Der kleinste gemeinsame Nenner

Symbole aller Art sind aus der Geschichte der Widerstandsbewegungen nicht wegzudenken. Oft provokant und auffällig gestaltet, wirken sie idealerweise vereinend und empowernd: Doch was ist, wenn ebendiese Flaggschiffe des organisierten Protests im Verdacht stehen, die beklagten Verhältnisse selbst zu reproduzieren?

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Rund eine halbe Million Menschen kamen vergangene Woche auf den US-amerikanischen Women’s March-Veranstaltungen zusammen, um gegen die kruden Äußerungen des frisch gebackenen Präsidenten Donald Trump Flagge zu zeigen. Doch die Haltung der Protestierenden war keinesfalls homogen: Während das visuelle Bild vornehmlich von pinken „Pussyhats“ und Vaginasymbolen dominiert wurde, formiert sich im Nachgang der Proteste eine spaltende Diskussion um Integration, Exklusion und die Bedeutung von Solidarität.

Die Allgegenwärtigkeit von Schildern, Kostümen und Accessoires, die auf weiblich gelesene Genitalien referrierten, sowie die unübersehbare Überrepräsentation von weißen cis-Frauen, führte zu Verletzungen und Ausschlussgefühlen auf Seiten derer, die sich durch weitere marginalisierte Marker nicht mit Vulva-Symbolen und privilegierten Weiblichkeitspositionen identifizieren können.

Es werden Stimmen laut, die nach mehr Inklusion und intersektionaler Sensibilität verlangen: Es scheint so, als sei der „Women’s March“ einmal mehr eine weiße  Exklusivveranstaltung – es mangele an Diversität, sowie Sichtbarkeit von und Solidarität gegenüber POC- und LGBT-Communities.

„Signs like „Pussy power,“ „Viva la Vulva“ and „Pussy grabs back“ all sent a clear and oppressive message to trans women, especially: having a vagina is essential to womanhood. „(Marie Solis, Mic)

Ein Symbol ist nicht viel mehr als eine visuelle Kategorisierung: Das Reduzieren und Abstrahieren einer komplexen Haltung auf ein idealerweise prägnantes und ihr essentielles Element. Wer einen bleibenden Eindruck hinterlassen will, sucht möglichst eindrucksstarke Schlagworte und Bilder, um sein Anliegen zu transportieren. Doch warum sollte ein Prinzip, das aus dekonstruktivistischen Kreisen bereits bei vermeintlich alltäglichem Vokabular wie dem generischen Maskukinum scharf kritisiert wird, auf bildhafter Ebene unkontrovers funktionieren?

Fakt ist: Jede Reduktion produziert nicht nur Schärfe, sondern auch Ausschlüsse. Wer die Bilder der Veranstaltung betrachtet, kann der Flut weiblich assoziierter Symbole, Farben und Dresscodes tatsächlich kaum entrinnen: Es stellt sich nicht zuletzt die Frage, warum ausgerechnet handgestrickte rosa Katzenohrenmützen ein geeignetes Mittel gegen machistisches Gehabe und patriarchale Denken darstellen sollten.

„The main reason I decided not to go was because of the pussy hats. I get that they’re a response to the ‚grab them by the pussy‘ thing, but I think some people fixated on it the wrong way. [.   ..] But I feel like I’ve tried to get involved in feminism and there’s always been a blockade there for trans women.“ (Jade Lejeck, Transwoman)

Wer sich jedoch nun mit empört gerümpfter Nase durch die Google-Bildersuche scrollt, sollte nicht zuletzt bedenken, dass ebenjene gendertheoretische Haltung, die schon unlängst erkannt hat, dass weder die Farbe „Pink“ noch die Tätigkeit „Stricken“ ontologisch weiblich sind, die gleiche Feststellung auch für vergeschlechtlich gelesene Körpermerkmale getroffen hat. So gesehen ist nicht die „Vulva“ an sich Symbol  determinierend-biologisierender Weiblichkeit, sondern lediglich die hegemonialen Deutungsgewohnheiten, die auf sie angewendet werden. Wer als weiblich gelesene Person aus Prinzip keine weiblich gelesenen Attribute anzeigt, unterwirft sich in letzter Instanz eben doch auch den beschneidenden Codes einer heteronormativ-organisierten Gesellschaft.

Die Diskussion selbst ist tatsächlich nicht neu. Schon lange wird in Kreisen der Genderforschung darüber diskutiert, ob sich beispielsweise die „empowernde“  Verwendung des Begriffs „Frau“ überhaupt als subversives Vokabular zur Kritik und Transformierung herrschender Machthierarchien eignet: Schließlich reproduziert er streng genommen eben jenes geschlechtsbinäre Denken, welches doch eigentlich erst zu Ausschlüssen und Asymmetrien führt. Außerdem scheint das Beharren auf einer „typisch weiblichen“ Perspektive die Tatsache zu ignorieren,  dass  „die“ eine Erfahrung von „Weiblichkeit“ genauso wenig existiert, wie „der“ eine Feminismus.

Allen Zweifeln zum Trotz scheint die Benennung einer Gruppe notwendig, um Benachteiligungen sichtbar zu machen: Wer den Begriff  „Frau“ dogmatisch aus seinem Sprachgebrauch streicht, vermeidet nicht nur die Reproduktion sexistischer Effekte, sondern versäumt gleichzeitig auch die Bennenung sexistischer Dynamiken selbst.

Was aber, wenn Symbole zur Kollektivbildung verwendet werden, die wiederum das Potential mitbringen viele Individuen auszuschließen, die sich als Teil des Kollektivs definieren?

Die Motivation der cis-weiblichen Initiatorinnen der „Pussyhat Project“-Aktion (Krista Suh und Jana Zweyman) war insbesondere, ein starkes visuelles Statement zu kreiieren: Ein Meer aus pinken Katzenohren scheint eine größere bildhafte Schlagkraft mitzubringen, als tausende Individuen in grauen, dicken Wintermänteln. Natürlich eint die Protestierenden bereits der gemeinsame Grund des Zusammentreffens, doch das extravagante und selbsthergestellte Kleidungsstück scheint die natürliche Distanz zwischen den tausenden Fremden weiter abzubauen und eine gewisse Euphorie der Gemeinschaft herzustellen. Es scheint als herrsche eine Art Klassenfahrtsgefühl unter den Teilnehmenden. Trump hat sich einen Begriff angeeignet, der zurück erobert werden muss: Pussy grabs back!

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“It’s really opening up a way for so many people who haven’t been politically active before to engage and stand up. It’s giving a different opportunity to have your voice heard, and I think that’s resonating a lot.” (Jayna Zweiman, Pussyhat Project)

Bilder von gefühlt 300-jährigen Omis im Schaukelstuhl – den Beatmungsschlauch in der Nase, die selbstgestrickten Pussyhats voller Stolz in der Hand – gehen um die Welt und treiben Tränen der Rührung in die Augen der Betrachtenden. „The Pussyhat Project“ versteht sich als Türöffner zur Teilhabe am Widerstand für alle Frauen: Denn nur so wurde beispielsweise diesen immobilen betagten Damen (hier von der Enkelin liebevoll „Nana“ genannt) die Möglichkeit geschenkt, überhaupt ihren eigenen Teil zu den Protesten beizutragen. Doch während das Projekt vielen von Haus aus bislang eher unpolitischen Menschen (insbesondere cis-Frauen) die Inspiration zum Engagement lieferte, hatte sie auf viele Transfrauen genau den gegenteiligen Effekt: Die bereits gesammelte Erfahrung, in Kämpfen von cis-Frauen nicht mitgedacht zu werden, wird subjektiv bestätigt. Der Eindruck entsteht, dass Erfahrungen von „Weiblichkeit“ ein Exklusivrecht von cis-Frauen sei.

Wie nun mit dem Vorwurf der Exklusion umgehen? Kann eine nicht betroffene Person das Gefühl des Ausschlusses nachempfinden oder bewerten? Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Umso wichtiger erweist sich der Dialog, das Zuhören, das Mitgefühl. Zu gut kennen auch cis-Frauen das Gefühl, in ihren Diskriminierungserfahrungen nicht ernstgenommen zu werden, als dass sie es in Erwägung ziehen sollten, über die Kritik anderer marginalisierter Gruppen leichtfertig hinwegzusehen oder sich gar die Deutungshoheit über deren Angemessenheit zu nehmen. Doch was folgt nun aus dieser Erkenntnis?

Das Problem der Vulva-Symboliken ist Folgendes: Es handelt sich eben nicht nur um ein profanes Sinnbild, welches durch ein beliebiges anderes ersetzt werden könnte, ohne seine politische Schlagkraft zu verlieren. Gegen dieses körperliche, typischerweise weiblich gelesene, Attribut wird weltweit theoretische, verbale und reale Gewalt ausgeübt. Wenn eine cis-Frau sexistisch motivierte Gewalt erlebt, geschieht dies, weil sie eine Vagina hat. Wenn eine Transfrau sexistisch motivierte Gewalt erlebt, dann weil sie nicht mit ebendieser geboren wurde. Das weiblich gelesene Geschlechtsorgan muss für viel herhalten – für Schimpfworte, Abwertungen und als Legitimierung der Differenzierung  ab dem ersten auswertbaren Ultraschallbild.

„Collective liberation and solidarity is difficult work, it is work that will find us struggling together and struggling with one another. Just because we are oppressed does not mean that we do not ourselves fall victim to enacting the same unconscious policing, shaming, and erasing.“ (Janet Mock, Transwoman of Colour, Women’s March Washington)

Viele cis-Frauen haben von Kindertagen an gelernt, die gesellschaftlich bedingt schambehaftete Gegend zwischen ihren Beinen wortreich zu umschreiben, anstatt sie konkret zu benennen. Es entsteht eine prekäre Ambivalenz, wenn ein US-Präsident den Begriff „Pussy“ ohne Umschweife in den Mund nehmen kann, um seinen Machtanspruch jeglicher „Pussy“ gegenüber zu manifestieren, während sowohl darüber berichtende US-amerikanische Medien ihn in der Regel zensieren und weniger kontroverse Personen des öffentlichen Lebens ihn von vornherein erst gar nicht verwenden. Es geht hier um die Zurückeroberung einer stigmatisierten Bezeichnung, eines stigmatisierenden Organs, über das die gesellschaftliche Identitätsbildung rund der Hälfte aller Menschen fremdbestimmt wird: Ja, das ist empowernd. Und ja, das ist auch verletzend: Für alle Frauen, die durch diese Fremdbestimmung aus einer anerkannten Erfahrung von Weiblichkeit ausgeschlossen werden, aber sich gleichsam aus demselben Grund nicht in die Masse der pink bestrickten Pussyhatträgerinnen integriert fühlen.

„Wearing pussyhats, or chanting about vaginas, lays out a hierarchy based on genitals that is exclusionary and painful.

This rhetoric also ignores the fact that trans people are oppressed by their genitals, just as cis women are. […]

It’s not my place to invalidate anyone’s language, but I am constantly aware of my own incomplete womanhood between my legs. I try to pretend that it doesn’t make me different from the other women around me, but at the end of the day, I know I’m not like the rest. I see it when men reject my transness, I see it when I can’t quite always smooth the front of my pencil skirt, and I see it every time I pull on a pair of panties.“ (Katelyn Burns, Transwoman)

Die Verwendung des Vulva-Symbols bugsiert uns in ein Solidaritäts-Dilemma: Was darf Empowerment?

Das Symbol „Vulva“ wird aus kritischen Kreisen geschlossen gelesen: Es scheint ein unmissverständliches Zeichen transexkludierender Radikalfeministinnen zu sein. Während diese Haltung vorgetragen wird wie ein Fakt, versteckt sich hinter ihr vielmehr eine These: Zwar kann und sollte niemand das Gefühl von Ausschluss anzweifeln, dennoch dürfte hier zumindest auf die Deutungsoffenheit von Symbolen verwiesen werden. Es bleibt fragwürdig, ob die strickenden „Nanas“ tatsächlich guten Gewissens in die (SWERF’N‘)TWERF-Ecke gedrängt werden können (Nein, es handelt sich hier nicht um ein US-amerikanisches Trendgericht!). Vielleicht fehlt ihnen sogar gerade durch die Abwesenheit politischer Auseinandersetzung und (radikaler) Positionierung die Sensibilität für andere Formen von Marginalisierung und die eigenen Handlungseffekte. Ist die unreflektierte Verwendung und die darauf folgende Überrepräsentation von Pussy-Symbolen nicht die Ursache, sondern lediglich ein Symptom fehlender Solidarität? Vielleicht sollten wir nicht dafür appellieren, Worte und Symbole aus unserem Repertoire zu verbannen, die einen großen Teil marginalisierter Gruppen empowert und stark macht – aber wir sollten in jedem Fall Empathie zeigen, wenn dieses Gefühl nicht alle teilen können. Möglicherweise gibt es nicht „den einen Weg“, der ohne Verletzungen auskommt und allen Bedürfnissen gerecht werden kann – Ignoranz und Egozentrismus kann dies dennoch keineswegs rechtfertigen. Doch was zunächst ernüchternd klingt, könnte auch eine Chance sein: Vielleicht hilft uns diese Erkenntnis Bündnisse zu schließen, die sich nicht mehr über sich einander ausschließende Identitäten definieren. Die Anerkennung unserer eigenenen Fehlbarkeit und die Erkennung unseres gemeinsamen Anliegens lässt eventuell eine neue, definitionsunabhängige Form der Solidarität zu, anstatt marginalisierte Gruppen zu spalten und „Opfer“ zu hierarchisieren.

„Empathy is the only antidote to this societal ill. „(Laverne Cox, Transwoman of Colour, on Women’s March LA)

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„‘Pussyhats’ Galore: Inside the Pink Toppers Thousands Will Wear to the Women’s March on Washington“ (People Politics)

„How ‘Pussy Hats’   Made Me Feel Excluded — And Then Welcomed — At The Women’s March“ (The Establishment)

„Trans community: Women’s March protesters’ focus on female genitalia was ‘oppressive’“, The Blaze

„Ericka Hart: Not Everyone Who Identifies As A Woman Has A P***y“ (Huffington Post)

 Trans-exclusionary radicalfeminsim, TERF (SJWiki)

„How the Women’s March’s „genital-based“ feminism isolated the transgender community“, Identities.Mic

„Read Janet Mock’s Empowering Speech on Trans Women of Color and Sex Workers“, The Cut

„“Pussy“ Symbolism and the Masked Hatred of the Women’s March“, Frontpage Mag

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