Der kleinste gemeinsame Nenner

Symbole aller Art sind aus der Geschichte der Widerstandsbewegungen nicht wegzudenken. Oft provokant und auffällig gestaltet, wirken sie idealerweise vereinend und empowernd: Doch was ist, wenn ebendiese Flaggschiffe des organisierten Protests im Verdacht stehen, die beklagten Verhältnisse selbst zu reproduzieren?

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Rund eine halbe Million Menschen kamen vergangene Woche auf den US-amerikanischen Women’s March-Veranstaltungen zusammen, um gegen die kruden Äußerungen des frisch gebackenen Präsidenten Donald Trump Flagge zu zeigen. Doch die Haltung der Protestierenden war keinesfalls homogen: Während das visuelle Bild vornehmlich von pinken „Pussyhats“ und Vaginasymbolen dominiert wurde, formiert sich im Nachgang der Proteste eine spaltende Diskussion um Integration, Exklusion und die Bedeutung von Solidarität.

Die Allgegenwärtigkeit von Schildern, Kostümen und Accessoires, die auf weiblich gelesene Genitalien referrierten, sowie die unübersehbare Überrepräsentation von weißen cis-Frauen, führte zu Verletzungen und Ausschlussgefühlen auf Seiten derer, die sich durch weitere marginalisierte Marker nicht mit Vulva-Symbolen und privilegierten Weiblichkeitspositionen identifizieren können.

Es werden Stimmen laut, die nach mehr Inklusion und intersektionaler Sensibilität verlangen: Es scheint so, als sei der „Women’s March“ einmal mehr eine weiße  Exklusivveranstaltung – es mangele an Diversität, sowie Sichtbarkeit von und Solidarität gegenüber POC- und LGBT-Communities.

„Signs like „Pussy power,“ „Viva la Vulva“ and „Pussy grabs back“ all sent a clear and oppressive message to trans women, especially: having a vagina is essential to womanhood. „(Marie Solis, Mic)

Ein Symbol ist nicht viel mehr als eine visuelle Kategorisierung: Das Reduzieren und Abstrahieren einer komplexen Haltung auf ein idealerweise prägnantes und ihr essentielles Element. Wer einen bleibenden Eindruck hinterlassen will, sucht möglichst eindrucksstarke Schlagworte und Bilder, um sein Anliegen zu transportieren. Doch warum sollte ein Prinzip, das aus dekonstruktivistischen Kreisen bereits bei vermeintlich alltäglichem Vokabular wie dem generischen Maskukinum scharf kritisiert wird, auf bildhafter Ebene unkontrovers funktionieren?

Fakt ist: Jede Reduktion produziert nicht nur Schärfe, sondern auch Ausschlüsse. Wer die Bilder der Veranstaltung betrachtet, kann der Flut weiblich assoziierter Symbole, Farben und Dresscodes tatsächlich kaum entrinnen: Es stellt sich nicht zuletzt die Frage, warum ausgerechnet handgestrickte rosa Katzenohrenmützen ein geeignetes Mittel gegen machistisches Gehabe und patriarchale Denken darstellen sollten.

„The main reason I decided not to go was because of the pussy hats. I get that they’re a response to the ‚grab them by the pussy‘ thing, but I think some people fixated on it the wrong way. [.   ..] But I feel like I’ve tried to get involved in feminism and there’s always been a blockade there for trans women.“ (Jade Lejeck, Transwoman)

Wer sich jedoch nun mit empört gerümpfter Nase durch die Google-Bildersuche scrollt, sollte nicht zuletzt bedenken, dass ebenjene gendertheoretische Haltung, die schon unlängst erkannt hat, dass weder die Farbe „Pink“ noch die Tätigkeit „Stricken“ ontologisch weiblich sind, die gleiche Feststellung auch für vergeschlechtlich gelesene Körpermerkmale getroffen hat. So gesehen ist nicht die „Vulva“ an sich Symbol  determinierend-biologisierender Weiblichkeit, sondern lediglich die hegemonialen Deutungsgewohnheiten, die auf sie angewendet werden. Wer als weiblich gelesene Person aus Prinzip keine weiblich gelesenen Attribute anzeigt, unterwirft sich in letzter Instanz eben doch auch den beschneidenden Codes einer heteronormativ-organisierten Gesellschaft.

Die Diskussion selbst ist tatsächlich nicht neu. Schon lange wird in Kreisen der Genderforschung darüber diskutiert, ob sich beispielsweise die „empowernde“  Verwendung des Begriffs „Frau“ überhaupt als subversives Vokabular zur Kritik und Transformierung herrschender Machthierarchien eignet: Schließlich reproduziert er streng genommen eben jenes geschlechtsbinäre Denken, welches doch eigentlich erst zu Ausschlüssen und Asymmetrien führt. Außerdem scheint das Beharren auf einer „typisch weiblichen“ Perspektive die Tatsache zu ignorieren,  dass  „die“ eine Erfahrung von „Weiblichkeit“ genauso wenig existiert, wie „der“ eine Feminismus.

Allen Zweifeln zum Trotz scheint die Benennung einer Gruppe notwendig, um Benachteiligungen sichtbar zu machen: Wer den Begriff  „Frau“ dogmatisch aus seinem Sprachgebrauch streicht, vermeidet nicht nur die Reproduktion sexistischer Effekte, sondern versäumt gleichzeitig auch die Bennenung sexistischer Dynamiken selbst.

Was aber, wenn Symbole zur Kollektivbildung verwendet werden, die wiederum das Potential mitbringen viele Individuen auszuschließen, die sich als Teil des Kollektivs definieren?

Die Motivation der cis-weiblichen Initiatorinnen der „Pussyhat Project“-Aktion (Krista Suh und Jana Zweyman) war insbesondere, ein starkes visuelles Statement zu kreiieren: Ein Meer aus pinken Katzenohren scheint eine größere bildhafte Schlagkraft mitzubringen, als tausende Individuen in grauen, dicken Wintermänteln. Natürlich eint die Protestierenden bereits der gemeinsame Grund des Zusammentreffens, doch das extravagante und selbsthergestellte Kleidungsstück scheint die natürliche Distanz zwischen den tausenden Fremden weiter abzubauen und eine gewisse Euphorie der Gemeinschaft herzustellen. Es scheint als herrsche eine Art Klassenfahrtsgefühl unter den Teilnehmenden. Trump hat sich einen Begriff angeeignet, der zurück erobert werden muss: Pussy grabs back!

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“It’s really opening up a way for so many people who haven’t been politically active before to engage and stand up. It’s giving a different opportunity to have your voice heard, and I think that’s resonating a lot.” (Jayna Zweiman, Pussyhat Project)

Bilder von gefühlt 300-jährigen Omis im Schaukelstuhl – den Beatmungsschlauch in der Nase, die selbstgestrickten Pussyhats voller Stolz in der Hand – gehen um die Welt und treiben Tränen der Rührung in die Augen der Betrachtenden. „The Pussyhat Project“ versteht sich als Türöffner zur Teilhabe am Widerstand für alle Frauen: Denn nur so wurde beispielsweise diesen immobilen betagten Damen (hier von der Enkelin liebevoll „Nana“ genannt) die Möglichkeit geschenkt, überhaupt ihren eigenen Teil zu den Protesten beizutragen. Doch während das Projekt vielen von Haus aus bislang eher unpolitischen Menschen (insbesondere cis-Frauen) die Inspiration zum Engagement lieferte, hatte sie auf viele Transfrauen genau den gegenteiligen Effekt: Die bereits gesammelte Erfahrung, in Kämpfen von cis-Frauen nicht mitgedacht zu werden, wird subjektiv bestätigt. Der Eindruck entsteht, dass Erfahrungen von „Weiblichkeit“ ein Exklusivrecht von cis-Frauen sei.

Wie nun mit dem Vorwurf der Exklusion umgehen? Kann eine nicht betroffene Person das Gefühl des Ausschlusses nachempfinden oder bewerten? Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Umso wichtiger erweist sich der Dialog, das Zuhören, das Mitgefühl. Zu gut kennen auch cis-Frauen das Gefühl, in ihren Diskriminierungserfahrungen nicht ernstgenommen zu werden, als dass sie es in Erwägung ziehen sollten, über die Kritik anderer marginalisierter Gruppen leichtfertig hinwegzusehen oder sich gar die Deutungshoheit über deren Angemessenheit zu nehmen. Doch was folgt nun aus dieser Erkenntnis?

Das Problem der Vulva-Symboliken ist Folgendes: Es handelt sich eben nicht nur um ein profanes Sinnbild, welches durch ein beliebiges anderes ersetzt werden könnte, ohne seine politische Schlagkraft zu verlieren. Gegen dieses körperliche, typischerweise weiblich gelesene, Attribut wird weltweit theoretische, verbale und reale Gewalt ausgeübt. Wenn eine cis-Frau sexistisch motivierte Gewalt erlebt, geschieht dies, weil sie eine Vagina hat. Wenn eine Transfrau sexistisch motivierte Gewalt erlebt, dann weil sie nicht mit ebendieser geboren wurde. Das weiblich gelesene Geschlechtsorgan muss für viel herhalten – für Schimpfworte, Abwertungen und als Legitimierung der Differenzierung  ab dem ersten auswertbaren Ultraschallbild.

„Collective liberation and solidarity is difficult work, it is work that will find us struggling together and struggling with one another. Just because we are oppressed does not mean that we do not ourselves fall victim to enacting the same unconscious policing, shaming, and erasing.“ (Janet Mock, Transwoman of Colour, Women’s March Washington)

Viele cis-Frauen haben von Kindertagen an gelernt, die gesellschaftlich bedingt schambehaftete Gegend zwischen ihren Beinen wortreich zu umschreiben, anstatt sie konkret zu benennen. Es entsteht eine prekäre Ambivalenz, wenn ein US-Präsident den Begriff „Pussy“ ohne Umschweife in den Mund nehmen kann, um seinen Machtanspruch jeglicher „Pussy“ gegenüber zu manifestieren, während sowohl darüber berichtende US-amerikanische Medien ihn in der Regel zensieren und weniger kontroverse Personen des öffentlichen Lebens ihn von vornherein erst gar nicht verwenden. Es geht hier um die Zurückeroberung einer stigmatisierten Bezeichnung, eines stigmatisierenden Organs, über das die gesellschaftliche Identitätsbildung rund der Hälfte aller Menschen fremdbestimmt wird: Ja, das ist empowernd. Und ja, das ist auch verletzend: Für alle Frauen, die durch diese Fremdbestimmung aus einer anerkannten Erfahrung von Weiblichkeit ausgeschlossen werden, aber sich gleichsam aus demselben Grund nicht in die Masse der pink bestrickten Pussyhatträgerinnen integriert fühlen.

„Wearing pussyhats, or chanting about vaginas, lays out a hierarchy based on genitals that is exclusionary and painful.

This rhetoric also ignores the fact that trans people are oppressed by their genitals, just as cis women are. […]

It’s not my place to invalidate anyone’s language, but I am constantly aware of my own incomplete womanhood between my legs. I try to pretend that it doesn’t make me different from the other women around me, but at the end of the day, I know I’m not like the rest. I see it when men reject my transness, I see it when I can’t quite always smooth the front of my pencil skirt, and I see it every time I pull on a pair of panties.“ (Katelyn Burns, Transwoman)

Die Verwendung des Vulva-Symbols bugsiert uns in ein Solidaritäts-Dilemma: Was darf Empowerment?

Das Symbol „Vulva“ wird aus kritischen Kreisen geschlossen gelesen: Es scheint ein unmissverständliches Zeichen transexkludierender Radikalfeministinnen zu sein. Während diese Haltung vorgetragen wird wie ein Fakt, versteckt sich hinter ihr vielmehr eine These: Zwar kann und sollte niemand das Gefühl von Ausschluss anzweifeln, dennoch dürfte hier zumindest auf die Deutungsoffenheit von Symbolen verwiesen werden. Es bleibt fragwürdig, ob die strickenden „Nanas“ tatsächlich guten Gewissens in die (SWERF’N‘)TWERF-Ecke gedrängt werden können (Nein, es handelt sich hier nicht um ein US-amerikanisches Trendgericht!). Vielleicht fehlt ihnen sogar gerade durch die Abwesenheit politischer Auseinandersetzung und (radikaler) Positionierung die Sensibilität für andere Formen von Marginalisierung und die eigenen Handlungseffekte. Ist die unreflektierte Verwendung und die darauf folgende Überrepräsentation von Pussy-Symbolen nicht die Ursache, sondern lediglich ein Symptom fehlender Solidarität? Vielleicht sollten wir nicht dafür appellieren, Worte und Symbole aus unserem Repertoire zu verbannen, die einen großen Teil marginalisierter Gruppen empowert und stark macht – aber wir sollten in jedem Fall Empathie zeigen, wenn dieses Gefühl nicht alle teilen können. Möglicherweise gibt es nicht „den einen Weg“, der ohne Verletzungen auskommt und allen Bedürfnissen gerecht werden kann – Ignoranz und Egozentrismus kann dies dennoch keineswegs rechtfertigen. Doch was zunächst ernüchternd klingt, könnte auch eine Chance sein: Vielleicht hilft uns diese Erkenntnis Bündnisse zu schließen, die sich nicht mehr über sich einander ausschließende Identitäten definieren. Die Anerkennung unserer eigenenen Fehlbarkeit und die Erkennung unseres gemeinsamen Anliegens lässt eventuell eine neue, definitionsunabhängige Form der Solidarität zu, anstatt marginalisierte Gruppen zu spalten und „Opfer“ zu hierarchisieren.

„Empathy is the only antidote to this societal ill. „(Laverne Cox, Transwoman of Colour, on Women’s March LA)

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„‘Pussyhats’ Galore: Inside the Pink Toppers Thousands Will Wear to the Women’s March on Washington“ (People Politics)

„How ‘Pussy Hats’   Made Me Feel Excluded — And Then Welcomed — At The Women’s March“ (The Establishment)

„Trans community: Women’s March protesters’ focus on female genitalia was ‘oppressive’“, The Blaze

„Ericka Hart: Not Everyone Who Identifies As A Woman Has A P***y“ (Huffington Post)

 Trans-exclusionary radicalfeminsim, TERF (SJWiki)

„How the Women’s March’s „genital-based“ feminism isolated the transgender community“, Identities.Mic

„Read Janet Mock’s Empowering Speech on Trans Women of Color and Sex Workers“, The Cut

„“Pussy“ Symbolism and the Masked Hatred of the Women’s March“, Frontpage Mag

Unterwegs (vol. I): Öffentliches Onanieren.

In meinem Job habe ich es tagtäglich mit unzähligen Menschen zu tun. Kleinen Kindern, die nicht wissen, wohin sie ihr Weg führen wird. Greisen Ehepaaren, die schon unzählige Kilometer in ihrem Leben gemeinsam bewältigt haben. Businessmenschen, in Wollgemischensembles, welche noch starrer wirken als der fixierender Blick auf ihr Notebook. Einsame postadoleszente Rastaheads mit riesigen Rucksäcken, umgeben von einer Geruchsaura irgendwo zwischen Patchouli und Theaterfundus. Manche Familien sind mit ihrem frisch geborenen Baby das erste Mal. Andere Menschen treten offenkundig ihre letzte Reise an – zurück nachhause oder hinaus in die Welt, Endstation in jedem Fall ungewiss. Sie alle eint ihr gemeinsamer Weg, der doch zu unterschiedlichen Destinationen führen wird.

Der Tag neigt sich bereits dem Abend zu, als ich eine junge Frau* in einer Ecke stehen sehe. Wir befinden uns mitten in unseren routinemäßigen Arbeitsabläufen, Gegenstände wandern zum zigtausendsten Mal durch unsere aufgerauhten Hände. Wer täglich mit unzähligen Menschen zu tun hat, braucht nicht nur interkulturelle Kompetenzen, sondern auch genügend Desinfektionsmittel. Ich unterbreche meine Arbeit und gehe auf sie zu, um sie nach ihrem Befinden zu fragen. Sie nickt eifrig und schaut auf den Boden. „Wenn Sie die Zeit finden… also nicht jetzt, ich kann gerne warten… dann würde ich gerne kurz persönlich mit jemandem reden…“, schiebt sie zögerlich nach. In diesem Moment legt sich bei mir ein Schalter um. Alles an dieser Situation sagt mir: Hier ist irgendetwas ganz und gar nicht okay.

Ich lege alles zur Seite und sage meinen Kolleginnen, dass sie kurz ohne mich auskommen müssen. Die junge Frau gestikuliert ausweichend, als wolle sie sagen: Machen Sie nur weiter, ich will niemanden stören, ich kann warten! „Was ist denn passiert?“, frage ich sie mit fester Stimme und versuche ihren Blick einzufangen. Die Situation scheint ihr sichtlich unnagenehm zu sein. „Der Mann neben mir… er fässt sich an…“.

Natürlich handelte es sich hier um eine aus verschiedenen Gründen prekäre Situation. Die junge Frau wollte aus Scham und auch aus der Angst, dass sie anschließend weiterhin neben diesem Herren* sitzen müsse, nicht, dass wir ihn direkt ansprechen. Das wäre auch aus unserer Perspektive heikel geworden: Auch er ist zahlender Kunde, es gibt keine Zeugen. Wenn die Situation war wie von der Frau beschrieben, würde er es im Gespräch wohl kaum zugeben (wozu auch?), niemand von uns war persönlich bei der beschriebenen Situation anwesend, die Brisanz einer solchen Anschuldigung jedoch gleichsam enorm – der Mehrwehrt wäre im Verhältnis zum Eskalationspotenzial nicht wirklich ökonomisch. Wir haben also in einvernehmlicher Absprache mit der Frau möglichst diskret einen anderen Platz für sie gesucht.

Ich denke, wir konnten die Situation aus professioneller Perspektive zufriedenstellend lösen. Möglicherweise hätte ich als Privatperson konfrontativer agiert, wenn ich eine solche Situation mitbekommen hätte – das soll nun aber nicht Gegenstand meiner folgenden Überlegungen sein. Was mich vielmehr beschäftigt ist die Reaktion des einzig männlichen Kollegen, der in die ganze Situation verwickelt war. Meine weibliche Vorgesetzte, sowie auch meine drei weiblichen Kolleginnen (die alle auch persönlich mit der jungen Frau gesprochen haben), haben die ganze Angelegenheit ohne Umschweife ernstgenommen. Und damit meine ich nicht, dass sie mit Mistgabeln und Fackeln auf den beschuldigten Kunden losgegangen sind und ihn öffentlch gelyncht haben. Ich meine, dass sie versucht haben eine Lösung zu finden. Sicher aber auch, weil wir alle sehr gut aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, wie unangenehm eine solche Situation sein kann. Selbst meine Vorgesetzte konnte von einem identischen Erlebnis berichten. Der beschuldigte Mann blieb von der ganzen Angelegenheit übrigens gänzlich unbetroffen: Sicherlich hat er die Umsetzaktion mitbekommen, die hätte jedoch auch zahlreiche andere Gründe haben können. Egal was genau vorgefallen war: Er musste sich keine Sekunde aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen oder sich in irgendeiner Art rechtfertigen, geschweige denn real einschränken lassen.

Aber zurück zu meinem männlichen* Kollegen: Er ist von der ganzen Situation völlig unbetroffen, denn er war zum entsprechenden Zeitpunkt in einem anderen Bereich tätig. Deshalb hat er auch bis zuletzt keinen persönlichen Kontakt zu der vermeintlich betroffenen Frau. Beiläufig erfährt er von der Situation.

Er mischt sich ein und fragt, ob wir den vermeintlichen Vorfall persönlich mitbekommen hätten. Ich verneine. Na dann, würde er das grundsätzlich sowieso nicht glauben. Er könne sich generell nicht vorstellen, dass so etwas vorkäme… aber Frauen, die würden solche Dinge ja gerne mal erfinden – Fall Kachelmann! Fall Trump! Er wedelt mit diesen boulevardesk-verschmierten Schlagworten (und ich bezweifle stark, dass es Kachelmann gefallen würde, mit Trump in einem Atemzug gennant zu werden), als seien sie die triumphierenden Asse in seinen gut gestärkten Hemdärmeln.

Wenn es keiner sonst mitbekommen hätte, sei die Situation wohl uneindeutig gewesen. Und wenn sie denn so uneindeutig war, führe ja naturgemäß nur viel Interpretationsspielraum zu einem solchen Vorwurf. Vielleicht hat er sich der Herr nur ungünstig bewegt? Im Zweifel für den Angeklagten, so funktioniere das im deutschen Recht – bis das Gegenteil bewiesen sei, gäbe es keinen Täter und solange auch keinen Handlungsbedarf. Apropos Recht: Er wüsste von vielen Fällen in denen Frauen sich selbst Verletzungen zugefügt hätten, um unschuldige Männer der Vergewaltigung zu bezichtigen… Außerdem: Wenn sie sich denn so sicher war, warum hat sie (so würde er ja handeln), dann nicht direkt etwas vor allen gesagt? Warum hat sie nicht ihre Umgebung involviert? Konnte man denn überhaupt sein Geschlechtsteil sehen? Nein? War es dann tatsächlich so schlimm? Ja, okay, wenn er sich entblößt hätte… aber so? Selbst wenn er sich befriedigt hätte… Den einen störts, den anderen nicht, er kenne auch Frauen, die sich davon nicht belästigt gefühlt hätten. Das sei doch alles Ansichtssache.

Ob mensch sich von so einem Verhalten nun belästigt fühlt oder nicht, ist sicher von Person zu Person unterschiedlich. Dennoch besteht ein entscheidender Unterschied zu der oben beschriebenen Situation: Niemand ist dazu gezwungen, auf engem Raum und über Stunden neben diesem Mann zu sitzen. Es besteht die Option, sich aus der Situation zu ziehen, ohne sich mit ihm auseinandersetzen oder sich vor Dritten für sein Empfinden rechtfertigen zu müssen.

Man muss dazu sagen, dass es  in unserem Fall zu keinem Zeitpunkt um eine „Verurteilung“ und „Bestrafung“ des vermeintlichen „Täters“ nach „deutschem Recht“ oder irgendwelchen anderen normativen oder moralischen Standards ging. Es ging zunächst einmal lediglich darum, eine junge Dame umzusetzen, die sich auf ihrem Platz unwohl gefühlt hat. Eine ziemlich triviale Angelegenheit, wenn man bedenkt, aus welchen Gründen wir tagtäglich neue Plätze für unsere Kunden suchen: Weil die Sitznachbarin oder der Sitznachbar erkältet ist, weil es zu zugig ist… Fragen wie: „Sind Sie sicher, dass die Person neben Ihnen erkältet ist? Hat die Person neben Ihnen nicht vielleicht nur zufällig geniesst und es ist Ihre Interpretation, dass es sich hierbei um eine Erkältung handelt? Wenn diese Person tatsächlich erkältet ist, warum stört das nicht auch die zahlreichen anderen Gäste um Sie herum?“ oder „Warum haben Sie keine Jacke mitgebracht? Sind Sie vielleicht einfach ein wenig empfindlich? Andere Leute haben so ein frisches Lüftchen um die Nase manchmal recht gerne, warum stört Sie das eigentlich überhaupt?“, tauchen dann erstaunlicherweise nicht auf.

Im Fokus der Argumentation meines Kollegens stand nicht die konstruktive Lösung eines real existierenden Problems zwischen zwei Gästen (unabhängig was nun tatsächlich zwischen ihnen vorgefallen war), sondern die vehemente und ausdauernde Widerlegung der Notwendigkeit des Schutzanspruches des vermeintlichen „Opfers“ (wobei natürlich diese ganze Täter-Opfer-Dichotomie selbst nicht unproblematisch ist). Zunächst bezweifelt er, dass solche Vorfälle überhaupt vorkämen (ergo:Das Problem existiert generell nicht!“), dann definiert er konkrete Bedingungen dafür, wann es angemessen wäre, auf das vermeintliche Fehlverhalten zu reagieren (ergo: „Sich belästigt zu fühlen, reicht nicht aus!“). Gleichzeitig kritisiert er jedoch das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau als zu zurückhaltend: Warum hat sie nicht die umsitzenden Menschen involviert? Ihn direkt lautstark konfrontiert? (ergo: „Selbst schuld!“). Später geht er dazu über, die ganze Situation zu verharmlosen: Was wäre eigentlich so schlimm daran? (ergo: „Stell‘ dich nicht so an!“). Störend finde ich dabei keineswegs den Ansatz die ganze Situation differenziert und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: Schließlich wusste niemand von uns sicher, was tatsächlich passiert war. Aber genau deshalb empfand ich auch seine leidenschaftliche Argumentation gegen – ja was eigentlich genau? – so befremdlich. Sein einziges Ziel schien der Versuch, um jeden Preis die Glaubwürdigkeit der Frau und damit auch unsere Handlungsnotwendigkeit in Frage zu stellen. Dass sich seine einzelnen Argumente dabei teils widersprachen (einerseits habe die Frau kein Recht sich belästigt zu fühlen, andererseits habe sie zu zurückhaltend auf die Situation reagiert – einerseits sei der Fall, dass ein Mann öffentlich masturbiere, unvorstellbar, andererseits ja auch keine große Sache…), ist egal, solange sie dem Zweck dienen um jeden Preis die Wahrnehmung oder das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau zu diffamieren.

Wo fängt sexuelle Gewalt oder Belästigung überhaupt an? Sicher ist das Empfinden, was als Belästigung gewertet wird sehr subjektiv. Dennoch gibt es bestimmte Verhaltensweisen, von denen man zumindest ausgehen muss, dass sie andere Menschen in Verlegenheit oder Bedrängnis bringen könnten. Und wer an sich selbst sexuelle Handlungen in einem öffentlichen Raum in Anwesenheit Dritter ausübt (am besten noch in einer Situation, in der sich anwesende Menschen nicht entziehen können oder sich gar durch offensive Blicke und unausweichliche Nähe gegen ihren Willen in die Handlung involviert fühlen), nimmt solche Folgen seines aktiven Verhaltens zumindest billigend in Kauf – wenn es nicht sogar jene sind, welche ebendieses Handeln antreiben. Das Ganze kann man als Machtdemonstration werten (so wie ich), oder man kann es lassen (so wie mein Kollege) – es sollte jedoch in jedem Fall  zumindest ausreichend sein, dass sich jemand belästigt fühlt, damit Handlungsbedarf gesehen wird.

Auch diese Situation wäre gemäß meines Kollegen eine Grauzone: Man sieht keine Genitalien, „vielleicht kratzt er sich auch nur“ 😉 . Unter dem Video fragt ein offenbar männlicher User: „Why didn’t you call his ass out?!“ – vielleicht weil andere Menschen (wie mein Kollege) so konkrete Regeln dafür aufstellen, wann es „angemessen“ ist, sich belästigt zu fühlen? Vielleicht, weil man nicht jederzeit die Kraft für eine Konfrontation hat? Weil man die Situation nicht weiter eskalieren lassen möchte? Oder auch weil  man eben meist doch eher an seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt, als belästigende, übergriffige oder bedrohliche Situationen ernstzunehmen.

Das Ziel der Frau war weder eine öffentliche Denunzierung des Mannes, noch einen persönlichen Vorteil aus der ganzen Sache zu schlagen: Nachdem sie einige Zeit wortlos wartend in ihrer Ecke stand, nahm sie selbst einen objektiv betrachtet schlechteren anderen Platz dankend an. Es stellt sich also die Frage, weshalb man ihr den Wunsch umgesetzt zu werden verwehren sollte: Zählt die theoretische Erhaltung der Unschuldsvermutung eines Mannes, der in keiner Weise real wirksame Konsequenzen zu fürchten hatte mehr, als der Schutz einer sich konkret belästigt fühlenden Frau, die im Fall der berechtigten Anschuldigung sehr wohl reale Konsequenzen im Sinne fortwährender Übergriffe zu fürchten hätte?

Das Problem ist diese Logik, die jede Aussage-gegen-Aussage-Situation zwangsläufig in eine Einbahnstraße dirigiert. Im Endeffekt werden in diesem System Ausübende sexueller Gewalt generell geschützt (anstatt zu unrecht Beschuldigte zu schützen) und Gewaltbetroffene postwendend zu Täter_innen, indem sie bei mangelnder Beweisbarkeit automatisch der Falschbeschuldigung bezichtigt werden. Insbesondere sexuelle Übergriffe sind in sehr vielen Fällen eben nicht einwandfrei belegbar – mal abgesehen davon, dass viele Formen sexueller Gewalt strafrechtlich bislang überhaupt keine Relevanz hatten und auch weiterhin nicht oder nur ungenügend verfolgbar bleiben. Repräsentative Untersuchungen (BMFSFJ, 2004) haben ergeben, dass 58% der befragten Frauen aus Deutschland unterschiedliche Formen sexueller  Belästigungen erlebt haben, 40% gaben an Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beidem) ab ihrem 16. Lebensjahr geworden zu sein. Nur 5% der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt haben, zeigten diese auch an – wobei von diesen Anzeigen wiederum nur ein Bruchteil überhaupt zu einer Verurteilung führten (die Verurteilungsquote bei angezeigten Vergewaltigungen liegt bei 13%, während die Quote der belegbaren Falschbeschuldiguldigungen von Vergewaltigungsfällen quellenabhängig sich im deutschen Raum lediglich auf eine marginale Spanne zwischen 5% und 7,4% im beziffern).

„Nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehen der EU-Studie zufolge zur Polizei, wenn ihr Partner gewalttätig wird; 17 Prozent sind es, wenn sie nicht mit dem Täter zusammen sind. Bei vielen Frauen ist Scham der Grund. Einige rechnen sich nur geringe Erfolgschancen aus, andere sagen, sie hätten selbst eine Lösung gefunden oder wollten alleine zurechtkommen. {…}

Zum Vergleich: In Niedersachsen wurden 2014 etwa sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt – aber 94 Prozent der Autodiebstähle.

(Süddeutsche Zeitung, 27.04.2016)

Fakt ist also: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen erlebt in ihrem Leben Formen von sexueller Gewalt, während nur ein Bruchteil davon strafrechtlich verfolgbar ist. Von diesem Bruchteil werden wiederum nur 5% überhaupt zur Anzeige gebracht, weniger als ein Sechstel dieser Anzeigen führen dann zu einer Verurteilung. Der Prozess dorthin ist lang und oft erneut traumatisierend: Schambehaftete Details müssen vor fremden Menschen offenbart werden, Betroffenen schlägt Misstrauen und Argwohn entgegen, während die Chance auf „Erfolg“ (inwiefern eine Verurteilung im Individualfall einem „Erfolgs“gefühl auch immer gerecht werden kann) nicht gerade vielversprechend ist. In Wiesbaden startet aktuell ein Projekt, dass Frauen überhaupt die Möglichkeit bieten soll, sich ohne Polizeidruck nach einer Vergewaltigung medizinisch versorgen lassen zu können (von 90 Frauen haben lediglich 30 Spuren sichern lassen und wiederum lediglich 10 letztlich Anzeige erstattet). Eine andere aktuelle Studie berichtet zudem, dass mehr als jeder vierte Europäer Vergewaltigungen unter bestimmten Bedingungen für rechtfertigbar hält. Die Hemmung sich zur Wehr zu setzen, sich Hilfe zu suchen oder die Tat gar juristisch zu verfolgen ist aus vielen Gründen oft enorm hoch. Meine Beobachtungen im privaten Umfeld können diesen Eindruck nur bestätigen: Wenn beispielsweise eine Freundin im Club auf der Tanzfläche angefasst wird, verlässt sie oft eher selbst den Ort, als dass sie eine Sicherheitskraft holt. Die Erfahrung nicht ernstgenommen zu werden oder auch durch eine nervenaufreibende Konfrontation eine übergriffige oder bedrohliche Situation nicht nennenswert verbessern zu können, ist weit verbreitet.

Die theoretische Option sich durch Dritte – sei es die Polizei, Sicherheitspersonal oder andere Außenstehende – Hilfe zu suchen, ist eben oft überhaupt keine real sinnvolle Option. Insbesondere dann, wenn man an Menschen wie meinen Kollegen gerät, die genaue Vorstellungen davon vertreten, wie Gewalttaten auszusehen haben und wie sich  deren „Opfer“ bitte fachgerecht zu verhalten haben.

Ich sehe ein, dass eine konkrete Strafverfolgung nur dann stattfinden sollte, wenn ein Delikt nachgewiesen werden kann. Was ich nicht einsehe, ist, dass jede Anschuldigung die nicht einwandfrei belegt werden kann im Umkehrschluss automatisch zur Falschaussage wird. Dass mit fehlender Legitimation zur Bestrafung des potenziell Gewaltausübenden auch der Anspruch der vermeintlich Betroffenen auf Schutz und Hilfe versiegt. Dass sich generell alles Denken und Diskutieren ausschließlich um die potenziellen Täter_innen zu drehen scheint, während die Perspektive und Bedürfnisse Gewaltbetroffener nur schwammige Randnotizen zu bleiben scheinen.

In unserem Gespräch versuche ich meinem zweifelnden Kollegen  anhand persönlicher Erfahrungen zu illustrieren, wie schnell man in eine übergriffige Situation im Alltag hineingeraten kann und wie schwierig es oft ist, sich überhaupt zur Wehr zu setzen. Keine der unzähligen anzüglichen Kommentare, übergriffigen bzw. bedrohlichen Situtationen oder ungewollten Berührungen in meinem Leben haben (aus unterschiedlichsten Gründen) je zu irgendeiner nennenswerten Konsequenz für die jeweils ausübende Person geführt.  „Männer scheinen ja ganz schön schlimm zu sein!“, polemisiert er spöttisch, als fühle er sich von meinen Schilderungen persönlich angegriffen. Dieses ganze Männer-gegen-Frauen-Frontenbildungsding geht mir langsam gehörig auf die Nerven.

Sind „Männer“ also meiner Meinung nach schlimm? Nein. Menschen sind schlimm – und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Menschen die andere Menschen im öffentlichen Raum sexuell bedrängen genauso wie solche, die sexuelle Übergriffe aus welchen Gründen auch immer erfinden und somit Unschuldige in existenzbedrohliche Situationen bringen. Menschen die Erfahrungen sexueller Gewalt herunterspielen und generell in Frage stellen. Menschen wie mein Kollege, die Hilfesuchende (egal ob weiblich oder männlich) erstmal nach der Beweislage abfragen und mit der Kachelmann-Klatsche wedeln, anstatt mit ihnen gemeinsam in akuten Fällen nach kurzfristigen Lösungen zu suchen. Sie alle sind Kompliz_innen eines Systems, in dem Betroffene von Gewalt nur doppelte Verlierer_innen sein können.


Eine 2004 veröffentlichte repräsentative Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland


*Ich verwende gegenderte Ausdrücke wie „Frau“/“Mann“/“männliche“/“Dame“/“Herr“… o.Ä. als analytisch-beschreibende Begriffe für Menschen, die sich durch entsprechendes Verhalten und Auftreten, sowie kohärentes Anzeigen „weiblich“ oder „männlich“ konnotierter Attribute und des entsprechenden Habitus offenkundig selbst dementsprechend kategorisieren. Ich möchte diese ganze Mann-Frau-Dichotomie und damit einhergehendes binäres und heteronormatives Denken damit nicht sprachlich manifestieren und reproduzieren, eine Verwendung der genannten Begriffe bietet sich jedoch der Verständlichkeit und Klarheit dienend an.

Die Anderen.

Männlichkeitskultur. So nennen sie es, „das Fremde“, das sich langsam, aber unausweichlich, auf völlig überfüllten Booten über das Mittelmeer in unser schönes Deutschland einschleppt und sich nun in unsere Gesellschaft zu fressen scheint, wie eine plötzliche Krankheit oder ein lästiger Parasit.

Die Silvesternacht in Köln sitzt dem gegenwärtigen Diskurs in den Knochen. Eine junge Frau, unter dem Pseudonym „Anja Meier“, rekonstruiert bei „Hart aber fair“ die Ereignisse der Nacht: Sie war eine jener Frauen, die von einer großen Gruppe Männer* umzingelt, angefasst und anzüglich beschimpft, ausgelacht und bedrängt worden ist. Es gehen Anzeigen wegen Diebstahl, Körperverletzung und Vergewaltigung ein. Die Bilanz einer beschämenden Nacht: Mehr als 650 Anzeigen meldete die Kölner Staatsanwaltschaft bezüglich jener Übergriffe, die die Boulevardpresse medienwirksam als „Schande von Köln“ oder besonders reißerisch als „Sex-Mob“ bezeichnete. Dass das, was da in dieser Nacht in Köln passiert ist, nichts mit „Sex“ zu tun hat, sondern, wie bei jeder anderen Ausübung von sexualisierter Gewalt auch, mit der Demonstration und Sicherung von Machtstrukturen, wird durch solche Bezeichnungen weiter verschleiert. In jener Nacht sei eine Männlichkeitskultur zu Tage getreten, die Deutschland so noch nicht kennen würde, meint Ex-Familienministerin Kristina Schröder. Um Männlichkeitskonzeptionen geht es sicher. Inwiefern solche Übergriffe, die in einer besonderen Konzentration in der Kölner Silvesternacht auftraten, deutschen Frauen* jedoch tatsächlich unbekannt sind, bleibt fraglich.

Das bizarre an dem ganzen Spiel, das derzeit in Talkshows, Nachrichtensendungen und deutschen Wohnzimmern ausgetragen wird, ist, dass die Dimension der sexualisierten Gewalt, die die Frauen in der Nacht zum ersten Januar erfahren mussten, trotz des außerordentlichen Ausmaß‘ an Massivität, nach wie vor nicht das zentrale Thema der Debatte zu sein scheint. Warum wird eine Nacht, in der hunderte Frauen belästigt wurden, die Herkunft der Täter aber noch unbekannt ist, von offizieller Seite her zunächst als „ruhig“ bezeichnet, später, als sich ein möglicher Migrationshintergrund abzeichnet, zur „Schande von Köln“ stilisiert? Fakt ist, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Täter auf die Opfer und Beobachterinnen einen „arabischen“ oder „nordafrikanischen“ Eindruck machten (was auch immer dies über den wahren kulturellen Hintergrund, beziehungsweise die persönlichen Einstellungen der Täter aussagen möge). Fakt ist aber auch, dass ein Großteil jener „Taten“ die als sexualisierte Gewalt gewertet werde können (das Bedrängen von Frauen* durch Männer*, obszöne Kommentare und Zurufe, teilweise sogar das Anfassen des Körpers, einschließlich Brust, Po und Schritt, gegen den Willen der Frau*) gar nicht vernünftig nach deutschem Strafrecht zur Anzeige gebracht und verfolgt werden können.  Selbst eine Vergewaltigung wird in Deutschland nur dann als solche verurteilt, wenn sich das Opfer „angemessen“ zur Wehr gesetzt und alle „möglichen Fluchtwege“ genutzt hat – ein deutliches „Nein“ des Opfers reicht, nach wie vor, nicht aus.

Die Öffentlichkeit fordert rechtliche Konsequenzen, verschärfte Abschiebungsgesetze und Ausweisungen. Warum steht eigentlich nicht endlich die Verschärfung der Gesetze für Sexualdelikte im Fokus? Warum wundert sich niemand darüber, dass „Ausländer“, die nicht ungeschoren davon kommen sollen, nach deutschem Strafrecht für den Ausdruck „ihrer Männlichkeitskultur“ überhaupt nicht belangt werden können? Es soll also härter gegen kriminelle Ausländer durchgegriffen werden, was bei einer Vielzahl der sexualisiert geprägten Delikte der Kölner Silvesternacht aufgrund der Tatsache scheitert, dass auch Deutsche bislang für ähnliche Taten überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten – ein Umstand, der bislang weder die Bildung einer „Bürgerwehr“, wie jetzt in Düsseldorf geschehen („um unsere Frauen zu schützen“), noch die Hells Angels auf den Plan gerufen hat. Der Eindruck entsteht, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Warum liegt es eigentlich an „deren“ Kultur, wenn mich ein Mann mit Migrationshintergrund auf der Straße anzüglich kommentiert und warum „verstehe“ ich eigentlich so oft „etwas falsch“, wenn ich mich von einem Deutschen belästigt, bedrängt oder verfolgt fühle? Ja, es lässt sich schwer leugnen, dass die Häufung der Situationen, in denen man sich als Frau* in Berlin belästigt fühlen kann, in Neukölln eine andere ist als in Mitte – aber zu behaupten, es handele sich um ein genuin „arabisches“ oder „nordafrikanisches“ Problem, ist schlichtweg falsch und dient höchstens zur Ablenkung  von allgegenwärtigen Problemen. Das Ausmaß der Ausschreitungen in Köln hat nicht in erster Linie die Mechanismen einer „fremden“ und gleichsam exotisierten Kultur zum Vorschein gebracht, sondern insbesondere den defizitären Stand unserer Gesetzeslage und nicht zuletzt unsere schizophrene Kultur, die aufgrund einer sexualisierten Machtdemonstration eines Migranten seine Existenzberechtigung in Frage stellt und nach Abschiebung schreit, während die anzügliche Bemerkung eines weißen Geschäftsmannes oder der Griff an den Po im Club, welche auf genau den gleichen Zweck abzielt, belächelnd in Schutz genommen oder zumindest auf eine Individualerfahrung heruntergespielt, wird („So sind Männer halt!“, „Hab dich nicht so!“, „Das sind ja nur Einzelfälle!“). Denn am Ende geht es in dieser Diskussion nicht um die erniedrigende, diskriminierende und unterdrückende Wirkung solcher Machtdemonstrationen auf Frauen*, sondern darum, wieviel „Recht“ der Täter zur Ausübung hat. Platt wie pathetisch formuliert: „Unsere“ Frauen* wollen wir bitteschön gerne selber belästigen!

„Die Monsterisierung asozialer, fremdartiger, bedrohlicher Menschen ist aller Wahrscheinlichkeit nach phylogenetisch verankert. Deshalb pflegen Feindbilder gegenüber rationalen Einwänden resistent zu bleiben.“ (A. Holl, 1993)

Die kolonial geprägte Brille des „zivilisierten“ Deutschen hat schon immer das Bild des sexuell „ausschweifenden, triebhaften“ und „perversen“ nicht-weißen Mannes transportiert. Dessen Begehren nach der hilflosen weißen Frau, scheint in den vergangenen Jahrhunderten zu einer archetypischen Urangst mutiert zu sein, einer Angst, die nun dazu instrumentalisiert wird, rassistische und sexistische Hierarchien weiter zu festigen. Das Herz des Rassimus nährt sich vom Drang nach Selbstverständnis durch die Schaffung von Polarität und binärer Abgrenzung. So lang man also dem „verwilderten“ und „entmenschlichten Nordafrikaner“ oder „Araber“ möglichst viel Schuld für sexualisierte Gewalt zuschreiben kann, desto besser lässt sich das eigene Defizit kaschieren und darüber hinwegtäuschen, dass diese Strukturen eben nicht ontologisch der Fremde entspringen. Werden Rassismen hier zur Dimension eines deutschen Identitätskonflikts, eines Landes, dass sich selbst gerne als besonders fortschrittlich betrachtet und strukturell verankerte Diskriminierungen gegenüber Frauen nicht in seinem Konzept unterbringen kann? Der exzessive Austausch über Folgen für die Flüchtlingspolitik wirkt in jedem Fall wie eine Farce für all diejenigen, die schon seit Jahren eine opferfreundlichere Gesetzgebung für Sexualdelikte fordern und daran kläglich scheitern, solange es sich um weiße Täter handelt. Die Überkompensation mit Worten versucht hektisch einen Zustand zu therapieren, der schon überfällig handlungsbedürftig war. „Jeder verdient die gleiche Strafe, egal aus welchem Land er kommt.“, stellt die Betroffene Anja Meier im Interview mit Plasberg klar. True dat, girl. Wenn es nur so einfach wäre.

 

 

Viagra für die Frau?! Der fehlt nix – das muss so!

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„Für mich war der Effekt nicht bescheiden, sondern bedeutend.“

(Probandin von Flibanserin)

Frauen, die an einer bestimmten Form von Sexualfunktionsstörung leiden, sollen demnächst durch ein neues Medikament die Möglichkeit erhalten, ihre Lust auf Sex zurückzugewinnen. „Flibanserin“ nennt sich jenes, auf den Hormonhaushalt wirkendes Antidepressivum, welches derzeit als „Viagra für die Frau“ durch die Medien geistert – und das, obwohl es aufgrund des differenten Anwendungsgebiet und der Wirkweise keinesfalls als äquivalentes Pendant zu der blauen Pille für den Mann gehandelt werden kann.

Bislang erhielt das Medikament „Flibanserin“ aufgrund „massiver“ Nebenwirkung keine Freigabe – das soll sich nun ändern. Ob mögliche „Müdigkeit“ oder „Schwindel“ tatsächlich als legitime Begründungen haltbar gewesen wären, um die Vermarktung von „Filbanserin“ weiterhin zu verhindern, sei mal dahingestellt. Hierbei handelt es sich schließlich um Standardnebenwirkungen der verhältnismäßig harmloseren Sorte, wie wir sie von zahlreichen rezeptfrei erhältlichen und teils inflationär verwendeten Präparaten (wie beispielsweise Paracetamol oder Ibuprofen) zu Genüge kennen. Die Frage, warum ein Präparat um die weibliche Lust zu steigern, so lang auf sich warten gelassen hat und ob nicht vielleicht auch gesellschaftlich-kulturell verankerte Faktoren eine Rolle bei der zögerlichen Zulassung von „Flibanserin“ eine Rolle gespielt haben, soll an dieser Stelle jedoch nicht im Fokus stehen. Dass für die Pharmaindustrie, welche durch und durch von kapitalistischen Strukturen beherrscht wird, insbesondere der Profit und nicht in erster Linie das Wohl potenzieller Patient_innen im Mittelpunkt steht steht, liegt auf der Hand. Ob die bösen Pharmakonzerne also nur Profit machen wollen, wer an dem Medikament verdient und ob es überhaupt notwendig ist, bleibt im Folgenden ebenfalls unberücksichtigt.

Ich bin keine Medizinerin. Inwiefern dieses Produkt wirksam, verträglich oder sinnvoll ist, vermag ich also nicht zu beurteilen. So geht es jedoch nicht nur mir, sondern den allermeisten Menschen, die dennoch nicht an sich halten können, die Kommentarspalten der großen deutschen Online-Magazine zu diesem Thema mit ihrem Senf zu bekleckern. Interessant finde ich die Tatsache, dass sich viele Menschen an der impliziten These zu stoßen scheinen, dass es Frauen gibt, die aus einem in ihnen selbst liegenden Grund körperlicher oder seelischer Natur, keine Lust auf Sex haben, diesen Trieb vermissen und an ihrer Situation aktiv etwas ändern wollen.

Verschiedene, konträr zueinander stehende und einander ausschließende Weiblichkeitsentwürfe werden abgerufen und verursachen ein immenses Spannungsfeld in den Diskussionsbeiträgen der Protagonist_innen. Wie lässt sich all die nackte Haut auf Werbeplakaten und die im Folgenden viel besungene „Sexualisierung“ unserer Gesellschaft, welche in ihrem Rahmen dargestellte Frauen objektifiziert und fremdbestimmt präsentiert, mit einem Präparat vereinbaren, dass Frauen als handelnde, aktive und empfindende Subjekte an ihrer eigenen Sexualität teilhaben lassen möchte? Fehlt Frauen überhaupt irgendwas, wenn sie keine Lust auf Sex haben? Können Frauen überhaupt eine von ihrem (einen! männlichen!) Partner (!) unabhängige Sexualität haben? Plötzlich sind wir wieder ganz nah an einer obsoleten (und gemeinhin als längst überwundenen geglaubten) Sexualmoral, die „richtige“ und „legitime“ weibliche Sexualität eng mit Ehe-konformen Denkmustern verknüpft, welche den einzig akzeptablen Ausdruck weiblicher Sexualität in der reproduzierenden Hetero-Ehe sieht.

Sexuelle Potenz stand seit jeher auch als Symbolik für Herrschaft und Macht. Sexualitäts- und Machtkonzepte sind so eng ineinander verwoben, dass wir sie nicht nur geschichtlich dingfest machen können, auch alltägliche und gegenwärtige Formen sexualisierter Gewalt und Diskriminierungen äußern sich insbesondere dadurch, dass sie sich gegen die körperliche und seelische Integrität des Gegenübers richten und meist weniger der sexueller Befriedigung als der Ausübung von Kontrolle und Macht dienen. Nicht zuletzt ein statisch konzipiertes und dualistisch ausgerichtetes Bild von „Mann“ bzw. „Frau“ hat dazu geführt, dass dem einen „Geschlecht“ über einen langen Zeitpunkt die sexuelle Verfügungsgewalt und politische Macht im Öffentlichen zugeschrieben wurde und dem anderen äquivalent dazu reproduzierende und passive Aufgaben im Privaten. Eine Frau scheint nach diesem Modell überhaupt keine eigene Sexualität zu haben, in der Ehe „Heilige“ (bis dato jungfräulich und anschließend reproduzierend), außerhalb der Ehe eine „Hure“ (unanständig, verboten, schmutzig). Wie kann man also Aussagen werten, die versuchen, die Sexualität und Selbstbestimmung von Frauen zu werten und zu regulieren? Aussagen, die versuchen die Existenz von weiblicher Lust und Sexualität zu leugnen oder sexuelle Potenz per se ausschließlich Männern zuschreiben? Aussagen, die die Nützlichkeit, eines Präparats wie „Flibanserin“ aufgrund eben dieser vermeintlichen Tatsache in Frage stellen?

Unser Verständnis der romantischen Liebe hat religiöse Qualität. Statt Gott sind wir einander treu. Als Frau, vor allem als junge, heterosexuelle Frau, ist es ketzerisch zu sagen, dass man nicht an dieses Konzept glaubt. Unsere Selbstbestätigung hängt davon ab, ob wir den perfekten Partner finden. Scheitern wir, so gelten wir gesellschaftlich als minderwertig.“

(Laurie Penny in einem aktuellen Interview der taz)

Sowohl durch Konsens als auch durch Zwang konstituierte Vorstellungen davon, wie sich weibliche Sexualität äußern dürfe und in welchem Kontext sie überhaupt erscheinen darf, haben im vergangenen Jahrhundert zu einer pauschal gültigen, limitierenden Regulierung dessen geführt, worüber jeder Mensch am besten individuell und für sich selbst entscheidet: das Sexualleben.

Ein Präparat das, und es ist für den argumentativen Zweck an dieser Stelle gänzlich unbedeutend, ob dies denn auch gelingt, Frauen einen Zugang zu ihrem Lustempfinden und damit zu ihrer sexuellen Potenz verschaffen möchte, scheint mit seinem Ziel jenem Anspruch zu widersprechen, welcher weibliche Sexualität reglementieren und am liebsten auch institutionalisieren würde.

Was kann man also tun, wenn man ein patriarchal legitimiertes Konzept durch was-auch-immer und sei-es-auch-noch-so-theoretisch bedroht sieht? Man holt zu einem Rundumschlag aus, der möglichst alle Klischees bedient! Sowohl Männer als auch Frauen haben es sich nicht nehmen lassen, tief in der Sexismus-Kiste zu wühlen und einen bezeichnenden Querschnitt ganz aktueller Vorstellungen unserer Gesellschaft zu liefern.


Eine Frau die Lust auf Sex hat? Was nützt das nun dem Mann? Und wo finde ich jetzt eigentlich das Wort „Mann“ in der Bezeichnung „Viagra für die Frau“?????!!!!!11111elf

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Uh-Oh… Da klingt ja die blanke Angst durch. Der Arme könnte sich die Valium sparen, wenn er weibliche Sexualität nicht mit von-einem-Mann-gebumst-werden gleichsetzen würde. Die Vorstellung, dass letzteres nicht der Nabel der Welt sein könnte, scheint ihn jedenfalls hochgradig zu beunruhigen.

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Jo, wie bei jedem Nutztier, soll einem die Benutzung schließlich auch was Nutzen, oder nicht? Also lieber lustlos und maximal benutzbar, als wuschig und nutzlos. Nachvollziehbar.

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Der User Leidenfeuer hat ne Menge Feuer, welches ihm großes Leid bringt, weil er nur Dank seiner Überredungskünste oder seinem dicken Geldbeutel überhaupt mal zum Zug kommt. Doch anstatt sich seiner überzeugenden Zungenfertigkeiten oder dem finanziellen Erfolg zu erfreuen, frustriert ihn die sexuelle Zuneigung der Frauen, die schließlich Ursache seiner Misere ist. Gut, dass es jetzt eine Pille gibt (vom Mann, für den Mann), damit das Feuer des Leidens endlich gelöscht werden kann!

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Graupensuppe-Essen gehört bekanntermaßen auch zu den natürlichen Grundbedürfnissen des Menschen. Und wie mit allen Grundbedürfnissen verhält es sich auch hier so: Wenn ich keine Lust drauf habe, verzichte ich halt drauf! Wer Schlafprobleme hat, ist einfach nur nicht müde genug und wird die Nachtruhe sicher auch nicht vermissen. Wer aufgrund einer psychischen Störung an Appetitlosigkeit leidet, sollte es mit dem Essen halt einfach ganz aufgeben, statt zu jammern. Und wer Atemprobleme hat, der hatte wohl schon zu viel Sauerstoff. Klingt logisch. Ist halt wie Graupensuppe essen. Wenns nicht schmeckt, einfach sein lassen! Und am Ende ist die Unlust am Sex sowieso Resultat eines unüberwindbaren Kommunikationsproblems zwischen (Trommelwirbel!) Mann und Frau (wundert sich noch jemand?).


Nett gemeint, aber…

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Der Subtext dieses Kommentars verlockt zu der Annahme, hier handele es sich um eine verteidigende Aussage, Frauen einfach ihr Recht auf Selbstbestimmung zu lassen. Selbstbestimmung interpretiert als Recht, keinen Sex haben zu müssen, wenn keine Lust auf Sex besteht. Leider fußt diese Aussage auf der Annahme, dass Frauen niemals etwas fehlen würde, wenn sie keine Lust auf Sex hätten und auch kein Bedürfnis hätten, dies zu ändern. Gekrönt wird diese Perspektive nur noch mit dem kruden Nachschub, dass Frauen das Problem mit dem „wollen“ aber nicht „können“ nun wirklich nicht hätten – klar, rein geht ja immer, ne?


Es muss am Mann liegen! Der muss nämlich auch notwendigerweise existieren! Kein Mann, keine Lust. Keine Lust, schlechter Mann. Gaaaanz easy.

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Wenn eine Frau keine Lust auf Sex hat, dann liegt es natürlich an ihrem (selbstredend existenten) Partner. Es liegt also sowieso niemals in der Frau selbst, wenn keine Lust auf Sex besteht. Wie wir bereits gelernt haben, ist das ja auch gar nicht ihr Metier. Es liegt in seiner Verantwortung, dass das mit dem Sex läuft. Bei Männern ist das (natürlich!) anders. Da ist ein Medikament um die eigene Sexualität ausleben zu können, biologisch legitimiert.

Männern pauschal den schwarzen Peter zuzuschieben, sobald es im Bett nicht läuft ist nicht nur unfair – es spricht auch Frauen jegliche Handlungsautonomie ab.


Weibliche Sexualität? Das schließt sich doch begrifflich aus! 

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Puuuh, man hört förmlich ein erleichtertes Aufatmen hinter den Tastaturen. Jungs – ihr könnt euch den Angstschweiß von der Stirn tupfen, dieses Medikament ist ohne Mann völlig wirkungslos! Was soll eine Frau schließlich auch mit ihrer Sexualität anfangen, wenn sie ohne Kerl eh keinen „anständigen“ Sex haben kann? Also, keine Panik auf der Titanic, Kirche zurück ins Dorf – es bleibt alles beim Alten!

*Witzig, dass hier ein Wort gewählt wurde, dass sich indirekt auf Anstand, Sitte und Moral bezieht – „anständig“ kann also nicht nur im Sinne von „vollkommen“ und „richtig“, sondern auch als „normkonform“, „nicht-schmutzig“ oder „ehelich“ verstanden werden. Ideen von „richtig“/“falsch“, „reproduzierend“/“nicht-reproduzierend“, „institutionalisiert“/“frei“ werden mit dieser Wortwahl abgerufen.


Überall Titten! Jetzt reicht es aber mal mit dem ganzen Sex!

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Das ist wohl das, was man als klassischen Kategorienfehler bezeichnen kann. Eine nackte Frau auf der Supermarktwerbung stellt kein Abbild autonomer und freier weiblicher Sexualität dar, sondern reproduziert lediglich einen viel bemühten und limitierenden Stereotypen, eines verfügbaren und passiven Objekts. Eine Frau, die sich eine intakte Sexualität wünscht, muss wohl in den Augen dieses Kommentatoren wiederum eine Sklavin der Pornoindustrie sein. Hier scheint das Vermögen, das Abbild von vermeintlicher weiblicher Sexualität (durch die kapitalistisch-patriarchal und heteronormative Brille eines imaginiert männlichen Betrachters *Genderterminologiebingo*) von tatsächlicher, authentischer und autonomer weiblichen Sexualität differenzieren zu können, völlig verloren gegangen zu sein. Diffus wird alles was mit Sex und Frau zu tun hat in einem Abwasch als Symptom einer „übersexualisierten Welt“ gedeutet und entwertet. Eine sexuell potente Frau ist automatisch „Porno“, ihr Verlangen wird gleichsam stigmatisiert und als Anfang vom Ende der zivilisierten Gesellschaft gewertet – die unter diesen Umständen ja sowieso keine Zukunft mehr zu haben scheint. Eine Frau, die sich eine gesunde Lust auf Sex wünscht, wo soll das nur hinführen? Denkt doch bitte nun endlich mal wer an die Kinder?!


Denen Fehlt nix – das muss so!

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Gut, dass leser008 genau weiß, was den lustlosen Frauen (allen) fehlt und was nicht


Und wie bekommt man die frigiden Ollen jetzt dazu, den Kram zu schlucken? Ins Mettbrötchen?

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Guter Punkt. Was nutzt einem die beste Medizin, um die Prinzessinnen endlich willig zu machen, wenn die sie gar nicht nehmen wollen? Und warum sollten sie auch? Handelt sich schließlich um Frauen und für die ist das Mittel doch gar nicht gemacht worden… oder?

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Achjaaaa! Stimmt ja! Hat bestimmt auch weniger Nebenwirkungen und das Generve ist hinterher – dank Amnesie – auch nicht ganz so groß wie sonst. Zwei Fliegen, eine Klappe – einfach TOP!

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Viagra für die Frau? Das geht auch einfacher! 

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Einfach ein bisschen beim Abwasch helfen, dann flutscht es auch wieder! Eine Hand wäscht die andere, also wenn man ihr eine Freude im Haushalt macht (ihr Revier), dann macht sie ihm halt eine im Bett (sein Revier). Wenn einfach alle bei den Dingen bleiben würden, die ihnen entsprechen, gäbe es die Probleme gar nicht. Scheiß Emanzipation, das ist das Resultat davon! Und Männer sollten sich natürlich auch ab und zu mal waschen. Revolutionärer Ansatz.

Du willst es doch auch.

Was sind wir weit entwickelt. Denken wir wohlwollend. Meistens über uns selber.

Kritisch wird beäugt, was „woanders“ verbrochen wird. Sei es die Kriminalisierung von Homosexualität, die Tabuisierung von Transsexualität oder die offensichtliche, strukturelle und in Gesetze zementierte Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen*  – so rückständig! Und vor allem so weit weg. So weit weg von uns. (1)

Wenn du hier in Berlin als junge Frau* auf eine Party gehst, wundert sich niemand, dass du studierst oder arbeiten gehst, dir deine_n Partner_in selber ausgesucht hast oder andere Dinge tust, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – es aber für viele frauisiert gelesene Personen auf dieser Welt nicht sind. Meistens bin ich dankbar dafür, hier zu leben. Manchmal ernüchtert mich jedoch die bittere Erkenntnis, dass eben jenes Gefühl, in einer ach-so-weit-entwickelten Gesellschaft zu leben, manche Menschen über die Tatsache hinweg zu täuschen scheint, dass sie in ihrem Denken, trotz aller Bildung und Fortschritt, immer noch hochproblematischen Mustern nachhängen, welche sie vermutlich selbst verurteilen würden, wenn sie sie als solche erkennen würden. Was ich hier heute niederschreibe, hat lange in mir gegärt. Zumindest die letzten 15 Jahre. Denn in der Grundschule wurde ich das ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert, dass sexuelle Gewalt an Mädchen* und Frauen* oft nicht als solche verurteilt wird. (2)

Mit diesem Denken, das Frauen* eine objektifizierende und limitierende Rolle zuschreibt, sie sexuell verfügbar oder gänzlich promisk sehen will, irgendwo zwischen Hure („sie wollte es ja so“) und Heilige („das hat sie nur falsch verstanden“), würde sich wohl keine Grundschullehrerin, kein Student, kein Freund von Freunden und sicherlich auch keiner meiner Freunde identifizieren. Und dennoch reproduzieren sie es. In der Schule. In der Uni. Auf der Party. Beim gemeinsamen Abendessen. Und stigmatisieren so reale Opfer. Und potenzielle Opfer. Und im Prinzip jede Person, zwischen deren Beine eine Muschi vermutet wird. Oder die zumindest Brüste hat. Oder sich hat welche machen lassen. Oder irgendwelche anderen Markierungen (freiwillig oder nicht) an ihrem Körper, ihrem Verhalten oder Auftreten trägt, die sie durch das Raster „männlich“ fallen lassen.

Ich bin keine Missionarin, keine Predigerin, keine Beauftragte für irgendwas. Ich fühle mich in Alltagssituationen nicht dazu berufen, andere Menschen von meiner Meinung zu überzeugen. Wenn ich mich mit Menschen umgebe, dann meistens mit solchen, von denen ich glaube, dass sie des rationalen Denkens fähig sind, sich kritisch und reflektierend mit der eigenen Persönlichkeit und ihrer Umwelt auseinandersetzen – von deren Ansichten ich, so hoffe ich zumindest, noch profitieren kann, auch wenn, oder gerade weil, wir uns nicht immer einig sind.

Umso schockierter bin ich dann regelmäßig, wenn mir aus den bislang hochgeschätzten Mündern, der rohste Sexismus entgegenschlägt. Ich meine hier einen Sexismus, der sexuelle Übergriffe herunterspielt, somit legitmiert und die Sicht des Opfers in Frage stellt.

Neulich auf einer Party, wurde eine Frau* gefragt, was denn ihr schlimmster Alptraum gewesen sei. Nach kurzem Zögern erzählte sie, dass sie in ihrem schlimmsten Traum einmal vergewaltigt worden sei. „Traum oder Alptraum?“, fragt einer der anwesenden Männer* und hakt sogar noch rechtfertigend nach, als er meinen reservierten Blick bemerkt: „Naja, es gibt doch genug Frauen, die darauf stehen! Das ist doch eine berechtigte Frage!“.

Diese Worte aus dem Mund eines jungen, gebildeten Mannes*, der sich kurz zuvor noch über die rassistischen Äußerungen einer anderen anwesenden Person beschwert hatte. Ich war fassungslos. Angenommen, sie hätte geträumt, dass ihre Mutter gestorben wäre. Wäre es dann auch eine „berechtigte“ Frage gewesen, ob sie sich den Tod ihrer Mutter nicht insgeheim gewünscht hätte, da es ja durchaus Menschen gäbe, die in dem Tod naher Mitmenschen einen persönlichen Profit sehen? Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage nach dem „schlimmsten Alptraum“ eigentlich an sich schon jedes noch so pietätsloses Erörtern ihrer Position erübrigt hätte, scheint es mehr als übergriffig und bizarr, dass diese Nachfrage impliziert, dass Frauen* in einem nicht unwesentlichen Teil der Fälle, ihre eigene Vergewaltigung begrüßen würden. Dies scheint so selbstverständlich in dem Denkmuster des Nachfragenden verankert zu sein, dass er die Legitimität seiner Formulierung zunächst nicht anzweifelt.

Was heißt das für reale und potenzielle Betroffene? Die Statistiken zeichnen ein klares Bild: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau*, die bereits Opfer von sexuellen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt war oder es eines Tages werden wird, zum Zeitpunkt dieses leidigen Gesprächs im Raum befand, ist nicht unerheblich. Unbedachte Äußerungen á la „du-wolltest-es-doch-eigentlich-auch“ machen vor allem eins: Mundtot.

Als meine Mitbewohnerin vor kurzem aufgebracht ins Wohnzimmer stürzte und berichtete, dass sie ein Nachbar ganz offensichtlich und penetrant durch das Fenster beobachtet hat, während sie sich umgezogen hat (und es auch nicht einstellte, als sie dies bemerkte), schlug ihr postwendend der Kommentar entgegen, dass sie sich ja auch über die Aufmerksamkeit freuen könnte, anstatt sich darüber zu beschweren, dass ungefragt in ihren eigenen vier Wänden und gegen ihren Willen in ihre Privatsphäre eingedrungen wurde. Schließlich käme es einfach nur auf ihre Sichtweise an. Es ist ein perfides Spiel, einen sexuellen Übergriff so zu drehen, als ob das „Opfer“ davon ernsthaft profitieren würde und es nur seine Perspektive ändern müsse, um den „Wert“ der Sache erkennen zu können. Die ganze Situation wird so umformuliert, als würde es sich sozusagen um eine Win-Win-Situation handeln – und das klingt doch nach einem fairen Deal, oder nicht? Es ist aber kein Deal, es ist keine Verhandlung, keine Abmachung, nichts auf das sich zwei vernünftige, erwachsene Menschen hinreichend wissentlich einlassen. Sicher gibt es objektiv betrachtet (was auch immer das sein mag) schlimmere Dinge, als „angeschaut“ zu werden, aber man darf den psychologischen Effekt bei der ganzen Angelegenheit nicht außer Acht lassen. Solche Situationen verursachen das Gefühl, dass man sich selbst in seiner eigenen Wohnung nicht frei bewegen kann, ohne dass sensible Momente bei der kleinsten Unachtsamkeit durch Dritte ausgenutzt werden. Und wenn man äußert, dass man sich durch die ganz offensichtlich sexuell motivierten, drängenden Blicke gestört gefühlt hat, wird einem erklärt, dass man sich ja auch daran erfreuen könnte, in der eigenen Wohnung unter Beobachtung zu stehen.

Um es kurz in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist nicht okay, eine fremde Person in einem intimen Moment innerhalb ihrer eigenen vier Wände gezielt zu beobachten. Es ist auch nicht okay, in einer Vergewaltigung in erster Linie einen Akt zu sehen, der durchaus auch vom Opfer gewollt sein könnte. Es ist einfach nicht richtig, Dinge mit Menschen zu machen, die sie nicht wollen und ihnen hinterher zu erklären, dass sie doch eigentlich gute Gründe hätten, das was ihnen widerfahren ist, quasi retrospektiv doch noch gut zu finden.

Mir begegnen solche Kommentare immer wieder. Aus den Mündern mir sehr sympathischer Menschen. Die eigentlich schlau sind. Und Rassismus voll doof finden. Und auch keine Tiere essen. Also total aufgeklärt, richtig sophisticated und eigenständig denkend. Jaja klar. Mir vergeht der Appetit aufs Menschsein.

Resignation also. Und auch Rekapitulation. Ich denke an die Pograbscher (im Club, in der Bahn, auf der WG-Party, in der Menschenmenge…) und die zahllosen Ausraster, als ich meine Handynummer nicht rausgeben wollte. Der Eine, der mir mal minutenlang nachts durch die Straßen gefolgt ist, bis ich mich in ein Café gesetzt und mich von einem Freund abholen lassen habe, weil ich mich nicht alleine nachhause getraut habe. Die Lehrerin, die meinte, ich hätte da was falsch verstanden, als mich ein Mitschüler festgehalten und mir zwischen die Beine gefasst hat. Der Moment, als ich das Wort „Vergewaltigung“ das erste Mal in meinem Leben gehört habe – während ein Mitschüler es auf dem Pausenhof, selbstredend unfreiwillig und in Begleitung von körperlicher Gewalt, an meiner damals besten Freundin simuliert hat. Meine Kommilitonin, die während einer medizinischen Behandlung sexuell genötigt worden ist. Meine Mitbewohnerin, die auf einer Party mit K.O.-Tropfen vergiftet und sexuell bedrängt worden ist. Eine Bekannte, der das Gleiche passiert ist – nur, dass es nicht bei der „Bedrängung“ geblieben ist. Eine Freundin, die in einem U-Bahnhof von einem nackten Mann* angefasst worden ist. Die Unitoiletten, die man vor der Benutzung erst auf Gucklöcher auf Sitzhöhe kontrollieren muss (3). Ich denke daran, wie mir letzte Woche ein älterer Mann im Flugzeug erklärt hat, ich solle als so „junges Mädchen“ (ich bin Mitte zwanzig) nicht alleine reisen, wie mich gestern ein Typ nicht aus der U-Bahn aussteigen lassen wollte, weil er „mit mir reden wollte“ und wie mir vorhin auf dem Heimweg jemand „Geile Bitch!“ zugerufen hat.

Ich könnte noch endlos so weitermachen. Alles ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Über die man sich ja auch freuen kann. Und manche Frauen* stehen schließlich auch drauf. Und wenn nicht, dann muss dies doch zumindest zur Diskussion stehen dürfen. Interessant, dass selten jemand auf die Idee kommt, das übergriffige Verhalten selbst in Frage zu stellen, sondern stets auf der womöglich falschen oder unverhältnismäßigen Sicht der Betroffenen herumgeritten wird. Als ich das Wort „rape culture“ das erste Mal gehört habe, musste es mir jedenfalls niemand erklären.

Danke. Danke, all ihr lieben Männer*, die ihr meinen Körper ungefragt und gegen meinen Willen angefasst habt – natürlich nur als Zeichen der Aufmerksamkeit. Und danke, all ihr lieben anderen Männer*, die ihr eine Frau* niemals ohne ihren Willen anfassen würdet, aber dennoch der Ansicht seid, dass es ihr, wenn dann, doch mindestens in 50% der Fälle auch gefallen würde – ohne euch wäre uns die altruistische Seite sexueller Übergriffe gänzlich verborgen geblieben. Bitte hört nicht auf uns aufzuklären!

Es geht hier nicht um mich und meine persönlichen Erfahrungen und Ärgernisse. Es geht um mehr, als meine Erinnerungen aus Schule, Uni und Alltag. Es geht um Freiheit. Nicht etwa meine individuelle Freiheit, sondern um das, was Frauen* und frauisiert gelesene Personen als Gruppe aufgrund geschlechtshierarchisierenden gesellschaftlichen und historischen Mechanismen unfrei gemacht hat. Die Freiheit ungestört zu sein, sich nicht stetig gegen drängende Blicke schützen, gegen Anfassen wehren und gegen Schuldzuweisungen rechtfertigen zu müssen. Die Freiheit unbehelligt über die Straße zu laufen (egal zu welcher Uhrzeit), anzuziehen was man will oder einfach mit einem Verkehrsmittel von A nach B zu gelangen, ohne übergriffigen Kommentaren oder paternalistischen Belehrungen ausgesetzt zu werden. Die Freiheit nicht permanent mit dem mir zugeschriebenen Geschlecht konfrontiert zu werden (und den dazugehörigen Konnotationen wie „Schwäche“, „Verfügbarkeit“ und „Anpassung“). Ich bin nicht in erster Linie Frau, sondern Mensch. Und als solcher möchte ich auch gerne behandelt werden.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* ist kein statistischer Mythos. Und sie findet nicht irgendwo statt. Sondern hier. Auf der Straße. In der Schule. Bei dir zuhause. Ja hier! In unserem tollen emanzipierten Deutschland! Und das, obwohl sogar eine Frau Bundeskanzlerin ist  (und daher Feminismus und der ganze Gender-Quatsch ja eigentlich sowieso total überflüssig sind!!!!1111elf).

Applaus, wenn du nicht zu den Menschen gehörst, die andere Menschen gegen ihren Willen anfassen würden. Das reicht aber nicht. Wenn du trotzdem auf der nächsten Party erklärst, dass sich Betroffene doch über sexuelle Übergriffe freuen können, dann bist du vielleicht immer noch kein Täter, aber zumindest Komplize.


(1) – Soll nicht heißen, dass in unserer Gesellschaft Transsexualiät nicht tabuisiert wird, Frauen nicht strukturell benachteiligt werden etc. – andere Kulturen werden hierzulande nur oft genau in diesen Punkten als rückständig belächelt.

(2) – Bitte nicht misszuverstehen: Hier ist nicht gemeint, dass sexualisierte Gewalt an Frauen nicht verurteilt wird, sexualisierte Gewalt an Männer aber schon. Männer, die unter sexualisierter Gewalt zu leiden haben, haben es sicher ebenfalls sehr schwer, sich Gehör und Akzeptanz zu verschaffen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass strukturelle sexualisierte Gewalt an Frauen einen anderen Kontext hat und möchte daher beide Phänomene nicht in einen Topf werfen. Diesem Vorgehen ist keine Wertung inhärent.

(3) – Funfact: Natürlich konnte bei keiner der genannten Situationen ein Täter zu juristischer Verantwortung gezogen werden.

Frau*/Mann*: Ich setze hinter die Begriffe von „Frau“/“Mann“ Sternchen um deutlich zu machen, dass ich mich auf den Begriff als Analysekategorie beziehe.  Das Sternchen heißt für mich einerseits „frauisiert“/“typisiert gelesen“, soll der lesenden Person aber auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich die Kategorisierung von Menschen in zwei Gruppen schwierig finde und diesen Mechanismus eigentlich nur ungern reproduziere. In diesem Fall ist es jedoch, nach meinem Empfinden, notwendig darauf hinzuweisen, dass hier ein genderspezifisches Problem vorliegt, das eben nicht alle Menschen unabhängig des ihnen zugeschriebenen Geschlechts in der gleichen Systematik betrifft.

Oh Biggie… #schellefürkelle

Heute wird es mal wieder Zeit für eine virtuelle Schelle für die Kelle. Die Biggie und ich sind selten einer Meinung. Das wussten wir bereits. Nachdem ich nun langsam ihren ersten Rundumschlag verdaut zu haben glaubte („Dann mach doch die Bluse zu!“), legt die erzkonservative Familienverteidigerin nochmal ordentlich nach – ein bisschen Sexismus hier, ein obsoletes Weltbild da, garniert mit einer saftigen Portion Populismus, schon hört man sie förmlich aus der Küche flöten: Bullshit ist fertig! 

Ein neues Buch ist geschrieben und will beworben werden – klar, dass sich das Sprachrohr des deutschen Erzkonservatismus  nicht zwei Mal bitten lässt, um sich mit fragwürdigen Behauptungen ins Gespräch zu bringen. Im aktuellen Focus bittet die „Demo für alle„-Aktivistin („für alle“ = heterosexuell, christlich-konservativ und am besten in klassischer Familienstruktur organisierte Menschen = eben nicht „für alle“) nun, dass man sie bitte nicht „vollgendern“ solle. Sie selbst verortet sich als „eindeutig weiblich“ und hat kein Verständnis für jene, die sie abfällig als die, „die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sind“ bezeichnet. Diese diffamierende Wortwahl hinterlässt einen ähnlich bitteren Nachgeschmack, wie die Vorstellung, dass ein gehender Mensch einen rollstuhlfahrenden Menschen verspotten würde, weil dieser seiner Meinung nach „zu blöd zum Laufen“ sei. Für Frau Kelle mag es vielleicht erfreulich sein, dass sie sich in dem heteronormativen System einer binär strukturierten Gesellschaft so passend verorten kann – damit genießt sie jedoch ein Privileg, das nicht jedem ihrer Mitmenschen zuteil wird. Sich auf seine gegebenen Privilegien etwas einzubilden und diejenigen, die durch das limitierende Raster fallen, zu diskriminieren und herablassend zu verspotten, scheint selbst ihren sonst so fundamentalistisch propagierten „christlichen“ Werten wenig gerecht zu werden.

„Berlin hat zwar keinen modernen Flughafen, aber in manchen Bezirken drei Türen, wenn Sie aufs Klo müssen. Man muss Prioritäten setzen. Gendersensibel nennt es sich, dass wir neuerdings Unisextoiletten vorfinden, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind.“

Der Auftakt ihres Focus-Beitrags beginnt bereits ziemlich frustrierend: Tatsachen verdrehend, populistisch und schlicht falsch. Erstens ist es keineswegs so, dass, wie es in diesem Satz suggeriert wird, flachendeckend bezirksweit Unisextoiletten eingeführt worden wären. Nur in vier von zwölf Bezirken ist die Idee der Unisextoilette überhaupt ernsthaft im Gespräch gewesen, nach etlichen Monaten Stillstand wurden zögerlich einige wenige realisiert: z.B. eine Toilette in Tiergarten, eine im Gesundheitsamt Mitte und in insgesamt drei Bürgerämtern. Diese wurden auch nicht, wie Kelles Formulierung erwarten lassen könnte, neu gebaut, sondern bereits vorhandene Toiletten neu ausgewiesen. Einzige Investition: Ein neues Schild an der Tür.1 Und selbst dafür reicht es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Aufgrund einer Haushaltssperre müssen die Unisex-Toiletten warten.2

Wirklich unerhört, wie hier mit den Steuergeldern umgegangen wird! Nicht mal für den Flughafen reicht es! Nicht mal für jenen (bereits über 4 Milliarden Euro teuren) Flughafen, der nichts, aber auch rein gar nichts mit der Finanzierung von ein paar genderneutralen Türschildern zu tun hat. Jenem Flughafen, dessen Eröffnung seit Jahren wegen diverser Fehlplanungen, baulicher Mängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen verschoben wird – und nicht etwa, weil Mehdorn persönlich damit beschäftig ist, in Berlin-Mitte neue Türschilder an die Klos zu schrauben, statt sich um die Eröffnung zu kümmern.

Hier stehen reale Milliarden-Verluste einer Haushaltssperre gegenüber, die nicht einmal ein neues Kloschild finanzieren kann. Es wird deutlich: Frau Kelle spielt gezielt mit der Wut und den Ängsten der Menschen. Kein Flughafen, aber Klos für die „Unentschlossenen“ unter „uns“ (und eigentlich gehören „die“ ja gar nicht so richtig zu „uns“)?! Hier scheint kein noch so weit hergeholtes Pseudoargument zu absurd, um gegen eine verhältnismäßig völlig unerhebliche finanzielle Investition zu wettern und die dahinter stehende Idee ins Lächerliche zu ziehen.

Nicht weniger kritisch erscheint der süffisante Zusatz „…, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind“. Das klingt ja nach einem echten Luxusproblem, damit die „Unentschlossenen“ unter uns zukünftig nicht vor jedem Klogang eine Münze werfen müssen, um zu entscheiden, welche Tür sie wählen. Die Realität sieht jedoch anders aus und kann für Betroffene mehr als belastend sein, wenn den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen im öffentlichen Raum nicht nachgegangen werden kann, ohne mit unangenehmen sozialen Konfrontationen, Anfeindungen oder Ausgrenzungen rechnen zu müssen. Fakt ist, dass es viele Menschen gibt, für die die Existenz einer Unisextoilette sinnvoll sein könnte. Da wären zum einen die rund 15.000 Menschen, die seit 1995 in Deutschland ihre geschlechtliche Identiät verändert haben3. Hinzu kommen beispielsweise intersexuelle Menschen – jeder 2000. Mensch, wird mit Geschlechtsmerkmalen geboren, aufgrund derer er nicht eindeutig als „Mädchen“ oder „Junge“ zu kategorisieren ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen wird mit bis zu 120 000 angegeben.Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer jener Menschen, die durch solche Statistiken überhaupt nicht erfasst werden, zum Beispiel, weil sie sich mit dem Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, nicht identifizieren können, es jedoch nicht per gerichtlichem Entscheid formal ändern lassen. Aber auch für Väter kann die Unisextoilette hilfreich sein: Gab es Wickeltische bislang meist nur in den Frauentoiletten (was wiederum eine sexistische Rollenverteilung reproduziert), könnte die Unisextoilette ein neutraler neuer Ort für den Wickeltisch sein –  ein Fortschritt für ein egalitäres Familienmanagement, sowohl für heterosexuelle, als auch schwule Paare und nicht zuletzt: alleinerziehende Väter.

Mal zum Vergleich: In Deutschland leben rund 150 000 blinde Menschen.5  Das ist kein Problem, dass alle Menschen betrifft und auch keins, das die meisten Menschen betrifft. Vor allem ist es kein Problem, das Frau Kelle persönlich betrifft. Nach ihrer Logik scheint dies also ein guter Grund zu sein, gegen die Ausrüstung öffentlicher Beschilderungen mit Braille-Schrift zu wettern. Vermutlich würde sie sich niemals so positionieren, das Beispiel verdeutlicht dennoch die Systematik, die hinter ihrem Argumentationsstil steckt: Er ist geprägt von Egozentrismus und Intoleranz.

Birgit Kelle biedert sich nicht nur einer uninformierten und reaktionär denkenden Bildzeitungsleserschaft an, sie scheint in vielen Hinsichten selber gar nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich spricht. Das bewies sie nun einmal mehr in der Talkshow „Hart aber fair“. Als Anne Wizorek beispielsweise die These äußerte, dass geschlechterspezifisch beworbenes Spielzeug lediglich eine Marketingstrategie der Industrie sei, die nichts zwingend mit den „natürlichen“ Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun haben müsse, versuchte die vierfache Mutter Kelle dies zu widerlegen, indem sie beschrieb, dass sich ihre Töchter in den ersten Lebensjahren sehr wohl mit allen möglichen Sorten von Spielzeug gerne beschäftigt hätten, sich dies jedoch mit dem Besuch vom Kindergarten schlagartig änderte. Pink und Glitzer seien plötzlich angesagt gewesen – für Kelle ein eindeutiger Beweis dafür, dass das „Pink und Glitzer“-Programm unvermeidbar in die Mädchengenetik eingraviert sei und nichts mit Sozialisierung und Erwartungshaltung von außen zu tun hätte. Da musste selbst Talkmaster Plasberg schmunzeln.

Nicht nur ihr jüngster Beitrag im Focus, auch der Auftritt bei „Hart aber fair“ ist durchzogen von inneren Widersprüchen und dem Bezug auf falsche „Tatsachen“. Kritik kann nicht zuletzt auch die Genderforschung selber voranbringen und konstruktiv sein – in diesem Fall scheint es jedoch nur allzu offensichtlich, dass die Kritikerin selbst einer „Ideologie“ (um bei ihrem Jargon zu bleiben) verfallen ist und es daher nicht schafft, sich an der Debatte bereichernd zu beteiligen. Aber was möchte man auch von einer Protagonistin erwarten, die ihr Lager im Schulterschluss mit einer kompetenten „Meinungsmacherin“ wie Sophia Thomalla verteidigen muss, die wiederum noch nie von sprachlicher Diskriminierung gehört hat und weder Sexismus von einem Kompliment, noch Muslime von Islamisten unterscheiden kann…

 


1 „Die Unisextoiletten werden nicht neu gebaut. Stattdessen wird einer der Räume, der bisher exklusiv für Männer oder Frauen bestimmt war, neu beschildert. Faktisch wird das nur in größeren Gebäuden möglich sein, in denen es mehr als zwei öffentliche Toiletten gibt.“ (http://www.taz.de/!111922/)

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/genderdebatte-pinkeln-fuer-alle-berlin-mitte-eroeffnet-unisex-toilette/10709278.html

3 http://www.stern.de/gesundheit/sexualitaet/vorlieben/transsexuelle-fremd-im-eigenen-koerper-1521741.html

4 http://www.national-coalition.de/pdf/28_10_2012/Kinderrechte_und_Intersexualitaet_NC.pdf

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

6 http://www.stern.de/kultur/tv/hart-aber-fair-sophia-thomallas-dreister-auftritt-2177324.html


 

No bloomy day.

Bildschirmfoto 2015-02-15 um 16.52.48

Als das Radio mir morgens im Badezimmer den Valentinstags-Slogan des Blumenversandhandels „Bloomy Days“ ins Ohr flötete, habe ich mich fast an der Zahnpasta verschluckt. Frauen? Die wollen Blumen. Und Männer? Natürlich immer nur das Eine.

„Je schöner die Bumen, desto schöner das Dankschön.“ (zwinker, zwinker)

Eine „intelligente und stilsichere“ Werbekampagne, wie Franziska von Hardenberg versichert, denn „wir wissen was Frauen wollen“. Anscheinend nicht, was alle Frauen* wollen – denn die (durch und durch sexistische) Werbung stieß vor allem im Netz auf viel Empörung.

Sexistisch weil die Blume aussieht wie eine Muschi? Im Gegenteil, das Abbilden der Vulva im öffentlichen Raum rief weitgehend positive Reaktionen hervor. Weil die Werbung heteronormative Stereotype aufruft? Geschenkt. Das ist zwar bedauerlich, aber leider immer noch Standard. Das Problem ist sicher auch nicht der offene Umgang mit Sexualität, sondern die gängige sexistische Praxis, die ihm in diesem Fall inhärent ist.

Der Mann kauft also eine besonders schöne Blume (stellvertretend hierfür könnte ein x-beliebiges materielles Gut stehen) und die Frau macht sich ihm dafür sexuell verfügbar. Eine Werbung, die Frauen im ähnlichen Sinne dazu animiert, durch einen finanziellen Einsatz ihren Mann zur Befriedigung ihrer sexuellen Triebe zu motivieren, wirkt gleichsam kontraintuitiv. Genau in diesem kontraintuitiven Moment, manifestiert sich der Kerngedanke, der hier genutzten sexistischen Spielart: der Mann (aktiv) agiert (rational) und die Frau (passiv) reagiert (emotional).

„Aus dem Mann stürmt die Begierde, in dem Weibe siedelt sich die Stille Sehnsucht an.“ (Brockhaus, 1815)

Das Paradoxon: Während die Frau entsexualisiert wird (denn ihr wird keine autonome sexuelle Potenz zugeschrieben, sie wird maximal gefügig „gemacht“), wird sie doch im gleichen Atemzug mit Empfängnis und sexueller Verfügbarkeit gleichgesetzt. Der flache Slogan des Blumenversands passt wie die Faust aufs Auge zu der im Laufe des 18. Jahrhunderts (mit der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft) ergründeten Zähmung und Domestizierung der Frau selbst und ihrer Sexualität gleichermaßen.

Allein das semantische Vokabular spricht Bände: Die Aktion des Mannes hat den Erfolg zum Ziel (typisch männlich konnotierter Begriff – ähnlich wie Wettkampf, Stärke, Zielstrebigkeit) und die Reaktion der Frau ist (natürlich) der Dank (typisch weiblich konnotierter Begriff – denn wer dankbar ist, macht sich klein, „zu Dank verpflichtet“/“in der Schuld stehend“ etc.). Dem Mann wird hier also die „Macht“ zugeschrieben, die Situation aktiv verändernd zu beeinflussen, während sich die Frau (passiv) dem Verhalten des Mannes entsprechend verhält.

Der weibliche Körper wird zum unzähligsten Mal zum Austragungsort eines sexuell aufgeladenen Machtkampfs: Ist sein materieller Einsatz gut genug, umso eher macht sie die Beine breit – was als „Erfolg“ gewertet wird. Interessant finde ich zudem den Aspekt, dass Prostitution gemeinhin gesellschaftlich stigmatisiert und tabuisiert wird, das dazugehörige Sinnbild hier jedoch instrumentalisiert wird, um „die Frau von nebenan“ gefügig zu machen – wirkt auf mich wie das reproduzierende Abrufen der limitierenden Weiblichkeitsvorstellung von Hure und Heiliger.

Ihrem Interview mit „W&V Online“ fügte Frau von Hardenberg noch hinzu:

„P.S. Liebe Männer, man kann bei uns auch mehrere Abos anlegen und diese getrennt voneinander verwalten, das heißt pausieren oder beenden. Ihr habt also stets die Zügel in der Hand und bestimmt, wann Schluss ist.“

Warum wirkt das hier gewählte Vokabular nur so… passend?

Weitere Artikel zum Thema:

„Give and you shall receive“ / Femstern

„Gloomy Days bei Bloomy Days: Sex gegen Blumen“ / Genderfail

„Biete Blume, suche Sex“ / taz.de

„Valentinsvulva“ / pinkstinks