Bloß(e) Brüste. Again.

Bildschirmfoto 2014-09-26 um 22.37.00

Neulich wollte mir jemand etwas Gutes tun und hat mir das aktuelle „Philosophie Magazin“ mitgebracht. Morgens beim Frühstück, zwischen Kaffee und Müsli, habe ich mal halbverschlafen durchgeblättert und mich gleich einem (mit Feminismus-Schlagwort gekennzeichnetem) Beitrag der stellvertretenden Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler gewidmet. Der Titel: „Bloße Brüste: Wie gleich sind Mann und Frau?“.

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem halbseitigen Artikel einleitend mit der Frage:

„Gewinnen Frauen wirklich, wenn sie im öffentlichen Raum ihre Brustwarzen zeigen dürfen?“

Stirnrunzeln meinerseits. Hier geht es also gar nicht um die Frage, ob es für eine Frau im speziell-individuellen Fall sinnvoll ist, ihre Brüste zu zeigen, sondern darum, ob es sinnvoll ist, dies auf einer institutionalisierten Ebene für alle Frauen im Allgemeinen zu erlauben oder zu verbieten (so impliziert es zumindest das Wort „dürfen“). Nochmal kurz zur Erinnerung: Aktuell kann das öffentliche Entblößen einer weiblichen Brust hierzulande eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Die Frage der Autorin könnte also auch lauten: „Gewinnen Frauen wirklich, wenn sie selber entscheiden dürfen, ob sie ihre Brustwarzen öffentlich zeigen möchten oder ist es nicht eigentlich besser, ihnen dies pauschal zu verbieten?“.

„Auf den ersten Blick stellt die Initiative, (…), einen überfälligen Schritt in Richtung Gleichheit dar: Frauen haben nicht nur ein Recht auf gleiche Berufschancen wie Männer, sie haben auch ein Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit.“

Dabei bezieht sie sich lediglich auf das „Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit„. Dass dem Zeigen der weiblichen Brust (beispielsweise im Rahmen politischer Aktionen) auch noch eine ganz eigene Dynamik inhärent ist, bleibt leider unberücksichtigt. Im Rahmen der FEMEN-Aktionen heißt die nackte Brust im Prinzip: Ihr wollt Titten? Ihr bekommt Titten! Aber nicht dann, wenn ihr sie bestellt habt, sondern wenn wir das möchten. Wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft, in der die weibliche Brust ständig präsent ist. Die völlig abwegige objektifizierende Darstellung in den absurdesten Zusammenhängen wird als gesellschaftlich „normal“ angesehen und akzeptiert. Frauen haben ihre Brüste nur dann zu zeigen, wenn dies unserer kapitalistisch-patriarchal geprägten Sozialdynamik entspricht. Das selbstbestimmte Entkleiden der weiblichen Brust stellt also eine Art „Schwimmen gegen den Strom“ dar, kann im speziellen Fall als politisches Statement verstanden werden und bekommt so noch eine ganz andere Dimension, als eben nur das „Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit“ – es kann als das Einfordern auf das „Recht auf gleiche körperliche Selbstbestimmung“ verstanden werden.

„Bei genauerem Hinsehen aber kann die Frau durch die Entblößung ihrer Warzen nur verlieren.“

Kann nur? Besteht gar keine andere Möglichkeit als diese von der Autorin vorgegebene? Ich finde diese Behauptung schwierig, da sie etwas undifferenziert erscheint und im Folgenden noch so schwach argumentativ untermauert wird.

„Entweder sie wird, mehr als sie es ohnehin schon ist, zu einem Objekt der Schaulust degradiert. Schließlich ist die Brust in unserem Kulturkreis seit eh und je sexualisiert, und es spricht wenig dafür, dass sich dieser Tatbestand allein durch eine feminsitische Kampagne ändert.“

Ja, natürlich kann die nackte Frau zum Objekt der Schaulust „degradiert“ werden – dies geschieht wenn dann aber nicht aufgrund des Entblößens ihrer Brust, sondern, weil die bewertenden Blicke, die sie „degradieren“, einem patriarchal-vergeschlechtlichend strukturiertem Vergesellschaftungsmodus unterworfen sind. Das Problem wäre also nicht die Aktion, sondern die Bewertung der Aktion – was wiederum als Indikator fungiert, um unsere als „normal“ verinnerlichten Gesellschaftsstrukturen sichtbar zu machen. Die Argumentation, etwas nicht ändern zu müssen oder zu können, da es seit „eh und je“ so gewesen sei, finde ich nicht sehr überzeugend. Es haben sich außerdem schon viele Dinge in unserer Gesellschaft geändert, weil es in der Vergangenheit feministische Kampagnen gab. So abwegig ist dieses Szenario also gar nicht.

„Oder aber der Busen verliert durch die Macht der Gewohnheit nach und nach tatsächlich seinen erotischen Reiz; seine Entblößung ruft nicht mehr Verlangen hervor, als ein nackter Männeroberkörper.“

Es geht ja nicht darum, immer und überall Brüste zu zeigen. Es geht auch nicht darum, dass wir alle nackt rumlaufen wollen. Absurd ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die sexualisierte Darstellung von Brüsten durch eine regulative dritte Instanz akzeptiert wird, die autonome Entscheidung einer individuellen Frau, sich vielleicht auf Strandurlaubsfotos für Facebook nicht selber zensieren zu wollen, hingegen abgelehnt wird.

„Erotik braucht das Geheimnis der Verhüllung. Eine Erkenntnis, die sich auch aufmerksamkeitshungrige Aktivistinnen zur Brust nehmen sollten“.

Wow. Der Abschluss pfeffert nochmal ganz schön rein und hinterlässt nach dem Lesen des Beitrags einen arg konservativen Nachgeschmack. Es geht hier nicht um Erotik, sondern um Sexismus. Ich glaube nicht, dass sich wütende, nackte Aktivistinnen (die die Autorin hier abschätzend als lediglich „aufmerksamkeitshungrig“ bewertet), beschämt ein Handtuch vor die entblößten Möpse halten, wenn ihnen jemand sagt, sie könnten dabei ihre erotische Ausstrahlung auf Männer verlieren. Darum ging es schließlich lang genug.

Buchkritik: Wieviel Tussi steckt in dir?

Bildschirmfoto 2014-09-11 um 14.44.05

Das hier ist für alle, die sich gefragt haben, was eigentlich hinter diesem Tussikratie-Buch steckt, das neulich durch die Medien geisterte. Ich habe mich stellvertretend geopfert und erstatte nun Bericht.

Thema

Die Grundidee, den Geschlechterdiskurs einmal kritisch zu beleuchten, ohne ihn gänzlich zu verurteilen oder gar als überflüssig-lästiges Übel der westlichen Zivilisation abzustempeln, gefällt mir zunächst. Die Autorinnen machen bereits auf den ersten Seiten ihren Standpunkt deutlich: Gleichberechtigung – ja, bitte! Verkrampfte den-Spieß-Umdreh-Allüren (denn die bösen Männer haben es ja nach Dekaden der weiblichen Unterdrückung nicht anders verdient!) – nein, danke! Diese Art eines pseudo-feministischen Handelns sei der Inbegriff von der nachfolgend viel besungenen Tussikratie.

Hier findet ihr einen Podcast zum Thema auf 1Live – lohnt sich vielleicht einleitend mal reinzuhören, um sich einen Überblick über die Ansichten der Autorinnen zu verschaffen. Wer keine 40 Minuten Zeit hat, kann das Ganze auch auf die ersten zehn eindampfen und hat dann mehr Zeit für meine nun folgende, natürlich fürchterlich bereichernde, Analyse.

Inhalt

Die Frau, die die Autorinnen im ersten Kapitel zur „Tussi“ stilisieren, mutet gar beängstigend an: Ein rücksichtsloses Karriere-Monster, das sich insgeheim nicht nur eine Welt ohne Männer wünscht, sondern ebendiese obendrein noch für all ihre persönlichen Probleme verantwortlich macht, sie ausnutzt und warm hält – um sie abzuservieren, bevor Kinder gezeugt werden können. Sie sieht selbst ihren eigenen Partner – sofern er ein Mann ist – als Gegner, von dem sie weder ökonomisch noch emotional abhängig sein möchte und ihn noch spöttisch verhöhnt, wenn er sich „feminismuskonform“ weiblich konnotierten Aufgabenfeldern widmet.

„Jetzt läuft es mal andersrum!“ – Kann das wirklich die Lösung sein?

Der Appell lautet: Die weibliche Emanzipation sollte kein negatives Abziehbild sein, das Männer im Umkehrschluss benachteiligt und diskriminiert. Außerdem soll aus der Option für Frauen Karriere zu machen, kein Zwang entstehen. Frauen sollen auch Hausfrauen sein können. Männer auch die Hauptverdiener.

Was bei dieser Forderung jedoch ein wenig paradox erscheint: Genau das ist momentan doch noch eher der Standard, als die Ausnahme. Ist dieses 320 Seiten lange Plädoyer für die Option auf Tradition also wirklich notwendig oder nicht doch eher eine, als Schlichtungsversuch getarnte, Derailingsdemontage, die uns weit weg von den eigentlich interessanten Fragen der Geschlechterproblematik treibt?

Die Autorinnen kritisieren den Geschlechter-Tunnelblick: Nicht jedes gesellschaftliche Problem sei auch ein Genderproblem. Die Frage kommt auf, ob die Benachteiligung im Job nicht vielleicht eher ein Klassenproblem sei als ein Produkt des Patriarchats. Dieser Ansatz ist insofern sinnvoll, da sich sicherlich nicht alle Asymmetrien in unserer Gesellschaft  auf das Geschlecht zurückführen lassen und die Möglichkeit besteht, geblendet vom Geschlechterdiskurs, den Blick für eben diese parallel existierenden Problematiken zu verlieren – so beispielsweise bei Verteilungsfragen zwischen Arm und Reich oder Beschäftigten und Unternehmern. Doch auch hier gilt: Wer Kapitalismus so offen „doof“ findet, sollte wenigstens so konsequent sein, das Patriarchat mindestens genauso „doof“ zu finden. Diese Schlagworte gehen nun mal Hand in Hand und sind nicht isoliert zu betrachten.

„Es ist hipper denn je, Frauen und Männern anhand ihrer biologischen Unterschiede auch unterschiedliche Fähigkeiten zuzuschreiben.“

Im nächsten Kapitel geht es um Pseudo-Hardfacts, krude Experimente und einseitig dargestellte Statistiken, die uns manipulieren und Hypothesen als Tatsachen verkaufen wollen. Das Problem seien nicht die Forschungsergebnisse, sondern die Schlüsse, die wir aus ihnen ziehen würden. Sympathisch finde ich einen an dieser Stelle angeführten Religionsvergleich: Wenn ich für „persönliche“ Eigenschaften und Mängel die „Evolution“ bemühe, also „nicht anders kann“, erleichtert mir das vielleicht die Akzeptanz, wie bei Gläubigen, etwas als „gottgegeben“ (bzw. in diesem Fall dann „biologische vorgegeben“)  zu verstehen und so zu akzeptieren. Die altbekannte Leier á la „typisch Frau“ und „typisch Mann“ wird hier treffend als Produkt banaler Angst entlarvt.

Im Folgenden werden populärwissenschaftliche, geschlechterdualisitische Erkenntnisse angeprangert: Sie brächten mehr Schaden als Nutzen! Was in den Zeitschriften über die Eigenschaften und Verschiedenheiten der Geschlechter propagiert werden würde, hätte mit der Wissenschaft nicht mehr viel zu tun. Daten und Auswertungen würden auf billige Pointen heruntergebrochen und populistisch verpackt. Was wir der populärwissenschaftlichen Wartezimmerliteratur über „die Männer“ und „die Frauen“ entnehmen könnten, eignete sich keinesfalls dazu, Aussagen für Individuen zu treffen. Für die meisten wissenschaftlichen „Tatsachen“ gäbe es einfache und nachvollziehbare Erklärungen, die dieser Form von Geschlechterdeterminismus widersprächen. Forschungsergebnisse zu Geschlechterklischees würden kurzerhand so zurecht geschnitten, dass sie zu den gewünschten Stereotypen passten und griffen dabei sogar skrupellos auf bereits als fragwürdig erkannte Forschungsergebnisse zurück. Verallgemeinernde Aussagen über „die Männer“ oder „die Frauen“ seien also nichts weiter als stupide Bauernweisheiten, die uns ein fiktives Gefühl von Sicherheit vorgaukelten.

Bei der Frage, warum evolutionäre Erklärungen derart erfolgreich seien, wird die Genderforscherin Melanie Groß zitiert:

„Mit der Freiheit – mehr Wahlmöglichkeiten, weniger Tradition – steigt die soziale Verunsicherung der Gesellschaft. Indem wir die Geschlechterbilder verfestigen, versuchen wir, unsere identitäre Sicherheit zu untermauern, zu verdeutlichen, wer wir sind.“

Unterschiede zwischen Mann und Frau würden geradezu „cartoonhaft überzeichnet“ werden – vielleicht auch, um das Gefühl zu forcieren, dass in einer Zeit, die sich im Wandel befindet, doch noch alles irgendwie „seine Richtigkeit“ hat.

Tussikratie nutze die Populärwissenschaft, um Frauen zum überlegenen Geschlecht zu machen – eine Spielart, die ich persönlich ehrlich gesagt bislang in erster Linie  von Maskulisten und Feminismusgegnern kannte. So wirklich stimmig erscheint mir die Argumentation nicht, denn die Autorinnen zitieren an anderer Stelle selbst einige bekannte, populärwissenschaftliche Schlagzeilen der vergangenen Jahre, die traditionelle Geschlechterrollen und genderbedingte gesellschaftliche Asymmetrien evolutionär begründen wollen.

Für welches „Lager“ wird die arme Populärwissenschaft denn nun so hundsgemein missbraucht? Ging es den Autorinnen nicht eigentlich darum, „Lager“ zu überwinden und endlich an einem Strang zu ziehen? Und wem möchte dieses Buch eigentlich erklären, dass man Medieninhalte, die einem zwischen Titten und dem Wetterbericht im opportunistischen Vierzeiler mundgerecht serviert werden, möglicherweise lieber hinterfragen sollte, anstatt sie unzerkaut herunterzuwürgen? Ich bezweifel irgendwie, dass diejenigen, die diese Erkenntnis bitter nötig hätten, sich als Adressat_innen dieses Buches verstehen. Aber (und das muss man ihnen lassen): Die Autorinnen plädieren für eine Weltsicht, die darauf verzichten kann, selbige in „Mann“ und „Frau“ einteilen zu müssen. Prädikat: sehr vernünftig. Bravo, bravo! Zugabe!

An einer Stelle, in der unkommentiert das Klischee zitiert worden ist, dass Frauen seltener One-Night-Stands hätten, als Männer, musste ich ein wenig schmunzeln. Finde den Fehler! Es ist schliesslich davon auszugehen, dass sich diese Aussage auf hetereosexuelle Beziehungen bezieht und die Schwulenszene überhaupt nicht impliziert. In diesem, sehr wahrscheinlichen, Fall, geht die Aussage schlicht und ergreifend nicht auf. Fand ich amüsant.

Aber kommen wir zurück zur bösen Tussi (und irgendwie beginnt sie mich im fortgeschrittenen Teil des Werkes regelrecht zu gruseln… sie folgt mir mittlerweile als düsterer Schatten durch meinen sonst so sorglos-bunten Alltag auf Schritt und Tritt. Denn an jeder Ecke könnte sie lauern und Besitz von dir, mir, ja der Menschheit ergreifen!). Der neue, bittere Vorwurf: Angeblich pauschale Argumente für Gleichberechtigung würden als Instrument missbraucht, um individuelle Karriereziele durchzusetzen. Ring Ring. Der Trolldetektor fiept auf. Der aufmerksame Lesermensch ist langsam ein wenig beunruhigt, wenn nicht gar alarmiert. Die Antifeminist-Classics häufen sich verdächtig.

Ich bin mir nicht sicher, ob das im vollen Bewusstsein geschieht (obwohl sich die Autorinnen selber als Feministinnen bezeichnen würden), oder weil sie sich vielleicht noch nicht oft genug dem oft absurden und ermüdenden Diskurs mit extremen Antifeministen gestellt haben. Dann würden sie vielleicht etwas vorsichtiger mit der Stammtischkeule schwingen und nicht immer wieder in diese durch Ignoranz und Male-White-Tears vorbelasteten Kerben schlagen.

Eine hingegen sehr angebrachte Kritik an „falsch“ ausgelegetem Feminismus (Wer entscheidet eigentlich, was falsch und richtig ist?): Oft wird im Zuge der Geschlechterdebatte für „die Frauen“ gesprochen, individuelle Bedürfnisse auf alle „Frauen“ übertragen und generalisiert. Diese bevormundende Spielart kennen wir von einigen namenhaften Feministinnen und ja, bei dem Punkt, dass das nicht cool ist, sind wir uns sicher alle einig.

Die Autorinnen lamentieren: es sei so schwer heutzutage eine Beziehung ohne den Satz: „Denk nicht, dass ich deine Unterhosen bügle“ anzufangen. Bitte was? So viel dann wohl zum Thema „bitte nicht so verkrampft“ – wer seine Beziehungen so beginnen muss, hat vielleicht tatsächlich ein Krampfproblem. Aber vielleicht doch eher ein Individuelles, denn obwohl ich mich in einer gendersensiblen Umgebung bewege, habe ich solch merkwürdige Einleitungssätze weder je selbst verwendet, noch von irgendwem gehört. Ich kenne auch keine Frau in meinem Alter, die sich über so ein Szenario im Vorfeld überhaupt Gedanken machten würde.

Außerdem hätten es männliche Aufsteiger auf dem Arbeitsmarkt angeblich auch deshalb schwer, da sie aufgrund ihres Geschlechts schnell als „Günstling“ abgestempelt werden würden (wir lassen jetzt mal alle Statistiken zu Geschlechterverteilungen in wichtigen Positionen außer Acht…). Im Gegensatz dazu könnte man jedoch äquivalent ebenfalls anführen, dass es sicher auch viele Frauen gibt, denen unterstellt wird, sich hochgeschlafen zu haben oder lediglich aufgrund ihres Aussehens (ihrer weiblichen Reize) erfolgreich zu sein. Das sind doch schon wieder zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich höre die Maskulisten klatschen. Ja, toll, eine Frau, die endlich mal nur darüber nachdenkt, auf welche Stolpersteine Männer während ihrer Karriere stoßen könnten und die gleichwertig dazu existierenden weiblichen Stigmatisierungen völlig ignoriert! Aber… Moment mal… war das erklärte Ziel nicht eigentlich, den Spieß eben nicht umzudrehen, sondern beide Seiten mit einzuschließen?

Die Frauenquote wird im Zuge dieser Unterstellung kritisiert, Studien die z.B. belegen, dass man eher Leute einstellt, die einem ähnlich sind (Geschlecht), bleiben gänzlich unberücksichtigt. Es gibt sicher Argumente die für und gegen eine Frauenquote sprechen. Hier wird jedoch ausgeklammert, dass es durchaus objektiv bewertbare Anhaltspunkte dafür gibt, dass es Frauen, ungeachtet ihrer Qualifitkationen, durch ihr Geschlecht in gewissen, zufälligerweise mit Macht und Geld behafteten, Branchen schwerer haben, als Männer.

Die Autorinnen führen an, dass es nicht unbedingt eine Frage der Geschlechter sein muss, dass wir es heutzutage schwer haben, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Wir müssten einfach mehr verdienen!

„Wir verdienen aber nicht mehr, und viele Eltern müssen, man kann es kaum anders sagen, schuften. Oder einer schuftet, und die andere bleibt zu Hause.“ Autsch! Hier wird nicht nur das klassische (wie obsolete) Familien-Schema-F reproduziert, der Satz wertet zudem die als weiblich konnotierte Hausarbeit ab – die, so klingt es zumindest an dieser Stelle, eben kein „für die Familie schuften“ darstellt. Die, ohnehin in Dekaden der Unterdrückung unsichtbar gemachte, weibliche Hausarbeit, wird hier mit einem beiläufigen „die andere bleibt zu Hause“ völlig entwertet. Leider ist diese Aussage kein Einzelfall, ein bisschen mehr Sensibilität für die Grundthematik, über die hier ja immerhin in einem ganzen Buch ausgiebig referiert wird, wäre nicht nur an dieser exemplarischen Stelle wünschenswert gewesen.

Die Kapitel über Verhütung und Pornografie schenken dem Buch ein wenig Auftrieb. Verhütung sollte natürlich beide Seiten etwas angehen und nicht Anlass für Machtspiele sein. Es wird die Ex-EMMA-Chefredakteurin Lisa Ortgies zitiert – und ja, einem Menschen, der sich um Gleichberechtigung für beide Geschlechter bemüht, stellen sich hier zurecht die Nackenhaare auf.

Ich finde den Teil, in dem ein bisschen vom Set der Fempornregisseurin Erika Lust (mehr zum Thema FemPorn und Erika Lust, erfährst du im Muschimieze-Interview mit Patrick Catuz) erzählt wird, ganz bereichernd für dieses Buch, da es vielen Leser_innen sicher einen neuen, erfrischenden Blickwinkel auf die Pornoindustrie schenken kann. Das Thema wird dennoch lediglich angeschnitten. Mir fehlt beispielsweise der Aspekt, dass die Kritik an Mainstream-Pornografie nicht nur in möglicher Ausbeutung der Darsteller_innen besteht, sondern eben auch insbesondere in der einseitigen Darstellung von sexueller Befriedigung und dem Ausklammern von weiblicher Lust. Also der kurze Exkurs zum Thema Porno ist in jedem Fall ein Pluspunkt fürs Buch, dennoch, sicher auch aufgrund der begrenzten Kapazität eines Kapitels, eher oberflächlich.

Im letzten Kapitel richten sich die Autorinnen dann direkt an „die Frauen“. Mir tat es ganz gut zu lesen, dass, nach den ganzen vorangegangenen halb-schwierigen Aussagen, hier nochmal relativ deutliche Worte gefunden werden konnten: Fast jede Frau hat bereits mehrfach Erfahrungen sexueller Belästigung und Bedrängung hinnehmen müssen, das ist keine Mär, sondern für die meisten Frauen bittere Realität. Es wird eingeräumt, dass viele Frauen auf dieser Welt noch unter den Fesseln von Unterdrückung und Diskriminierung zu leiden haben. Der Tenor lautet aber auch: Wir befinden uns im Umbruch und Frauen hatten noch nie mehr Macht als heute! Wir brauchen eine Geschlechterrollenrevolution! Reproduzierte Stereotype aus Großmutters Zeiten sollten zwar ein Auslaufmodell werden – das Business-Outfit den Hausfrauenkittel als „Zwangsjacke“ jedoch im Gegenzug nicht ablösen. Männer sollten zudem nicht als Sündenböcke der Menschheit dargestellt und die Geschlechter nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide hätten halt ihr Genderpäckchen zu tragen. Es wird für individuelle Lebensentwürfe und persönliches Glück appelliert – alles schön und gut. Doch wie individuell und persönlich kann der Lebensentwurf aussehen, wenn uns äußere Zwänge (gemäß unseres Geschlechts) einen bestimmten Lebenslauf vorgeben? Kollidiert die Geschlechterdebatte tatsächlich mit diesem Individualitätsbedürfnis oder ist sie nicht eben deshalb notwendig?

Fazit:

Spiegel Online bezeichnete das Buch als „wohltuend differenziert“. Der gemäßigte, niemals polemische, Schreibstil, ist durchaus die größte Stärke, bei genauerer Betrachtung meiner Meinung nach jedoch auch die frappierendste Schwäche, des gemeinsamen Werkes von Bäuerlein und Knüpling. So „erfrischend entspannt“ die Abhandlungen der beiden Journalistinnen auch sein mögen, ich habe mich Seite um Seite nach einer Pointe, einer Stellungnahme, ja, einer Meinung gesehnt. Auf diesen Moment der Erkenntnis, den einem eigentlich jedes gute Sachbuch schenken sollte, wartete ich jedoch vergeblich. Die Kapitel zogen sich teilweise ziemlich und drehten sich immer wieder um die gleichen, bereits durch die Einleitung vorhersehbaren, Überlegungen – viele Wiederholungen und leider auch der ein oder andere innere Widerspruch. Vielleicht habe ich auch zu viel erwartet. Ich habe mich weder direkt angesprochen gefühlt, noch konnte ich die viel bemühte „Tussi“ in meinem Freundeskreis ausmachen. Ich konnte mich einfach nicht mit dieser Figur identifizieren, die aufgrund ihrer Weiblichkeit eine Art Reparationszahlung des anderen Geschlechts erwartet – so eine Haltung ist mir völlig fremd und ich hatte zuweilen das Gefühl, dass es sich bei den Schilderungen mehr um autobiografische, persönliche Momente der Autorinnen, als um tatsächliche, allgegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen handelt. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon Teil einer neuen Generation, in der manch angesprochene „Tussi„-Problematik schon ein wenig überholt ist. Möglicherweise habe ich auch die ein oder andere Stelle falsch verstanden oder bin schlicht und ergreifend von Grund auf anders gestrickt, als die Autorinnen (die übrigens auch ein Buch mit dem Titel „Fleisch essen – Tiere lieben“ geschrieben haben… #widerspruch).

Mir gefällt sehr, dass sich die Autorinnen für ein Miteinander der Geschlechter einsetzen und auf eine sehr empathische Weise mehr Selbstreflexion fordern – wobei sie sich selber, sympathischerweise, nicht ausschließen. Außerdem wird warnend appelliert: Wer sich zu sehr darin verrennt, gegen das System zu rebellieren, wird vielleicht selber Opfer dieses Systems – ganz Thusnelda-like. Sinnvoll finde ich auch, dass an manchen Stellen deutlich wird, dass zwischen Feminismus (gut!) und Tussi-Pseudofeminismus (böse!) unterschieden werden muss, das Eine nicht unbedingt viel mit dem Anderen zu tun haben muss – Letzteres jedoch die Dringlichkeit und Notwendigkeit „richtiger“ feministischer Bemühungen in der Öffentlichkeit oft in Frage stellt und negativ konnotiert.

Was mich wirklich stört, ist, dass die Angst vor „Verkrampftheit“ an einigen Stellen unterschwellig über die Möglichkeit des Selbstschutzes vor sexistischen Übergriffen gestellt wird. Ist das Problem tatsächlich, dass uns die Genderdebatte dazu ermutigt Grenzüberschreitungen zu benennen und zu ahnden – oder nicht vielmehr, dass diese immer noch und immer wieder stattfinden? Ich persönlich kenne mehr Frauen, die eben aus der Angst, als hysterische „Tussi“ abgestempelt zu werden, Sexismus stumm über sich ergehen lassen, anstatt sich offen gegen ihn zur Wehr zu setzen. Die Krux ist doch, dass ein Mann vielleicht im Zweifel mittlerweile schneller als böser Sexist abgestempelt werden kann, als vor einigen Jahrzehnten – betroffene Frauen sich durch dieses „Tussi„-Manifest womöglich jedoch nach wie vor oft nicht trauen, sich in entsprechenden Situationen zur Wehr zu setzen. Was ist nun schlimmer? Zu Unrecht den Sexist-Stempel oder zu Unrecht den Tussi-Stempel aufgedrückt zu bekommen? Wir sprechen hier doch im Prinzip von zwei Seiten derselben Medaille und es macht wenig Sinn, sie gegeneinander auszuspielen. Wann ist man zu Unrecht Sexist und wann zu Recht Tussi? Und gibt es eigentlich empirische Statistiken zur Relation zwischen Tussis und Sexisten?

Außerdem wird leider die „Akademikerin“ oder „Genderforscherin“ an einigen Stellen wahllos mit der „Tussi„, die in Stammtisch-Manier sexistische Weisheiten über „die“ Männer vom Stapel lässt, in einen Topf geworfen. Dabei arbeiten gerade Genderforscher_innen gegen binäre Ansichten von Geschlecht und sind im seltensten Fall diejenigen, die Geschlechterstereotype noch weiter in den Köpfen der Menschen festtreten. Ich fürchte, dass Vorurteile und Abneigungen gegenüber vielen Genderaktivist_innen so möglicherweise noch unnötig aufgebauscht werden – ob das einem „entkrampften“ Umgang mit der Thematik wirklich förderlich ist, bleibt die Frage.

Wer sich in der ersten Hälfte gelangweilt hat, sollte auf jeden Fall noch zu den Kapiteln zum Thema Verhütung und Pornografie vorblättern, bevor das Buch weggelegt wird – diese sind meiner Meinung nach nämlich am besten gelungen und können einigen Menschen sicher noch ein paar neue Sichtweisen schenken. Hier schenkt die aufgeschlossene Herangehensweise der Autorinnen dem Buch auch definitiv etwas Aufwind.

Für alle, die sich noch nie wirklich mit den vom Buch behandelten Themen auseinander gesetzt haben, ist dies bestimmt ein ganz guter Einstieg: der Schreibstil ist nicht zu extrem, lässt viel Platz für eigene Überlegungen und unterschiedliche Ansichten. Das vielseitge Anschneiden von Themen, kann für Einsteiger_innen (die vielleicht bislang Hemmungen hatten, in die Debatte einzusteigen) interessant sein. Für alle, die schon das ein oder andere Genderbuch in der Hand hatten oder sich gelegentlich durch einschlägige Blogs scrollen, ist es inhaltlich vermutlich etwas unterfordernd.

Das Buch ist mit knapp 17€ nicht geschenkt. Nicht wirklich Sachbuch, nicht wirklich Unterhaltung, außerdem als Taschenbuch verlegt. Preis-Leistung finde ich daher eher mäßig – wenigstens das Orange auf dem Einband ist echt voll schön.

Aber da ich nun damit durch bin, kann es ab sofort wieder in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin-Kreuzberg ausgeliehen werden. Just in case.

Bildschirmfoto 2014-09-11 um 14.48.06