Aufregerin der Woche: Sexuelle Belästigung?

Eine ganz „normale“ Frau. Schwarzes T-Shirt, ohne Ausschnitt. Eine Jeans. Sie läuft schweigend eine Straße entlang. Ob sie dabei irgendwem, irgendetwas beweisen will ist eigentlich egal – sie könnte auch auf dem Weg zur Uni sein oder nach einem stressigen Arbeitstag einfach nachhause wollen. Wer diese Frau ist, was sie anhat, wie es ihr geht oder was sie gerade vorhat ist unerheblich – denn vor den Reaktionen der Männer in ihrem Umfeld, schützt sie weder ein 0815-Outfit, noch ihre offensichtlich distanzierte Haltung.

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– Smile! Smile!

– Beautiful!
– Somebody`s acknowledging you for being beautiful – you should say thank you more!

– God Bless you mami… Damn!

– Nice!

 

Kurz gefasst: Diese Frau wird permanent „angesprochen“. Ich setze dieses Wort in Anführungszeichen, da ich in keiner der Zurufe einen ernsthaften Kommunikationsversuch eines möglicherweise schüchternen Verehrers sehe, der sich dieser Frau ehrlich nähern möchte. „Lächel doch mal!“, „Hey Babe!“, „Verdammt!“ – das sind keine „Flirtversuche“ im eigentlichen Sinne. Das sind Machtdemonstrationen. Bedrängend, beschämend, beschneidend. Hier nehmen sich wildfremde Männer das Recht heraus, diese Frau offen zu bewerten, ihr Anzüglichkeiten zuzurufen, ihr ihren sexuellen Reiz vor Augen zu halten. Sie soll lächeln, sie soll sich sogar noch dafür bedanken. Dieses Video soll verdeutlichen, wie viele Frauen im Alltag übergriffigem Verhalten von ihren Mitmenschen ausgesetzt sind. Umso bedauerlicher, dass es anscheinend immer noch eine ganze Reihe Männer gibt, die sich durch das Sichtbarmachen solcher Strukturen, bedroht und angegriffen fühlen. Wer sich nicht angesprochen fühlt: Herzlichen Glückwunsch! Das heißt ja aber im Umkehrschluss nicht, dass diese Problematik nicht dennoch existiert.

Shoshana Roberts erhält mittlerweise Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Damit ist sie nicht die erste Frau, die sich, nachdem sie sich öffentlich gegen Sexismus und Machtstrukturen eingesetzt hat, mit solchen Bedrohungen auseinandersetzen muss. Beunruhigend. Und, so traurig es auch leider ist: Bezeichnend.

Bevor wir mal wieder einen kleinen Exkurs zu den Abgründen der Kommentarspalten wagen, möchte ich noch einleitend den Reaktionen einiger Frauen auf dieses Video-Experiment Raum geben:

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Achtung: Der nun folgende Teil ist nichts für schwache Nerven. Baldrian raus – Augen zu und durch. Die Top-Tiefpunkte der Debatte.


 

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Genau! Sie war einfach nicht emanzipiert genug! Das wird es sein! Unemanzipiert (als sie „wirklich“ bedrängt wurde) und überempfindlich (als sie es sich eigentlich nur „eingebildet“ hat), jetzt haben wir es! Schließlich liegt es an der Frau, Übergriffe im Vorfeld zu vermeiden und sich dann im Ernstfall, ganz nach dem Geschmack des Kommentatoren Schmidt, angenemessen zu Wehr zu setzen. Sonst ist sie einfach selber Schuld (diese praktische These lässt sich bequemerweise auch auf auf alle möglichen anderen Formen der sexuellen Belästigung – bis hin zur Vergewaltigung – übertragen).

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Na, wie gut, dass dieser Kommentator genau verstanden hat, wo sexuelle Belästigung anfängt (muss auf jeden Fall was anderes sein, als die Szenen die im Video gezeigt werden), um nicht zu sagen: sich die Deutungshoheit darüber nimmt. Harmlose, kurze Sprüche gehören auf jeden Fall nicht dazu. Kurz müssen sie schließlich auch sein, damit möglichst viele Männer pro Stunde zum Zug kommen können.

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„Liebe Frauen (…) bitte werdet EUCH EINIG was ihr wollt“ – genau, weil die FrauTM schließlich ein Produkt ist, das bitte auch immer gleich zu funktionieren hat. Vielleicht rührt sein Problem, das er „mit DEN Frauen“ hat,  auch daher, dass er nicht den individuellen Menschen, sondern nur „die Frauen“ (die nach seiner Aufassung alle die gleichen Bedürfnisse, Geschmäcker und Abneigungen haben) sieht? Ich wurde schon zigfach auf nette Weise (unabhängig davon, ob ich den Mann attraktiv fand oder nicht) angesprochen, das funktioniert tatsächlich, wenn Mann in der Lage ist, durch Blickkontakt und Feingefühl seine Gesprächspartnerin nicht zu übermannen (lol). Trotzdem kenne auch ich das Gefühl, morgens eine andere Klamotte zu wählen, weil ich weiß, in bestimmten Bezirken unterwegs zu sein und dann den ganzen Tag keine Ruhe zu haben, vor übergriffigem und unangenehmen Verhalten meiner Mitmenschen (sprich: Männer). Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe und es ist echt ermüdend, sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht belästigt werden zu wollen. Die Floskel „Ich bin kein Sexist, ABER ich reproduziere sexistisches Gedankengut“ hat mittlerweile einen ziemlich langen Bart.

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„Keine Frau wird einen normalen Mann ansprechen.“

Dich vielleicht nicht.

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Noch so ein goldenes Stück Stammtischrethorik. Bitte notieren: Männer dürfen die Ollen so behandeln wie sie es gerne möchten, erst wenn sie (die Ollen) den Mund aufmachen, kann man das männliche Verhalten (aber nur ganz vielleicht eventuell ein kleines bisschen) als Belästigung werten. Und was passiert dann? Recht des Stärkeren wahrscheinlich, Evolution und so. Vermut‘ ich mal. „Naturgegebene“ Rechte sind schließlich die besten.

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Ergo haben sich Frauen also nur in einem kontrolliert-geschützten Raum aufzuhalten, zu dem bestimmte Männer keinen Zutritt haben – wenn sich frau nicht daran halten kann, selber Schuld! Dann soll sie sich halt wenigstens über die Aufmerksamkeit des Pöbels freuen! Doch wie könnte so ein Raum aussehen? Achja, da fällt mir was altbewährtes ein! Fängt mit „K“ an und hört mit „üche“ auf!

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Klar, das wird von den allermeisten immer direkt verstanden. So was „weiß man als Mann“, der sich so einem Spießroutenlauf sicher schon oft unterziehen musste, auf jeden Fall besser, als jede Frau, die sich mittlerweile eine Strategie aus Ignoranz und Distanziertheit zurecht gelegt hat, um sich vor Übergriffen zu schützen. Dieses „bewusste nicht-reagieren“ ist auf jeden Fall eine gezielte Provokation gewesen, das hat den Männern gar keine andere Wahl gelassen und sie regelrecht zu ihrem Verhalten gezwungen. Echt durchtrieben, wie die Protagonistin ihr Umfeld durch systematische Nicht-Einwirkung manipuliert hat.

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Richtig! Wenn Frauen sich endlich wieder ein wenig „angemessener“ verhalten würden, dann wären sie solchen Übergriffen auch nicht ausgesetzt! Wenigstens so wie in den 90ern (in denen bekannterweise nie jemals eine Frau sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen ist). Noch schöner wäre natürlich, wenn sich diese anbiedernden Weiber endlich wieder besinnen würden und sich wenigstens ein kleines bisschen wie in den 50ern benehmen würden. Da hatten sie zwar gar nichts zu melden, waren aber anstatt hunderten Ledigen, lediglich einem (Ehe)mann ausgesetzt. Auch hier gilt also: selber Schuld!

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Ja, z.B. diese hier, mit ihrem aufreizenden schwarzen T-Shirt und ihrem genervten Blick. Sie hat regelrecht darum gebettelt. Gut, dass sie keinen Rock anhatte, sonst wäre sie, nach diesem Kommentator, wohl noch zu Recht befummelt worden.

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Die Lösung ist gefunden: Wir schaffen einfach ein Frauen-Exil in Münster, dem Mekka des Antisexismus. Aber in den Augen dieses Kommentators, ist das ja eigentlich auch gar nicht nötig. Er sieht das Problem nicht. Und was man(n) nicht sehen kann, das gibt es schließlich auch nicht! Messerscharf kombiniert – 40 Jahre Feminismus für die Katz‘.

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Netter Versuch, leider am Thema vorbei. In dem Video wird gezeigt, wie die Frau sexuellen Kommentaren ausgesetzt, zu Reaktionen aufgefordert und sogar minutenlang verfolgt wird. Das hat nichts mit einem freundlichen Umgangston zu tun. Aber auch das ist wohl eine Vermeidungsstrategie, um sich mit den eigentlichen Inhalten nicht auseinandersetzen zu müssen. Leider nicht sehr originell. Sechs, setzen.

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Des Users Geheimtipp gegen sexuelle Übergriffe: Burka!

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Sehe ich auch so. Schließlich grüßen die ganzen Männer ja auch alle anderen (männlichen) Menschen, die ihnen den ganzen Tag so begegnen. Sicher rufen sie sich auch untereinander anzügliche Bemerkungen über ihre Ärsche zu, oder fordern sich gegenseitig vehement dazu auf, doch mal zu lachen! Klarer Fall von Nächstenliebe. Richtig sozial! Die soll sich mal nicht so isolieren und lieber für alle verfügbar machen.

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Satire? Bitte, sag dass das Satire ist!

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Kann ich so nicht bestätigen. Aber vielleicht ist das was anderes, wenn man keine Freunde hat.


Ich könnte zwar ewig so weiter machen, aber das hat vermutlich keinen Sinn. Lieber bringe ich das Ganze noch zu einem halbwegs positiven Abschluss. Denn, natürlich, sind nicht alle Männer so (was ja auch nie von der Initiatorin behauptet woden ist…). Zum Glück.


 

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3 thoughts on “Aufregerin der Woche: Sexuelle Belästigung?

  1. Mein Favorit: „Aber würden Männer Frauen nicht ansprechen, würde die Menschheit aussterben.“ Ja nee, is klar. Die meisten Männer sind bestimmt nicht deswegen in einer Beziehung, weil sie eine fremde Frau auf offener Straße mit Sprüchen wie „Hey Schöne!“ oder „Lächel doch mal!“ dumm von der Seite angemacht haben. Wären alle Männer wirklich so, dann würde wohl jede Frau freiwillig das Ufer wechseln, und die Menschheit würde tatsächlich aussterben…

  2. […] Ich beginne mit einer Kritik an jenen Personen, die sich der “männlichen Sicht” des Geschlechterdiskurses verschrieben haben und vehement behaupten, dass diese Art der Belästigung nicht existiert, die im Video gezeigten Ausschnitte unrealistisch seien oder das Ganze so nicht auf Deutschland übertragbar ist. Wo zur Hölle lebt ihr? Entweder ihr verschließt (absichtlich oder unbeabsichtigt) die Augen oder ihr lebt in seltsamen Bonzen- oder Akademikergegenden, fernab jeder Realität. Ich als kleiner Prolet, der mitten im Leben steht, kann genau das im Video gezeigte und noch viel mehr täglich beobachten und Manches auch auf mich bezogen selbst erleben. In Mannheim, Ludwigshafen, Frankenthal, Karlsruhe, Frankfurt und Stuttgart. Also bitte ich euch, Kritik ist nicht abstreiten. Das bringt keinen weiter, erhärtet nur die Fronten zwischen den Lagern. Soviel dazu. Die Muschimieze hat übrigens auch eine Sammlung an besonders krassem Scheißdreck zusammengesammelt. […]

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