Bloß(e) Brüste. Again.

Bildschirmfoto 2014-09-26 um 22.37.00

Neulich wollte mir jemand etwas Gutes tun und hat mir das aktuelle „Philosophie Magazin“ mitgebracht. Morgens beim Frühstück, zwischen Kaffee und Müsli, habe ich mal halbverschlafen durchgeblättert und mich gleich einem (mit Feminismus-Schlagwort gekennzeichnetem) Beitrag der stellvertretenden Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler gewidmet. Der Titel: „Bloße Brüste: Wie gleich sind Mann und Frau?“.

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem halbseitigen Artikel einleitend mit der Frage:

„Gewinnen Frauen wirklich, wenn sie im öffentlichen Raum ihre Brustwarzen zeigen dürfen?“

Stirnrunzeln meinerseits. Hier geht es also gar nicht um die Frage, ob es für eine Frau im speziell-individuellen Fall sinnvoll ist, ihre Brüste zu zeigen, sondern darum, ob es sinnvoll ist, dies auf einer institutionalisierten Ebene für alle Frauen im Allgemeinen zu erlauben oder zu verbieten (so impliziert es zumindest das Wort „dürfen“). Nochmal kurz zur Erinnerung: Aktuell kann das öffentliche Entblößen einer weiblichen Brust hierzulande eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Die Frage der Autorin könnte also auch lauten: „Gewinnen Frauen wirklich, wenn sie selber entscheiden dürfen, ob sie ihre Brustwarzen öffentlich zeigen möchten oder ist es nicht eigentlich besser, ihnen dies pauschal zu verbieten?“.

„Auf den ersten Blick stellt die Initiative, (…), einen überfälligen Schritt in Richtung Gleichheit dar: Frauen haben nicht nur ein Recht auf gleiche Berufschancen wie Männer, sie haben auch ein Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit.“

Dabei bezieht sie sich lediglich auf das „Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit„. Dass dem Zeigen der weiblichen Brust (beispielsweise im Rahmen politischer Aktionen) auch noch eine ganz eigene Dynamik inhärent ist, bleibt leider unberücksichtigt. Im Rahmen der FEMEN-Aktionen heißt die nackte Brust im Prinzip: Ihr wollt Titten? Ihr bekommt Titten! Aber nicht dann, wenn ihr sie bestellt habt, sondern wenn wir das möchten. Wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft, in der die weibliche Brust ständig präsent ist. Die völlig abwegige objektifizierende Darstellung in den absurdesten Zusammenhängen wird als gesellschaftlich „normal“ angesehen und akzeptiert. Frauen haben ihre Brüste nur dann zu zeigen, wenn dies unserer kapitalistisch-patriarchal geprägten Sozialdynamik entspricht. Das selbstbestimmte Entkleiden der weiblichen Brust stellt also eine Art „Schwimmen gegen den Strom“ dar, kann im speziellen Fall als politisches Statement verstanden werden und bekommt so noch eine ganz andere Dimension, als eben nur das „Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit“ – es kann als das Einfordern auf das „Recht auf gleiche körperliche Selbstbestimmung“ verstanden werden.

„Bei genauerem Hinsehen aber kann die Frau durch die Entblößung ihrer Warzen nur verlieren.“

Kann nur? Besteht gar keine andere Möglichkeit als diese von der Autorin vorgegebene? Ich finde diese Behauptung schwierig, da sie etwas undifferenziert erscheint und im Folgenden noch so schwach argumentativ untermauert wird.

„Entweder sie wird, mehr als sie es ohnehin schon ist, zu einem Objekt der Schaulust degradiert. Schließlich ist die Brust in unserem Kulturkreis seit eh und je sexualisiert, und es spricht wenig dafür, dass sich dieser Tatbestand allein durch eine feminsitische Kampagne ändert.“

Ja, natürlich kann die nackte Frau zum Objekt der Schaulust „degradiert“ werden – dies geschieht wenn dann aber nicht aufgrund des Entblößens ihrer Brust, sondern, weil die bewertenden Blicke, die sie „degradieren“, einem patriarchal-vergeschlechtlichend strukturiertem Vergesellschaftungsmodus unterworfen sind. Das Problem wäre also nicht die Aktion, sondern die Bewertung der Aktion – was wiederum als Indikator fungiert, um unsere als „normal“ verinnerlichten Gesellschaftsstrukturen sichtbar zu machen. Die Argumentation, etwas nicht ändern zu müssen oder zu können, da es seit „eh und je“ so gewesen sei, finde ich nicht sehr überzeugend. Es haben sich außerdem schon viele Dinge in unserer Gesellschaft geändert, weil es in der Vergangenheit feministische Kampagnen gab. So abwegig ist dieses Szenario also gar nicht.

„Oder aber der Busen verliert durch die Macht der Gewohnheit nach und nach tatsächlich seinen erotischen Reiz; seine Entblößung ruft nicht mehr Verlangen hervor, als ein nackter Männeroberkörper.“

Es geht ja nicht darum, immer und überall Brüste zu zeigen. Es geht auch nicht darum, dass wir alle nackt rumlaufen wollen. Absurd ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die sexualisierte Darstellung von Brüsten durch eine regulative dritte Instanz akzeptiert wird, die autonome Entscheidung einer individuellen Frau, sich vielleicht auf Strandurlaubsfotos für Facebook nicht selber zensieren zu wollen, hingegen abgelehnt wird.

„Erotik braucht das Geheimnis der Verhüllung. Eine Erkenntnis, die sich auch aufmerksamkeitshungrige Aktivistinnen zur Brust nehmen sollten“.

Wow. Der Abschluss pfeffert nochmal ganz schön rein und hinterlässt nach dem Lesen des Beitrags einen arg konservativen Nachgeschmack. Es geht hier nicht um Erotik, sondern um Sexismus. Ich glaube nicht, dass sich wütende, nackte Aktivistinnen (die die Autorin hier abschätzend als lediglich „aufmerksamkeitshungrig“ bewertet), beschämt ein Handtuch vor die entblößten Möpse halten, wenn ihnen jemand sagt, sie könnten dabei ihre erotische Ausstrahlung auf Männer verlieren. Darum ging es schließlich lang genug.

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4 thoughts on “Bloß(e) Brüste. Again.

  1. Gut gebrüllt Muschi Mieze, ich gratuliere, und möchte dem noch etwas Klärendes hinzufügen:
    Durch das unpassende Entblößen der weiblichen Brust können Männer arbeitsunfähig werden, sehen sie doch plötzlich, wofür sie arbeiten, und das wird ihnen dann einfach zu viel in diesem irdischen Brüstungsspiel. Sie wollen nämlich in Ruhe ihrem Job nachgehen, und deswegen ist alles so, wie es eben passend ist, ihr Ziel. Doch ihre Frauen sind dabei auch ihr männliches Diktat, unter dem Motto: „Also ihr lieben Artgenossinnen, unsere Männer sollen arbeitsfähig bleiben, drum lasst bitte in den unpassenden Momenten eure Brust aus dem Spiel, wenn sie da nämlich gerade abarbeiten ihren diesbezüglichen Entzugsfrust, dann erregt bitte nicht in diesem Moment ihre Lust, durch das unpassende Vorzeigen eurer entblößten Brust.“

    Die Frauen entblößen, mit ihren offen gezeigten Warzen, die wahre Szene, das sind nun aber wahrlich zu große Extreme, das überlebt kein Mann, weil er so viel Wahrheit einfach nicht aushalten kann.

    Siegelbruch

  2. Ich verstehe vor allem nicht, warum oben (hervorragend) auseinandergenommener Beitrag wohl anscheinend mit „Feminismus“ verschlagwortet wurde. Da entfährt ein stiller Seufzer meiner weiblichen Brust.
    Sei’s drum. Wie immer habe ich sehr gerne deinen Beitrag gelesen, und freue mich, dass es Menschen da draußen gibt, die so schön in Worte fassen können, was ich mir nur allzu oft in meinem eigenen Kopf denke.

    Danke.

  3. „Das selbstbestimmte Entkleiden der weiblichen Brust stellt also eine Art “Schwimmen gegen den Strom” dar, kann im speziellen Fall als politisches Statement verstanden werden und bekommt so noch eine ganz andere Dimension […]“
    Ist es nicht so, dass das „politische Statement“ von dem Verbot lebt? Anders gefragt, wenn es nicht verboten wäre, dann wäre die Aktion auch kein „Schwimmen gegen den Strom“ mehr und diese ganze Dimension, die du als Begründung anführst, würde wegfallen.

    „Absurd ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die sexualisierte Darstellung von Brüsten durch eine regulative dritte Instanz akzeptiert wird, die autonome Entscheidung einer individuellen Frau, sich vielleicht auf Strandurlaubsfotos für Facebook nicht selber zensieren zu wollen, hingegen abgelehnt wird.“
    Bei diesem Vergleich gibt es gleich mehrere Probleme:
    Erstens ist die sexualisierte Darstellung von weiblichen Brüsten bei weitem nicht überall und in jeder Situation akzeptiert, wie es der erste Teil deines Satzes behauptet.
    Zweitens suggerierst du mit den „Strandurlaubsfotos“ einen privaten Kontext, um den es aber überhaupt nicht geht. Natürlich kannst du zuhause nackt herum laufen. Oder Nacktbilder von dir aufhängen. In der Öffentlichkeit ist das etwas anderes.
    Drittens muss nochmal unterschieden werden zwischen der Öffentlichkeit im Internet und in der realen Welt. Im Internet gibt ist Youporn kein großes Problem. Man muss die Seite ja nicht öffnen. Wenn du in einem öffentlichen Cafe einen Porno auf deinem Laptop schaust, ist das eine andere Sache, das kann auch als Belästigung aufgefasst werden.
    Und viertens ist Facebook als Vergleich unpassend, denn dieses Unternehmen hat selbstverständlich das Recht Nacktbilder zu verbieten. Schließlich gehört die Seite Facebook und nicht dir, du bist nur Nutzer.

    1. Dein Kommentar geht ziemlich an dem Inhalt des Artikels vorbei.

      Zu deinem ersten Punkt: messerscharf kombiniert! 😉 Wenn es nicht verboten wäre, wäre es keine politische Aktion. Dann wäre unsere Gesellschaft im Idealfall aber auch anders strukturiert und die „politische Aktion“ somit hinfällig. Es wäre ja zu begrüßen, wenn die Begründung selbst entfallen würde. Als ob es darum gehen würde, auf biegen und brechen gegen den Strom zu schwimmen…

      Und zum zweiten Punkt: du darfst auf Facebook ziemlich explizit dargestellte Pornoszenen hochladen – sobald keine Brüste zu sehen sind. Eine schreiende Frau, die von hinten genommen wird? Kein Problem! Eine lachende Frau am Strand, die sich im Urlaub sonnt – oben ohne? Verboten! Das ist das Paradox von dem ich spreche.

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