Wenn ich groß bin, werd ich Barbie.

Was macht uns zu dem Menschen, der wir heute sind? Diese einmalige Genkombination, die sonst niemand mit uns teilt und sich dennoch aus den ewig gleichen Bausteinen zusammensetzt? Oder ist es der omnipräsente und dennoch weniger greifbare Faktor „Sozialisation“, die unausweichliche Mischung aus Bedingungen und Erwartungen, bestehend aus den Möglichkeiten, die uns theoretisch zur Verfügung stehen, und dem, was ganz real von uns gefordert wird. Was wir dafür tun müssen, um „richtig“ zu sein und den für uns reservierten Platz in dieser Gesellschaft „gebührend“ auszufüllen.

Woher kommt dieses treibende Gefühl, etwas Bestimmtes sein oder erreichen zu wollen? Oder einfach nicht zu passen, in diese Welt, die doch eigentlich unser Zuhause sein sollte?

Wer damit beginnt, seine eigene Persönlichkeitsentwicklung zu hinterfragen, landet unweigerlich bei ganz alltäglichen, banalen Dingen. Themen, Menschen oder Beschäftigungen, mit denen man tagtäglich konfrontiert worden ist und
die das eigene Unterbewusstsein so subtil und ungehindert prägen konnten.
Ich war nie ein Prinzessinnen-Mädchen. Zum Fasching ging ich als Pippi Langstrumpf in zerrissenen Strumpfhosen und auch an den restlichen 364 Tagen im Jahr liess ich keine Gelegenheit aus, Kleidungsstücke durch Raufereien zu zerstören. Ich litt eher an Selbstüberschätzung, als an Ängstlichkeit, zog mir unentwegt irgendwelche absurden Verletzungen zu und galt im Vergleich zu manchen männlichen Altersgenossen als draufgängerisch. Ich hatte viel unterschiedliches Spielzeug und ja, auch ich hatte eine Reihe Barbies, mit denen ich mich leidenschaftlich gerne beschäftigte. Das war für mich zu dem Zeitpunkt völlig selbstverständlich. Etwas, für das ich mich (wohlgemerkt als Mädchen) nicht schämen musste und auch durch niemanden wirklich hinterfragt worden ist. Erst über ein Jahrzehnt später dämmerte mir langsam, dass die wenigsten Dinge im Leben einfach an einem vorbei schrammen, ohne ihre Spuren zu hinterlassen.

Das Thema „Barbie“ wurde in den vergangenen Jahren kontrovers diskutiert. Dass die Maße der blonden Puppe jede „echte“ Frau nicht nur unfruchtbar, sondern schlicht nicht überlebensfähig machen würden, ist mittlerweile gemeinhin bekannt. Studien haben zudem medienwirksam belegt, dass Mädchen, die mit „Barbie“ spielen, bezogen auf ihr eigenes Aussehen unsicherer und unzufriedener sind, als ihre barbielosen Geschlechtsgenossinnen. „Lasst doch die Mädchen Mädchen sein!“, fordern hingegen jene Sympathisantinnen, die in der gesamten Barbie-Debatte nur einen weiteren, unnötigen Auswuchs einer ohnehin bereits viel zu theoretischen Fragestellung sehen.

Doch gibt es wirklich nur diesen einen Weg, ein „echtes“ Mädchen zu sein?

Wenn wir mal ganz ehrlich sind, dann vermittelt Barbie ein obsoletes Frauenbild aus den biederen 50er Jahren. Immer perfekt frisiert und statisch lächelnd stelzt das Plastikweibchen auf ihren völlig deformierten Füssen (die ohne Absätze unter den Hacken nicht mal des Laufens fähig wären) durch ihre pinke Mädchenwelt. Sie ist stark geschminkt, denn Frauen machen sich natürlich immer schön, und ihre deutlich sexualisierten Körperproportionen führen schon kleine Mädchen an die Perspektive eines imaginiert männlichen Betrachters heran (und die damit einhergehende Erwartungshaltung soll sie später ihr Leben lang begleiten).
Denn auch, wenn die Zielgruppe eindeutig weiblich ist, so orientiert sich die Darstellung der Figur „Barbie“ dennoch an einem dualistisch ausgerichteten Frauenbild, das suggeriert: Das ist richtig, so musst du sein. Dass die Wahrnehmung des fiktiven Betrachters nicht der Erwartung realer Männer entsprechen muss, ändert nichts an der prekären Situation, in die schon junge Mädchen im direkten Vergleich mit der Retorten-Beauty gebracht werden.

Barbie kommt nicht nur mit unrealistischen Maßen daher, sie demonstrierte beispielsweise im „Barbie Dreamhouse“ in Berlin auch gleich was als „passende“ Beschäftigungen für Mädchen so in Frage kommt: backen, shoppen, schminken! „Träume werden wahr!“ – wie der Hersteller Mattel auf seiner Internetseite propagiert. Aber wessen Träume eigentlich? Die der Mädchen, die offenbar genetisch darauf abgerichtet zu sein scheinen, ihr Leben in der Küche und vor dem Spiegel zu verbringen oder die eines kapitalistischen Großkonzerns, der einfach gut daran verdient, Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuzuweisen?

Als achtjähriges Mädchen setzt man sich gewiss nicht mit der optischen Darstellung der geliebten Puppe kritisch auseinander, noch wird sie wirklich bewusst wahrgenommen. Und vielleicht liegt genau hier das Problem. Sie wird täglich in die Hand genommen, mit ihren riesigen Brüsten und der unrealistisch schmalen Taille. Im schlanken Kinderkörper (an dieser Stelle gehe ich mal von meiner eigenen Ausgangssituation aus) steckend, der wie Barbie weder über eine ausgeprägte weibliche Hüfte noch über potenzielle Fettpölsterchen am Bauch verfügt, liegt eine mögliche Erwartungshaltung auf der Hand: den Körper hab ich schon, wenn ich erwachsen bin, kommen noch die Brüste dazu!

Doch dass Hormone nicht nur Brüste wachsen lassen (und zum Leidwesen vieler jugendlicher Mädchen, auch nicht im durch Barbie suggerierten Maß), sondern auch Becken, Fetteinlagerungen und Haare so ziemlich überall, wo Barbies seidenglatter Puppenkörper nie welche gesehen hat, wird einem dabei kaltherzig verschwiegen. Zum Glück kann man zumindest dem letzten Problem postwendend zu Leibe rücken – am besten mit einem pinken Wellnessrasierer. Den hätte Barbie sicher auch genommen!

Während Jungen durch Haare an sämtlichen Körperstellen als männlich wahrgenommen werden (oder ihnen zumindest die Optionalität eingeräumt wird, sich zu enthaaren oder eben nicht), erreichen Mädchen ihren Weiblichkeitsstatus erst durch die Entledigung dieser – sie müssen etwas dafür tun, um weiblich zu sein. Sie müssen etwas dafür tun, um nicht eklig zu sein. Sie müssen etwas dafür tun, um richtig zu sein. Oder um es, wenn auch etwas vereinfacht, mit Simone de Beauvoirs Worten zu sagen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

Dass man sich während der Pubertät, von Hormonen und Pickeln geplagt, unsicher und unwohl in dem sich verändernden und aktuell noch wenig vertrauten Körper fühlt, ist sicher weitestgehend normal und nachvollziehbar. Doch wie „natürlich“ ist es, sich im Zuge dessen an derart unrealistischen Vorbildern zu orientieren?

Ich kann mich jedenfalls gut daran erinnern, dass ich im Alter von 13 Jahren (und an der Grenze zum Untergewicht), den ganzen Tag meinen Bauch eingezogen habe, weil ich bereits die leichte Abzeichnung meines Magens als unästhetisch und abstossend eingeordnet habe. Meine Sehgewohnheiten waren bereits in diesem Alter eindeutig geprägt, ich habe etwas biologisch völlig natürliches als „falsch“ eingeordnet. Allein war ich mit dieser Wahrnehmung nicht, denn die Hälfte aller unter 15-jährigen halten sich für „zu dick“ – ungeachtet dessen, dass, zumindest laut Statistik, weniger als ein Fünftel tatsächlich übergewichtig ist. Ob nun die heimische Barbie-Sammlung oder die retuschierten Bikinimoden-Kampagnen für diese Fehleinschätzung verantwortlich war, ist kaum nachvollziehbar. Also, wem kann ich denn nun meine adoleszenten Komplexe auf den Deckel schreiben?

Barbie ist letztlich nur ein Puzzle-Teil von dem Frauenentwurf, der jungen Mädchen eben nicht nur später auf Titelseiten und Litfaßsäulen verkauft wird, sondern schon im Kinderzimmer seine ersten Wurzeln schlägt.
Barbies Message ist: du „als Mädchen“ machst dich „natürlich“ schön – und das ist auch deine Aufgabe! Warum ist die Message nicht: du bist okay so, wie du bist? Oder noch besser: dein Aussehen ist völlig egal, du bist ein Kind, geh raus, spiel im Schmutz und erlebe echte Abenteuer!
Vermutlich lässt sich aus zufriedenen und selbstbewussten Menschen, einfach zu schlecht Profit schlagen.

Schönheit ist gemeinhin schon längst keine subjektive Empfindung mehr, der Körper wird zum Kapital, die Ausstrahlung zum Marktwert – und alle verdienen kräftig mit. Egal ob Kosmetik-, Spielzeug-, Pharma- oder Modeindustrie. Am Ende vermutlich sogar die zahlreichen Psychologen und Psychiater, die die wachsende Anzahl junger Menschen wieder „gesund“ therapieren sollen, nachdem keine große Industrie es versäumt hat, ihnen einzutrichtern, wie sie aussehen müssen, um „glücklich“ zu sein.

Die ein oder andere Narbe auf meiner Haut zeugt noch heute von meiner Kamikaze-Kindheit, die ich (trotz Barbie!) geniessen durfte. Die Sehgewohnheit „Barbie“ hat mich vor allem in späteren Entwicklungsphasen beeinflusst und mich zum Glück nicht schon während der Kindheit gänzlich in „Mädchenhaft“ genommen. Wenn ich jedoch beobachte, wie das Produkt heutzutage beworben wird, dreht sich mir der Magen um. Ja, es gibt die Quoten-Astronautenbarbie. Aber während Spielzeuge für Jungen oftmals strategisch aufgebaut sind, Schwierigkeitsgrade haben und Honorierungen für erbrachte Leistungen bringen, gibt es in der Barbie-Welt immer noch nur für eins Anerkennung: gut aussehen! Eben ein „echtes“ Mädchen sein. Von Jungen, die sich gerne schminken oder kreativ kleiden würden, und denen diese Möglichkeit aufgrund dieses Geschlechterdeterminismus oft verwehrt wird, ganz zu schweigen.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich nach wie vor mehr Mädchen für soziale und Jungen für technische Berufe entscheiden, wenn sie von kleinauf nur Bestätigung für das von ihnen erwartete Interessenprofil erhalten. „Mathematik ist so schwierig!“, musste bereits die erste sprechende Barbie-Puppe (kein Scherz!) Ende der 90er Jahre seufzend feststellen. Ist wohl doch mehr was für Jungs – die haben ja auch so ganz ohne Schmink- und Shoppingstress mehr Zeit dafür!

Aber kommen wir zurück, zu unserer Ausgangsfrage: was macht uns denn nun zu dem Menschen, der wir heute sind?

Der Punkt ist doch, das wir uns alle nicht frei machen können von Gewohnheiten und Prägungen, die uns seit frühester Kindheit begleiten. Wir selbst sind Teil dieser durch Selbstverständlichkeiten und implizierten Erwartungen geprägten Gesellschaft. Womöglich bedienen wir uns bei dem Versuch das zu erklären, was uns manipuliert, unbemerkt noch aus den ebenda entspringenden Denkmustern.

Vielleicht ist das symbolische Kind in unserem Fall auch schon längst in den Brunnen gefallen. Es bleibt möglicherweise nicht viel mehr, als das vor Stereotypen triefende Bündel Selbstwertgefühl aus den Tiefen unseres mediengeplagten Unterbewusstseins zu fischen und es zum trocknen ein bisschen an die frische Luft zu legen.
Und vielleicht schaffen wir es ja, unseren ganz realen Kindern irgendwann einmal das Gefühl zu geben, dass sie in Ordnung sind wie sie sind. Und, was noch viel wichtiger ist, dass sie sein können, wie auch immer sie wollen.

 


Dieser Text von Muschimieze ist zuerst beim Wolf erschienen. Was er zum Thema Körperbilder zu sagen hat, könnt ihr hier nachlesen.


 

 

Ein Kommentar

  1. Ich habe zwei Töchter, 6 und 8. Wir versuchen so ziemlich alles, um sie von Klischees fernzuhalten. Es gelingt aber nur bedingt. Klar, sie klettern auf Bäume, wir hämmern, sägen und Löten aber Puppen oder matchbox.. Da gewinnen die Puppen. Unrealistische Schönheitsideale das kommt natürlich auch. Aber so wie sie wissen, dass es keine Feen gibt, so werden sie sich eher an mama, Tante und Freundinnen halten, wenn es um echtes aussehen geht. Ich kann nur versuchen, ihnen vorzulegen, dass sie sich vertrauen können.

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