Unterwegs (vol. I): Öffentliches Onanieren.

In meinem Job habe ich es tagtäglich mit unzähligen Menschen zu tun. Kleinen Kindern, die nicht wissen, wohin sie ihr Weg führen wird. Greisen Ehepaaren, die schon unzählige Kilometer in ihrem Leben gemeinsam bewältigt haben. Businessmenschen, in Wollgemischensembles, welche noch starrer wirken als der fixierender Blick auf ihr Notebook. Einsame postadoleszente Rastaheads mit riesigen Rucksäcken, umgeben von einer Geruchsaura irgendwo zwischen Patchouli und Theaterfundus. Manche Familien sind mit ihrem frisch geborenen Baby das erste Mal. Andere Menschen treten offenkundig ihre letzte Reise an – zurück nachhause oder hinaus in die Welt, Endstation in jedem Fall ungewiss. Sie alle eint ihr gemeinsamer Weg, der doch zu unterschiedlichen Destinationen führen wird.

Der Tag neigt sich bereits dem Abend zu, als ich eine junge Frau* in einer Ecke stehen sehe. Wir befinden uns mitten in unseren routinemäßigen Arbeitsabläufen, Gegenstände wandern zum zigtausendsten Mal durch unsere aufgerauhten Hände. Wer täglich mit unzähligen Menschen zu tun hat, braucht nicht nur interkulturelle Kompetenzen, sondern auch genügend Desinfektionsmittel. Ich unterbreche meine Arbeit und gehe auf sie zu, um sie nach ihrem Befinden zu fragen. Sie nickt eifrig und schaut auf den Boden. „Wenn Sie die Zeit finden… also nicht jetzt, ich kann gerne warten… dann würde ich gerne kurz persönlich mit jemandem reden…“, schiebt sie zögerlich nach. In diesem Moment legt sich bei mir ein Schalter um. Alles an dieser Situation sagt mir: Hier ist irgendetwas ganz und gar nicht okay.

Ich lege alles zur Seite und sage meinen Kolleginnen, dass sie kurz ohne mich auskommen müssen. Die junge Frau gestikuliert ausweichend, als wolle sie sagen: Machen Sie nur weiter, ich will niemanden stören, ich kann warten! „Was ist denn passiert?“, frage ich sie mit fester Stimme und versuche ihren Blick einzufangen. Die Situation scheint ihr sichtlich unnagenehm zu sein. „Der Mann neben mir… er fässt sich an…“.

Natürlich handelte es sich hier um eine aus verschiedenen Gründen prekäre Situation. Die junge Frau wollte aus Scham und auch aus der Angst, dass sie anschließend weiterhin neben diesem Herren* sitzen müsse, nicht, dass wir ihn direkt ansprechen. Das wäre auch aus unserer Perspektive heikel geworden: Auch er ist zahlender Kunde, es gibt keine Zeugen. Wenn die Situation war wie von der Frau beschrieben, würde er es im Gespräch wohl kaum zugeben (wozu auch?), niemand von uns war persönlich bei der beschriebenen Situation anwesend, die Brisanz einer solchen Anschuldigung jedoch gleichsam enorm – der Mehrwehrt wäre im Verhältnis zum Eskalationspotenzial nicht wirklich ökonomisch. Wir haben also in einvernehmlicher Absprache mit der Frau möglichst diskret einen anderen Platz für sie gesucht.

Ich denke, wir konnten die Situation aus professioneller Perspektive zufriedenstellend lösen. Möglicherweise hätte ich als Privatperson konfrontativer agiert, wenn ich eine solche Situation mitbekommen hätte – das soll nun aber nicht Gegenstand meiner folgenden Überlegungen sein. Was mich vielmehr beschäftigt ist die Reaktion des einzig männlichen Kollegen, der in die ganze Situation verwickelt war. Meine weibliche Vorgesetzte, sowie auch meine drei weiblichen Kolleginnen (die alle auch persönlich mit der jungen Frau gesprochen haben), haben die ganze Angelegenheit ohne Umschweife ernstgenommen. Und damit meine ich nicht, dass sie mit Mistgabeln und Fackeln auf den beschuldigten Kunden losgegangen sind und ihn öffentlch gelyncht haben. Ich meine, dass sie versucht haben eine Lösung zu finden. Sicher aber auch, weil wir alle sehr gut aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, wie unangenehm eine solche Situation sein kann. Selbst meine Vorgesetzte konnte von einem identischen Erlebnis berichten. Der beschuldigte Mann blieb von der ganzen Angelegenheit übrigens gänzlich unbetroffen: Sicherlich hat er die Umsetzaktion mitbekommen, die hätte jedoch auch zahlreiche andere Gründe haben können. Egal was genau vorgefallen war: Er musste sich keine Sekunde aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen oder sich in irgendeiner Art rechtfertigen, geschweige denn real einschränken lassen.

Aber zurück zu meinem männlichen* Kollegen: Er ist von der ganzen Situation völlig unbetroffen, denn er war zum entsprechenden Zeitpunkt in einem anderen Bereich tätig. Deshalb hat er auch bis zuletzt keinen persönlichen Kontakt zu der vermeintlich betroffenen Frau. Beiläufig erfährt er von der Situation.

Er mischt sich ein und fragt, ob wir den vermeintlichen Vorfall persönlich mitbekommen hätten. Ich verneine. Na dann, würde er das grundsätzlich sowieso nicht glauben. Er könne sich generell nicht vorstellen, dass so etwas vorkäme… aber Frauen, die würden solche Dinge ja gerne mal erfinden – Fall Kachelmann! Fall Trump! Er wedelt mit diesen boulevardesk-verschmierten Schlagworten (und ich bezweifle stark, dass es Kachelmann gefallen würde, mit Trump in einem Atemzug gennant zu werden), als seien sie die triumphierenden Asse in seinen gut gestärkten Hemdärmeln.

Wenn es keiner sonst mitbekommen hätte, sei die Situation wohl uneindeutig gewesen. Und wenn sie denn so uneindeutig war, führe ja naturgemäß nur viel Interpretationsspielraum zu einem solchen Vorwurf. Vielleicht hat er sich der Herr nur ungünstig bewegt? Im Zweifel für den Angeklagten, so funktioniere das im deutschen Recht – bis das Gegenteil bewiesen sei, gäbe es keinen Täter und solange auch keinen Handlungsbedarf. Apropos Recht: Er wüsste von vielen Fällen in denen Frauen sich selbst Verletzungen zugefügt hätten, um unschuldige Männer der Vergewaltigung zu bezichtigen… Außerdem: Wenn sie sich denn so sicher war, warum hat sie (so würde er ja handeln), dann nicht direkt etwas vor allen gesagt? Warum hat sie nicht ihre Umgebung involviert? Konnte man denn überhaupt sein Geschlechtsteil sehen? Nein? War es dann tatsächlich so schlimm? Ja, okay, wenn er sich entblößt hätte… aber so? Selbst wenn er sich befriedigt hätte… Den einen störts, den anderen nicht, er kenne auch Frauen, die sich davon nicht belästigt gefühlt hätten. Das sei doch alles Ansichtssache.

Ob mensch sich von so einem Verhalten nun belästigt fühlt oder nicht, ist sicher von Person zu Person unterschiedlich. Dennoch besteht ein entscheidender Unterschied zu der oben beschriebenen Situation: Niemand ist dazu gezwungen, auf engem Raum und über Stunden neben diesem Mann zu sitzen. Es besteht die Option, sich aus der Situation zu ziehen, ohne sich mit ihm auseinandersetzen oder sich vor Dritten für sein Empfinden rechtfertigen zu müssen.

Man muss dazu sagen, dass es  in unserem Fall zu keinem Zeitpunkt um eine „Verurteilung“ und „Bestrafung“ des vermeintlichen „Täters“ nach „deutschem Recht“ oder irgendwelchen anderen normativen oder moralischen Standards ging. Es ging zunächst einmal lediglich darum, eine junge Dame umzusetzen, die sich auf ihrem Platz unwohl gefühlt hat. Eine ziemlich triviale Angelegenheit, wenn man bedenkt, aus welchen Gründen wir tagtäglich neue Plätze für unsere Kunden suchen: Weil die Sitznachbarin oder der Sitznachbar erkältet ist, weil es zu zugig ist… Fragen wie: „Sind Sie sicher, dass die Person neben Ihnen erkältet ist? Hat die Person neben Ihnen nicht vielleicht nur zufällig geniesst und es ist Ihre Interpretation, dass es sich hierbei um eine Erkältung handelt? Wenn diese Person tatsächlich erkältet ist, warum stört das nicht auch die zahlreichen anderen Gäste um Sie herum?“ oder „Warum haben Sie keine Jacke mitgebracht? Sind Sie vielleicht einfach ein wenig empfindlich? Andere Leute haben so ein frisches Lüftchen um die Nase manchmal recht gerne, warum stört Sie das eigentlich überhaupt?“, tauchen dann erstaunlicherweise nicht auf.

Im Fokus der Argumentation meines Kollegens stand nicht die konstruktive Lösung eines real existierenden Problems zwischen zwei Gästen (unabhängig was nun tatsächlich zwischen ihnen vorgefallen war), sondern die vehemente und ausdauernde Widerlegung der Notwendigkeit des Schutzanspruches des vermeintlichen „Opfers“ (wobei natürlich diese ganze Täter-Opfer-Dichotomie selbst nicht unproblematisch ist). Zunächst bezweifelt er, dass solche Vorfälle überhaupt vorkämen (ergo:Das Problem existiert generell nicht!“), dann definiert er konkrete Bedingungen dafür, wann es angemessen wäre, auf das vermeintliche Fehlverhalten zu reagieren (ergo: „Sich belästigt zu fühlen, reicht nicht aus!“). Gleichzeitig kritisiert er jedoch das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau als zu zurückhaltend: Warum hat sie nicht die umsitzenden Menschen involviert? Ihn direkt lautstark konfrontiert? (ergo: „Selbst schuld!“). Später geht er dazu über, die ganze Situation zu verharmlosen: Was wäre eigentlich so schlimm daran? (ergo: „Stell‘ dich nicht so an!“). Störend finde ich dabei keineswegs den Ansatz die ganze Situation differenziert und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: Schließlich wusste niemand von uns sicher, was tatsächlich passiert war. Aber genau deshalb empfand ich auch seine leidenschaftliche Argumentation gegen – ja was eigentlich genau? – so befremdlich. Sein einziges Ziel schien der Versuch, um jeden Preis die Glaubwürdigkeit der Frau und damit auch unsere Handlungsnotwendigkeit in Frage zu stellen. Dass sich seine einzelnen Argumente dabei teils widersprachen (einerseits habe die Frau kein Recht sich belästigt zu fühlen, andererseits habe sie zu zurückhaltend auf die Situation reagiert – einerseits sei der Fall, dass ein Mann öffentlich masturbiere, unvorstellbar, andererseits ja auch keine große Sache…), ist egal, solange sie dem Zweck dienen um jeden Preis die Wahrnehmung oder das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau zu diffamieren.

Wo fängt sexuelle Gewalt oder Belästigung überhaupt an? Sicher ist das Empfinden, was als Belästigung gewertet wird sehr subjektiv. Dennoch gibt es bestimmte Verhaltensweisen, von denen man zumindest ausgehen muss, dass sie andere Menschen in Verlegenheit oder Bedrängnis bringen könnten. Und wer an sich selbst sexuelle Handlungen in einem öffentlichen Raum in Anwesenheit Dritter ausübt (am besten noch in einer Situation, in der sich anwesende Menschen nicht entziehen können oder sich gar durch offensive Blicke und unausweichliche Nähe gegen ihren Willen in die Handlung involviert fühlen), nimmt solche Folgen seines aktiven Verhaltens zumindest billigend in Kauf – wenn es nicht sogar jene sind, welche ebendieses Handeln antreiben. Das Ganze kann man als Machtdemonstration werten (so wie ich), oder man kann es lassen (so wie mein Kollege) – es sollte jedoch in jedem Fall  zumindest ausreichend sein, dass sich jemand belästigt fühlt, damit Handlungsbedarf gesehen wird.

Auch diese Situation wäre gemäß meines Kollegen eine Grauzone: Man sieht keine Genitalien, „vielleicht kratzt er sich auch nur“ 😉 . Unter dem Video fragt ein offenbar männlicher User: „Why didn’t you call his ass out?!“ – vielleicht weil andere Menschen (wie mein Kollege) so konkrete Regeln dafür aufstellen, wann es „angemessen“ ist, sich belästigt zu fühlen? Vielleicht, weil man nicht jederzeit die Kraft für eine Konfrontation hat? Weil man die Situation nicht weiter eskalieren lassen möchte? Oder auch weil  man eben meist doch eher an seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt, als belästigende, übergriffige oder bedrohliche Situationen ernstzunehmen.

Das Ziel der Frau war weder eine öffentliche Denunzierung des Mannes, noch einen persönlichen Vorteil aus der ganzen Sache zu schlagen: Nachdem sie einige Zeit wortlos wartend in ihrer Ecke stand, nahm sie selbst einen objektiv betrachtet schlechteren anderen Platz dankend an. Es stellt sich also die Frage, weshalb man ihr den Wunsch umgesetzt zu werden verwehren sollte: Zählt die theoretische Erhaltung der Unschuldsvermutung eines Mannes, der in keiner Weise real wirksame Konsequenzen zu fürchten hatte mehr, als der Schutz einer sich konkret belästigt fühlenden Frau, die im Fall der berechtigten Anschuldigung sehr wohl reale Konsequenzen im Sinne fortwährender Übergriffe zu fürchten hätte?

Das Problem ist diese Logik, die jede Aussage-gegen-Aussage-Situation zwangsläufig in eine Einbahnstraße dirigiert. Im Endeffekt werden in diesem System Ausübende sexueller Gewalt generell geschützt (anstatt zu unrecht Beschuldigte zu schützen) und Gewaltbetroffene postwendend zu Täter_innen, indem sie bei mangelnder Beweisbarkeit automatisch der Falschbeschuldigung bezichtigt werden. Insbesondere sexuelle Übergriffe sind in sehr vielen Fällen eben nicht einwandfrei belegbar – mal abgesehen davon, dass viele Formen sexueller Gewalt strafrechtlich bislang überhaupt keine Relevanz hatten und auch weiterhin nicht oder nur ungenügend verfolgbar bleiben. Repräsentative Untersuchungen (BMFSFJ, 2004) haben ergeben, dass 58% der befragten Frauen aus Deutschland unterschiedliche Formen sexueller  Belästigungen erlebt haben, 40% gaben an Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beidem) ab ihrem 16. Lebensjahr geworden zu sein. Nur 5% der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt haben, zeigten diese auch an – wobei von diesen Anzeigen wiederum nur ein Bruchteil überhaupt zu einer Verurteilung führten (die Verurteilungsquote bei angezeigten Vergewaltigungen liegt bei 13%, während die Quote der belegbaren Falschbeschuldiguldigungen von Vergewaltigungsfällen quellenabhängig sich im deutschen Raum lediglich auf eine marginale Spanne zwischen 5% und 7,4% im beziffern).

„Nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehen der EU-Studie zufolge zur Polizei, wenn ihr Partner gewalttätig wird; 17 Prozent sind es, wenn sie nicht mit dem Täter zusammen sind. Bei vielen Frauen ist Scham der Grund. Einige rechnen sich nur geringe Erfolgschancen aus, andere sagen, sie hätten selbst eine Lösung gefunden oder wollten alleine zurechtkommen. {…}

Zum Vergleich: In Niedersachsen wurden 2014 etwa sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt – aber 94 Prozent der Autodiebstähle.

(Süddeutsche Zeitung, 27.04.2016)

Fakt ist also: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen erlebt in ihrem Leben Formen von sexueller Gewalt, während nur ein Bruchteil davon strafrechtlich verfolgbar ist. Von diesem Bruchteil werden wiederum nur 5% überhaupt zur Anzeige gebracht, weniger als ein Sechstel dieser Anzeigen führen dann zu einer Verurteilung. Der Prozess dorthin ist lang und oft erneut traumatisierend: Schambehaftete Details müssen vor fremden Menschen offenbart werden, Betroffenen schlägt Misstrauen und Argwohn entgegen, während die Chance auf „Erfolg“ (inwiefern eine Verurteilung im Individualfall einem „Erfolgs“gefühl auch immer gerecht werden kann) nicht gerade vielversprechend ist. In Wiesbaden startet aktuell ein Projekt, dass Frauen überhaupt die Möglichkeit bieten soll, sich ohne Polizeidruck nach einer Vergewaltigung medizinisch versorgen lassen zu können (von 90 Frauen haben lediglich 30 Spuren sichern lassen und wiederum lediglich 10 letztlich Anzeige erstattet). Eine andere aktuelle Studie berichtet zudem, dass mehr als jeder vierte Europäer Vergewaltigungen unter bestimmten Bedingungen für rechtfertigbar hält. Die Hemmung sich zur Wehr zu setzen, sich Hilfe zu suchen oder die Tat gar juristisch zu verfolgen ist aus vielen Gründen oft enorm hoch. Meine Beobachtungen im privaten Umfeld können diesen Eindruck nur bestätigen: Wenn beispielsweise eine Freundin im Club auf der Tanzfläche angefasst wird, verlässt sie oft eher selbst den Ort, als dass sie eine Sicherheitskraft holt. Die Erfahrung nicht ernstgenommen zu werden oder auch durch eine nervenaufreibende Konfrontation eine übergriffige oder bedrohliche Situation nicht nennenswert verbessern zu können, ist weit verbreitet.

Die theoretische Option sich durch Dritte – sei es die Polizei, Sicherheitspersonal oder andere Außenstehende – Hilfe zu suchen, ist eben oft überhaupt keine real sinnvolle Option. Insbesondere dann, wenn man an Menschen wie meinen Kollegen gerät, die genaue Vorstellungen davon vertreten, wie Gewalttaten auszusehen haben und wie sich  deren „Opfer“ bitte fachgerecht zu verhalten haben.

Ich sehe ein, dass eine konkrete Strafverfolgung nur dann stattfinden sollte, wenn ein Delikt nachgewiesen werden kann. Was ich nicht einsehe, ist, dass jede Anschuldigung die nicht einwandfrei belegt werden kann im Umkehrschluss automatisch zur Falschaussage wird. Dass mit fehlender Legitimation zur Bestrafung des potenziell Gewaltausübenden auch der Anspruch der vermeintlich Betroffenen auf Schutz und Hilfe versiegt. Dass sich generell alles Denken und Diskutieren ausschließlich um die potenziellen Täter_innen zu drehen scheint, während die Perspektive und Bedürfnisse Gewaltbetroffener nur schwammige Randnotizen zu bleiben scheinen.

In unserem Gespräch versuche ich meinem zweifelnden Kollegen  anhand persönlicher Erfahrungen zu illustrieren, wie schnell man in eine übergriffige Situation im Alltag hineingeraten kann und wie schwierig es oft ist, sich überhaupt zur Wehr zu setzen. Keine der unzähligen anzüglichen Kommentare, übergriffigen bzw. bedrohlichen Situtationen oder ungewollten Berührungen in meinem Leben haben (aus unterschiedlichsten Gründen) je zu irgendeiner nennenswerten Konsequenz für die jeweils ausübende Person geführt.  „Männer scheinen ja ganz schön schlimm zu sein!“, polemisiert er spöttisch, als fühle er sich von meinen Schilderungen persönlich angegriffen. Dieses ganze Männer-gegen-Frauen-Frontenbildungsding geht mir langsam gehörig auf die Nerven.

Sind „Männer“ also meiner Meinung nach schlimm? Nein. Menschen sind schlimm – und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Menschen die andere Menschen im öffentlichen Raum sexuell bedrängen genauso wie solche, die sexuelle Übergriffe aus welchen Gründen auch immer erfinden und somit Unschuldige in existenzbedrohliche Situationen bringen. Menschen die Erfahrungen sexueller Gewalt herunterspielen und generell in Frage stellen. Menschen wie mein Kollege, die Hilfesuchende (egal ob weiblich oder männlich) erstmal nach der Beweislage abfragen und mit der Kachelmann-Klatsche wedeln, anstatt mit ihnen gemeinsam in akuten Fällen nach kurzfristigen Lösungen zu suchen. Sie alle sind Kompliz_innen eines Systems, in dem Betroffene von Gewalt nur doppelte Verlierer_innen sein können.


Eine 2004 veröffentlichte repräsentative Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland


*Ich verwende gegenderte Ausdrücke wie „Frau“/“Mann“/“männliche“/“Dame“/“Herr“… o.Ä. als analytisch-beschreibende Begriffe für Menschen, die sich durch entsprechendes Verhalten und Auftreten, sowie kohärentes Anzeigen „weiblich“ oder „männlich“ konnotierter Attribute und des entsprechenden Habitus offenkundig selbst dementsprechend kategorisieren. Ich möchte diese ganze Mann-Frau-Dichotomie und damit einhergehendes binäres und heteronormatives Denken damit nicht sprachlich manifestieren und reproduzieren, eine Verwendung der genannten Begriffe bietet sich jedoch der Verständlichkeit und Klarheit dienend an.

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One thought on “Unterwegs (vol. I): Öffentliches Onanieren.

  1. Was genau war das Problem deines Kollegen? Du hast einer Kundin auf ihren Wunsch hin einen anderen Sitzplatz organisiert. Niemand kam zu Schaden. Dafür isses doch völlig egal, wie der Sachverhalt war. Ich bin ja auch ganz klarer Verfechter von in dubio pro reo.. aber es gab keinen Angeklagten. Und da gilt dann doch: im Zweifel für den Kunden. Ein Mitarbeiter, der sich darüber aufregt.. nunja.
    Die Frontenbildung geht mir auch gehörig auf die Nüsse, es scheint da quasi keine Mitte mehr zu geben 😦

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