Free Your Boobs!

Es ist Sommer. An einem besonders heissen Tag verzichte ich auf meinen BH und muss eine böse Überraschung erleben. Denn Brüste scheinen in dieser Gesellschaft – von der Autowerbung bis zur Titelseite – überall ok zu sein. Nur am weiblichen Körper nicht.

Dass mir bereits auf dem Weg zur Arbeit dutzende Männer penetrant auf den Oberkörper starren, perlt regelrecht an mir ab. Denn angeglotzt zu werden, ist dem Frau-sein so inhärent, wie das allmonatliche Rumgeblute. Es verunsichert mich so wenig, wie es mich verwundert und gehört eindeutig zu den Dingen im Leben, mit denen ich mich mit der Zeit zähneknirschend abgefunden habe.

Erst als ich auf der Arbeit von einem Handwerker angesprochen werde, steigt langsam die Wut in mir hoch.

„Ist das nicht zu aufreizend für die Arbeit?“, fragt er mit einem netten Lächeln. Doch Freundlichkeit schützt vor Dummheit nicht.

Ich schaue zunächst an mir, dann an ihm herunter. Meine Brüste sind nur unwesentlich größer, als die bewarzten Speckröllchen, die er selber, anscheinend voll ignoranter Selbstverständlichkeit, vor sich herschiebt.
Bei mir zeichnet sich allerdings erheblich weniger unter dem weiten, blickdichten Shirt ab, als unter seinem hautengen und durchschwitzten Tanktop. Trotzdem scheint meine BH-losigkeit für ihn Anlass zur Thematisierung zu sein, während es nicht der Rede Wert zu sein scheint, dass die arme Welt schonungslos mit seinen eigenen ausladenden Rundungen konfrontiert wird.

In weiser Voraussicht hatte ich bereits ein locker sitzendes Oberteil gewählt, ohne Ausschnitt und mit Ärmeln, unter dem man meine Figur kaum erahnen konnte. Nur bei manchen Bewegungen zeichneten sich meine Brüste natürlich mehr ab, als wenn sie in zwei gleichförmig gepolsterte Schalen gepresst gewesen wären. Mein Kleidungsstil an diesem Tag ist wirklich alles andere als „aufreizend“. Und nur, weil ich meine Brüste anscheinend gesellschaftlichen Normen entsprechend nicht fachgerecht präsentiert habe, nimmt sich nun eine wildfremde Person das Recht heraus, dies zu bewerten und offen zu thematisieren.

Meine Brüste sind keine Auslage, an der sich jeder nach Belieben und Verfügbarkeit visuell, verbal oder gar handgreiflich bedienen kann.

Die Unterstellung, ich hätte mir mein Outfit morgens ausgesucht, um meine männlichen Mitmenschen ganz bewusst „aufzureizen“, ist regelrecht beschämend. Hier werde ich aufgrund einer spontanen, persönlichen Entscheidung, ungefragt und offenkundig zur barbusigen Lolita stilisiert. Verunsichert bleibt man dann mit dem klebrig-angewiderten Gefühl zurück, sich selbst zum Sexobjekt degradiert zu haben.
Doch selbst wenn ich in High Heels und Dessous zur Arbeit erschienen wäre, obläge es im Zweifel immer noch meiner Chefin, diese Kleidung gegebenenfalls als unangemessen zu tadeln. Angesichts der Tatsache jedoch, dass ich meinem Kritiker ungeschminkt, in sportlichen Shorts und Birkenstocks gegenüber stand, erscheint die ganze Situation nur umso absurder. „Aufreizend“ sieht anders aus.

Ich will in meinem Alltag nicht mit den Fantasien fremder Männer konfrontiert werden, die anscheinend glauben, dass eine Frau in meinem Alter nichts Besseres zu tun hat, als sich gemäß der gierigen Gelüste greiser Männer zu kleiden.
Wenn ich mir morgens Klamotten raussuche, dann denke ich in erster Linie an mich selber und nicht an fiktive, notgeile Männer die mir im Laufe des Tages begegnen könnten – woher kommt eigentlich diese selbstgefällige Arroganz zu glauben, ich würde meine Kleidung nach fremden Erwartungen und Ansprüchen wählen?
Wenn ich der Meinung bin (ich Flittchen!), am heißesten Tag des Jahres, auf den beengenden, scheuernden und unbequemen BH zu verzichten, dann wird diese Entscheidung auf einmal zum öffentlichen Ärgernis – denn meine Brüste, da muss ich wohl was missverstanden haben, sind keinesfalls Privatsache, sondern die Legitimation für übergriffige Bemerkungen, Blicke und Bewertungen.

Offensichtlich scheint es also nicht nur ein männliches Privileg zu sein, sich seiner Oberbekleidung nach Lust und Laune entledigen zu können – nein, auch der Verzicht auf kaschierende Unterbekleidung ist anscheinend eine Option, die Frauen in dieser Gesellschaft nicht zuzustehen scheint.

Während nackte Brüste auf Titelseiten von Tageszeitungen, in Videoclips und Werbeanzeigen völlig selbstverständlich sind, kann die Präsentation der nackten (weiblichen!) Brust im Alltag, sogar als Etikettenverstoss geahndet werden. Sprich: Verkaufe ich meine Brüste als Ware, wird dies gesellschaftlich akzeptiert – privat darf ich mit ihnen jedoch keineswegs machen was ich will, nein, ich muss sogar mit sozialer Ächtung rechnen, sofern ich sie allgemeinem Empfinden nach zu „freizügig“ präsentiere. Brüste als Ware? Ok! Brüste als natürlicher Teil meines Körpers? Auf keinen Fall! Wie Schizophren.

Ich verstehe nicht, wie unsere Gesellschaft Frauen einerseits so sexualisiert darstellt und wahrnimmt, das Verhüllen jedoch ebenso selbstverständlich zum Frau-sein dazu rechnet. Dieser Mechanismus scheint so grundlegend in unseren Köpfen verankert zu sein, dass er selber unsichtbar ist und den meisten Menschen überhaupt nicht bewusst zu sein scheint.

 

Einige Tage später, beobachtete ich im Park ein kleines Mädchen, vielleicht drei oder vier Jahre alt, wie es in einem Bikini auf dem Rasen spielte. Die Jungen daneben trugen lediglich eine Badehose. Und noch bevor ich artikulieren konnte, was mich an diesem Anblick genau störte, stieg das gleiche Unbehagen in mir hoch, das mir bereits durch das Gespräch mit dem Handwerker bekannt war.
Warum muss man den Oberkörper eines kleinen Mädchens, der sich anatomisch in keiner Weise von dem der gleichaltrigen Jungen unterscheidet, bereits kaschieren und verhüllen? Findet hier nicht bereits eine völlig unnötige Sexualisierung des unbedarften Kinderkörpers statt? Bringen wir kleinen Mädchen auf diese Weise nicht schon zu einem maßlos überfrühten Zeitpunkt bei, dass sie sich für ihren Körper schämen müssen, dass sie ihn verstecken und vor dem Blicken fremder Menschen „schützen“ müssen?
Während kleine Jungen hemmungslos „oben ohne“ (ein Begriff der eigentlich nur für Frauen verwendet wird) spielen dürfen, werden die Oberkörper von Mädchen bereits im Kindergartenalter fetischisiert.

Rechtlich gesehen gilt das präsentieren der nackten weiblichen Brust in deutscher Öffentlichkeit als Grenzfall –  „oben ohne“ kann, wohlgemerkt nur bei Frauen, eine Ordnungswidrigkeit darstellen, sofern sich jemand davon belästigt fühlt. In meiner Heimatstadt ist es sogar schon einmal vorgekommen, dass eine junge Mutter wegen des Stillens ihres Babys aus einem Restaurant verwiesen worden ist. Hätte sie mit ihren Brüsten nicht in privater Angelegenheit ihr Kind gefüttert, sondern sie (wie übrigens in den Werbeanzeigen eben dieses Restaurants üblich) gegen Geld öffentlich zur Schau gestellt, hätte wohl kein Hahn danach gekräht. (Die amerikanische Restaurantkette wirbt mit knapp bekleideten Pin Ups – sie tragen kurze Röckchen und aufgeknöpfte Blusen. Bluse auf für Pommes-Werbung? Ja, klar! Bluse auf zum Baby stillen? Platzverweis!)

Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb Feministinnen in den 70er Jahren ihre BHs verbrannten und FEMEN sich mit ihren nackten Brüsten von patriarchalen Konventionen befreien wollen. Auch wenn ich mich nicht pauschal mit diesen Strömungen identifiziere, so ist das Aufbegehren gegen den BH-Zwang in meinen Augen dennoch ein sinnvolles rebellieren einer völlig archaischen Norm.
Unsere Gesellschaft ist darauf konditioniert, weibliche Brüste als Ware zu betrachten, die von außen reguliert werden muss, während Männer, und mögen ihre Brüste auch noch so viel größer als jedes A- oder B-Körbchen sein, von diesem Zwang unberührt bleiben.

Auf Facebook müssen harmlose Oben-Ohne-Urlaubsfotos retuschiert werden, während anderes, eindeutig pornografisches, wenn auch bekleideteres, Bildmaterial, teilweise völlig unbehelligt online bleiben darf. Auf Instagram wurden bereits eine Reihe Accounts von prominenten „Brustträgerinnen“ gelöscht, woraufhin sich eine Gegenbewegung zur Prüderie mit dem Namen „Free The Nipples“ formiert hat. Topmodel Cara Delevingne, Rihanna und Miley Cyrus, um nur einige populäre Unterstützerinnen der Aktion zu nennen, wehren sich gegen die unfairen Nutzungsbedingungen und den Zustand, dass in einigen US-Bundesstaaten das Zeigen weiblicher Brustwarzen verboten ist.

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Ein Post im Rahmen der „Free The Nipples“-Aktion verdeutlicht, wie albern und überflüssig Nippel-Zensur sein kann.

Aber kommen wir zur Pointe meiner verdrießlichen Ansprache. Ich fordere keineswegs die solidarische Verhüllung der männlichen, sondern, schlicht und ergreifend, die Salonfähigkeit der weiblichen Brust.

Ich habe keine Lust mehr, mein T-Shirt anzubehalten, wenn es auf Open Airs immer heisser wird, ich sehe nicht ein, warum ich einen BH tragen soll, wenn ich das gerade nicht möchte und ja, warum sehen viele Männer es eigentlich als Selbstverständlichkeit an, in Kaufhäusern mitten auf dem Gang Kleidung anzuprobieren, während Frauen sich ganz „sittsam“ bei den Umkleiden anstellen? (Glaubt mir, nach vier Jahren Einzelhandel weiß ich, wovon ich spreche!)

Wenn ich der Meinung bin, keinen BH zu tragen, dann ist das meine ganz persönliche Entscheidung und wenn sich dadurch ein wildfremder Mann in meinem Umfeld „aufgereizt“ fühlen sollte, dann möchte ich das ebenso wenig kommentiert wissen, wie dessen letzten Stuhlgang oder Masturbationsintermezzo.

Das geht mich nämlich genauso wenig etwas an, wie ihn meine Brüste!

 

Feminismus fickt! Ein Treffen in Wien.

Patrick Catuz mit Buch

Der Titel „Feminismus fickt!“ provoziert und erregt Aufmerksamkeit. Als ich im Netz über das Werk von Kulturwissenschaftler Patrick Catuz gestolpert bin, habe ich mir gleich gedacht, dass die Thematik ambivalent und spannend sein dürfte. Also habe ich mich kurzerhand mit dem Autor in Wien getroffen – über männliche Komplizenschaft im Feminismus, Macho-Mainstream und positive Aspekte der Internetpornografie.

Muschimieze:
Eine viel zitierte Aussage von dir lautet: „Die Frage sollte nicht lauten, was feministischer Porno ist, sondern, was er sein könnte.“
Das ist doch eine sehr passende Eingangsfrage: Was könnte feministischer Porno denn in deinen Augen sein?

Patrick Catuz:
Für mich ist das ein Schlüsselsatz. Ich hab das gerade gestern wieder in einem Pornoseminar gehabt, wo eine Teilnehmerin aufgezählt hat, was am Mainstreamporno zu kritisieren sei – beispielsweise bezogen auf Herabwürdigung von Frauen in Mainstreampornografie. Und die Teilnehmerin hat in dieser Reihe eben auch den Cumshot, also die externe Ejakulation ins Gesicht, aufgezählt. Das ist eine Praktik, die speziell vom konservativen oder gemäßigten Feminismus, oder von PorNO-Seite, gerne gebrandmarkt wird, quasi als Sinnbild dessen, wie die Herabwürdigung von Frauen per se dargestellt wird. Aber in meinen Augen geht es beim feministischen Porno, um das jetzt auf meine Aussage herunter zu brechen, eben nicht um eine konkrete Praktik, die man tun darf oder nicht, sondern um die Art und Weise, wie man die Dinge tut. Das ist zum Beispiel auch das, was mir an Erika Lust so gefallen hat. Ich habe mich nicht grundlos dafür entschieden, mit ihr zu arbeiten. Ich schätze an ihr, dass sie so undogmatisch ist und sich eben nicht an einen „Regelkatalog“ bindet.

Muschimieze:
Du sagst also im Prinzip, dass auch Praktiken, die auf den ersten Blick unterwerfend oder herabwürdigend erscheinen können, vom devoten Part selbstbestimmt dargestellt werden können?

Patrick Catuz:
Selbstverständlich. Der Sexakt ist immer auch ein Rollenspiel. Bei wem spiegelt sich denn das, was beim Sex ausgelebt wird, im alltäglichen Leben so wieder? Und ich meine damit beispielsweise Menschen, die eine Vorliebe für SM-Praktiken haben. Das eine hat nicht zwangsläufig etwas mit dem anderen zu tun.

Muschimieze:
Wie ist das denn beispielsweise bei der Pornodarstellerin Sasha Grey. In ihren Filmen nahm sie oft an Praktiken teil, die gemeinhin als frauenverachtend wahrgenommen werden. Dennoch wird sie immer wieder als Beispiel für selbstbestimmte oder „emanzipierte“ Pornografie genannt.

Patrick Catuz:
Ich hab mich bisher nicht eingehend mit Sasha Grey beschäftigt und bin mir nicht sicher, ob diese Figur nicht auch eine gewisse Ambivalenz in sich trägt. Pornos sind in erster Linie Filme und Filme sind eine Inszenierung. Wir können von der Medienfigur Sasha Grey nicht wirklich auf die Person dahinter schließen. Um herauszufinden, was die Leute da tatsächlich machen, müsste man sich die Produktion ansehen. Das kann man nicht allein von dem vermittelten Bild ableiten. Auch nicht, wie PorNO behauptet, ob Leute dazu genötigt wurden, ob sie etwas gerne machen oder nicht, weil das Darstellende sind, die Rollen spielen. Das wird inszeniert, hinterher geschnitten und bearbeitet – was natürlich die Umstände am Set verfälscht und eine Illusion erzeugt. So ist das bei jedem Film und in jedem Genre. Nur beim Porno neigen wir dazu, am Bild bewerten zu wollen, was da wirklich passiert ist, wie es den Leuten dabei geht und wie die Machtverhältnisse sind. Bei jedem anderen Film kämen wir nicht auf die Idee.

Patrick Catuz 2

„Ich glaube nicht, dass Medien etwas mit uns machen. Ich bin radikaler Verfechter der Haltung: Wir machen etwas mit Medien! “

 

Muschimieze:
Aber bilden beispielsweise Produktionen, ungeachtet dessen unter welchen Umständen sie Zustande kamen, beispielsweise in denen Frauen immer und immer wieder als untergeordnet und „erniedrigt“ dargestellt werden, nicht auch die Grundlage für Sehgewohnheiten und somit die Brücke vom Fiktiven zum Realen? Können solche stereotypen Darstellungen Menschen nicht unterbewusst beeinflussen?

Patrick Catuz:
Ich glaube nicht, dass Medien etwas mit uns machen. Ich bin radikaler Verfechter der Haltung: Wir machen etwas mit Medien! Deshalb müssen wir uns die Frage stellen, wieso Leute spezifische Medieninhalte konsumieren. Wir können uns natürlich auch Gedanken darüber machen, was für eine Haltung diese Inhalte vielleicht transportieren. Ich glaube jedoch nicht, dass, so wie es vor einigen Jahrzehnten von den Verfechterinnen der PorNO-Kampagne dargestellt worden ist, Pornos „Vergewaltiger“ produzieren würden. Es ist nicht so, dass ein Mann sich eine Vergewaltigung im Porno ansieht, raus geht und selber vergewaltigen will.
Man kann auch distanziert Medieninhalte schauen oder sie gegen den Strich lesen.

Muschimieze:
Du glaubst also nicht, dass es auch Menschen gibt, die Medien undifferenzierter konsumieren? Können bestimmte Darstellungen nicht auch Sehgewohnheiten schaffen und so zur Selbstverständlichkeit werden? Ich beziehe diese Frage nicht zwangsläufig auf Vergewaltigungen, sondern schon auf viel subtilere Einflüsse und Folgen.

Patrick Catuz:
Ja, doch, das glaube ich schon. Aber ich glaube auch, dass das eine Melodie ist, die von einem ganzen Orchester gespielt wird. Die Pornografie ist in dem Ganzen nur ein Instrument. Und wenn wir jetzt in so einer schönen, geschlechtergerechten Gesellschaft leben würden, dann würde ein frauenverachtendes Bild in der Pornografie, um das jetzt mal ganz platt runterzubrechen, nur eine kleine Dissonanz erzeugen. Ich glaube, dass die Dinge, bei denen wir Angst haben, sie könnten bei den Menschen durch Pornografie ausgelöst werden, bereits tief in dieser Gesellschaft verankert sind. Die Verdinglichung und Herabwürdigung der Frau finden wir in allen Mainstream-Medien: in Hollywood-Filmen, auf Werbeplakaten, an Schaufensterpuppen – einfach überall. Und ich glaube, wenn wir das alles auf die Pornografie schieben, dann machen wir es uns ein bisschen zu leicht. Dann haben wir ein schwarzes Schaf gefunden und brauchen uns keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie weitgehend das doch eigentlich unseren ganzen Alltag begleitet. Und zwar nicht die Pornographie, sondern etwas Profunderes. Wir verkaufen Autos und Bratwürste mit nackten Frauen, die in diesem Zusammenhang nur Dekoration für ein Konsumobjekt darstellen. Es gibt auch viele Überschneidungen, zwischen Werbung und Pornografie. Dem, was da dahinter steckt, werden wir jedoch nicht gerecht, wenn wir uns nur an die Pornographie wenden. Dafür bräuchten wir eine umfassendere Kapitalismuskritik.

Muschimieze:
Das geht sicher Hand in Hand und potenziert sich möglicherweise auch gegenseitig. Mediale Mainstream-Darstellungen gewinnen möglicherweise auch ihre Legitimität durch den typischen Mainstream-Porno. Wo liegt da jetzt eigentlich genau der Unterschied zum feministischen Porno?

Patrick Catuz:
Da spielen zwei Faktoren eine Rolle: Der Eine ist die Produktion. Ich würde es durchaus auch als feministischen Porno bezeichnen, wenn es sich um eine Unternehmung handelt, die von Frauen geführt wird. Ich würde sogar dann von einem feministischen Porno sprechen, wenn sich das Bild nicht sonderlich von den geläufigen Darstellungen unterscheidet – allein aufgrund der Tatsache, dass eine Frau hinter der ganzen Angelegenheit steht. Die Pornoindustrie ist noch sehr stark davon geprägt, dass dort Frauen nichts anderes tun, als Darstellerinnen oder vielleicht noch Make-Up-Artists zu sein. Es gibt in der Regel keine Regisseurinnen oder Produzentinnen, sie sind massiv unterrepräsentiert in Positionen, in denen man irgendwie etwas zu melden hat. Insofern würde ich dem einen großen Wert beimessen. Der andere Faktor ist, dass die Frauen, die in den letzten 15 Jahren in die Pornoindustrie geströmt sind, auch die Arbeitsweise verändert haben. Durch diese andere Herangehensweise, andere Produktionsabläufe, ändert sich auch mit der Zeit das Bild, dass am Ende dabei herauskommt. Allein schon dadurch, dass die meisten keine Lust darauf haben, Filme zu machen, die einfach nur männliche Bedürfnisse befriedigen.

Patrick Catuz seitlich

„Bei einer Podiumsdiskussion hat sich einmal eine Philosophie-Professorin an die anwesenden Männer gerichtet, die ich vielleicht als Feministen bezeichnet hätte, und sie „Komplizen“ genannt. Ich habe keinen Bock darauf, nur Komplize zu sein. Ich sehe mich nicht als Komplize.“

Muschimieze:
Du würdest also selbst eine Produktion, die diesen geläufigen Pornostereotyp der weiblichen Unterwerfung reproduziert und sich an einem imaginiert mannhaften Betrachter orientiert, als feministisch bezeichnen – nur weil sie von Frauen geleitet wird?

Patrick Catuz:
Ja! Denn ich glaube, wir müssen das als Weg interpretieren. Manchmal muss man halt einen Schritt zurückgehen, um zwei nach vorne zu kommen. Wenn du dir die Anfänge von Candida Royalle in den Neunzigerjahren mit ihren Femme Productions beispielsweise anschaust. Das war eine Pornodarstellerin in den USA, die bereits in den 80ern den „Club 90“ gegründet hat, aus dem dann später ihre eigene Produktionsfirma entstanden ist. Dort haben sich Pornodarstellerinnen zusammengetan und darüber nachgedacht, wie sie Porno verändern können. Und eben nicht nur mit irgendwelchen Gesetzesentwürfen, wie die PorNO-Verfechterinnen. Sie haben angefangen, ihre eigenen Filme zu produzieren und hatten zu diesem Zeitpunkt wenig Material, an dem sie sich, außerhalb des Mainstreams, orientieren konnten. Es mussten also zunächst neue Wege gefunden werden. Und dabei macht man natürlich auch Fehler. Bei den meisten Fem Porn-Produktionen findet man auch heute noch Aspekte, an denen man vielleicht noch arbeiten könnte.
Es wird doch nirgends so leidenschaftlich darüber gestritten, was feministisch ist, wie im Feminismus selber. Und das ist auch jetzt bei den aktuelleren Titeln so. Die Candida Royalle-Produktionen haben sich noch sehr stark am Mainstream orientiert und man musste einige Fantasie aufbringen, um feministische Aspekte erkennen zu können. Aber selbst bei den heutigen Erika Lust-Filmen, kommt man immer wieder mal an einen Punkt, an dem man ein bisschen Nähe zum männlichen Mainstream ausmachen kann. Wir befinden uns einfach in einem Entwicklungsprozess. Nach so vielen Dekaden männlich dominierter Pornogeschichte haben sich einfach bestimmte Darstellungsformen einzementiert und das bricht eben nur langsam auf.

Muschimieze:
Kann man auch in feministischen Produktionen die Nähe zum männlichen Mainstream bewusst einsetzen?

Patrick Catuz:
Ja, klar!

Muschimieze:
Stichwort: feministisch. Hattest du Hemmungen diesen Begriff im Titel deines Buches zu verwenden, da er oft vorbelastet ist und möglicherweise viele fehlleitende Assoziationen weckt?

Patrick Catuz:
Ob ich Angst hatte, dass das Wort „Feminismus“ gewisse Vorbehalte bei den Leserinnen und Lesern wecken könnte? Nein, ich hatte ehrlich gesagt eine ganz andere Befürchtung. Ich identifiziere mich, solang ich denken kann, als Feminist. Mit der Haltung bereits in Kindheit und Jugend, noch bevor ich das überhaupt mit diesem Begriff in Verbindung bringen konnte. Und daher hatte ich schon öfter das Problem als Mann in feministischen Kreisen als Feminist gelten zu dürfen. Bei einer Podiumsdiskussion hat sich einmal eine Philosophie-Professorin an die anwesenden Männer gerichtet, die ich vielleicht als Feministen bezeichnet hätte, und sie „Komplizen“ genannt. Ich habe keinen Bock darauf, nur Komplize zu sein. Ich sehe mich nicht als Komplize.

Muschimieze:
Kein Bock auf lila Pudel?

Patrick Catuz: (lacht)
Genau. Also ich war mir dessen bewusst, dass es schwer wird ein Buch zu schreiben, in dem man als Feminist für Pornografie spricht. Es ist aber auch schon schwer genug als Mann für den Feminismus zu sprechen. Ich habe mich dazu entschlossen, mit dieser Problematik zu spielen und so bin ich auch zu dem Buchtitel, Feminismus in Kombination mit dem eher unschicklichen Wort „ficken“, gekommen. Mir war klar, dass ich als Mann und als Feminist sowieso nur provozieren kann. Aufgrund dieser Tatsache habe ich mich dazu entschlossen, gleich auf‘s Ganze zu gehen.

 

Patrick Catuz mit seinem Buch

„Dabei hat Internetpornografie nicht nur Nachteile. Sie hat für eine Demokratisierung des Genres gesorgt. „

Muschimieze:
Findest du, dass es ausreichen würde, wenn feministischer Porno ein Gegengewicht zur bestehenden Industrie ausmacht – oder wäre es sogar wünschenswert, dass er den Mainstream-Porno gänzlich ablöst?

Patrick Catuz:
Der Mainstream-Porno ist sicher nicht gänzlich abschaffbar und ich weiß auch nicht, ob das unbedingt notwendig ist. Was meiner Meinung nach wichtig ist, dass wir die Arbeitssituation verbessern und möglicherweise auch die Vermittlung einer gewissen Medienkompetenz, dass Porno eben keine Dokumentation ist.

Muschimieze:
Wirkt das starke Aufkommen von Internetpornografie nicht dem Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen entgegen? Schliesslich schaden YouPorn& Co. der Industrie, drücken Löhne und können jeden beliebigen Hinterhof zum Pornoschauplatz machen.

Patrick Catuz:
Das stimmt für den Mainstream, aber Internetporno hat das Aufkommen von feministischer Pornografie überhaupt erst in diesem Ausmaß möglich gemacht. Das Internet hat Produktionen fernab der großen Distributionshäuser, die alles filtern, erst realisierbar gemacht. Wenn du früher einen Porno machen wolltest, bist du zu einer großen Firma gegangen und hast deine Idee vorgestellt oder gleich eine Produktion verkauft. Die haben aber nur Titel genommen, bei denen sie sich gedacht haben, dass sie auch ein breites Publikum ansprechen.

Muschimieze:
Männer?

Patrick Catuz:
Ja und möglichst viele! Die Produktion sollte eine möglichst breite Zielgruppe erreichen, möglichst viele Männer erschließen. Und nun ist es ja auch nicht so, dass alle Männer den gleichen Geschmack hätten. Es wurde nach einem Stereotyp Mann gefischt, der so ja auch nicht haltbar ist. Die Tatsache, dass alternative Produktionen mittlerweile überhaupt möglich sind, ist dem Umstand geschuldet, dass man heutzutage alles relativ unkompliziert selber in die Hand nehmen kann, wenn man möchte. Alle Glieder der Wertschöpfungskette können von den Produzierenden selbst kontrolliert werden. Die „Gatekeeper“ sind einfach verschwunden. Und daran geht die Mainstream-Industrie mittlerweile auch nach und nach zu Grunde. Sie stellen sich einfach nicht auf die neuen Anforderungen ein.

Muschimieze:
Also ist der Internetporno ein feministischer Gewinn?

Patrick Catuz:
Wir können in jedem Fall von ihm profitieren. Internetpornografie wird gerne kategorisch abgewertet, nach dem Motto: „Denkt auch jemand mal an die Kinder?“.
Dabei hat Internetpornografie nicht nur Nachteile. Sie hat für eine Demokratisierung des Genres gesorgt. Niemand denkt darüber nach, was sich dabei überhaupt erst für Möglichkeiten erschließen, wenn Amateure anfangen, Plattformen wie YouPorn mit nicht-kommerziellen Inhalten zu fluten.

 

Patrick Catuz 'pssst'

„Fem Porn ist ja kein Projekt, dass das ganze Ding für Frauen nur umdrehen möchte, sondern von dem beide Seiten profitieren können. Genauso wie Feminismus letztendlich auch zum Vorteil für Männer ist.“

 

Muschimieze:
Glaubst du, dass weibliche Sexualität ein anderes Konsumbedürfnis hat, als männliche? Ist die Ausrichtung des Produkts „Porno“ auf Geschlecht und sexuelle Orientierung überhaupt notwendig?

Patrick Catuz:
Ich glaube nicht, dass das in der Sexualität von Frauen oder Männern selbst liegt. Fem Porn hatte das Problem, dass Frauen als Pornokonsumentinnen überhaupt erst erschlossen werden mussten. Frauen als Gruppe musste erstmals vermittelt werden, dass sie Porno „wollen können“, bzw. dass es einen anderen Porno geben kann. Insofern mussten die Produzentinnen des Fem Porn ihre Titel und Produktionen auch ganz anders vermitteln, als herkömmliche Produktionen. Oft war das Label „Porno“ selbst Gegenstand der Debatte, da ihm einschlägige Assoziationen anhaften. Fem Porn will Platz für Frauen in der Pornografie schaffen und sich eben nicht mehr an den Bedürfnissen von Männern abarbeiten. Frauen sollen kein Konsumobjekt mehr sein, sondern ihnen soll die Möglichkeit zugestanden werden, ihren Bedürfnissen zu folgen und zu befriedigen. Dabei ist Femporn keineswegs eine Kategorie die nur für Frauen gedacht ist. Im Gegenteil – nur weil die Frau als Akteurin mitberücksichtigt wird, heißt das nicht, dass nicht auch viele Männer gerne diese Produktionen schauen. Hier wird teilweise versucht, eine realistischere Sexualität darzustellen – das erreicht Frauen und Männer gleichermaßen.
Das ist wie im Feminismus allgemein. Fem Porn ist ja kein Projekt, dass das ganze Ding für Frauen nur umdrehen möchte, sondern von dem beide Seiten profitieren können. Genauso wie Feminismus letztendlich auch zum Vorteil für Männer ist.

 

Cover Feminismus fickt!

Patricks Arbeit interessiert dich? Dann kannst du auf seiner Webseite vorbeischauen oder dir sein Buch auf Amazon bestellen.

Wenn du Lust auf gelungene Beispiele feministischer Pornographie bekommen haben solltest, – und nein, die „Female Choice“-Kategorie auf YouPorn (der ein kitschiges Blumenbouquet im Hintergrund des Geschehens ausreicht, um den Clip als frauenfreundlich zu kategorisieren) gehört nicht dazu – schau doch mal auf der Seite von Erika Lust vorbei oder dir ihren FIlm „Cabaret Desire“ an – an dem hat Patrick übrigens auch mitgewirkt.