Körperbilder: Leere? Ehre? Objekt.

Heute ist es wieder so weit:  der Wolf und ich haben uns Gedanken zum Thema Körperbilder und Ästhetikempfinden gemacht. Was die Muschimieze zu dem Motto „Wenn ich groß bin, werd ich Barbie.“ zu sagen hat, könnt ihr hier nachlesen.

Bühne frei, für den Wolf!

Ich scrolle in meinem tumblr-Dashboard nach unten und sehe vor allem eins: Körper. Viele, viele Körper. Die Reihenfolge ist ungefähr: Kunst, Bart, Bart, Muskeln, haarige Brust, Mode, haarige Brust, Bart, Bart, Bart, Porno-Gif, Bart, Porno-Gif ad infinitum.
Jetzt liegt das zum Teil an den Blogs, denen ich folge – aber diese Blogs wiederum bedienen sich auch nur aus einem Bilder-Pool, der zum Teil aus privaten, aber zu einem großen Teil auch aus kommerziellen Quellen gespeist wird. Auf tumblr setzt sich nur fort, was in der Bildertraumwelt ohnehin umherschwirrt.
Und diese Bilderwelt, ganz freudianisch gesprochen, beeinflusst unser Unterbewusstsein, weil das nur Symbole und Bilder kennt.
Müsste ich eine Galerie der Bilder anlegen, die mich beeinflusst haben, dann ist das so gut möglich, wie bei tumblr nach ganz unten zu scrollen. Zu viel Material, das tief unten vergraben ist, sodass es kein Ende gibt, keinen Anfang, auf den ich bewusst verweisen könnte.
Was ich aber sagen kann, was mir bewusst ist, ist, dass auch Männer von Körperbildern um sie herum geprägt werden. Genauer: was Männlichkeit überhaupt bedeutet, wird durch Bilder in medialen und kommerziellen Diskursen geprägt. Dabei ist Männlichkeit ab den 1990er Jahren immer mehr zu einem Zustand geworden, der nur durch die Kommodifizierung der Disziplin funktioniert. Einfacher gesagt: einen männlichen Körper kann man sich nur durch Disziplin und Geld erkaufen. Alle Körper, die außerhalb dieser Setzung liegen, sind damit defizitäre Körper. Darunter fallen dann auch Körper, die nicht in zweigeschlechtliche Ordnungsmuster fallen – aber rollte man das Feld vom Pol „Weiblichkeit“ her auf, passiert das gleiche.
Interessanterweise sind diese männlichen Idealkörper aber nicht mehr nur Subjekt, sondern auch Objekt. Um den Mann als Konsumenten zu gewinnen, als Konsumenten eines neuen Markts, muss der Mann sich selbst – ganz narzisstisch – als Objekt erkennen, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, denn der Kapitalismus kennt keine Ideologien oder Bedenken, nur den Konsumappell. Wie weit es mit der Objektifizierung der Männlichkeit in öffentlichen Diskursen gekommen ist, zeigt das Bild eines Verhafteten aus den USA, der gerade auf Facebook die Runde macht. Das tumblr hotandbusted.tumblr.com sammelt schon länger Bilder von heißen Typen aus dem Gefängnis.

Anfang der 00er Jahre, knapp zehn Jahre nach dem der Begriff „metrosexuell“ bereits verfügbar war, eine Wortschöpfung, die mehr populär als wissenschaftlich ist, wurde David Beckham als neuer Männertypus gefeiert. Auf der einen Seite kann man „Metrosexualität“ vielleicht als Weichmacher für harte, straighte Verhaltensmuster sehen, aber wie alle Weichmacher, hat das seinen Preis: es geht, wie oben gesagt, dabei eigentlich nur darum, einen neuen Markt zu erschließen, die gender-ideologischen Nebeneffekte sind egal. Jetzt, nach 20 Jahren metro, ruft der Erfinder des Begriffs zu einer neuen Wende der Männlichkeit auf: „spornosexual“, zusammengesetzt aus sport + porno, soll den Nagel der Hobby-Bodybuilder im Staruniversum auf den Kopf treffen.
Soweit im Mainstream.
In einem schwulen Kontext werden Körperbilder und Männlichkeit wieder anders verhandelt, wobei hier Selbstdisziplinierung und Kommodifizierung noch hartnäckiger arbeiten und hier ihren Anfang hatten. Der Vorwurf „metrosexuelle“ Männer sähen schlichtweg „schwul“ aus, deutet an, wie borniert die ganze Debatte war und noch immer ist. Wenn ein Mann sich selbst als Objekt erkennt, dann ist gleichzeitig schwul, weil ein „richtiger“ Mann nur als Subjekt funktionieren darf.
Jetzt fällt meine Pubertät in die Zeit von David Beckhams Popularität und ist die Pubertät nicht die Zeit, in der man anfängt, sich tatsächlich mit seinem Körper auseinanderzusetzen? Bin ich also ein Kind von zwei Diskursen – dem mainstreamigen Metrosexualitätsangebot und dem was in der schwulen (Sub-)Kultur so passierte? Wer beeinflusst mein Bild von mir und kann ich überhaupt ein gesundes Verhältnis zu mir selbst aufbauen?
Ich kann nicht leugnen, dass mein Körper mir manchmal Probleme bereitet hat. Es ist durchaus so, dass meine Figur mir wichtig ist und es ist durchaus so, dass meine Figur auch ein wichtiger Teil meines Selbstwertgefühls ist.
Trotzdem bin ich kein Gym-Bunny. Trotzdem geht es mir um einen positiven Diskurs und ein positives Verhältnis zu mir. Egal wie intellektualistisch ich an das Thema gehe: meinen Körper kann ich nicht wegrationalisieren und mein Körpergefühl auch nicht.

Ich muss an Zitate aus „Will&Grace“ denken, diese 90er-Sitcom mit Will, dem schwulen Anwalt und seiner besten Freundin, Grace, mit der er zusammen wohnt. An Witze, die ich als Teenager als Wahrheiten verinnerlichten, denen ich nicht gewachsen war:
Männer, deren Bauch weiter vorsteht, als ihre Brustmuskeln sind ekelhaft.
Eine andere 90er-Jahre-Weisheit:
Die drei B (Bart, Brille, Bauch) gehen gar nicht.
Viel hat sich seitdem geändert. Bart und Brille hatten oder haben gerade ihre Hochphase, der Bauch ist zumindest im Bärenkontext – und der wird immer weiter gespannt – in Ordnung.
Jetzt, da ich darüber nachdenke, sehe ich sie, die Vorbilder, die mir präsentiert wurden, mit all ihren Selbstzweifeln und dem Widerspruch zwischen ihren normierten Körpern und den Selbstzweifeln, die in Plots von Sitcoms diskutiert werden.
Was also von der Popkultur lernen? Zu viel Sport ist auch eine Körperstörung. Nur die Discomuskeln (Arme und Brust) trainieren ist auch keine positive Körperpolitik. Essstörungen sind ein Thema, das nicht nur Adressaten von weiblichen Körperbildern betrifft, sondern auch alle, die sich mit männlichen Idealen identifizieren wollen.

Unter der Diktatur der Bilder sind wir alle gleich, doch wir können sie bannen, wenn wir uns ihr bewusst werden. Schauen wir den Idealbildern in die Augen, erkennen wir ihre pixeligen Leerstellen.

 

#24hPolizei feat. Geschlechterdiskurs

Diese Woche hat uns die Berliner Polizei, im Rahmen einer gelungenen PR-Aktion, 24 Stunden über alles informiert, was in der Hauptstadt so anfiel. Als ich gerade interessehalber die ganzen Beitrage durchgeschaut habe, sind mir vor allem geschlechtsspezifische Auffälligkeiten ins Auge gefallen.

– Wenn von häuslicher Gewalt (bzw. von Gewalt zwischen Mann/Frau) die Rede war, ging diese ausschliesslich von Männern gegen Frauen aus.

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– Wenn in einem zweigeschlechtlichen Verhältnis eine Person bedrängt worden ist, dann war dies die Frau.

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– Wenn ein unbestimmter Hilferuf wahrgenommen worden ist, dann war dieser weiblich.

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– Wenn der bloße Verdacht einer möglichen Straftat ausgesprochen worden ist, dann richtete sich dieser (anscheinend unbegründete) Verdacht ausschliesslich gegen Männer.

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– Wenn eine Person hilflos und schutzbedürftig war, dann handelte es sich fast ausschliesslich um Männer.

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In der Vergangenheit hat es einige Studien und nicht wenige Diskussionen gegeben, die belegen wollten, dass Männer und Frauen gleichermaßen von häuslicher Gewalt betroffen wären. Daher habe ich es als sehr auffällig empfunden, dass ich zwar zahlreiche Beiträge gefunden habe, die Gewalt gegen Frauen thematisieren, aber keinen einzigen, der Gewalt gegen Männer (durch Frauen) behandelt (ich habe nur einen Beitrag gefunden, in dem eine alte, verwirrte Frau ihren Mann nicht mehr in die gemeinsame Wohnung lassen wollte – das steht aber wohl in keinem Verhältnis zu Häufigkeit und Intensität der aufgeführten Beispiele oben).

Ich sehe diesen Umstand keinesfalls als fadenscheinigen „Beleg“ dafür, dass Männer nicht auch unter Gewalt innerhalb von Partnerschaften leiden können. Doch woran liegt es, dass die Tweets so deutlich einseitig geprägt sind? Rufen Männer einfach nie um Hilfe? Oder ist der Anteil der Männer, der bei solchen Situationen krankenhausreif geschlagen wird, im Verhältnis einfach tatsächlich wesentlich geringer? Ist die Schwelle für Frauen viel niedriger, Hilfe zu erfragen? Sind Frauen eben doch signifikant häufiger von massiver häuslicher Gewalt betroffen? Oder melden sich Männer einfach in solchen Situationen nicht bei der Polizei?

Gleiches gilt für die unbestimmten „Hilferufe“: rufen Frauen eher nach Hilfe, als Männer? Oder werden Frauen einfach eher als Männer als Opfer wahrgenommen? Hilft man Frauen eher als Männern? Oder geraten Frauen öfter als Männer in die Situation sich Hilfe suchen zu müssen? Versuchen sich Männer eher selbst zu helfen, als Frauen? Können Frauen sich überhaupt selber helfen?

Dem gegenüber stehen dann die tatsächlich hilflosen und verwirrten Personen: die waren nämlich in der Regel männlich (und haben nicht selbst um Hilfe gerufen). Und wenn jemand einfach pauschal als Täter verdächtigt worden ist, dann war das natürlich ein Mann. In Anbetracht der ganzen anderen Vorfälle zu Recht? Oder ist der Generalverdacht gegen das männliche Geschlecht nur eine Nachwirkung der möglicherweise einseitig repräsentierten Vorfälle?

Besonders interessant fand ich auch den Aspekt, dass besonders viele Männer nicht von ihren Ex-Freundinnen ablassen konnten. Folge von strukturell verankertem Sexismus? Können diese Männer eine Abweisung einfach nicht ertragen? Oder stehen in der Realität genauso viele Frauen vor den Türen ihrer Ex-Männer – ohne, dass dies zur Anzeige kommt? Üben verlassene Frauen einfach auf eine andere Art Druck auf ihren Ex-Partner aus? Und wenn ja, woran liegt das?

 

Alles in allem sehe ich diese Tweets als treffendes Beispiel dafür, wie die Täter-Opfer-Rollenverteilung in unserer Gesellschaft ausgerichtet ist und wie Männer (stark, brutal, Täter)/ Frauen (schwach, hilflos, Opfer) oft wahrgenommen werden. Viele der Fragen sind sicher nicht so schnell final beantwortbar – aber sie bieten immerhin einige interessante Denkanstösse.

 

Sicher ist diese Momentaufnahme, die wir vom Alltag der Berliner Polizei erhalten haben, nicht repräsentativ und es kann natürlich auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Auswahl der Vorfälle* und die subjektive Wahrnehmung der Tweet-Verfasserinnen und Verfasser das Bild verzerrt. Ich kann außerdem nicht ausschliessen, bei den zahlreichen Tweets etwas übersehen zu haben!

*Angeblich wurden alle Einsätze wiedergegeben.