Du willst es doch auch.

Was sind wir weit entwickelt. Denken wir wohlwollend. Meistens über uns selber.

Kritisch wird beäugt, was „woanders“ verbrochen wird. Sei es die Kriminalisierung von Homosexualität, die Tabuisierung von Transsexualität oder die offensichtliche, strukturelle und in Gesetze zementierte Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen*  – so rückständig! Und vor allem so weit weg. So weit weg von uns. (1)

Wenn du hier in Berlin als junge Frau* auf eine Party gehst, wundert sich niemand, dass du studierst oder arbeiten gehst, dir deine_n Partner_in selber ausgesucht hast oder andere Dinge tust, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – es aber für viele frauisiert gelesene Personen auf dieser Welt nicht sind. Meistens bin ich dankbar dafür, hier zu leben. Manchmal ernüchtert mich jedoch die bittere Erkenntnis, dass eben jenes Gefühl, in einer ach-so-weit-entwickelten Gesellschaft zu leben, manche Menschen über die Tatsache hinweg zu täuschen scheint, dass sie in ihrem Denken, trotz aller Bildung und Fortschritt, immer noch hochproblematischen Mustern nachhängen, welche sie vermutlich selbst verurteilen würden, wenn sie sie als solche erkennen würden. Was ich hier heute niederschreibe, hat lange in mir gegärt. Zumindest die letzten 15 Jahre. Denn in der Grundschule wurde ich das ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert, dass sexuelle Gewalt an Mädchen* und Frauen* oft nicht als solche verurteilt wird. (2)

Mit diesem Denken, das Frauen* eine objektifizierende und limitierende Rolle zuschreibt, sie sexuell verfügbar oder gänzlich promisk sehen will, irgendwo zwischen Hure („sie wollte es ja so“) und Heilige („das hat sie nur falsch verstanden“), würde sich wohl keine Grundschullehrerin, kein Student, kein Freund von Freunden und sicherlich auch keiner meiner Freunde identifizieren. Und dennoch reproduzieren sie es. In der Schule. In der Uni. Auf der Party. Beim gemeinsamen Abendessen. Und stigmatisieren so reale Opfer. Und potenzielle Opfer. Und im Prinzip jede Person, zwischen deren Beine eine Muschi vermutet wird. Oder die zumindest Brüste hat. Oder sich hat welche machen lassen. Oder irgendwelche anderen Markierungen (freiwillig oder nicht) an ihrem Körper, ihrem Verhalten oder Auftreten trägt, die sie durch das Raster „männlich“ fallen lassen.

Ich bin keine Missionarin, keine Predigerin, keine Beauftragte für irgendwas. Ich fühle mich in Alltagssituationen nicht dazu berufen, andere Menschen von meiner Meinung zu überzeugen. Wenn ich mich mit Menschen umgebe, dann meistens mit solchen, von denen ich glaube, dass sie des rationalen Denkens fähig sind, sich kritisch und reflektierend mit der eigenen Persönlichkeit und ihrer Umwelt auseinandersetzen – von deren Ansichten ich, so hoffe ich zumindest, noch profitieren kann, auch wenn, oder gerade weil, wir uns nicht immer einig sind.

Umso schockierter bin ich dann regelmäßig, wenn mir aus den bislang hochgeschätzten Mündern, der rohste Sexismus entgegenschlägt. Ich meine hier einen Sexismus, der sexuelle Übergriffe herunterspielt, somit legitmiert und die Sicht des Opfers in Frage stellt.

Neulich auf einer Party, wurde eine Frau* gefragt, was denn ihr schlimmster Alptraum gewesen sei. Nach kurzem Zögern erzählte sie, dass sie in ihrem schlimmsten Traum einmal vergewaltigt worden sei. „Traum oder Alptraum?“, fragt einer der anwesenden Männer* und hakt sogar noch rechtfertigend nach, als er meinen reservierten Blick bemerkt: „Naja, es gibt doch genug Frauen, die darauf stehen! Das ist doch eine berechtigte Frage!“.

Diese Worte aus dem Mund eines jungen, gebildeten Mannes*, der sich kurz zuvor noch über die rassistischen Äußerungen einer anderen anwesenden Person beschwert hatte. Ich war fassungslos. Angenommen, sie hätte geträumt, dass ihre Mutter gestorben wäre. Wäre es dann auch eine „berechtigte“ Frage gewesen, ob sie sich den Tod ihrer Mutter nicht insgeheim gewünscht hätte, da es ja durchaus Menschen gäbe, die in dem Tod naher Mitmenschen einen persönlichen Profit sehen? Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage nach dem „schlimmsten Alptraum“ eigentlich an sich schon jedes noch so pietätsloses Erörtern ihrer Position erübrigt hätte, scheint es mehr als übergriffig und bizarr, dass diese Nachfrage impliziert, dass Frauen* in einem nicht unwesentlichen Teil der Fälle, ihre eigene Vergewaltigung begrüßen würden. Dies scheint so selbstverständlich in dem Denkmuster des Nachfragenden verankert zu sein, dass er die Legitimität seiner Formulierung zunächst nicht anzweifelt.

Was heißt das für reale und potenzielle Betroffene? Die Statistiken zeichnen ein klares Bild: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau*, die bereits Opfer von sexuellen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt war oder es eines Tages werden wird, zum Zeitpunkt dieses leidigen Gesprächs im Raum befand, ist nicht unerheblich. Unbedachte Äußerungen á la „du-wolltest-es-doch-eigentlich-auch“ machen vor allem eins: Mundtot.

Als meine Mitbewohnerin vor kurzem aufgebracht ins Wohnzimmer stürzte und berichtete, dass sie ein Nachbar ganz offensichtlich und penetrant durch das Fenster beobachtet hat, während sie sich umgezogen hat (und es auch nicht einstellte, als sie dies bemerkte), schlug ihr postwendend der Kommentar entgegen, dass sie sich ja auch über die Aufmerksamkeit freuen könnte, anstatt sich darüber zu beschweren, dass ungefragt in ihren eigenen vier Wänden und gegen ihren Willen in ihre Privatsphäre eingedrungen wurde. Schließlich käme es einfach nur auf ihre Sichtweise an. Es ist ein perfides Spiel, einen sexuellen Übergriff so zu drehen, als ob das „Opfer“ davon ernsthaft profitieren würde und es nur seine Perspektive ändern müsse, um den „Wert“ der Sache erkennen zu können. Die ganze Situation wird so umformuliert, als würde es sich sozusagen um eine Win-Win-Situation handeln – und das klingt doch nach einem fairen Deal, oder nicht? Es ist aber kein Deal, es ist keine Verhandlung, keine Abmachung, nichts auf das sich zwei vernünftige, erwachsene Menschen hinreichend wissentlich einlassen. Sicher gibt es objektiv betrachtet (was auch immer das sein mag) schlimmere Dinge, als „angeschaut“ zu werden, aber man darf den psychologischen Effekt bei der ganzen Angelegenheit nicht außer Acht lassen. Solche Situationen verursachen das Gefühl, dass man sich selbst in seiner eigenen Wohnung nicht frei bewegen kann, ohne dass sensible Momente bei der kleinsten Unachtsamkeit durch Dritte ausgenutzt werden. Und wenn man äußert, dass man sich durch die ganz offensichtlich sexuell motivierten, drängenden Blicke gestört gefühlt hat, wird einem erklärt, dass man sich ja auch daran erfreuen könnte, in der eigenen Wohnung unter Beobachtung zu stehen.

Um es kurz in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist nicht okay, eine fremde Person in einem intimen Moment innerhalb ihrer eigenen vier Wände gezielt zu beobachten. Es ist auch nicht okay, in einer Vergewaltigung in erster Linie einen Akt zu sehen, der durchaus auch vom Opfer gewollt sein könnte. Es ist einfach nicht richtig, Dinge mit Menschen zu machen, die sie nicht wollen und ihnen hinterher zu erklären, dass sie doch eigentlich gute Gründe hätten, das was ihnen widerfahren ist, quasi retrospektiv doch noch gut zu finden.

Mir begegnen solche Kommentare immer wieder. Aus den Mündern mir sehr sympathischer Menschen. Die eigentlich schlau sind. Und Rassismus voll doof finden. Und auch keine Tiere essen. Also total aufgeklärt, richtig sophisticated und eigenständig denkend. Jaja klar. Mir vergeht der Appetit aufs Menschsein.

Resignation also. Und auch Rekapitulation. Ich denke an die Pograbscher (im Club, in der Bahn, auf der WG-Party, in der Menschenmenge…) und die zahllosen Ausraster, als ich meine Handynummer nicht rausgeben wollte. Der Eine, der mir mal minutenlang nachts durch die Straßen gefolgt ist, bis ich mich in ein Café gesetzt und mich von einem Freund abholen lassen habe, weil ich mich nicht alleine nachhause getraut habe. Die Lehrerin, die meinte, ich hätte da was falsch verstanden, als mich ein Mitschüler festgehalten und mir zwischen die Beine gefasst hat. Der Moment, als ich das Wort „Vergewaltigung“ das erste Mal in meinem Leben gehört habe – während ein Mitschüler es auf dem Pausenhof, selbstredend unfreiwillig und in Begleitung von körperlicher Gewalt, an meiner damals besten Freundin simuliert hat. Meine Kommilitonin, die während einer medizinischen Behandlung sexuell genötigt worden ist. Meine Mitbewohnerin, die auf einer Party mit K.O.-Tropfen vergiftet und sexuell bedrängt worden ist. Eine Bekannte, der das Gleiche passiert ist – nur, dass es nicht bei der „Bedrängung“ geblieben ist. Eine Freundin, die in einem U-Bahnhof von einem nackten Mann* angefasst worden ist. Die Unitoiletten, die man vor der Benutzung erst auf Gucklöcher auf Sitzhöhe kontrollieren muss (3). Ich denke daran, wie mir letzte Woche ein älterer Mann im Flugzeug erklärt hat, ich solle als so „junges Mädchen“ (ich bin Mitte zwanzig) nicht alleine reisen, wie mich gestern ein Typ nicht aus der U-Bahn aussteigen lassen wollte, weil er „mit mir reden wollte“ und wie mir vorhin auf dem Heimweg jemand „Geile Bitch!“ zugerufen hat.

Ich könnte noch endlos so weitermachen. Alles ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Über die man sich ja auch freuen kann. Und manche Frauen* stehen schließlich auch drauf. Und wenn nicht, dann muss dies doch zumindest zur Diskussion stehen dürfen. Interessant, dass selten jemand auf die Idee kommt, das übergriffige Verhalten selbst in Frage zu stellen, sondern stets auf der womöglich falschen oder unverhältnismäßigen Sicht der Betroffenen herumgeritten wird. Als ich das Wort „rape culture“ das erste Mal gehört habe, musste es mir jedenfalls niemand erklären.

Danke. Danke, all ihr lieben Männer*, die ihr meinen Körper ungefragt und gegen meinen Willen angefasst habt – natürlich nur als Zeichen der Aufmerksamkeit. Und danke, all ihr lieben anderen Männer*, die ihr eine Frau* niemals ohne ihren Willen anfassen würdet, aber dennoch der Ansicht seid, dass es ihr, wenn dann, doch mindestens in 50% der Fälle auch gefallen würde – ohne euch wäre uns die altruistische Seite sexueller Übergriffe gänzlich verborgen geblieben. Bitte hört nicht auf uns aufzuklären!

Es geht hier nicht um mich und meine persönlichen Erfahrungen und Ärgernisse. Es geht um mehr, als meine Erinnerungen aus Schule, Uni und Alltag. Es geht um Freiheit. Nicht etwa meine individuelle Freiheit, sondern um das, was Frauen* und frauisiert gelesene Personen als Gruppe aufgrund geschlechtshierarchisierenden gesellschaftlichen und historischen Mechanismen unfrei gemacht hat. Die Freiheit ungestört zu sein, sich nicht stetig gegen drängende Blicke schützen, gegen Anfassen wehren und gegen Schuldzuweisungen rechtfertigen zu müssen. Die Freiheit unbehelligt über die Straße zu laufen (egal zu welcher Uhrzeit), anzuziehen was man will oder einfach mit einem Verkehrsmittel von A nach B zu gelangen, ohne übergriffigen Kommentaren oder paternalistischen Belehrungen ausgesetzt zu werden. Die Freiheit nicht permanent mit dem mir zugeschriebenen Geschlecht konfrontiert zu werden (und den dazugehörigen Konnotationen wie „Schwäche“, „Verfügbarkeit“ und „Anpassung“). Ich bin nicht in erster Linie Frau, sondern Mensch. Und als solcher möchte ich auch gerne behandelt werden.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* ist kein statistischer Mythos. Und sie findet nicht irgendwo statt. Sondern hier. Auf der Straße. In der Schule. Bei dir zuhause. Ja hier! In unserem tollen emanzipierten Deutschland! Und das, obwohl sogar eine Frau Bundeskanzlerin ist  (und daher Feminismus und der ganze Gender-Quatsch ja eigentlich sowieso total überflüssig sind!!!!1111elf).

Applaus, wenn du nicht zu den Menschen gehörst, die andere Menschen gegen ihren Willen anfassen würden. Das reicht aber nicht. Wenn du trotzdem auf der nächsten Party erklärst, dass sich Betroffene doch über sexuelle Übergriffe freuen können, dann bist du vielleicht immer noch kein Täter, aber zumindest Komplize.


(1) – Soll nicht heißen, dass in unserer Gesellschaft Transsexualiät nicht tabuisiert wird, Frauen nicht strukturell benachteiligt werden etc. – andere Kulturen werden hierzulande nur oft genau in diesen Punkten als rückständig belächelt.

(2) – Bitte nicht misszuverstehen: Hier ist nicht gemeint, dass sexualisierte Gewalt an Frauen nicht verurteilt wird, sexualisierte Gewalt an Männer aber schon. Männer, die unter sexualisierter Gewalt zu leiden haben, haben es sicher ebenfalls sehr schwer, sich Gehör und Akzeptanz zu verschaffen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass strukturelle sexualisierte Gewalt an Frauen einen anderen Kontext hat und möchte daher beide Phänomene nicht in einen Topf werfen. Diesem Vorgehen ist keine Wertung inhärent.

(3) – Funfact: Natürlich konnte bei keiner der genannten Situationen ein Täter zu juristischer Verantwortung gezogen werden.

Frau*/Mann*: Ich setze hinter die Begriffe von „Frau“/“Mann“ Sternchen um deutlich zu machen, dass ich mich auf den Begriff als Analysekategorie beziehe.  Das Sternchen heißt für mich einerseits „frauisiert“/“typisiert gelesen“, soll der lesenden Person aber auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich die Kategorisierung von Menschen in zwei Gruppen schwierig finde und diesen Mechanismus eigentlich nur ungern reproduziere. In diesem Fall ist es jedoch, nach meinem Empfinden, notwendig darauf hinzuweisen, dass hier ein genderspezifisches Problem vorliegt, das eben nicht alle Menschen unabhängig des ihnen zugeschriebenen Geschlechts in der gleichen Systematik betrifft.