Unterwegs (vol. I): Öffentliches Onanieren.

In meinem Job habe ich es tagtäglich mit unzähligen Menschen zu tun. Kleinen Kindern, die nicht wissen, wohin sie ihr Weg führen wird. Greisen Ehepaaren, die schon unzählige Kilometer in ihrem Leben gemeinsam bewältigt haben. Businessmenschen, in Wollgemischensembles, welche noch starrer wirken als der fixierender Blick auf ihr Notebook. Einsame postadoleszente Rastaheads mit riesigen Rucksäcken, umgeben von einer Geruchsaura irgendwo zwischen Patchouli und Theaterfundus. Manche Familien sind mit ihrem frisch geborenen Baby das erste Mal. Andere Menschen treten offenkundig ihre letzte Reise an – zurück nachhause oder hinaus in die Welt, Endstation in jedem Fall ungewiss. Sie alle eint ihr gemeinsamer Weg, der doch zu unterschiedlichen Destinationen führen wird.

Der Tag neigt sich bereits dem Abend zu, als ich eine junge Frau* in einer Ecke stehen sehe. Wir befinden uns mitten in unseren routinemäßigen Arbeitsabläufen, Gegenstände wandern zum zigtausendsten Mal durch unsere aufgerauhten Hände. Wer täglich mit unzähligen Menschen zu tun hat, braucht nicht nur interkulturelle Kompetenzen, sondern auch genügend Desinfektionsmittel. Ich unterbreche meine Arbeit und gehe auf sie zu, um sie nach ihrem Befinden zu fragen. Sie nickt eifrig und schaut auf den Boden. „Wenn Sie die Zeit finden… also nicht jetzt, ich kann gerne warten… dann würde ich gerne kurz persönlich mit jemandem reden…“, schiebt sie zögerlich nach. In diesem Moment legt sich bei mir ein Schalter um. Alles an dieser Situation sagt mir: Hier ist irgendetwas ganz und gar nicht okay.

Ich lege alles zur Seite und sage meinen Kolleginnen, dass sie kurz ohne mich auskommen müssen. Die junge Frau gestikuliert ausweichend, als wolle sie sagen: Machen Sie nur weiter, ich will niemanden stören, ich kann warten! „Was ist denn passiert?“, frage ich sie mit fester Stimme und versuche ihren Blick einzufangen. Die Situation scheint ihr sichtlich unnagenehm zu sein. „Der Mann neben mir… er fässt sich an…“.

Natürlich handelte es sich hier um eine aus verschiedenen Gründen prekäre Situation. Die junge Frau wollte aus Scham und auch aus der Angst, dass sie anschließend weiterhin neben diesem Herren* sitzen müsse, nicht, dass wir ihn direkt ansprechen. Das wäre auch aus unserer Perspektive heikel geworden: Auch er ist zahlender Kunde, es gibt keine Zeugen. Wenn die Situation war wie von der Frau beschrieben, würde er es im Gespräch wohl kaum zugeben (wozu auch?), niemand von uns war persönlich bei der beschriebenen Situation anwesend, die Brisanz einer solchen Anschuldigung jedoch gleichsam enorm – der Mehrwehrt wäre im Verhältnis zum Eskalationspotenzial nicht wirklich ökonomisch. Wir haben also in einvernehmlicher Absprache mit der Frau möglichst diskret einen anderen Platz für sie gesucht.

Ich denke, wir konnten die Situation aus professioneller Perspektive zufriedenstellend lösen. Möglicherweise hätte ich als Privatperson konfrontativer agiert, wenn ich eine solche Situation mitbekommen hätte – das soll nun aber nicht Gegenstand meiner folgenden Überlegungen sein. Was mich vielmehr beschäftigt ist die Reaktion des einzig männlichen Kollegen, der in die ganze Situation verwickelt war. Meine weibliche Vorgesetzte, sowie auch meine drei weiblichen Kolleginnen (die alle auch persönlich mit der jungen Frau gesprochen haben), haben die ganze Angelegenheit ohne Umschweife ernstgenommen. Und damit meine ich nicht, dass sie mit Mistgabeln und Fackeln auf den beschuldigten Kunden losgegangen sind und ihn öffentlch gelyncht haben. Ich meine, dass sie versucht haben eine Lösung zu finden. Sicher aber auch, weil wir alle sehr gut aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, wie unangenehm eine solche Situation sein kann. Selbst meine Vorgesetzte konnte von einem identischen Erlebnis berichten. Der beschuldigte Mann blieb von der ganzen Angelegenheit übrigens gänzlich unbetroffen: Sicherlich hat er die Umsetzaktion mitbekommen, die hätte jedoch auch zahlreiche andere Gründe haben können. Egal was genau vorgefallen war: Er musste sich keine Sekunde aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen oder sich in irgendeiner Art rechtfertigen, geschweige denn real einschränken lassen.

Aber zurück zu meinem männlichen* Kollegen: Er ist von der ganzen Situation völlig unbetroffen, denn er war zum entsprechenden Zeitpunkt in einem anderen Bereich tätig. Deshalb hat er auch bis zuletzt keinen persönlichen Kontakt zu der vermeintlich betroffenen Frau. Beiläufig erfährt er von der Situation.

Er mischt sich ein und fragt, ob wir den vermeintlichen Vorfall persönlich mitbekommen hätten. Ich verneine. Na dann, würde er das grundsätzlich sowieso nicht glauben. Er könne sich generell nicht vorstellen, dass so etwas vorkäme… aber Frauen, die würden solche Dinge ja gerne mal erfinden – Fall Kachelmann! Fall Trump! Er wedelt mit diesen boulevardesk-verschmierten Schlagworten (und ich bezweifle stark, dass es Kachelmann gefallen würde, mit Trump in einem Atemzug gennant zu werden), als seien sie die triumphierenden Asse in seinen gut gestärkten Hemdärmeln.

Wenn es keiner sonst mitbekommen hätte, sei die Situation wohl uneindeutig gewesen. Und wenn sie denn so uneindeutig war, führe ja naturgemäß nur viel Interpretationsspielraum zu einem solchen Vorwurf. Vielleicht hat er sich der Herr nur ungünstig bewegt? Im Zweifel für den Angeklagten, so funktioniere das im deutschen Recht – bis das Gegenteil bewiesen sei, gäbe es keinen Täter und solange auch keinen Handlungsbedarf. Apropos Recht: Er wüsste von vielen Fällen in denen Frauen sich selbst Verletzungen zugefügt hätten, um unschuldige Männer der Vergewaltigung zu bezichtigen… Außerdem: Wenn sie sich denn so sicher war, warum hat sie (so würde er ja handeln), dann nicht direkt etwas vor allen gesagt? Warum hat sie nicht ihre Umgebung involviert? Konnte man denn überhaupt sein Geschlechtsteil sehen? Nein? War es dann tatsächlich so schlimm? Ja, okay, wenn er sich entblößt hätte… aber so? Selbst wenn er sich befriedigt hätte… Den einen störts, den anderen nicht, er kenne auch Frauen, die sich davon nicht belästigt gefühlt hätten. Das sei doch alles Ansichtssache.

Ob mensch sich von so einem Verhalten nun belästigt fühlt oder nicht, ist sicher von Person zu Person unterschiedlich. Dennoch besteht ein entscheidender Unterschied zu der oben beschriebenen Situation: Niemand ist dazu gezwungen, auf engem Raum und über Stunden neben diesem Mann zu sitzen. Es besteht die Option, sich aus der Situation zu ziehen, ohne sich mit ihm auseinandersetzen oder sich vor Dritten für sein Empfinden rechtfertigen zu müssen.

Man muss dazu sagen, dass es  in unserem Fall zu keinem Zeitpunkt um eine „Verurteilung“ und „Bestrafung“ des vermeintlichen „Täters“ nach „deutschem Recht“ oder irgendwelchen anderen normativen oder moralischen Standards ging. Es ging zunächst einmal lediglich darum, eine junge Dame umzusetzen, die sich auf ihrem Platz unwohl gefühlt hat. Eine ziemlich triviale Angelegenheit, wenn man bedenkt, aus welchen Gründen wir tagtäglich neue Plätze für unsere Kunden suchen: Weil die Sitznachbarin oder der Sitznachbar erkältet ist, weil es zu zugig ist… Fragen wie: „Sind Sie sicher, dass die Person neben Ihnen erkältet ist? Hat die Person neben Ihnen nicht vielleicht nur zufällig geniesst und es ist Ihre Interpretation, dass es sich hierbei um eine Erkältung handelt? Wenn diese Person tatsächlich erkältet ist, warum stört das nicht auch die zahlreichen anderen Gäste um Sie herum?“ oder „Warum haben Sie keine Jacke mitgebracht? Sind Sie vielleicht einfach ein wenig empfindlich? Andere Leute haben so ein frisches Lüftchen um die Nase manchmal recht gerne, warum stört Sie das eigentlich überhaupt?“, tauchen dann erstaunlicherweise nicht auf.

Im Fokus der Argumentation meines Kollegens stand nicht die konstruktive Lösung eines real existierenden Problems zwischen zwei Gästen (unabhängig was nun tatsächlich zwischen ihnen vorgefallen war), sondern die vehemente und ausdauernde Widerlegung der Notwendigkeit des Schutzanspruches des vermeintlichen „Opfers“ (wobei natürlich diese ganze Täter-Opfer-Dichotomie selbst nicht unproblematisch ist). Zunächst bezweifelt er, dass solche Vorfälle überhaupt vorkämen (ergo:Das Problem existiert generell nicht!“), dann definiert er konkrete Bedingungen dafür, wann es angemessen wäre, auf das vermeintliche Fehlverhalten zu reagieren (ergo: „Sich belästigt zu fühlen, reicht nicht aus!“). Gleichzeitig kritisiert er jedoch das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau als zu zurückhaltend: Warum hat sie nicht die umsitzenden Menschen involviert? Ihn direkt lautstark konfrontiert? (ergo: „Selbst schuld!“). Später geht er dazu über, die ganze Situation zu verharmlosen: Was wäre eigentlich so schlimm daran? (ergo: „Stell‘ dich nicht so an!“). Störend finde ich dabei keineswegs den Ansatz die ganze Situation differenziert und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: Schließlich wusste niemand von uns sicher, was tatsächlich passiert war. Aber genau deshalb empfand ich auch seine leidenschaftliche Argumentation gegen – ja was eigentlich genau? – so befremdlich. Sein einziges Ziel schien der Versuch, um jeden Preis die Glaubwürdigkeit der Frau und damit auch unsere Handlungsnotwendigkeit in Frage zu stellen. Dass sich seine einzelnen Argumente dabei teils widersprachen (einerseits habe die Frau kein Recht sich belästigt zu fühlen, andererseits habe sie zu zurückhaltend auf die Situation reagiert – einerseits sei der Fall, dass ein Mann öffentlich masturbiere, unvorstellbar, andererseits ja auch keine große Sache…), ist egal, solange sie dem Zweck dienen um jeden Preis die Wahrnehmung oder das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau zu diffamieren.

Wo fängt sexuelle Gewalt oder Belästigung überhaupt an? Sicher ist das Empfinden, was als Belästigung gewertet wird sehr subjektiv. Dennoch gibt es bestimmte Verhaltensweisen, von denen man zumindest ausgehen muss, dass sie andere Menschen in Verlegenheit oder Bedrängnis bringen könnten. Und wer an sich selbst sexuelle Handlungen in einem öffentlichen Raum in Anwesenheit Dritter ausübt (am besten noch in einer Situation, in der sich anwesende Menschen nicht entziehen können oder sich gar durch offensive Blicke und unausweichliche Nähe gegen ihren Willen in die Handlung involviert fühlen), nimmt solche Folgen seines aktiven Verhaltens zumindest billigend in Kauf – wenn es nicht sogar jene sind, welche ebendieses Handeln antreiben. Das Ganze kann man als Machtdemonstration werten (so wie ich), oder man kann es lassen (so wie mein Kollege) – es sollte jedoch in jedem Fall  zumindest ausreichend sein, dass sich jemand belästigt fühlt, damit Handlungsbedarf gesehen wird.

Auch diese Situation wäre gemäß meines Kollegen eine Grauzone: Man sieht keine Genitalien, „vielleicht kratzt er sich auch nur“ 😉 . Unter dem Video fragt ein offenbar männlicher User: „Why didn’t you call his ass out?!“ – vielleicht weil andere Menschen (wie mein Kollege) so konkrete Regeln dafür aufstellen, wann es „angemessen“ ist, sich belästigt zu fühlen? Vielleicht, weil man nicht jederzeit die Kraft für eine Konfrontation hat? Weil man die Situation nicht weiter eskalieren lassen möchte? Oder auch weil  man eben meist doch eher an seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt, als belästigende, übergriffige oder bedrohliche Situationen ernstzunehmen.

Das Ziel der Frau war weder eine öffentliche Denunzierung des Mannes, noch einen persönlichen Vorteil aus der ganzen Sache zu schlagen: Nachdem sie einige Zeit wortlos wartend in ihrer Ecke stand, nahm sie selbst einen objektiv betrachtet schlechteren anderen Platz dankend an. Es stellt sich also die Frage, weshalb man ihr den Wunsch umgesetzt zu werden verwehren sollte: Zählt die theoretische Erhaltung der Unschuldsvermutung eines Mannes, der in keiner Weise real wirksame Konsequenzen zu fürchten hatte mehr, als der Schutz einer sich konkret belästigt fühlenden Frau, die im Fall der berechtigten Anschuldigung sehr wohl reale Konsequenzen im Sinne fortwährender Übergriffe zu fürchten hätte?

Das Problem ist diese Logik, die jede Aussage-gegen-Aussage-Situation zwangsläufig in eine Einbahnstraße dirigiert. Im Endeffekt werden in diesem System Ausübende sexueller Gewalt generell geschützt (anstatt zu unrecht Beschuldigte zu schützen) und Gewaltbetroffene postwendend zu Täter_innen, indem sie bei mangelnder Beweisbarkeit automatisch der Falschbeschuldigung bezichtigt werden. Insbesondere sexuelle Übergriffe sind in sehr vielen Fällen eben nicht einwandfrei belegbar – mal abgesehen davon, dass viele Formen sexueller Gewalt strafrechtlich bislang überhaupt keine Relevanz hatten und auch weiterhin nicht oder nur ungenügend verfolgbar bleiben. Repräsentative Untersuchungen (BMFSFJ, 2004) haben ergeben, dass 58% der befragten Frauen aus Deutschland unterschiedliche Formen sexueller  Belästigungen erlebt haben, 40% gaben an Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beidem) ab ihrem 16. Lebensjahr geworden zu sein. Nur 5% der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt haben, zeigten diese auch an – wobei von diesen Anzeigen wiederum nur ein Bruchteil überhaupt zu einer Verurteilung führten (die Verurteilungsquote bei angezeigten Vergewaltigungen liegt bei 13%, während die Quote der belegbaren Falschbeschuldiguldigungen von Vergewaltigungsfällen quellenabhängig sich im deutschen Raum lediglich auf eine marginale Spanne zwischen 5% und 7,4% im beziffern).

„Nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehen der EU-Studie zufolge zur Polizei, wenn ihr Partner gewalttätig wird; 17 Prozent sind es, wenn sie nicht mit dem Täter zusammen sind. Bei vielen Frauen ist Scham der Grund. Einige rechnen sich nur geringe Erfolgschancen aus, andere sagen, sie hätten selbst eine Lösung gefunden oder wollten alleine zurechtkommen. {…}

Zum Vergleich: In Niedersachsen wurden 2014 etwa sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt – aber 94 Prozent der Autodiebstähle.

(Süddeutsche Zeitung, 27.04.2016)

Fakt ist also: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen erlebt in ihrem Leben Formen von sexueller Gewalt, während nur ein Bruchteil davon strafrechtlich verfolgbar ist. Von diesem Bruchteil werden wiederum nur 5% überhaupt zur Anzeige gebracht, weniger als ein Sechstel dieser Anzeigen führen dann zu einer Verurteilung. Der Prozess dorthin ist lang und oft erneut traumatisierend: Schambehaftete Details müssen vor fremden Menschen offenbart werden, Betroffenen schlägt Misstrauen und Argwohn entgegen, während die Chance auf „Erfolg“ (inwiefern eine Verurteilung im Individualfall einem „Erfolgs“gefühl auch immer gerecht werden kann) nicht gerade vielversprechend ist. In Wiesbaden startet aktuell ein Projekt, dass Frauen überhaupt die Möglichkeit bieten soll, sich ohne Polizeidruck nach einer Vergewaltigung medizinisch versorgen lassen zu können (von 90 Frauen haben lediglich 30 Spuren sichern lassen und wiederum lediglich 10 letztlich Anzeige erstattet). Eine andere aktuelle Studie berichtet zudem, dass mehr als jeder vierte Europäer Vergewaltigungen unter bestimmten Bedingungen für rechtfertigbar hält. Die Hemmung sich zur Wehr zu setzen, sich Hilfe zu suchen oder die Tat gar juristisch zu verfolgen ist aus vielen Gründen oft enorm hoch. Meine Beobachtungen im privaten Umfeld können diesen Eindruck nur bestätigen: Wenn beispielsweise eine Freundin im Club auf der Tanzfläche angefasst wird, verlässt sie oft eher selbst den Ort, als dass sie eine Sicherheitskraft holt. Die Erfahrung nicht ernstgenommen zu werden oder auch durch eine nervenaufreibende Konfrontation eine übergriffige oder bedrohliche Situation nicht nennenswert verbessern zu können, ist weit verbreitet.

Die theoretische Option sich durch Dritte – sei es die Polizei, Sicherheitspersonal oder andere Außenstehende – Hilfe zu suchen, ist eben oft überhaupt keine real sinnvolle Option. Insbesondere dann, wenn man an Menschen wie meinen Kollegen gerät, die genaue Vorstellungen davon vertreten, wie Gewalttaten auszusehen haben und wie sich  deren „Opfer“ bitte fachgerecht zu verhalten haben.

Ich sehe ein, dass eine konkrete Strafverfolgung nur dann stattfinden sollte, wenn ein Delikt nachgewiesen werden kann. Was ich nicht einsehe, ist, dass jede Anschuldigung die nicht einwandfrei belegt werden kann im Umkehrschluss automatisch zur Falschaussage wird. Dass mit fehlender Legitimation zur Bestrafung des potenziell Gewaltausübenden auch der Anspruch der vermeintlich Betroffenen auf Schutz und Hilfe versiegt. Dass sich generell alles Denken und Diskutieren ausschließlich um die potenziellen Täter_innen zu drehen scheint, während die Perspektive und Bedürfnisse Gewaltbetroffener nur schwammige Randnotizen zu bleiben scheinen.

In unserem Gespräch versuche ich meinem zweifelnden Kollegen  anhand persönlicher Erfahrungen zu illustrieren, wie schnell man in eine übergriffige Situation im Alltag hineingeraten kann und wie schwierig es oft ist, sich überhaupt zur Wehr zu setzen. Keine der unzähligen anzüglichen Kommentare, übergriffigen bzw. bedrohlichen Situtationen oder ungewollten Berührungen in meinem Leben haben (aus unterschiedlichsten Gründen) je zu irgendeiner nennenswerten Konsequenz für die jeweils ausübende Person geführt.  „Männer scheinen ja ganz schön schlimm zu sein!“, polemisiert er spöttisch, als fühle er sich von meinen Schilderungen persönlich angegriffen. Dieses ganze Männer-gegen-Frauen-Frontenbildungsding geht mir langsam gehörig auf die Nerven.

Sind „Männer“ also meiner Meinung nach schlimm? Nein. Menschen sind schlimm – und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Menschen die andere Menschen im öffentlichen Raum sexuell bedrängen genauso wie solche, die sexuelle Übergriffe aus welchen Gründen auch immer erfinden und somit Unschuldige in existenzbedrohliche Situationen bringen. Menschen die Erfahrungen sexueller Gewalt herunterspielen und generell in Frage stellen. Menschen wie mein Kollege, die Hilfesuchende (egal ob weiblich oder männlich) erstmal nach der Beweislage abfragen und mit der Kachelmann-Klatsche wedeln, anstatt mit ihnen gemeinsam in akuten Fällen nach kurzfristigen Lösungen zu suchen. Sie alle sind Kompliz_innen eines Systems, in dem Betroffene von Gewalt nur doppelte Verlierer_innen sein können.


Eine 2004 veröffentlichte repräsentative Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland


*Ich verwende gegenderte Ausdrücke wie „Frau“/“Mann“/“männliche“/“Dame“/“Herr“… o.Ä. als analytisch-beschreibende Begriffe für Menschen, die sich durch entsprechendes Verhalten und Auftreten, sowie kohärentes Anzeigen „weiblich“ oder „männlich“ konnotierter Attribute und des entsprechenden Habitus offenkundig selbst dementsprechend kategorisieren. Ich möchte diese ganze Mann-Frau-Dichotomie und damit einhergehendes binäres und heteronormatives Denken damit nicht sprachlich manifestieren und reproduzieren, eine Verwendung der genannten Begriffe bietet sich jedoch der Verständlichkeit und Klarheit dienend an.

Die Anderen.

Männlichkeitskultur. So nennen sie es, „das Fremde“, das sich langsam, aber unausweichlich, auf völlig überfüllten Booten über das Mittelmeer in unser schönes Deutschland einschleppt und sich nun in unsere Gesellschaft zu fressen scheint, wie eine plötzliche Krankheit oder ein lästiger Parasit.

Die Silvesternacht in Köln sitzt dem gegenwärtigen Diskurs in den Knochen. Eine junge Frau, unter dem Pseudonym „Anja Meier“, rekonstruiert bei „Hart aber fair“ die Ereignisse der Nacht: Sie war eine jener Frauen, die von einer großen Gruppe Männer* umzingelt, angefasst und anzüglich beschimpft, ausgelacht und bedrängt worden ist. Es gehen Anzeigen wegen Diebstahl, Körperverletzung und Vergewaltigung ein. Die Bilanz einer beschämenden Nacht: Mehr als 650 Anzeigen meldete die Kölner Staatsanwaltschaft bezüglich jener Übergriffe, die die Boulevardpresse medienwirksam als „Schande von Köln“ oder besonders reißerisch als „Sex-Mob“ bezeichnete. Dass das, was da in dieser Nacht in Köln passiert ist, nichts mit „Sex“ zu tun hat, sondern, wie bei jeder anderen Ausübung von sexualisierter Gewalt auch, mit der Demonstration und Sicherung von Machtstrukturen, wird durch solche Bezeichnungen weiter verschleiert. In jener Nacht sei eine Männlichkeitskultur zu Tage getreten, die Deutschland so noch nicht kennen würde, meint Ex-Familienministerin Kristina Schröder. Um Männlichkeitskonzeptionen geht es sicher. Inwiefern solche Übergriffe, die in einer besonderen Konzentration in der Kölner Silvesternacht auftraten, deutschen Frauen* jedoch tatsächlich unbekannt sind, bleibt fraglich.

Das bizarre an dem ganzen Spiel, das derzeit in Talkshows, Nachrichtensendungen und deutschen Wohnzimmern ausgetragen wird, ist, dass die Dimension der sexualisierten Gewalt, die die Frauen in der Nacht zum ersten Januar erfahren mussten, trotz des außerordentlichen Ausmaß‘ an Massivität, nach wie vor nicht das zentrale Thema der Debatte zu sein scheint. Warum wird eine Nacht, in der hunderte Frauen belästigt wurden, die Herkunft der Täter aber noch unbekannt ist, von offizieller Seite her zunächst als „ruhig“ bezeichnet, später, als sich ein möglicher Migrationshintergrund abzeichnet, zur „Schande von Köln“ stilisiert? Fakt ist, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Täter auf die Opfer und Beobachterinnen einen „arabischen“ oder „nordafrikanischen“ Eindruck machten (was auch immer dies über den wahren kulturellen Hintergrund, beziehungsweise die persönlichen Einstellungen der Täter aussagen möge). Fakt ist aber auch, dass ein Großteil jener „Taten“ die als sexualisierte Gewalt gewertet werde können (das Bedrängen von Frauen* durch Männer*, obszöne Kommentare und Zurufe, teilweise sogar das Anfassen des Körpers, einschließlich Brust, Po und Schritt, gegen den Willen der Frau*) gar nicht vernünftig nach deutschem Strafrecht zur Anzeige gebracht und verfolgt werden können.  Selbst eine Vergewaltigung wird in Deutschland nur dann als solche verurteilt, wenn sich das Opfer „angemessen“ zur Wehr gesetzt und alle „möglichen Fluchtwege“ genutzt hat – ein deutliches „Nein“ des Opfers reicht, nach wie vor, nicht aus.

Die Öffentlichkeit fordert rechtliche Konsequenzen, verschärfte Abschiebungsgesetze und Ausweisungen. Warum steht eigentlich nicht endlich die Verschärfung der Gesetze für Sexualdelikte im Fokus? Warum wundert sich niemand darüber, dass „Ausländer“, die nicht ungeschoren davon kommen sollen, nach deutschem Strafrecht für den Ausdruck „ihrer Männlichkeitskultur“ überhaupt nicht belangt werden können? Es soll also härter gegen kriminelle Ausländer durchgegriffen werden, was bei einer Vielzahl der sexualisiert geprägten Delikte der Kölner Silvesternacht aufgrund der Tatsache scheitert, dass auch Deutsche bislang für ähnliche Taten überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten – ein Umstand, der bislang weder die Bildung einer „Bürgerwehr“, wie jetzt in Düsseldorf geschehen („um unsere Frauen zu schützen“), noch die Hells Angels auf den Plan gerufen hat. Der Eindruck entsteht, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Warum liegt es eigentlich an „deren“ Kultur, wenn mich ein Mann mit Migrationshintergrund auf der Straße anzüglich kommentiert und warum „verstehe“ ich eigentlich so oft „etwas falsch“, wenn ich mich von einem Deutschen belästigt, bedrängt oder verfolgt fühle? Ja, es lässt sich schwer leugnen, dass die Häufung der Situationen, in denen man sich als Frau* in Berlin belästigt fühlen kann, in Neukölln eine andere ist als in Mitte – aber zu behaupten, es handele sich um ein genuin „arabisches“ oder „nordafrikanisches“ Problem, ist schlichtweg falsch und dient höchstens zur Ablenkung  von allgegenwärtigen Problemen. Das Ausmaß der Ausschreitungen in Köln hat nicht in erster Linie die Mechanismen einer „fremden“ und gleichsam exotisierten Kultur zum Vorschein gebracht, sondern insbesondere den defizitären Stand unserer Gesetzeslage und nicht zuletzt unsere schizophrene Kultur, die aufgrund einer sexualisierten Machtdemonstration eines Migranten seine Existenzberechtigung in Frage stellt und nach Abschiebung schreit, während die anzügliche Bemerkung eines weißen Geschäftsmannes oder der Griff an den Po im Club, welche auf genau den gleichen Zweck abzielt, belächelnd in Schutz genommen oder zumindest auf eine Individualerfahrung heruntergespielt, wird („So sind Männer halt!“, „Hab dich nicht so!“, „Das sind ja nur Einzelfälle!“). Denn am Ende geht es in dieser Diskussion nicht um die erniedrigende, diskriminierende und unterdrückende Wirkung solcher Machtdemonstrationen auf Frauen*, sondern darum, wieviel „Recht“ der Täter zur Ausübung hat. Platt wie pathetisch formuliert: „Unsere“ Frauen* wollen wir bitteschön gerne selber belästigen!

„Die Monsterisierung asozialer, fremdartiger, bedrohlicher Menschen ist aller Wahrscheinlichkeit nach phylogenetisch verankert. Deshalb pflegen Feindbilder gegenüber rationalen Einwänden resistent zu bleiben.“ (A. Holl, 1993)

Die kolonial geprägte Brille des „zivilisierten“ Deutschen hat schon immer das Bild des sexuell „ausschweifenden, triebhaften“ und „perversen“ nicht-weißen Mannes transportiert. Dessen Begehren nach der hilflosen weißen Frau, scheint in den vergangenen Jahrhunderten zu einer archetypischen Urangst mutiert zu sein, einer Angst, die nun dazu instrumentalisiert wird, rassistische und sexistische Hierarchien weiter zu festigen. Das Herz des Rassimus nährt sich vom Drang nach Selbstverständnis durch die Schaffung von Polarität und binärer Abgrenzung. So lang man also dem „verwilderten“ und „entmenschlichten Nordafrikaner“ oder „Araber“ möglichst viel Schuld für sexualisierte Gewalt zuschreiben kann, desto besser lässt sich das eigene Defizit kaschieren und darüber hinwegtäuschen, dass diese Strukturen eben nicht ontologisch der Fremde entspringen. Werden Rassismen hier zur Dimension eines deutschen Identitätskonflikts, eines Landes, dass sich selbst gerne als besonders fortschrittlich betrachtet und strukturell verankerte Diskriminierungen gegenüber Frauen nicht in seinem Konzept unterbringen kann? Der exzessive Austausch über Folgen für die Flüchtlingspolitik wirkt in jedem Fall wie eine Farce für all diejenigen, die schon seit Jahren eine opferfreundlichere Gesetzgebung für Sexualdelikte fordern und daran kläglich scheitern, solange es sich um weiße Täter handelt. Die Überkompensation mit Worten versucht hektisch einen Zustand zu therapieren, der schon überfällig handlungsbedürftig war. „Jeder verdient die gleiche Strafe, egal aus welchem Land er kommt.“, stellt die Betroffene Anja Meier im Interview mit Plasberg klar. True dat, girl. Wenn es nur so einfach wäre.

 

 

Du willst es doch auch.

Was sind wir weit entwickelt. Denken wir wohlwollend. Meistens über uns selber.

Kritisch wird beäugt, was „woanders“ verbrochen wird. Sei es die Kriminalisierung von Homosexualität, die Tabuisierung von Transsexualität oder die offensichtliche, strukturelle und in Gesetze zementierte Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen*  – so rückständig! Und vor allem so weit weg. So weit weg von uns. (1)

Wenn du hier in Berlin als junge Frau* auf eine Party gehst, wundert sich niemand, dass du studierst oder arbeiten gehst, dir deine_n Partner_in selber ausgesucht hast oder andere Dinge tust, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – es aber für viele frauisiert gelesene Personen auf dieser Welt nicht sind. Meistens bin ich dankbar dafür, hier zu leben. Manchmal ernüchtert mich jedoch die bittere Erkenntnis, dass eben jenes Gefühl, in einer ach-so-weit-entwickelten Gesellschaft zu leben, manche Menschen über die Tatsache hinweg zu täuschen scheint, dass sie in ihrem Denken, trotz aller Bildung und Fortschritt, immer noch hochproblematischen Mustern nachhängen, welche sie vermutlich selbst verurteilen würden, wenn sie sie als solche erkennen würden. Was ich hier heute niederschreibe, hat lange in mir gegärt. Zumindest die letzten 15 Jahre. Denn in der Grundschule wurde ich das ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert, dass sexuelle Gewalt an Mädchen* und Frauen* oft nicht als solche verurteilt wird. (2)

Mit diesem Denken, das Frauen* eine objektifizierende und limitierende Rolle zuschreibt, sie sexuell verfügbar oder gänzlich promisk sehen will, irgendwo zwischen Hure („sie wollte es ja so“) und Heilige („das hat sie nur falsch verstanden“), würde sich wohl keine Grundschullehrerin, kein Student, kein Freund von Freunden und sicherlich auch keiner meiner Freunde identifizieren. Und dennoch reproduzieren sie es. In der Schule. In der Uni. Auf der Party. Beim gemeinsamen Abendessen. Und stigmatisieren so reale Opfer. Und potenzielle Opfer. Und im Prinzip jede Person, zwischen deren Beine eine Muschi vermutet wird. Oder die zumindest Brüste hat. Oder sich hat welche machen lassen. Oder irgendwelche anderen Markierungen (freiwillig oder nicht) an ihrem Körper, ihrem Verhalten oder Auftreten trägt, die sie durch das Raster „männlich“ fallen lassen.

Ich bin keine Missionarin, keine Predigerin, keine Beauftragte für irgendwas. Ich fühle mich in Alltagssituationen nicht dazu berufen, andere Menschen von meiner Meinung zu überzeugen. Wenn ich mich mit Menschen umgebe, dann meistens mit solchen, von denen ich glaube, dass sie des rationalen Denkens fähig sind, sich kritisch und reflektierend mit der eigenen Persönlichkeit und ihrer Umwelt auseinandersetzen – von deren Ansichten ich, so hoffe ich zumindest, noch profitieren kann, auch wenn, oder gerade weil, wir uns nicht immer einig sind.

Umso schockierter bin ich dann regelmäßig, wenn mir aus den bislang hochgeschätzten Mündern, der rohste Sexismus entgegenschlägt. Ich meine hier einen Sexismus, der sexuelle Übergriffe herunterspielt, somit legitmiert und die Sicht des Opfers in Frage stellt.

Neulich auf einer Party, wurde eine Frau* gefragt, was denn ihr schlimmster Alptraum gewesen sei. Nach kurzem Zögern erzählte sie, dass sie in ihrem schlimmsten Traum einmal vergewaltigt worden sei. „Traum oder Alptraum?“, fragt einer der anwesenden Männer* und hakt sogar noch rechtfertigend nach, als er meinen reservierten Blick bemerkt: „Naja, es gibt doch genug Frauen, die darauf stehen! Das ist doch eine berechtigte Frage!“.

Diese Worte aus dem Mund eines jungen, gebildeten Mannes*, der sich kurz zuvor noch über die rassistischen Äußerungen einer anderen anwesenden Person beschwert hatte. Ich war fassungslos. Angenommen, sie hätte geträumt, dass ihre Mutter gestorben wäre. Wäre es dann auch eine „berechtigte“ Frage gewesen, ob sie sich den Tod ihrer Mutter nicht insgeheim gewünscht hätte, da es ja durchaus Menschen gäbe, die in dem Tod naher Mitmenschen einen persönlichen Profit sehen? Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage nach dem „schlimmsten Alptraum“ eigentlich an sich schon jedes noch so pietätsloses Erörtern ihrer Position erübrigt hätte, scheint es mehr als übergriffig und bizarr, dass diese Nachfrage impliziert, dass Frauen* in einem nicht unwesentlichen Teil der Fälle, ihre eigene Vergewaltigung begrüßen würden. Dies scheint so selbstverständlich in dem Denkmuster des Nachfragenden verankert zu sein, dass er die Legitimität seiner Formulierung zunächst nicht anzweifelt.

Was heißt das für reale und potenzielle Betroffene? Die Statistiken zeichnen ein klares Bild: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau*, die bereits Opfer von sexuellen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt war oder es eines Tages werden wird, zum Zeitpunkt dieses leidigen Gesprächs im Raum befand, ist nicht unerheblich. Unbedachte Äußerungen á la „du-wolltest-es-doch-eigentlich-auch“ machen vor allem eins: Mundtot.

Als meine Mitbewohnerin vor kurzem aufgebracht ins Wohnzimmer stürzte und berichtete, dass sie ein Nachbar ganz offensichtlich und penetrant durch das Fenster beobachtet hat, während sie sich umgezogen hat (und es auch nicht einstellte, als sie dies bemerkte), schlug ihr postwendend der Kommentar entgegen, dass sie sich ja auch über die Aufmerksamkeit freuen könnte, anstatt sich darüber zu beschweren, dass ungefragt in ihren eigenen vier Wänden und gegen ihren Willen in ihre Privatsphäre eingedrungen wurde. Schließlich käme es einfach nur auf ihre Sichtweise an. Es ist ein perfides Spiel, einen sexuellen Übergriff so zu drehen, als ob das „Opfer“ davon ernsthaft profitieren würde und es nur seine Perspektive ändern müsse, um den „Wert“ der Sache erkennen zu können. Die ganze Situation wird so umformuliert, als würde es sich sozusagen um eine Win-Win-Situation handeln – und das klingt doch nach einem fairen Deal, oder nicht? Es ist aber kein Deal, es ist keine Verhandlung, keine Abmachung, nichts auf das sich zwei vernünftige, erwachsene Menschen hinreichend wissentlich einlassen. Sicher gibt es objektiv betrachtet (was auch immer das sein mag) schlimmere Dinge, als „angeschaut“ zu werden, aber man darf den psychologischen Effekt bei der ganzen Angelegenheit nicht außer Acht lassen. Solche Situationen verursachen das Gefühl, dass man sich selbst in seiner eigenen Wohnung nicht frei bewegen kann, ohne dass sensible Momente bei der kleinsten Unachtsamkeit durch Dritte ausgenutzt werden. Und wenn man äußert, dass man sich durch die ganz offensichtlich sexuell motivierten, drängenden Blicke gestört gefühlt hat, wird einem erklärt, dass man sich ja auch daran erfreuen könnte, in der eigenen Wohnung unter Beobachtung zu stehen.

Um es kurz in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist nicht okay, eine fremde Person in einem intimen Moment innerhalb ihrer eigenen vier Wände gezielt zu beobachten. Es ist auch nicht okay, in einer Vergewaltigung in erster Linie einen Akt zu sehen, der durchaus auch vom Opfer gewollt sein könnte. Es ist einfach nicht richtig, Dinge mit Menschen zu machen, die sie nicht wollen und ihnen hinterher zu erklären, dass sie doch eigentlich gute Gründe hätten, das was ihnen widerfahren ist, quasi retrospektiv doch noch gut zu finden.

Mir begegnen solche Kommentare immer wieder. Aus den Mündern mir sehr sympathischer Menschen. Die eigentlich schlau sind. Und Rassismus voll doof finden. Und auch keine Tiere essen. Also total aufgeklärt, richtig sophisticated und eigenständig denkend. Jaja klar. Mir vergeht der Appetit aufs Menschsein.

Resignation also. Und auch Rekapitulation. Ich denke an die Pograbscher (im Club, in der Bahn, auf der WG-Party, in der Menschenmenge…) und die zahllosen Ausraster, als ich meine Handynummer nicht rausgeben wollte. Der Eine, der mir mal minutenlang nachts durch die Straßen gefolgt ist, bis ich mich in ein Café gesetzt und mich von einem Freund abholen lassen habe, weil ich mich nicht alleine nachhause getraut habe. Die Lehrerin, die meinte, ich hätte da was falsch verstanden, als mich ein Mitschüler festgehalten und mir zwischen die Beine gefasst hat. Der Moment, als ich das Wort „Vergewaltigung“ das erste Mal in meinem Leben gehört habe – während ein Mitschüler es auf dem Pausenhof, selbstredend unfreiwillig und in Begleitung von körperlicher Gewalt, an meiner damals besten Freundin simuliert hat. Meine Kommilitonin, die während einer medizinischen Behandlung sexuell genötigt worden ist. Meine Mitbewohnerin, die auf einer Party mit K.O.-Tropfen vergiftet und sexuell bedrängt worden ist. Eine Bekannte, der das Gleiche passiert ist – nur, dass es nicht bei der „Bedrängung“ geblieben ist. Eine Freundin, die in einem U-Bahnhof von einem nackten Mann* angefasst worden ist. Die Unitoiletten, die man vor der Benutzung erst auf Gucklöcher auf Sitzhöhe kontrollieren muss (3). Ich denke daran, wie mir letzte Woche ein älterer Mann im Flugzeug erklärt hat, ich solle als so „junges Mädchen“ (ich bin Mitte zwanzig) nicht alleine reisen, wie mich gestern ein Typ nicht aus der U-Bahn aussteigen lassen wollte, weil er „mit mir reden wollte“ und wie mir vorhin auf dem Heimweg jemand „Geile Bitch!“ zugerufen hat.

Ich könnte noch endlos so weitermachen. Alles ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Über die man sich ja auch freuen kann. Und manche Frauen* stehen schließlich auch drauf. Und wenn nicht, dann muss dies doch zumindest zur Diskussion stehen dürfen. Interessant, dass selten jemand auf die Idee kommt, das übergriffige Verhalten selbst in Frage zu stellen, sondern stets auf der womöglich falschen oder unverhältnismäßigen Sicht der Betroffenen herumgeritten wird. Als ich das Wort „rape culture“ das erste Mal gehört habe, musste es mir jedenfalls niemand erklären.

Danke. Danke, all ihr lieben Männer*, die ihr meinen Körper ungefragt und gegen meinen Willen angefasst habt – natürlich nur als Zeichen der Aufmerksamkeit. Und danke, all ihr lieben anderen Männer*, die ihr eine Frau* niemals ohne ihren Willen anfassen würdet, aber dennoch der Ansicht seid, dass es ihr, wenn dann, doch mindestens in 50% der Fälle auch gefallen würde – ohne euch wäre uns die altruistische Seite sexueller Übergriffe gänzlich verborgen geblieben. Bitte hört nicht auf uns aufzuklären!

Es geht hier nicht um mich und meine persönlichen Erfahrungen und Ärgernisse. Es geht um mehr, als meine Erinnerungen aus Schule, Uni und Alltag. Es geht um Freiheit. Nicht etwa meine individuelle Freiheit, sondern um das, was Frauen* und frauisiert gelesene Personen als Gruppe aufgrund geschlechtshierarchisierenden gesellschaftlichen und historischen Mechanismen unfrei gemacht hat. Die Freiheit ungestört zu sein, sich nicht stetig gegen drängende Blicke schützen, gegen Anfassen wehren und gegen Schuldzuweisungen rechtfertigen zu müssen. Die Freiheit unbehelligt über die Straße zu laufen (egal zu welcher Uhrzeit), anzuziehen was man will oder einfach mit einem Verkehrsmittel von A nach B zu gelangen, ohne übergriffigen Kommentaren oder paternalistischen Belehrungen ausgesetzt zu werden. Die Freiheit nicht permanent mit dem mir zugeschriebenen Geschlecht konfrontiert zu werden (und den dazugehörigen Konnotationen wie „Schwäche“, „Verfügbarkeit“ und „Anpassung“). Ich bin nicht in erster Linie Frau, sondern Mensch. Und als solcher möchte ich auch gerne behandelt werden.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* ist kein statistischer Mythos. Und sie findet nicht irgendwo statt. Sondern hier. Auf der Straße. In der Schule. Bei dir zuhause. Ja hier! In unserem tollen emanzipierten Deutschland! Und das, obwohl sogar eine Frau Bundeskanzlerin ist  (und daher Feminismus und der ganze Gender-Quatsch ja eigentlich sowieso total überflüssig sind!!!!1111elf).

Applaus, wenn du nicht zu den Menschen gehörst, die andere Menschen gegen ihren Willen anfassen würden. Das reicht aber nicht. Wenn du trotzdem auf der nächsten Party erklärst, dass sich Betroffene doch über sexuelle Übergriffe freuen können, dann bist du vielleicht immer noch kein Täter, aber zumindest Komplize.


(1) – Soll nicht heißen, dass in unserer Gesellschaft Transsexualiät nicht tabuisiert wird, Frauen nicht strukturell benachteiligt werden etc. – andere Kulturen werden hierzulande nur oft genau in diesen Punkten als rückständig belächelt.

(2) – Bitte nicht misszuverstehen: Hier ist nicht gemeint, dass sexualisierte Gewalt an Frauen nicht verurteilt wird, sexualisierte Gewalt an Männer aber schon. Männer, die unter sexualisierter Gewalt zu leiden haben, haben es sicher ebenfalls sehr schwer, sich Gehör und Akzeptanz zu verschaffen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass strukturelle sexualisierte Gewalt an Frauen einen anderen Kontext hat und möchte daher beide Phänomene nicht in einen Topf werfen. Diesem Vorgehen ist keine Wertung inhärent.

(3) – Funfact: Natürlich konnte bei keiner der genannten Situationen ein Täter zu juristischer Verantwortung gezogen werden.

Frau*/Mann*: Ich setze hinter die Begriffe von „Frau“/“Mann“ Sternchen um deutlich zu machen, dass ich mich auf den Begriff als Analysekategorie beziehe.  Das Sternchen heißt für mich einerseits „frauisiert“/“typisiert gelesen“, soll der lesenden Person aber auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich die Kategorisierung von Menschen in zwei Gruppen schwierig finde und diesen Mechanismus eigentlich nur ungern reproduziere. In diesem Fall ist es jedoch, nach meinem Empfinden, notwendig darauf hinzuweisen, dass hier ein genderspezifisches Problem vorliegt, das eben nicht alle Menschen unabhängig des ihnen zugeschriebenen Geschlechts in der gleichen Systematik betrifft.

Free Your Boobs!

Es ist Sommer. An einem besonders heissen Tag verzichte ich auf meinen BH und muss eine böse Überraschung erleben. Denn Brüste scheinen in dieser Gesellschaft – von der Autowerbung bis zur Titelseite – überall ok zu sein. Nur am weiblichen Körper nicht.

Dass mir bereits auf dem Weg zur Arbeit dutzende Männer penetrant auf den Oberkörper starren, perlt regelrecht an mir ab. Denn angeglotzt zu werden, ist dem Frau-sein so inhärent, wie das allmonatliche Rumgeblute. Es verunsichert mich so wenig, wie es mich verwundert und gehört eindeutig zu den Dingen im Leben, mit denen ich mich mit der Zeit zähneknirschend abgefunden habe.

Erst als ich auf der Arbeit von einem Handwerker angesprochen werde, steigt langsam die Wut in mir hoch.

„Ist das nicht zu aufreizend für die Arbeit?“, fragt er mit einem netten Lächeln. Doch Freundlichkeit schützt vor Dummheit nicht.

Ich schaue zunächst an mir, dann an ihm herunter. Meine Brüste sind nur unwesentlich größer, als die bewarzten Speckröllchen, die er selber, anscheinend voll ignoranter Selbstverständlichkeit, vor sich herschiebt.
Bei mir zeichnet sich allerdings erheblich weniger unter dem weiten, blickdichten Shirt ab, als unter seinem hautengen und durchschwitzten Tanktop. Trotzdem scheint meine BH-losigkeit für ihn Anlass zur Thematisierung zu sein, während es nicht der Rede Wert zu sein scheint, dass die arme Welt schonungslos mit seinen eigenen ausladenden Rundungen konfrontiert wird.

In weiser Voraussicht hatte ich bereits ein locker sitzendes Oberteil gewählt, ohne Ausschnitt und mit Ärmeln, unter dem man meine Figur kaum erahnen konnte. Nur bei manchen Bewegungen zeichneten sich meine Brüste natürlich mehr ab, als wenn sie in zwei gleichförmig gepolsterte Schalen gepresst gewesen wären. Mein Kleidungsstil an diesem Tag ist wirklich alles andere als „aufreizend“. Und nur, weil ich meine Brüste anscheinend gesellschaftlichen Normen entsprechend nicht fachgerecht präsentiert habe, nimmt sich nun eine wildfremde Person das Recht heraus, dies zu bewerten und offen zu thematisieren.

Meine Brüste sind keine Auslage, an der sich jeder nach Belieben und Verfügbarkeit visuell, verbal oder gar handgreiflich bedienen kann.

Die Unterstellung, ich hätte mir mein Outfit morgens ausgesucht, um meine männlichen Mitmenschen ganz bewusst „aufzureizen“, ist regelrecht beschämend. Hier werde ich aufgrund einer spontanen, persönlichen Entscheidung, ungefragt und offenkundig zur barbusigen Lolita stilisiert. Verunsichert bleibt man dann mit dem klebrig-angewiderten Gefühl zurück, sich selbst zum Sexobjekt degradiert zu haben.
Doch selbst wenn ich in High Heels und Dessous zur Arbeit erschienen wäre, obläge es im Zweifel immer noch meiner Chefin, diese Kleidung gegebenenfalls als unangemessen zu tadeln. Angesichts der Tatsache jedoch, dass ich meinem Kritiker ungeschminkt, in sportlichen Shorts und Birkenstocks gegenüber stand, erscheint die ganze Situation nur umso absurder. „Aufreizend“ sieht anders aus.

Ich will in meinem Alltag nicht mit den Fantasien fremder Männer konfrontiert werden, die anscheinend glauben, dass eine Frau in meinem Alter nichts Besseres zu tun hat, als sich gemäß der gierigen Gelüste greiser Männer zu kleiden.
Wenn ich mir morgens Klamotten raussuche, dann denke ich in erster Linie an mich selber und nicht an fiktive, notgeile Männer die mir im Laufe des Tages begegnen könnten – woher kommt eigentlich diese selbstgefällige Arroganz zu glauben, ich würde meine Kleidung nach fremden Erwartungen und Ansprüchen wählen?
Wenn ich der Meinung bin (ich Flittchen!), am heißesten Tag des Jahres, auf den beengenden, scheuernden und unbequemen BH zu verzichten, dann wird diese Entscheidung auf einmal zum öffentlichen Ärgernis – denn meine Brüste, da muss ich wohl was missverstanden haben, sind keinesfalls Privatsache, sondern die Legitimation für übergriffige Bemerkungen, Blicke und Bewertungen.

Offensichtlich scheint es also nicht nur ein männliches Privileg zu sein, sich seiner Oberbekleidung nach Lust und Laune entledigen zu können – nein, auch der Verzicht auf kaschierende Unterbekleidung ist anscheinend eine Option, die Frauen in dieser Gesellschaft nicht zuzustehen scheint.

Während nackte Brüste auf Titelseiten von Tageszeitungen, in Videoclips und Werbeanzeigen völlig selbstverständlich sind, kann die Präsentation der nackten (weiblichen!) Brust im Alltag, sogar als Etikettenverstoss geahndet werden. Sprich: Verkaufe ich meine Brüste als Ware, wird dies gesellschaftlich akzeptiert – privat darf ich mit ihnen jedoch keineswegs machen was ich will, nein, ich muss sogar mit sozialer Ächtung rechnen, sofern ich sie allgemeinem Empfinden nach zu „freizügig“ präsentiere. Brüste als Ware? Ok! Brüste als natürlicher Teil meines Körpers? Auf keinen Fall! Wie Schizophren.

Ich verstehe nicht, wie unsere Gesellschaft Frauen einerseits so sexualisiert darstellt und wahrnimmt, das Verhüllen jedoch ebenso selbstverständlich zum Frau-sein dazu rechnet. Dieser Mechanismus scheint so grundlegend in unseren Köpfen verankert zu sein, dass er selber unsichtbar ist und den meisten Menschen überhaupt nicht bewusst zu sein scheint.

 

Einige Tage später, beobachtete ich im Park ein kleines Mädchen, vielleicht drei oder vier Jahre alt, wie es in einem Bikini auf dem Rasen spielte. Die Jungen daneben trugen lediglich eine Badehose. Und noch bevor ich artikulieren konnte, was mich an diesem Anblick genau störte, stieg das gleiche Unbehagen in mir hoch, das mir bereits durch das Gespräch mit dem Handwerker bekannt war.
Warum muss man den Oberkörper eines kleinen Mädchens, der sich anatomisch in keiner Weise von dem der gleichaltrigen Jungen unterscheidet, bereits kaschieren und verhüllen? Findet hier nicht bereits eine völlig unnötige Sexualisierung des unbedarften Kinderkörpers statt? Bringen wir kleinen Mädchen auf diese Weise nicht schon zu einem maßlos überfrühten Zeitpunkt bei, dass sie sich für ihren Körper schämen müssen, dass sie ihn verstecken und vor dem Blicken fremder Menschen „schützen“ müssen?
Während kleine Jungen hemmungslos „oben ohne“ (ein Begriff der eigentlich nur für Frauen verwendet wird) spielen dürfen, werden die Oberkörper von Mädchen bereits im Kindergartenalter fetischisiert.

Rechtlich gesehen gilt das präsentieren der nackten weiblichen Brust in deutscher Öffentlichkeit als Grenzfall –  „oben ohne“ kann, wohlgemerkt nur bei Frauen, eine Ordnungswidrigkeit darstellen, sofern sich jemand davon belästigt fühlt. In meiner Heimatstadt ist es sogar schon einmal vorgekommen, dass eine junge Mutter wegen des Stillens ihres Babys aus einem Restaurant verwiesen worden ist. Hätte sie mit ihren Brüsten nicht in privater Angelegenheit ihr Kind gefüttert, sondern sie (wie übrigens in den Werbeanzeigen eben dieses Restaurants üblich) gegen Geld öffentlich zur Schau gestellt, hätte wohl kein Hahn danach gekräht. (Die amerikanische Restaurantkette wirbt mit knapp bekleideten Pin Ups – sie tragen kurze Röckchen und aufgeknöpfte Blusen. Bluse auf für Pommes-Werbung? Ja, klar! Bluse auf zum Baby stillen? Platzverweis!)

Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb Feministinnen in den 70er Jahren ihre BHs verbrannten und FEMEN sich mit ihren nackten Brüsten von patriarchalen Konventionen befreien wollen. Auch wenn ich mich nicht pauschal mit diesen Strömungen identifiziere, so ist das Aufbegehren gegen den BH-Zwang in meinen Augen dennoch ein sinnvolles rebellieren einer völlig archaischen Norm.
Unsere Gesellschaft ist darauf konditioniert, weibliche Brüste als Ware zu betrachten, die von außen reguliert werden muss, während Männer, und mögen ihre Brüste auch noch so viel größer als jedes A- oder B-Körbchen sein, von diesem Zwang unberührt bleiben.

Auf Facebook müssen harmlose Oben-Ohne-Urlaubsfotos retuschiert werden, während anderes, eindeutig pornografisches, wenn auch bekleideteres, Bildmaterial, teilweise völlig unbehelligt online bleiben darf. Auf Instagram wurden bereits eine Reihe Accounts von prominenten „Brustträgerinnen“ gelöscht, woraufhin sich eine Gegenbewegung zur Prüderie mit dem Namen „Free The Nipples“ formiert hat. Topmodel Cara Delevingne, Rihanna und Miley Cyrus, um nur einige populäre Unterstützerinnen der Aktion zu nennen, wehren sich gegen die unfairen Nutzungsbedingungen und den Zustand, dass in einigen US-Bundesstaaten das Zeigen weiblicher Brustwarzen verboten ist.

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Ein Post im Rahmen der „Free The Nipples“-Aktion verdeutlicht, wie albern und überflüssig Nippel-Zensur sein kann.

Aber kommen wir zur Pointe meiner verdrießlichen Ansprache. Ich fordere keineswegs die solidarische Verhüllung der männlichen, sondern, schlicht und ergreifend, die Salonfähigkeit der weiblichen Brust.

Ich habe keine Lust mehr, mein T-Shirt anzubehalten, wenn es auf Open Airs immer heisser wird, ich sehe nicht ein, warum ich einen BH tragen soll, wenn ich das gerade nicht möchte und ja, warum sehen viele Männer es eigentlich als Selbstverständlichkeit an, in Kaufhäusern mitten auf dem Gang Kleidung anzuprobieren, während Frauen sich ganz „sittsam“ bei den Umkleiden anstellen? (Glaubt mir, nach vier Jahren Einzelhandel weiß ich, wovon ich spreche!)

Wenn ich der Meinung bin, keinen BH zu tragen, dann ist das meine ganz persönliche Entscheidung und wenn sich dadurch ein wildfremder Mann in meinem Umfeld „aufgereizt“ fühlen sollte, dann möchte ich das ebenso wenig kommentiert wissen, wie dessen letzten Stuhlgang oder Masturbationsintermezzo.

Das geht mich nämlich genauso wenig etwas an, wie ihn meine Brüste!

 

Die Angst vor der Frau im Mann.

Sei schwul, aber keine Schwuchtel. Wir sind ja alle so furchtbar tolerant, aber sobald Gender-Normen in Frage gestellt werden, bekommen wir kalte Füße. Warum sich im Schubladen-Denken eine waschechte Identitätskrise manifestiert und weshalb „weibliche“ Männer sexy sind.

Endlich Feierabend. Wir stehen noch ein wenig zusammen, ein Glas Sekt, ein paar oberflächliche Witzeleien. Ein Themenwechsel jagt den anderen, ich komme schon gar nicht mehr richtig mit, da lässt mich eine beiläufige Bemerkung aus meiner duseligen Lethargie aufschrecken. „Also ich könnte jedenfalls mit keinem Mann zusammen sein, der schonmal was mit einem Mann hatte!“
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell ein zunächst harmlos anmutendes Gespräch so schnell in den Stammtischdebatten-Modus rutschen kann.  Natürlich könnte ich jetzt die Gender-Keule schwingen und die entspannte Feierabendstimmung kurz und klein schlagen, aber ich verkneife es mir und nippe stattdessen betreten an meinem Glas. Natürlich muss ich nachhause. Jetzt. Ja, es war sehr schön mit euch.
Als ich auf dem Heimweg in der Bahn sitze, lässt mich das Gespräch nicht los. Was kann eine offensichtlich emanzipierte, tolerante und gebildete Frau an der Vorstellung so befremdlich und abstossend finden, dass ihr möglicher Zukünftiger sich und seine Sexualität kennengelernt und ausprobiert hat? Irgendwas an dieser Vorstellung scheint sie zu verunsichern. So sehr, dass sie sich mit so einer Situation gar nicht erst konfrontiert sehen möchte.
Wir alle definieren uns in erster Linie über das, was wir alles nicht sind. Wir suchen ähnliche Menschen, um uns mit ihnen verbunden zu fühlen und analysieren andere Menschen, um uns von ihnen unterscheiden zu können. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Welt voller sich bedingender Gegensätze steckt und sich unser ganzes Leben um diese eine Frage dreht: Wer bin ich? Das heteronormativ geprägte und sozial konstruierte Zwei-Geschlechter-System, das wir schon im Kleinkindalter als selbstverständlich kennenlernen, begrenzt das Feld in dem wir uns einordnen können – es gibt uns Sicherheit und lindert dieses konfuse Gefühl der Orientierungslosigkeit.  Charaktereigenschaften sind plötzlich typisch „weiblich“ oder „männlich“. Der rationale, ehrgeizige und starke Mann steht der emotionalen, bedürftigen und rezeptiv-empfangenden Frau gegenüber. Während weiblich konnotierte Verhaltensweisen in der Regel abwertend wahrgenommen werden (wie Passivität,  Unterwürfigkeit, Intuition), werden männlich assoziierte Attribute oft mit Anerkennung honoriert (wie Mut, Durchsetzungskraft, Logik). Wenn der heranwachsende Junge kein „Mädchen“ sein will, muss er halt „die Eier haben“ oder „seinen Mann stehen“. Unsere Sprache lässt nicht viel Spielraum sich gender- und wertneutral auszudrücken. Wir streben danach, nichts undefiniert zu lassen und zwängen damit  jede noch so individuelle menschliche Eigenschaft in ein generalisierbares Sprachkorsett.
Vor allem heterosexuell orientierte Männer laufen fortwährend Gefahr, durch vermeintlich typisch „weibliche“ Gesten, Handlungen oder Eigenschaften soziale Abwertung zu erfahren und fühlen sich nicht selten dazu gezwungen, ihre „Männlichkeit“ immer wieder neu unter Beweis zu stellen. Dieses Phänomen ist genauer betrachtet nicht nur schwer frauenfeindlich, indem es vermeintlich weibliche Attribute kategorisch entwertet, es nimmt auch Männern ihren Entfaltungsspielraum und setzt sie unter Druck. Gäbe es ein geläufiges Äquivalent zur gemeinhin bekannten „Win-Win-Situation“, würde ich es an dieser Stelle verwenden.
Was passiert nun also in unseren Köpfen, wenn ein mutmaßlich „heterosexueller“ Mann sexuelle Erfahrungen mit anderen Männern gesammelt hat? Ein Mann, der möglicherweise „eingesteckt“ hat, passiv war und von einem anderen Mann „genommen“ worden ist – so wie er sich doch eigentlich nach gemeiner Auffassung nach die Frau „zu nehmen“ hätte. Wir können ihn nicht mehr eindeutig zuordnen, er scheint die negativ geprägten weiblichen Attribute anzunehmen und wird durch sie diskreditiert. Nicht umsonst ist Homosexualität in einigen Kulturen zwar verpönt, aber Sex mit anderen Männern in Ordnung, wenn man als Mann den aktiven Part übernimmt. Solang die Vorstellung des aktiven, starken und dominierenden Mannes aufrecht erhalten werden kann, ist die Welt also noch in Ordnung. Wenn ein Mann seine Homosexualität in einem Gespräch mit heterosexuellen Teilnehmern thematisiert, folgt nicht selten die obligatorische Frage: „Bist du aktiv oder passiv!?“. Hier wird nicht nur deutlich, wie wichtig für die meisten Menschen die permanente Kategorisierung und Einordnung ins binäre Geschlechtersystem ist, sondern auch wie schnell dieser Vorgang über sexuelle Potenz hergeleitet wird. Hier lässt sich die Brücke zu politischen Machtverhältnissen schlagen, die sich über dieses Gleichnis ebenfalls auf die typischen sexualisierten Geschlechterrollen beziehen lassen (Sexuelle Potenz = Politische Potenz).

Du bist „zwar“ schwul, aber „immerhin“ aktiv? Na, da sind wir ja alle beruhigt. Dann ist bist du ja gar nicht so weiblich wie befürchtet!

Dass diese Frage Homosexualität einmal mehr von einer Lebensform zu einer sexuellen Praktik degradiert und an Übergriffigkeit kaum zu übterreffen ist, scheint das Bewusstsein der Fragenden oftmals nicht zu erreichen.
Wenn wir Abgrenzungen zu unserem Gegenüber dazu benutzen, uns selbst zu definieren, dann lehnen wir Menschen schnell ab, die wir nicht eindeutig zuordnen können. Wenn ich es als Frau also befremdlich finde, einen Mann zum Partner zu haben, der nicht lückenlos männlich-assoziierte Eigenschaften in sich trägt, dann fühle ich mich womöglich mit ihm an meiner Seite nicht weiblich genug. An diesem Punkt wird eine Identitätsfrage externalisiert und somit zum Beziehungsproblem.
Viele junge Menschen aus meiner Generation sagen von sich, dass sie Homosexualität zumindest tolerieren, sobald es jedoch um das überschreiten gewisser Gender-Normen geht, fühlen sie sich angeekelt oder gar bedroht. Sei schwul, aber bitte keine Schwuchtel. Die Möglichkeit, dass der Mann den vermeintlich femininen Part übernimmt erscheint oft befremdlich. Und das ist nicht nur beim Sex oder in Partnerschaften so. Junge Mädchen werden heutzutage glücklicherweise oft (wenn auch noch nicht ausreichend) dazu ermutigt, typisch männliche Berufe kennenzulernen und für sich zu entdecken. Als im Jahr 2002 der Aktionstag „Girls‘ Day“ ins Leben gerufen worden ist, um jungen Mädchen typisch männliche Berufszweige nahe zu bringen, wurden gleichaltrige Jungen zunächst außen vor gelassen. Was aus feministischer Sicht auf den ersten Blick wohl nach einer ganz guten Sache aussah, ignorierte einen wesentlichen Aspekt hingegen gänzlich: Werden Mädchen dazu ermutigt sich einen „männlichen“ Bereich zu erschließen, wertet der Vorgang diesen automatisch auf. Wenn jedoch im gleichen Atemzug Jungen nicht dazu animiert werden, weiblich dominierte Gebiete kennenzulernen, markiert dies gleichsam deren gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit.
Männer die sich aus Interesse einen typischen „Mädchenberuf“ aussuchen, haben nicht nur mit Misstrauen und Unterschätzung zu kämpfen – sie laufen auch Gefahr die Anerkennung ihrer „Männlichkeit“ zu bedrohen. Dieser Fakt wird jedoch in vielerlei Hinsicht medial nur unzureichend thematisiert. Schuld daran ist unter anderem die fehlende Sensibilität für männliche Bedürftigkeit, ein Problem, das sich nicht zuletzt in den vorherrschenden Pornografiedebatten manifestiert. Seit Jahren kritisieren Feministinnen das Frauenbild, das in typischer Pornografie angeblich vermittelt wird. Frauen seien unter Druck gesetzt, einem bestimmten körperlichen Idealbild zu entsprechen, gewisse sexuelle Handlungen wie selbstverständlich im Repertoire zu haben und für den Mann unermüdlich verfügbar zu sein. Doch abgesehen davon, dass sich einhergehend mit der Überschwemmung des Marktes von Amateurpornos auch die Bandbreite der weiblichen Darstellung in der Pornografie weiterentwickelt hat und ein typischer Stereotyp Frau zumindest optisch gar nicht mehr feststellbar ist, bleibt bei aller Pornokritik völlig unberücksichtigt, dass auch männliche Darstellungen zu übersteigerten Selbstansprüchen führen können. Der Mann selbst wird in pornografischen Darstellungen eigentlich als völlig irrelevant und geradezu programmiert funktionierend dargestellt, er ist austauschbar – aber dafür ausdauernd. Er „kann“ auf Knopfdruck, solange wie es eben von ihm gefordert wird. Die Frau ist natürlich hellauf begeistert von seinen Qualitäten, bis er automatisiert in der richtigen Szene, im richtigen Moment zum Höhepunkt kommt. Dass es mittlerweile eine Reihe junger Männer gibt, die aufgrund solcher omnipräsenten Darstellungen aus lauter Druck an Potenzstörungen leiden oder zumindest bezogen auf ihre sexuelle „Leistung“ verunsichert sind, wird öffentlich kaum thematisiert und wenn dann hämisch verspottet. Der Mann ist, im Gegensatz zur Frau, eben kein „Opfer“.
Gar nicht so einfach also, in unserer Gesellschaft Mann zu sein. Wenn ich als heterosexuelle Frau das Bedürfnis habe, homosexuelle Erfahrungen zu sammeln, ist dies gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Im besten Fall gelte ich sogar als besonders experimentierfreudig, aufregend und selbstbewusst. Als Mann muss ich mir drei Mal überlegen, ob ich mir den Stempel der verweichlichten „Schwuchtel“ geben lassen möchte. Wir finden es augenscheinlich bedrohlicher, wenn das mächtigere Konstrukt „Hetero-Mann“ ins wanken gerät, als wenn eine Frau die Konturen ihrer Geschlechterrolle verwischt. Was zwar einerseits aus der Abwertung des Weiblichen resultiert, schenkt ihr auf der anderen Seite mehr Bewegungsspielraum zur Selbsterfahrung und Positionierung. Eine Frau im Anzug erfährt (mittlerweile) im Gegensatz zum Mann im Kleid kaum Ablehnung. Welch Ironie, dass die vermeintliche „Stärke“ des Mannes, ihn im Grunde genommen derart beschneidet und in vielerlei Hinsicht hemmt.
Manche Frauen fühlen sich von Männern, die Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht gesammelt haben, also abgestoßen und bedroht. Wenn ich einen heterosexuellen Mann kennenlerne, der Berührungsängste gegenüber Homosexualität hat, verliert er in meinen Augen hingegen recht schnell seinen Glanz. Ein Mann, der seine „Männlichkeit“ immer wieder neu ausloten und vor anderen demonstrieren muss, ist für mich nicht bewundernswert, sondern einfach nur zutiefst verunsichert. Ich möchte ihn dann in meine starken Arme nehmen und ihm sagen, dass die Welt auch cool ist, wenn nicht jede seiner Verhaltensweisen ein Abbild seines Testosteronspiegels sind. Und dann geh ich vielleicht lieber mit dem Typen nachhause, den er vorhin noch innerlich „Schwuchtel“ genannt hat.

 

Der Muschi-Komplex.

Der folgende Artikel könnte deinen Blick auf Muschis nachhaltig verändern. Die Darstellung des Muschi-Komplex ist mir eine Herzensangelegenheit. Er ist omnipräsent in den Medien, im alltäglichen Leben und den heimischen Betten. Was ich mit Schwanzarroganz meine, was Jenna Jameson und Emilia Galotti gemeinsam haben und die quälende Frage warum Frauen nicht einfach stolz auf ihr eigenes Geschlecht sein können.

In der Schule haben wir im Sexualkundeunterricht einiges über die menschliche Anatomie gelernt. Da war die Rede von Schwellkörpern und Eileitern, Hoden und Schamlippen. Als „Ziel“  haben wir uns die Ejakulation und im weitesten Sinne natürlich die Fortpflanzung notiert. Was wir machen müssen, um unsere Art zu erhalten wird uns früh beigebracht, praktischerweise ist für etwa die Hälfte der Unterrichteten diese Information deckungsgleich mit sexueller Befriedigung. Der weibliche „Rest“ weiß nun zwar was er tun muss, damit die Menschheit in naher Zukunft nicht ausstirbt, wie er verhütet und seinen männlichen Sexualpartner befriedigen kann, bleibt aber im Bezug auf die eigenen sexuellen Bedürfnisse im Unklaren. Gleich der erste schulische Kontakt mit Sexualität hinterlässt für Mädchen in erster Linie die Information zur Fremdbefriedigung. Der Gebrauch des Terminus „Schamlippen“ impliziert bereits im Kindesalter, dass die Gegend „da unten“ (die gerne verlegen umschrieben, anstatt selbstbewusst benannt wird) unanständig und schuldbehaftet ist.
Schon von kleinauf haben Mädchen einen anderen Bezug zu ihren Geschlechtststeilen als gleichaltrige Jungen. Sie nehmen es nicht ständig zum Pinkeln in die Hand (schon gar nicht ohne anschliessendes Hände waschen!) und erhalten nicht selten schon möglichst früh eine spezielle Reinigungsschulung zur Instandhaltung dieses anscheinend nicht ganz unkomplizierten Organs. Im Zweifel gibt es einen speziellen „für unten“-Waschlappen als Vermittler zwischen dem Mädchen und dem Bereich zwischen den Beinen – der ja nicht mit dem für „oben“ vertauscht werden darf. Noch im Erwachsenenalter benutzen viele Frauen Hilfsmittel zur eigenen Befriedigung, bei Männern geht die Zahl gegen Null. Das „Dolmetschen“ nimmt für manche Frauen im Alter also kein Ende, der direkte Kontakt zum eigenen Geschlecht ist nicht immer selbstverständlich. Das Thema weiblicher Masturbation ist überhaupt sehr wenig in unserer alltäglichen Wahrnehmung präsent – im Kontrast zum männlichen Pendant. Dabei belegen neue Studien, dass sich mindestens genauso viele Frauen regelmäßig selbst befriedigen wie Männer. Während heranwachsende Mädchen hinter verschlossenen Türen vielleicht die ersten Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper machen (wer weiß das schon so genau, darüber gesprochen wird jedenfalls nicht), werden heranwachsende Jungen mit einer regelrechten Onaniekultur supportet. Männliche Selbstbefriedigung ist salonfähig und wird in den Medien repräsentiert, wie beispielsweise in dem Jugendfilm „Crazy“.

Die Darstellung des „Kekswichsen“ ist vielleicht nicht für jeden heranwachsenden Mann von realer Relevanz, sie führt uns dennoch vor Augen, was mit diesem Geschlecht theoretisch alles möglich ist. Gemeinschaftliche Masturbation bei Mädchen? Schier unvorstellbar. Bis zu welchem Höhepunkt auch? Vom weiblichen Orgasmus existiert wenn überhaupt nur ein konfuses Bild, das durch niemanden definiert wird. Für den „Hite-Report“ wurden über vier Jahre hinweg rund zwanzig verschiedene weibliche Masturbationstypen gezählt, die einem als junges Mädchen aber keiner auf dem Silbertablett präsentiert. Stattdessen lernen sie schon früh ihre eigene Befriedigung über die Luststillung ihres Sexualpartners zu definieren. Es geht mehr um die Ablieferung einer Leistung und das Erfüllen bestimmter Erwartungen, als um tatsächliche Selbsterfahrung. Die Beziehung zur eigenen Sexualität – die auch ohne konkreten Partner präsent sein sollte – ist nicht selten von Unsicherheit und Unkenntnis geprägt. Die Tabuisierung der Sexualität hat in der Kirche eine lange Tradition und spiegelt sich bis heute im Sexualempfinden der Frau wieder. Was einst so natürlich war wie Essen und Trinken wurde systematisch entnaturalisiert.
Was soll frau nun also mit diesem laut Freud „defekten Genital“ anstellen, das ja bekanntermaßen „nach Fisch stinkt“, weder mess- noch vergleichbar ist und nicht normiert funktioniert?
40% aller Frauen meinen bei sich eine sexuelle Störung oder Dysfunktion erkennen zu können – doch gemessen an welcher Normalität? Das Abbild weiblicher Befriedigung ist kaum präsent. Viele Frauen entwickeln eine Art sexuelle Schizophrenie, benannte Fremdbefriedigung verdrängt die Selbsterfahrung und macht ihre Abwesenheit kaum spürbar. Mangelnde Orgasmusfähigkeit und fehlende Lust sind – vor allem in langjährigen Partnerschaften, wo die Fremdbefriedigung auf Dauer auch ihren Reiz verliert – die Folge. Die Lösung des Problems wird dennoch weiter in der Befriedigung externer Bedürfnisse zu zweit gesucht, anstatt den Fokus endlich auf die eigene, autonome Sexualität zu richten. Frustration und später Resignation sind die Folge. „Ich funktioniere nicht richtig!“ oder „Das ist ganz normal mit der Zeit!“ sind typische Phrasen der Verdrängung. Die Situation gipfelt nicht selten darin, sich mit seinem Schicksal abzufinden, anstatt sich seinem eigenen Körper tatsächlich mal zu stellen.
In den Medien wird oft das Bild der enthemmten, sexuell befreiten und selbstbewussten Frau vermittelt. Eigentlich gar nicht so schlecht, möchte man im ersten Augenblick meinen. Leider reproduzieren die meisten Darstellungen lediglich den bereits beschriebenen Stereotyp, der zur Fremdbefriedigung dient. Die enthemmte Frau wird als Werkzeug des Mannes zur eigenen Lustgewinnung benutzt, die authentische Lust der Frau bleibt meist unberücksichtigt. Eine Frau die sich einfach nimmt was sie will? Sowas funktioniert in den geläufigen bildlichen Darstellung nur dann, wenn das, was „sie will“, zufällig mit männlichen Fantasien konform geht. Was ist so schwer daran einen authentischen Blick auf die weiblich-triebhaften Empfindungen zu gewähren, ohne sie vorher männergerecht zu filtern?
Bei dieser Frage assoziiere ich ein Symptom, das auf viele anorektische Frauen zutrifft: das Unvermögen vor anderen Menschen zu essen. Über 90% aller Betroffenen einer Essstörung sind weiblich. Es gibt sicher viele Gründe, die so eine Krankheit auslösen können, aber ich möchte mich an dieser Stelle nur auf diese Erscheinung beziehen, die übrigens auch bei scheinbar „gesunden“ Frauen auftreten kann. Was bedeutet es eigentlich zu essen? Sich etwas einzuverleiben? Es handelt sich um einen lustvollen Vorgang, der vielleicht sogar etwas von uns preisgibt, das wir nicht immer mit anderen Teilen wollen, vor allem wenn unsere Sozialisierung etwas anderes von uns erwartet. Essen hat etwas potentes, triebhaftes und ursprüngliches. Attribute, die so gar nicht dem medialen Bild der anpassungsfähigen Frau entsprechen, die nicht nur zwischenmenschlich sondern auch im Bett alles dafür gibt, externe Bedürfnisse zu stillen.

Was Freud mit seinem Geschlechtermonismus bereits vor Jahrzehnten in unserer Gesellschaft etablierte, spiegelt sich heute in der allgegenwärtigen Präsenz männlicher Genitalien und der unverdrossenen Abwesenheit weiblicher Geschlechtsorgane in unserem Alltag wieder. Es gibt Filme, in denen Männer mit ihrem „besten Stück“ sprechen und „er“ regelrecht ein selbstbestimmtes Eigenleben führt. Mit Freude wird auf Partys (und mehr oder weniger vertrauten gesellschaftlichen Runden) die Selbstverständlichkeit zelebriert „ihn“ nach Lust und Laune auspacken zu können – ein Phänomen das ich gerne als „Schwanzarroganz“ bezeichne. Egal, ob es nun um erheiternde Spielchen wie das allseits beliebte „Teebeuteln“ (wer es nicht kennt: ein Streich pubertierender Jungen, bei dem Hoden in die Gesichter schlafender Freunde geklatscht werden) geht oder gar um artistische Shows, in denen dieses verblüffend vielseitig einsetzbare Genital (spricht da etwa der blanke Penisneid aus mir?!) zum Kunstwerk oder gar Künstler wird – es gibt für die meisten albernen Rituale (und mögen sie auch noch so überflüssig sein) kein weibliches Äquivalent.
Es wird langsam deutlich: die Frau ist keine Akteurin. Das Bild der rezeptiv-empfangenden Weiblichkeit, das sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte, ist aktueller denn je. Trotz all der Verdrängung des Weiblichen aus den aktiv-produzierenden Bereichen (sei es in den Medien oder im Bett), dient sie dennoch als überrepräsentierte Projektionsfläche für männliche Fantasien. Heute finden wir hierfür zahlreiche Fälle beispielsweise in der Pornoindustrie, ich verweise an dieser Stelle jedoch auch auf die vorangegangene Jahrhunderte überdauernde Entwicklung in der Literatur.

„Im Reich der Phantasie ist sie, (die Frau) von höchster Bedeutung, praktisch ist sie völlig unbedeutend“ – Virginia Woolf

Literaturhistorisch relevante, oft begehrenswerte wenn nicht selten auch labile, Frauenfiguren wie Anna Karenina, Effi Briest oder Emilia Galotti sind genauer betrachtet nichts weiter als die Abbilder der Weiblichkeitsentwürfe ihrer männlichen Erschaffer. Sie zeigen die Frau mal mehr und mal weniger als ihren eigenen Emotionen hilflos ausgeliefertes Subjekt, neigen dazu sie zu mysthifizieren, entrationalisieren und entmündigen. Querverweis Porno: der Blick auf die Frau, durch die Brille des Mannes. Trotz der omnipräsenten Darstellung von Sexualität, stellt sie diese oft nur einseitig dar. Im Porno ist die Frau das Zentrum des Geschehens, die Protagonistin – der Mann nur austauschbares Beiwerk. Die Nachricht die uns dabei übermittelt wird, ist dennoch mehr männlicher denn weiblicher Natur. Jenna Jameson mutet vor diesem Hintergrund wie eine zeitgemäße Emilia Galotti an.
Dieses Ungleichgewicht würde sich nach und nach ausgleichen, würden sich mehr Frauen aus der passiven Rolle befreien und aktiv am Pornogeschäft beteiligen (in einer Art die nicht weiter die bekannten Stereotypen reproduziert, sondern ihre eigene befreite Sexualität widerspiegelt). Doch viele Frauen trauen sich nicht mal als Konsumentin an diese Thematik heran. Die Darstellung von Frauen in Pornos wird von feministischer Seite aus immer wieder gerne kritisiert. Abgesehen davon, dass es durchaus auch einige Frauen gibt, die dem Standard heteronormativ geprägten Vorne-Hinten-Vorne-Gesicht-Szenario etwas abgewinnen können, kann ich darauf nur entgegnen: wo keine Nachfrage, da kein Angebot! Aber wozu auch Pornos konsumieren, wenn sich das eigene Sexualleben sowieso in erster Linie mit der Befriedigung anderer beschäftigt?
Auf einschlägigen Porno-Plattformen gibt es zwar mittlerweile zwischen all der zahlreichen anderen Rubriken eine spezielle „Female Choice“-Kategorie, aber bei der Auswahl dieser Clips werden auch hier lediglich die Stereotypen der romantischen und empfindsamen Frau (die mehr Wert auf eine schöne Deko als auf triebhafte Handlung legt) durch den niemals müden Klischeewolf gedreht. In Internetforen lese ich immer wieder von Mädchen und Frauen, die darüber diskutieren, dass sie ihren Freund bei der Selbstbefriedigung erwischt haben oder er regelmäßig Pornos schaut. Manche sind davon verunsichert, andere finden das „schon ok“ – dass es aber noch die Möglichkeit gibt, sich auch als Mädchen selbst zu befriedigen oder mal einen Porno anzuschauen bleibt bei solchen Gesprächen meist völlig unberücksichtigt.
Alice Schwarzer hat bereits in den 80ern mit ihrer „PorNO“-Kampagne Darstellungen in Pornos mit sexueller Erniedrigung gleich gesetzt. Das sexuell bedingte Machtgefälle zwischen Mann und Frau kann jedoch nicht durch die Entsexualisierung des Mannes, sondern insbesondere durch die aktive Sexualisierung der Frau genesen werden. Die Frau muss dem Mann sexuell (und es ist kein Geheimnis, dass sexuelle Potenz auch politische Potenz meint) in nichts nachstehen, wenn sie endlich den Mut fasst zu ihrer autonomen Sexualität öffentlich zu stehen und aufhört diese unentwegt über die Lust des so selbstverständlich begehrenden Mannes zu definieren. In der Grundschule hing ein Zettel mit dem Leitspruch „ich muss deine Kerze nicht auspusten, damit meine besser brennt“ an unserer Tür. Vielleicht sollten „wir Frauen“ lernen, es mit öffentlich gezeigter Sexualität auch so zu halten und nicht in den Momenten der Ungerechtigkeit unserem männlichen Gegenüber das Recht auf Sexualität absprechen.
Wenn die Portishead-Frontfrau Beth Gibbons in ihrem bekannten Hit „Glorybox“ die Zeilen „give me a reason to be a woman“ haucht, sollten wir uns fragen, ob tatsächlich stets ein binäres männliches Echo von Nöten ist, um unsere Weiblichkeit sichtbar zu machen und unsere sexuelle Energie zu spüren.

Wenn nur eine Frau sich von diesem Text inspiriert fühlt, bei der nächsten Party ungefragt ihre Muschi auszupacken, hat er sich für mich schon gelohnt. Ich erbitte Bericht!

Hübsch & gern allein.

Eine Party wie jede andere. Ein Gespräch, das gewöhnlicher nicht sein könnte. Gerade kennengelernt und konstruiert lachend ein paar Eckdaten ausgetauscht, die weder ihn noch mich wirklich interessieren. Und plötzlich ist er wieder da: Der Smalltalk-Klassiker und mein persönlicher Konversations-Alptraum.

“Warum hat so ein Mädchen wie du eigentlich noch gar keinen Freund? Du bist doch so hübsch!”

Meine Mimik erstarrt. Betretenes Schweigen. Ich nippe an dem längst abgestandenen Bier in meiner Hand, das ungefähr so faul schmeckt, wie der Nachhall seiner Worte. Was soll ich auf so eine unmögliche Frage antworten, die meinen fremden Gesprächspartner unwissentlich nicht ohnehin schon für sämtliche mittel- und langfristige Zwecke disqualifiziert hat?
Mir schießen tausend Antworten durch den Kopf, die ich am liebsten entgegnen würde. “Einen Freund? Niemals! Ich möchte mich nicht binden und lieber unverbindlich durch Berliner Clubs vögeln!”, oder möchte er lieber von mir hören, dass ich seit Jahren lediglich auf ihn gewartet habe und nun froh bin meinem trostlosen Dasein endlich ein Ende bereiten zu können? Warum nicht gleich die Gegenoffensive starten: “Und warum bist du noch solo? Bindungsängste? Noch ein paar Jahrzehnte die Hörner abstossen? Oder bist du nur einer dieser gewöhnlichen Berliner Langzeitstudenten, die selbst mit Mitte dreißig noch nicht wissen was sie wollen?”.
Manche werden sich nun fragen, eigentlich an dieser “ja sicher nur ganz lieb gemeinten” Frage so ärgerlich sein mag. Um ganz ehrlich zu sein: Sie ist nicht nur langweilend, sondern auch total vermessen. Was für ihn nur ein oberflächliches Kompliment oder eine abgegriffene Floskel ist, spiegelt für mich Jahrhunderte überwährendes, stereotypisierendes Gedankengut wider. Um das Problem zu erklären, muss ich wohl etwas ausholen. Zunächst impliziert die Formulierung der Frage, dass es grundsätzlich für jede „Frau“ erstrebenswert sei, einen „Mann“ an ihrer Seite zu haben. Es wird davon ausgegangen, dass die Frau ohne Mann nicht komplett sei und darüber hinaus, dass sie sich dieser Unvollständigkeit bewusst sei. Der Beisatz “…dabei bist du doch so hübsch!” macht die ganze Angelegenheit nur noch unangenehmer. Hier wird nicht nur suggeriert, dass Aussehen die primäre Qualität meiner Person sei, sondern sich der Mann eine Frau nach diesen äusserlichen Qualitäten “aussuche” – ergo eine hübsche Frau doch eigentlich längst “ausgesucht” (oder sagen wir “besetzt”) sein müsste. Hier stellen sich in wenigen Worten die Kernprobleme gesellschaftlicher Weiblichkeitsvorstellungen dar: Frauen werden nicht nur als konturlos und identitätsfrei (Reduzierung auf Äußerliches) dargestellt, sie sind auch willenlos und unterwerfend.

“Aus diesem gewohnheitsmäßigen Zwang, entsteht eine Gefügigkeit, deren die Frauen ihr ganzes Leben bedürfen, da sie niemals aufhören unterworfen zu sein, sei es einem Mann oder dem Urteil der Männer, und es ihnen nie erlaubt ist, sich über dieses Urteil zu erheben. Die erste Qualität einer Frau ist die Sanftmut.” – Rousseau

Was ist eine Frau ohne Mann (und damit einhergehend natürlich auch einer Familie)? Die Frau wird auf Mutterschaft und Reproduktion festgelegt – wie Freud sagen würde, als einzig befriedigende “Genese” ihrer Weiblichkeit. Dass es hübsche, junge, erfolgreiche, attraktive – oder auch „hässliche“, „alte“, „uninteressante“ (wer immer das auch festlegen möge) – Frauen gibt, die von sich aus (und sei es auch nur temporär) auf den Segen eines festen Lebenspartners (von einer Partnerin ganz zu schweigen) verzichten, ist schier unbegreiflich. Wo ist der Fehler? Dass die keinen “abbekommt”? Eine Zicke? Prüde? Ich nenne hier bewusst eher weiblich assoziierte Adjektive, denn es gibt noch eine Steigerung, die für viele wohl noch unnatürlicher und befremdlicher zu sein scheint: Männliche Adjektive. Ist diese Frau etwa karrieregeil? Selbstsüchtig? Egoistisch? Eine Einzelgängerin? Ich kenne viele Männer, die sexuell befreite und emanzipierte Frauen schon längst nicht mehr als Schlampen bezeichnen, was ist so schwer daran ihre selbst gewählte Ungebundenheit zu akzeptieren?
Und ja, auch wenn das alles sicher nicht die Absicht dieses Typen war, der mich abwartend mustert, so ist er für mich nichts mehr als ein chauvinistischer Party-Prolet, oder wenigstens ein gewöhnlicher Gelegenheits-Macho.
Wenn er nun also mit der nächsten Floskel um die Ecke kommt, ob wir noch zu mir gehen, antworte ich allerhöchstens (und das auch nur wenn die Musik echt nicht mehr gut ist): “Meinetwegen. Aber bitte bleib nicht zum Frühstück.”