Die Anderen.

Männlichkeitskultur. So nennen sie es, „das Fremde“, das sich langsam, aber unausweichlich, auf völlig überfüllten Booten über das Mittelmeer in unser schönes Deutschland einschleppt und sich nun in unsere Gesellschaft zu fressen scheint, wie eine plötzliche Krankheit oder ein lästiger Parasit.

Die Silvesternacht in Köln sitzt dem gegenwärtigen Diskurs in den Knochen. Eine junge Frau, unter dem Pseudonym „Anja Meier“, rekonstruiert bei „Hart aber fair“ die Ereignisse der Nacht: Sie war eine jener Frauen, die von einer großen Gruppe Männer* umzingelt, angefasst und anzüglich beschimpft, ausgelacht und bedrängt worden ist. Es gehen Anzeigen wegen Diebstahl, Körperverletzung und Vergewaltigung ein. Die Bilanz einer beschämenden Nacht: Mehr als 650 Anzeigen meldete die Kölner Staatsanwaltschaft bezüglich jener Übergriffe, die die Boulevardpresse medienwirksam als „Schande von Köln“ oder besonders reißerisch als „Sex-Mob“ bezeichnete. Dass das, was da in dieser Nacht in Köln passiert ist, nichts mit „Sex“ zu tun hat, sondern, wie bei jeder anderen Ausübung von sexualisierter Gewalt auch, mit der Demonstration und Sicherung von Machtstrukturen, wird durch solche Bezeichnungen weiter verschleiert. In jener Nacht sei eine Männlichkeitskultur zu Tage getreten, die Deutschland so noch nicht kennen würde, meint Ex-Familienministerin Kristina Schröder. Um Männlichkeitskonzeptionen geht es sicher. Inwiefern solche Übergriffe, die in einer besonderen Konzentration in der Kölner Silvesternacht auftraten, deutschen Frauen* jedoch tatsächlich unbekannt sind, bleibt fraglich.

Das bizarre an dem ganzen Spiel, das derzeit in Talkshows, Nachrichtensendungen und deutschen Wohnzimmern ausgetragen wird, ist, dass die Dimension der sexualisierten Gewalt, die die Frauen in der Nacht zum ersten Januar erfahren mussten, trotz des außerordentlichen Ausmaß‘ an Massivität, nach wie vor nicht das zentrale Thema der Debatte zu sein scheint. Warum wird eine Nacht, in der hunderte Frauen belästigt wurden, die Herkunft der Täter aber noch unbekannt ist, von offizieller Seite her zunächst als „ruhig“ bezeichnet, später, als sich ein möglicher Migrationshintergrund abzeichnet, zur „Schande von Köln“ stilisiert? Fakt ist, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Täter auf die Opfer und Beobachterinnen einen „arabischen“ oder „nordafrikanischen“ Eindruck machten (was auch immer dies über den wahren kulturellen Hintergrund, beziehungsweise die persönlichen Einstellungen der Täter aussagen möge). Fakt ist aber auch, dass ein Großteil jener „Taten“ die als sexualisierte Gewalt gewertet werde können (das Bedrängen von Frauen* durch Männer*, obszöne Kommentare und Zurufe, teilweise sogar das Anfassen des Körpers, einschließlich Brust, Po und Schritt, gegen den Willen der Frau*) gar nicht vernünftig nach deutschem Strafrecht zur Anzeige gebracht und verfolgt werden können.  Selbst eine Vergewaltigung wird in Deutschland nur dann als solche verurteilt, wenn sich das Opfer „angemessen“ zur Wehr gesetzt und alle „möglichen Fluchtwege“ genutzt hat – ein deutliches „Nein“ des Opfers reicht, nach wie vor, nicht aus.

Die Öffentlichkeit fordert rechtliche Konsequenzen, verschärfte Abschiebungsgesetze und Ausweisungen. Warum steht eigentlich nicht endlich die Verschärfung der Gesetze für Sexualdelikte im Fokus? Warum wundert sich niemand darüber, dass „Ausländer“, die nicht ungeschoren davon kommen sollen, nach deutschem Strafrecht für den Ausdruck „ihrer Männlichkeitskultur“ überhaupt nicht belangt werden können? Es soll also härter gegen kriminelle Ausländer durchgegriffen werden, was bei einer Vielzahl der sexualisiert geprägten Delikte der Kölner Silvesternacht aufgrund der Tatsache scheitert, dass auch Deutsche bislang für ähnliche Taten überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten – ein Umstand, der bislang weder die Bildung einer „Bürgerwehr“, wie jetzt in Düsseldorf geschehen („um unsere Frauen zu schützen“), noch die Hells Angels auf den Plan gerufen hat. Der Eindruck entsteht, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Warum liegt es eigentlich an „deren“ Kultur, wenn mich ein Mann mit Migrationshintergrund auf der Straße anzüglich kommentiert und warum „verstehe“ ich eigentlich so oft „etwas falsch“, wenn ich mich von einem Deutschen belästigt, bedrängt oder verfolgt fühle? Ja, es lässt sich schwer leugnen, dass die Häufung der Situationen, in denen man sich als Frau* in Berlin belästigt fühlen kann, in Neukölln eine andere ist als in Mitte – aber zu behaupten, es handele sich um ein genuin „arabisches“ oder „nordafrikanisches“ Problem, ist schlichtweg falsch und dient höchstens zur Ablenkung  von allgegenwärtigen Problemen. Das Ausmaß der Ausschreitungen in Köln hat nicht in erster Linie die Mechanismen einer „fremden“ und gleichsam exotisierten Kultur zum Vorschein gebracht, sondern insbesondere den defizitären Stand unserer Gesetzeslage und nicht zuletzt unsere schizophrene Kultur, die aufgrund einer sexualisierten Machtdemonstration eines Migranten seine Existenzberechtigung in Frage stellt und nach Abschiebung schreit, während die anzügliche Bemerkung eines weißen Geschäftsmannes oder der Griff an den Po im Club, welche auf genau den gleichen Zweck abzielt, belächelnd in Schutz genommen oder zumindest auf eine Individualerfahrung heruntergespielt, wird („So sind Männer halt!“, „Hab dich nicht so!“, „Das sind ja nur Einzelfälle!“). Denn am Ende geht es in dieser Diskussion nicht um die erniedrigende, diskriminierende und unterdrückende Wirkung solcher Machtdemonstrationen auf Frauen*, sondern darum, wieviel „Recht“ der Täter zur Ausübung hat. Platt wie pathetisch formuliert: „Unsere“ Frauen* wollen wir bitteschön gerne selber belästigen!

„Die Monsterisierung asozialer, fremdartiger, bedrohlicher Menschen ist aller Wahrscheinlichkeit nach phylogenetisch verankert. Deshalb pflegen Feindbilder gegenüber rationalen Einwänden resistent zu bleiben.“ (A. Holl, 1993)

Die kolonial geprägte Brille des „zivilisierten“ Deutschen hat schon immer das Bild des sexuell „ausschweifenden, triebhaften“ und „perversen“ nicht-weißen Mannes transportiert. Dessen Begehren nach der hilflosen weißen Frau, scheint in den vergangenen Jahrhunderten zu einer archetypischen Urangst mutiert zu sein, einer Angst, die nun dazu instrumentalisiert wird, rassistische und sexistische Hierarchien weiter zu festigen. Das Herz des Rassimus nährt sich vom Drang nach Selbstverständnis durch die Schaffung von Polarität und binärer Abgrenzung. So lang man also dem „verwilderten“ und „entmenschlichten Nordafrikaner“ oder „Araber“ möglichst viel Schuld für sexualisierte Gewalt zuschreiben kann, desto besser lässt sich das eigene Defizit kaschieren und darüber hinwegtäuschen, dass diese Strukturen eben nicht ontologisch der Fremde entspringen. Werden Rassismen hier zur Dimension eines deutschen Identitätskonflikts, eines Landes, dass sich selbst gerne als besonders fortschrittlich betrachtet und strukturell verankerte Diskriminierungen gegenüber Frauen nicht in seinem Konzept unterbringen kann? Der exzessive Austausch über Folgen für die Flüchtlingspolitik wirkt in jedem Fall wie eine Farce für all diejenigen, die schon seit Jahren eine opferfreundlichere Gesetzgebung für Sexualdelikte fordern und daran kläglich scheitern, solange es sich um weiße Täter handelt. Die Überkompensation mit Worten versucht hektisch einen Zustand zu therapieren, der schon überfällig handlungsbedürftig war. „Jeder verdient die gleiche Strafe, egal aus welchem Land er kommt.“, stellt die Betroffene Anja Meier im Interview mit Plasberg klar. True dat, girl. Wenn es nur so einfach wäre.