ (ja ich weiß, das binäre Feindbild ist immer so schön bequem), sondern die Schubladen in unseren eigenen Köpfen, die nicht mehr zugehen wollen, wenn sich auf einmal Individuen voneinander abgrenzen und nicht mehr nur ihre Geschlechterrollen. Männer und Frauen eint mehr, als sie entzweit. Es könnte alles so einfach sein. Wenn wir aufhören würden kleinen Mädchen Puppen und kleinen Jungen Kriegsspielzeug in die Hand zu drücken. Wenn wir aufhören würden, „schwul“ und „Mädchen“ als Schimpfwort zu verwenden. Wenn wir aufhören würden, uns über weibliche Handwerkerinnen und Vollzeitpapas zu wundern. Wenn wir aufhören würden, fremde Erwartungen zu erfüllen und stattdessen eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Wenn wir aufhören würden die Unterschiede zu suchen und anfangen würden, die Gemeinsamkeiten zu sehen. Wir. Nicht er oder sie, du oder ihr. Wir.

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