Der kleinste gemeinsame Nenner

Symbole aller Art sind aus der Geschichte der Widerstandsbewegungen nicht wegzudenken. Oft provokant und auffällig gestaltet, wirken sie idealerweise vereinend und empowernd: Doch was ist, wenn ebendiese Flaggschiffe des organisierten Protests im Verdacht stehen, die beklagten Verhältnisse selbst zu reproduzieren?

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Rund eine halbe Million Menschen kamen vergangene Woche auf den US-amerikanischen Women’s March-Veranstaltungen zusammen, um gegen die kruden Äußerungen des frisch gebackenen Präsidenten Donald Trump Flagge zu zeigen. Doch die Haltung der Protestierenden war keinesfalls homogen: Während das visuelle Bild vornehmlich von pinken „Pussyhats“ und Vaginasymbolen dominiert wurde, formiert sich im Nachgang der Proteste eine spaltende Diskussion um Integration, Exklusion und die Bedeutung von Solidarität.

Die Allgegenwärtigkeit von Schildern, Kostümen und Accessoires, die auf weiblich gelesene Genitalien referrierten, sowie die unübersehbare Überrepräsentation von weißen cis-Frauen, führte zu Verletzungen und Ausschlussgefühlen auf Seiten derer, die sich durch weitere marginalisierte Marker nicht mit Vulva-Symbolen und privilegierten Weiblichkeitspositionen identifizieren können.

Es werden Stimmen laut, die nach mehr Inklusion und intersektionaler Sensibilität verlangen: Es scheint so, als sei der „Women’s March“ einmal mehr eine weiße  Exklusivveranstaltung – es mangele an Diversität, sowie Sichtbarkeit von und Solidarität gegenüber POC- und LGBT-Communities.

„Signs like „Pussy power,“ „Viva la Vulva“ and „Pussy grabs back“ all sent a clear and oppressive message to trans women, especially: having a vagina is essential to womanhood. „(Marie Solis, Mic)

Ein Symbol ist nicht viel mehr als eine visuelle Kategorisierung: Das Reduzieren und Abstrahieren einer komplexen Haltung auf ein idealerweise prägnantes und ihr essentielles Element. Wer einen bleibenden Eindruck hinterlassen will, sucht möglichst eindrucksstarke Schlagworte und Bilder, um sein Anliegen zu transportieren. Doch warum sollte ein Prinzip, das aus dekonstruktivistischen Kreisen bereits bei vermeintlich alltäglichem Vokabular wie dem generischen Maskukinum scharf kritisiert wird, auf bildhafter Ebene unkontrovers funktionieren?

Fakt ist: Jede Reduktion produziert nicht nur Schärfe, sondern auch Ausschlüsse. Wer die Bilder der Veranstaltung betrachtet, kann der Flut weiblich assoziierter Symbole, Farben und Dresscodes tatsächlich kaum entrinnen: Es stellt sich nicht zuletzt die Frage, warum ausgerechnet handgestrickte rosa Katzenohrenmützen ein geeignetes Mittel gegen machistisches Gehabe und patriarchale Denken darstellen sollten.

„The main reason I decided not to go was because of the pussy hats. I get that they’re a response to the ‚grab them by the pussy‘ thing, but I think some people fixated on it the wrong way. [.   ..] But I feel like I’ve tried to get involved in feminism and there’s always been a blockade there for trans women.“ (Jade Lejeck, Transwoman)

Wer sich jedoch nun mit empört gerümpfter Nase durch die Google-Bildersuche scrollt, sollte nicht zuletzt bedenken, dass ebenjene gendertheoretische Haltung, die schon unlängst erkannt hat, dass weder die Farbe „Pink“ noch die Tätigkeit „Stricken“ ontologisch weiblich sind, die gleiche Feststellung auch für vergeschlechtlich gelesene Körpermerkmale getroffen hat. So gesehen ist nicht die „Vulva“ an sich Symbol  determinierend-biologisierender Weiblichkeit, sondern lediglich die hegemonialen Deutungsgewohnheiten, die auf sie angewendet werden. Wer als weiblich gelesene Person aus Prinzip keine weiblich gelesenen Attribute anzeigt, unterwirft sich in letzter Instanz eben doch auch den beschneidenden Codes einer heteronormativ-organisierten Gesellschaft.

Die Diskussion selbst ist tatsächlich nicht neu. Schon lange wird in Kreisen der Genderforschung darüber diskutiert, ob sich beispielsweise die „empowernde“  Verwendung des Begriffs „Frau“ überhaupt als subversives Vokabular zur Kritik und Transformierung herrschender Machthierarchien eignet: Schließlich reproduziert er streng genommen eben jenes geschlechtsbinäre Denken, welches doch eigentlich erst zu Ausschlüssen und Asymmetrien führt. Außerdem scheint das Beharren auf einer „typisch weiblichen“ Perspektive die Tatsache zu ignorieren,  dass  „die“ eine Erfahrung von „Weiblichkeit“ genauso wenig existiert, wie „der“ eine Feminismus.

Allen Zweifeln zum Trotz scheint die Benennung einer Gruppe notwendig, um Benachteiligungen sichtbar zu machen: Wer den Begriff  „Frau“ dogmatisch aus seinem Sprachgebrauch streicht, vermeidet nicht nur die Reproduktion sexistischer Effekte, sondern versäumt gleichzeitig auch die Bennenung sexistischer Dynamiken selbst.

Was aber, wenn Symbole zur Kollektivbildung verwendet werden, die wiederum das Potential mitbringen viele Individuen auszuschließen, die sich als Teil des Kollektivs definieren?

Die Motivation der cis-weiblichen Initiatorinnen der „Pussyhat Project“-Aktion (Krista Suh und Jana Zweyman) war insbesondere, ein starkes visuelles Statement zu kreiieren: Ein Meer aus pinken Katzenohren scheint eine größere bildhafte Schlagkraft mitzubringen, als tausende Individuen in grauen, dicken Wintermänteln. Natürlich eint die Protestierenden bereits der gemeinsame Grund des Zusammentreffens, doch das extravagante und selbsthergestellte Kleidungsstück scheint die natürliche Distanz zwischen den tausenden Fremden weiter abzubauen und eine gewisse Euphorie der Gemeinschaft herzustellen. Es scheint als herrsche eine Art Klassenfahrtsgefühl unter den Teilnehmenden. Trump hat sich einen Begriff angeeignet, der zurück erobert werden muss: Pussy grabs back!

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“It’s really opening up a way for so many people who haven’t been politically active before to engage and stand up. It’s giving a different opportunity to have your voice heard, and I think that’s resonating a lot.” (Jayna Zweiman, Pussyhat Project)

Bilder von gefühlt 300-jährigen Omis im Schaukelstuhl – den Beatmungsschlauch in der Nase, die selbstgestrickten Pussyhats voller Stolz in der Hand – gehen um die Welt und treiben Tränen der Rührung in die Augen der Betrachtenden. „The Pussyhat Project“ versteht sich als Türöffner zur Teilhabe am Widerstand für alle Frauen: Denn nur so wurde beispielsweise diesen immobilen betagten Damen (hier von der Enkelin liebevoll „Nana“ genannt) die Möglichkeit geschenkt, überhaupt ihren eigenen Teil zu den Protesten beizutragen. Doch während das Projekt vielen von Haus aus bislang eher unpolitischen Menschen (insbesondere cis-Frauen) die Inspiration zum Engagement lieferte, hatte sie auf viele Transfrauen genau den gegenteiligen Effekt: Die bereits gesammelte Erfahrung, in Kämpfen von cis-Frauen nicht mitgedacht zu werden, wird subjektiv bestätigt. Der Eindruck entsteht, dass Erfahrungen von „Weiblichkeit“ ein Exklusivrecht von cis-Frauen sei.

Wie nun mit dem Vorwurf der Exklusion umgehen? Kann eine nicht betroffene Person das Gefühl des Ausschlusses nachempfinden oder bewerten? Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Umso wichtiger erweist sich der Dialog, das Zuhören, das Mitgefühl. Zu gut kennen auch cis-Frauen das Gefühl, in ihren Diskriminierungserfahrungen nicht ernstgenommen zu werden, als dass sie es in Erwägung ziehen sollten, über die Kritik anderer marginalisierter Gruppen leichtfertig hinwegzusehen oder sich gar die Deutungshoheit über deren Angemessenheit zu nehmen. Doch was folgt nun aus dieser Erkenntnis?

Das Problem der Vulva-Symboliken ist Folgendes: Es handelt sich eben nicht nur um ein profanes Sinnbild, welches durch ein beliebiges anderes ersetzt werden könnte, ohne seine politische Schlagkraft zu verlieren. Gegen dieses körperliche, typischerweise weiblich gelesene, Attribut wird weltweit theoretische, verbale und reale Gewalt ausgeübt. Wenn eine cis-Frau sexistisch motivierte Gewalt erlebt, geschieht dies, weil sie eine Vagina hat. Wenn eine Transfrau sexistisch motivierte Gewalt erlebt, dann weil sie nicht mit ebendieser geboren wurde. Das weiblich gelesene Geschlechtsorgan muss für viel herhalten – für Schimpfworte, Abwertungen und als Legitimierung der Differenzierung  ab dem ersten auswertbaren Ultraschallbild.

„Collective liberation and solidarity is difficult work, it is work that will find us struggling together and struggling with one another. Just because we are oppressed does not mean that we do not ourselves fall victim to enacting the same unconscious policing, shaming, and erasing.“ (Janet Mock, Transwoman of Colour, Women’s March Washington)

Viele cis-Frauen haben von Kindertagen an gelernt, die gesellschaftlich bedingt schambehaftete Gegend zwischen ihren Beinen wortreich zu umschreiben, anstatt sie konkret zu benennen. Es entsteht eine prekäre Ambivalenz, wenn ein US-Präsident den Begriff „Pussy“ ohne Umschweife in den Mund nehmen kann, um seinen Machtanspruch jeglicher „Pussy“ gegenüber zu manifestieren, während sowohl darüber berichtende US-amerikanische Medien ihn in der Regel zensieren und weniger kontroverse Personen des öffentlichen Lebens ihn von vornherein erst gar nicht verwenden. Es geht hier um die Zurückeroberung einer stigmatisierten Bezeichnung, eines stigmatisierenden Organs, über das die gesellschaftliche Identitätsbildung rund der Hälfte aller Menschen fremdbestimmt wird: Ja, das ist empowernd. Und ja, das ist auch verletzend: Für alle Frauen, die durch diese Fremdbestimmung aus einer anerkannten Erfahrung von Weiblichkeit ausgeschlossen werden, aber sich gleichsam aus demselben Grund nicht in die Masse der pink bestrickten Pussyhatträgerinnen integriert fühlen.

„Wearing pussyhats, or chanting about vaginas, lays out a hierarchy based on genitals that is exclusionary and painful.

This rhetoric also ignores the fact that trans people are oppressed by their genitals, just as cis women are. […]

It’s not my place to invalidate anyone’s language, but I am constantly aware of my own incomplete womanhood between my legs. I try to pretend that it doesn’t make me different from the other women around me, but at the end of the day, I know I’m not like the rest. I see it when men reject my transness, I see it when I can’t quite always smooth the front of my pencil skirt, and I see it every time I pull on a pair of panties.“ (Katelyn Burns, Transwoman)

Die Verwendung des Vulva-Symbols bugsiert uns in ein Solidaritäts-Dilemma: Was darf Empowerment?

Das Symbol „Vulva“ wird aus kritischen Kreisen geschlossen gelesen: Es scheint ein unmissverständliches Zeichen transexkludierender Radikalfeministinnen zu sein. Während diese Haltung vorgetragen wird wie ein Fakt, versteckt sich hinter ihr vielmehr eine These: Zwar kann und sollte niemand das Gefühl von Ausschluss anzweifeln, dennoch dürfte hier zumindest auf die Deutungsoffenheit von Symbolen verwiesen werden. Es bleibt fragwürdig, ob die strickenden „Nanas“ tatsächlich guten Gewissens in die (SWERF’N‘)TWERF-Ecke gedrängt werden können (Nein, es handelt sich hier nicht um ein US-amerikanisches Trendgericht!). Vielleicht fehlt ihnen sogar gerade durch die Abwesenheit politischer Auseinandersetzung und (radikaler) Positionierung die Sensibilität für andere Formen von Marginalisierung und die eigenen Handlungseffekte. Ist die unreflektierte Verwendung und die darauf folgende Überrepräsentation von Pussy-Symbolen nicht die Ursache, sondern lediglich ein Symptom fehlender Solidarität? Vielleicht sollten wir nicht dafür appellieren, Worte und Symbole aus unserem Repertoire zu verbannen, die einen großen Teil marginalisierter Gruppen empowert und stark macht – aber wir sollten in jedem Fall Empathie zeigen, wenn dieses Gefühl nicht alle teilen können. Möglicherweise gibt es nicht „den einen Weg“, der ohne Verletzungen auskommt und allen Bedürfnissen gerecht werden kann – Ignoranz und Egozentrismus kann dies dennoch keineswegs rechtfertigen. Doch was zunächst ernüchternd klingt, könnte auch eine Chance sein: Vielleicht hilft uns diese Erkenntnis Bündnisse zu schließen, die sich nicht mehr über sich einander ausschließende Identitäten definieren. Die Anerkennung unserer eigenenen Fehlbarkeit und die Erkennung unseres gemeinsamen Anliegens lässt eventuell eine neue, definitionsunabhängige Form der Solidarität zu, anstatt marginalisierte Gruppen zu spalten und „Opfer“ zu hierarchisieren.

„Empathy is the only antidote to this societal ill. „(Laverne Cox, Transwoman of Colour, on Women’s March LA)

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„‘Pussyhats’ Galore: Inside the Pink Toppers Thousands Will Wear to the Women’s March on Washington“ (People Politics)

„How ‘Pussy Hats’   Made Me Feel Excluded — And Then Welcomed — At The Women’s March“ (The Establishment)

„Trans community: Women’s March protesters’ focus on female genitalia was ‘oppressive’“, The Blaze

„Ericka Hart: Not Everyone Who Identifies As A Woman Has A P***y“ (Huffington Post)

 Trans-exclusionary radicalfeminsim, TERF (SJWiki)

„How the Women’s March’s „genital-based“ feminism isolated the transgender community“, Identities.Mic

„Read Janet Mock’s Empowering Speech on Trans Women of Color and Sex Workers“, The Cut

„“Pussy“ Symbolism and the Masked Hatred of the Women’s March“, Frontpage Mag

Viagra für die Frau?! Der fehlt nix – das muss so!

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„Für mich war der Effekt nicht bescheiden, sondern bedeutend.“

(Probandin von Flibanserin)

Frauen, die an einer bestimmten Form von Sexualfunktionsstörung leiden, sollen demnächst durch ein neues Medikament die Möglichkeit erhalten, ihre Lust auf Sex zurückzugewinnen. „Flibanserin“ nennt sich jenes, auf den Hormonhaushalt wirkendes Antidepressivum, welches derzeit als „Viagra für die Frau“ durch die Medien geistert – und das, obwohl es aufgrund des differenten Anwendungsgebiet und der Wirkweise keinesfalls als äquivalentes Pendant zu der blauen Pille für den Mann gehandelt werden kann.

Bislang erhielt das Medikament „Flibanserin“ aufgrund „massiver“ Nebenwirkung keine Freigabe – das soll sich nun ändern. Ob mögliche „Müdigkeit“ oder „Schwindel“ tatsächlich als legitime Begründungen haltbar gewesen wären, um die Vermarktung von „Filbanserin“ weiterhin zu verhindern, sei mal dahingestellt. Hierbei handelt es sich schließlich um Standardnebenwirkungen der verhältnismäßig harmloseren Sorte, wie wir sie von zahlreichen rezeptfrei erhältlichen und teils inflationär verwendeten Präparaten (wie beispielsweise Paracetamol oder Ibuprofen) zu Genüge kennen. Die Frage, warum ein Präparat um die weibliche Lust zu steigern, so lang auf sich warten gelassen hat und ob nicht vielleicht auch gesellschaftlich-kulturell verankerte Faktoren eine Rolle bei der zögerlichen Zulassung von „Flibanserin“ eine Rolle gespielt haben, soll an dieser Stelle jedoch nicht im Fokus stehen. Dass für die Pharmaindustrie, welche durch und durch von kapitalistischen Strukturen beherrscht wird, insbesondere der Profit und nicht in erster Linie das Wohl potenzieller Patient_innen im Mittelpunkt steht steht, liegt auf der Hand. Ob die bösen Pharmakonzerne also nur Profit machen wollen, wer an dem Medikament verdient und ob es überhaupt notwendig ist, bleibt im Folgenden ebenfalls unberücksichtigt.

Ich bin keine Medizinerin. Inwiefern dieses Produkt wirksam, verträglich oder sinnvoll ist, vermag ich also nicht zu beurteilen. So geht es jedoch nicht nur mir, sondern den allermeisten Menschen, die dennoch nicht an sich halten können, die Kommentarspalten der großen deutschen Online-Magazine zu diesem Thema mit ihrem Senf zu bekleckern. Interessant finde ich die Tatsache, dass sich viele Menschen an der impliziten These zu stoßen scheinen, dass es Frauen gibt, die aus einem in ihnen selbst liegenden Grund körperlicher oder seelischer Natur, keine Lust auf Sex haben, diesen Trieb vermissen und an ihrer Situation aktiv etwas ändern wollen.

Verschiedene, konträr zueinander stehende und einander ausschließende Weiblichkeitsentwürfe werden abgerufen und verursachen ein immenses Spannungsfeld in den Diskussionsbeiträgen der Protagonist_innen. Wie lässt sich all die nackte Haut auf Werbeplakaten und die im Folgenden viel besungene „Sexualisierung“ unserer Gesellschaft, welche in ihrem Rahmen dargestellte Frauen objektifiziert und fremdbestimmt präsentiert, mit einem Präparat vereinbaren, dass Frauen als handelnde, aktive und empfindende Subjekte an ihrer eigenen Sexualität teilhaben lassen möchte? Fehlt Frauen überhaupt irgendwas, wenn sie keine Lust auf Sex haben? Können Frauen überhaupt eine von ihrem (einen! männlichen!) Partner (!) unabhängige Sexualität haben? Plötzlich sind wir wieder ganz nah an einer obsoleten (und gemeinhin als längst überwundenen geglaubten) Sexualmoral, die „richtige“ und „legitime“ weibliche Sexualität eng mit Ehe-konformen Denkmustern verknüpft, welche den einzig akzeptablen Ausdruck weiblicher Sexualität in der reproduzierenden Hetero-Ehe sieht.

Sexuelle Potenz stand seit jeher auch als Symbolik für Herrschaft und Macht. Sexualitäts- und Machtkonzepte sind so eng ineinander verwoben, dass wir sie nicht nur geschichtlich dingfest machen können, auch alltägliche und gegenwärtige Formen sexualisierter Gewalt und Diskriminierungen äußern sich insbesondere dadurch, dass sie sich gegen die körperliche und seelische Integrität des Gegenübers richten und meist weniger der sexueller Befriedigung als der Ausübung von Kontrolle und Macht dienen. Nicht zuletzt ein statisch konzipiertes und dualistisch ausgerichtetes Bild von „Mann“ bzw. „Frau“ hat dazu geführt, dass dem einen „Geschlecht“ über einen langen Zeitpunkt die sexuelle Verfügungsgewalt und politische Macht im Öffentlichen zugeschrieben wurde und dem anderen äquivalent dazu reproduzierende und passive Aufgaben im Privaten. Eine Frau scheint nach diesem Modell überhaupt keine eigene Sexualität zu haben, in der Ehe „Heilige“ (bis dato jungfräulich und anschließend reproduzierend), außerhalb der Ehe eine „Hure“ (unanständig, verboten, schmutzig). Wie kann man also Aussagen werten, die versuchen, die Sexualität und Selbstbestimmung von Frauen zu werten und zu regulieren? Aussagen, die versuchen die Existenz von weiblicher Lust und Sexualität zu leugnen oder sexuelle Potenz per se ausschließlich Männern zuschreiben? Aussagen, die die Nützlichkeit, eines Präparats wie „Flibanserin“ aufgrund eben dieser vermeintlichen Tatsache in Frage stellen?

Unser Verständnis der romantischen Liebe hat religiöse Qualität. Statt Gott sind wir einander treu. Als Frau, vor allem als junge, heterosexuelle Frau, ist es ketzerisch zu sagen, dass man nicht an dieses Konzept glaubt. Unsere Selbstbestätigung hängt davon ab, ob wir den perfekten Partner finden. Scheitern wir, so gelten wir gesellschaftlich als minderwertig.“

(Laurie Penny in einem aktuellen Interview der taz)

Sowohl durch Konsens als auch durch Zwang konstituierte Vorstellungen davon, wie sich weibliche Sexualität äußern dürfe und in welchem Kontext sie überhaupt erscheinen darf, haben im vergangenen Jahrhundert zu einer pauschal gültigen, limitierenden Regulierung dessen geführt, worüber jeder Mensch am besten individuell und für sich selbst entscheidet: das Sexualleben.

Ein Präparat das, und es ist für den argumentativen Zweck an dieser Stelle gänzlich unbedeutend, ob dies denn auch gelingt, Frauen einen Zugang zu ihrem Lustempfinden und damit zu ihrer sexuellen Potenz verschaffen möchte, scheint mit seinem Ziel jenem Anspruch zu widersprechen, welcher weibliche Sexualität reglementieren und am liebsten auch institutionalisieren würde.

Was kann man also tun, wenn man ein patriarchal legitimiertes Konzept durch was-auch-immer und sei-es-auch-noch-so-theoretisch bedroht sieht? Man holt zu einem Rundumschlag aus, der möglichst alle Klischees bedient! Sowohl Männer als auch Frauen haben es sich nicht nehmen lassen, tief in der Sexismus-Kiste zu wühlen und einen bezeichnenden Querschnitt ganz aktueller Vorstellungen unserer Gesellschaft zu liefern.


Eine Frau die Lust auf Sex hat? Was nützt das nun dem Mann? Und wo finde ich jetzt eigentlich das Wort „Mann“ in der Bezeichnung „Viagra für die Frau“?????!!!!!11111elf

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Uh-Oh… Da klingt ja die blanke Angst durch. Der Arme könnte sich die Valium sparen, wenn er weibliche Sexualität nicht mit von-einem-Mann-gebumst-werden gleichsetzen würde. Die Vorstellung, dass letzteres nicht der Nabel der Welt sein könnte, scheint ihn jedenfalls hochgradig zu beunruhigen.

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Jo, wie bei jedem Nutztier, soll einem die Benutzung schließlich auch was Nutzen, oder nicht? Also lieber lustlos und maximal benutzbar, als wuschig und nutzlos. Nachvollziehbar.

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Der User Leidenfeuer hat ne Menge Feuer, welches ihm großes Leid bringt, weil er nur Dank seiner Überredungskünste oder seinem dicken Geldbeutel überhaupt mal zum Zug kommt. Doch anstatt sich seiner überzeugenden Zungenfertigkeiten oder dem finanziellen Erfolg zu erfreuen, frustriert ihn die sexuelle Zuneigung der Frauen, die schließlich Ursache seiner Misere ist. Gut, dass es jetzt eine Pille gibt (vom Mann, für den Mann), damit das Feuer des Leidens endlich gelöscht werden kann!

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Graupensuppe-Essen gehört bekanntermaßen auch zu den natürlichen Grundbedürfnissen des Menschen. Und wie mit allen Grundbedürfnissen verhält es sich auch hier so: Wenn ich keine Lust drauf habe, verzichte ich halt drauf! Wer Schlafprobleme hat, ist einfach nur nicht müde genug und wird die Nachtruhe sicher auch nicht vermissen. Wer aufgrund einer psychischen Störung an Appetitlosigkeit leidet, sollte es mit dem Essen halt einfach ganz aufgeben, statt zu jammern. Und wer Atemprobleme hat, der hatte wohl schon zu viel Sauerstoff. Klingt logisch. Ist halt wie Graupensuppe essen. Wenns nicht schmeckt, einfach sein lassen! Und am Ende ist die Unlust am Sex sowieso Resultat eines unüberwindbaren Kommunikationsproblems zwischen (Trommelwirbel!) Mann und Frau (wundert sich noch jemand?).


Nett gemeint, aber…

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Der Subtext dieses Kommentars verlockt zu der Annahme, hier handele es sich um eine verteidigende Aussage, Frauen einfach ihr Recht auf Selbstbestimmung zu lassen. Selbstbestimmung interpretiert als Recht, keinen Sex haben zu müssen, wenn keine Lust auf Sex besteht. Leider fußt diese Aussage auf der Annahme, dass Frauen niemals etwas fehlen würde, wenn sie keine Lust auf Sex hätten und auch kein Bedürfnis hätten, dies zu ändern. Gekrönt wird diese Perspektive nur noch mit dem kruden Nachschub, dass Frauen das Problem mit dem „wollen“ aber nicht „können“ nun wirklich nicht hätten – klar, rein geht ja immer, ne?


Es muss am Mann liegen! Der muss nämlich auch notwendigerweise existieren! Kein Mann, keine Lust. Keine Lust, schlechter Mann. Gaaaanz easy.

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Wenn eine Frau keine Lust auf Sex hat, dann liegt es natürlich an ihrem (selbstredend existenten) Partner. Es liegt also sowieso niemals in der Frau selbst, wenn keine Lust auf Sex besteht. Wie wir bereits gelernt haben, ist das ja auch gar nicht ihr Metier. Es liegt in seiner Verantwortung, dass das mit dem Sex läuft. Bei Männern ist das (natürlich!) anders. Da ist ein Medikament um die eigene Sexualität ausleben zu können, biologisch legitimiert.

Männern pauschal den schwarzen Peter zuzuschieben, sobald es im Bett nicht läuft ist nicht nur unfair – es spricht auch Frauen jegliche Handlungsautonomie ab.


Weibliche Sexualität? Das schließt sich doch begrifflich aus! 

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Puuuh, man hört förmlich ein erleichtertes Aufatmen hinter den Tastaturen. Jungs – ihr könnt euch den Angstschweiß von der Stirn tupfen, dieses Medikament ist ohne Mann völlig wirkungslos! Was soll eine Frau schließlich auch mit ihrer Sexualität anfangen, wenn sie ohne Kerl eh keinen „anständigen“ Sex haben kann? Also, keine Panik auf der Titanic, Kirche zurück ins Dorf – es bleibt alles beim Alten!

*Witzig, dass hier ein Wort gewählt wurde, dass sich indirekt auf Anstand, Sitte und Moral bezieht – „anständig“ kann also nicht nur im Sinne von „vollkommen“ und „richtig“, sondern auch als „normkonform“, „nicht-schmutzig“ oder „ehelich“ verstanden werden. Ideen von „richtig“/“falsch“, „reproduzierend“/“nicht-reproduzierend“, „institutionalisiert“/“frei“ werden mit dieser Wortwahl abgerufen.


Überall Titten! Jetzt reicht es aber mal mit dem ganzen Sex!

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Das ist wohl das, was man als klassischen Kategorienfehler bezeichnen kann. Eine nackte Frau auf der Supermarktwerbung stellt kein Abbild autonomer und freier weiblicher Sexualität dar, sondern reproduziert lediglich einen viel bemühten und limitierenden Stereotypen, eines verfügbaren und passiven Objekts. Eine Frau, die sich eine intakte Sexualität wünscht, muss wohl in den Augen dieses Kommentatoren wiederum eine Sklavin der Pornoindustrie sein. Hier scheint das Vermögen, das Abbild von vermeintlicher weiblicher Sexualität (durch die kapitalistisch-patriarchal und heteronormative Brille eines imaginiert männlichen Betrachters *Genderterminologiebingo*) von tatsächlicher, authentischer und autonomer weiblichen Sexualität differenzieren zu können, völlig verloren gegangen zu sein. Diffus wird alles was mit Sex und Frau zu tun hat in einem Abwasch als Symptom einer „übersexualisierten Welt“ gedeutet und entwertet. Eine sexuell potente Frau ist automatisch „Porno“, ihr Verlangen wird gleichsam stigmatisiert und als Anfang vom Ende der zivilisierten Gesellschaft gewertet – die unter diesen Umständen ja sowieso keine Zukunft mehr zu haben scheint. Eine Frau, die sich eine gesunde Lust auf Sex wünscht, wo soll das nur hinführen? Denkt doch bitte nun endlich mal wer an die Kinder?!


Denen Fehlt nix – das muss so!

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Gut, dass leser008 genau weiß, was den lustlosen Frauen (allen) fehlt und was nicht


Und wie bekommt man die frigiden Ollen jetzt dazu, den Kram zu schlucken? Ins Mettbrötchen?

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Guter Punkt. Was nutzt einem die beste Medizin, um die Prinzessinnen endlich willig zu machen, wenn die sie gar nicht nehmen wollen? Und warum sollten sie auch? Handelt sich schließlich um Frauen und für die ist das Mittel doch gar nicht gemacht worden… oder?

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Achjaaaa! Stimmt ja! Hat bestimmt auch weniger Nebenwirkungen und das Generve ist hinterher – dank Amnesie – auch nicht ganz so groß wie sonst. Zwei Fliegen, eine Klappe – einfach TOP!

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Viagra für die Frau? Das geht auch einfacher! 

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Einfach ein bisschen beim Abwasch helfen, dann flutscht es auch wieder! Eine Hand wäscht die andere, also wenn man ihr eine Freude im Haushalt macht (ihr Revier), dann macht sie ihm halt eine im Bett (sein Revier). Wenn einfach alle bei den Dingen bleiben würden, die ihnen entsprechen, gäbe es die Probleme gar nicht. Scheiß Emanzipation, das ist das Resultat davon! Und Männer sollten sich natürlich auch ab und zu mal waschen. Revolutionärer Ansatz.

Oh Biggie… #schellefürkelle

Heute wird es mal wieder Zeit für eine virtuelle Schelle für die Kelle. Die Biggie und ich sind selten einer Meinung. Das wussten wir bereits. Nachdem ich nun langsam ihren ersten Rundumschlag verdaut zu haben glaubte („Dann mach doch die Bluse zu!“), legt die erzkonservative Familienverteidigerin nochmal ordentlich nach – ein bisschen Sexismus hier, ein obsoletes Weltbild da, garniert mit einer saftigen Portion Populismus, schon hört man sie förmlich aus der Küche flöten: Bullshit ist fertig! 

Ein neues Buch ist geschrieben und will beworben werden – klar, dass sich das Sprachrohr des deutschen Erzkonservatismus  nicht zwei Mal bitten lässt, um sich mit fragwürdigen Behauptungen ins Gespräch zu bringen. Im aktuellen Focus bittet die „Demo für alle„-Aktivistin („für alle“ = heterosexuell, christlich-konservativ und am besten in klassischer Familienstruktur organisierte Menschen = eben nicht „für alle“) nun, dass man sie bitte nicht „vollgendern“ solle. Sie selbst verortet sich als „eindeutig weiblich“ und hat kein Verständnis für jene, die sie abfällig als die, „die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sind“ bezeichnet. Diese diffamierende Wortwahl hinterlässt einen ähnlich bitteren Nachgeschmack, wie die Vorstellung, dass ein gehender Mensch einen rollstuhlfahrenden Menschen verspotten würde, weil dieser seiner Meinung nach „zu blöd zum Laufen“ sei. Für Frau Kelle mag es vielleicht erfreulich sein, dass sie sich in dem heteronormativen System einer binär strukturierten Gesellschaft so passend verorten kann – damit genießt sie jedoch ein Privileg, das nicht jedem ihrer Mitmenschen zuteil wird. Sich auf seine gegebenen Privilegien etwas einzubilden und diejenigen, die durch das limitierende Raster fallen, zu diskriminieren und herablassend zu verspotten, scheint selbst ihren sonst so fundamentalistisch propagierten „christlichen“ Werten wenig gerecht zu werden.

„Berlin hat zwar keinen modernen Flughafen, aber in manchen Bezirken drei Türen, wenn Sie aufs Klo müssen. Man muss Prioritäten setzen. Gendersensibel nennt es sich, dass wir neuerdings Unisextoiletten vorfinden, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind.“

Der Auftakt ihres Focus-Beitrags beginnt bereits ziemlich frustrierend: Tatsachen verdrehend, populistisch und schlicht falsch. Erstens ist es keineswegs so, dass, wie es in diesem Satz suggeriert wird, flachendeckend bezirksweit Unisextoiletten eingeführt worden wären. Nur in vier von zwölf Bezirken ist die Idee der Unisextoilette überhaupt ernsthaft im Gespräch gewesen, nach etlichen Monaten Stillstand wurden zögerlich einige wenige realisiert: z.B. eine Toilette in Tiergarten, eine im Gesundheitsamt Mitte und in insgesamt drei Bürgerämtern. Diese wurden auch nicht, wie Kelles Formulierung erwarten lassen könnte, neu gebaut, sondern bereits vorhandene Toiletten neu ausgewiesen. Einzige Investition: Ein neues Schild an der Tür.1 Und selbst dafür reicht es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Aufgrund einer Haushaltssperre müssen die Unisex-Toiletten warten.2

Wirklich unerhört, wie hier mit den Steuergeldern umgegangen wird! Nicht mal für den Flughafen reicht es! Nicht mal für jenen (bereits über 4 Milliarden Euro teuren) Flughafen, der nichts, aber auch rein gar nichts mit der Finanzierung von ein paar genderneutralen Türschildern zu tun hat. Jenem Flughafen, dessen Eröffnung seit Jahren wegen diverser Fehlplanungen, baulicher Mängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen verschoben wird – und nicht etwa, weil Mehdorn persönlich damit beschäftig ist, in Berlin-Mitte neue Türschilder an die Klos zu schrauben, statt sich um die Eröffnung zu kümmern.

Hier stehen reale Milliarden-Verluste einer Haushaltssperre gegenüber, die nicht einmal ein neues Kloschild finanzieren kann. Es wird deutlich: Frau Kelle spielt gezielt mit der Wut und den Ängsten der Menschen. Kein Flughafen, aber Klos für die „Unentschlossenen“ unter „uns“ (und eigentlich gehören „die“ ja gar nicht so richtig zu „uns“)?! Hier scheint kein noch so weit hergeholtes Pseudoargument zu absurd, um gegen eine verhältnismäßig völlig unerhebliche finanzielle Investition zu wettern und die dahinter stehende Idee ins Lächerliche zu ziehen.

Nicht weniger kritisch erscheint der süffisante Zusatz „…, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind“. Das klingt ja nach einem echten Luxusproblem, damit die „Unentschlossenen“ unter uns zukünftig nicht vor jedem Klogang eine Münze werfen müssen, um zu entscheiden, welche Tür sie wählen. Die Realität sieht jedoch anders aus und kann für Betroffene mehr als belastend sein, wenn den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen im öffentlichen Raum nicht nachgegangen werden kann, ohne mit unangenehmen sozialen Konfrontationen, Anfeindungen oder Ausgrenzungen rechnen zu müssen. Fakt ist, dass es viele Menschen gibt, für die die Existenz einer Unisextoilette sinnvoll sein könnte. Da wären zum einen die rund 15.000 Menschen, die seit 1995 in Deutschland ihre geschlechtliche Identiät verändert haben3. Hinzu kommen beispielsweise intersexuelle Menschen – jeder 2000. Mensch, wird mit Geschlechtsmerkmalen geboren, aufgrund derer er nicht eindeutig als „Mädchen“ oder „Junge“ zu kategorisieren ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen wird mit bis zu 120 000 angegeben.Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer jener Menschen, die durch solche Statistiken überhaupt nicht erfasst werden, zum Beispiel, weil sie sich mit dem Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, nicht identifizieren können, es jedoch nicht per gerichtlichem Entscheid formal ändern lassen. Aber auch für Väter kann die Unisextoilette hilfreich sein: Gab es Wickeltische bislang meist nur in den Frauentoiletten (was wiederum eine sexistische Rollenverteilung reproduziert), könnte die Unisextoilette ein neutraler neuer Ort für den Wickeltisch sein –  ein Fortschritt für ein egalitäres Familienmanagement, sowohl für heterosexuelle, als auch schwule Paare und nicht zuletzt: alleinerziehende Väter.

Mal zum Vergleich: In Deutschland leben rund 150 000 blinde Menschen.5  Das ist kein Problem, dass alle Menschen betrifft und auch keins, das die meisten Menschen betrifft. Vor allem ist es kein Problem, das Frau Kelle persönlich betrifft. Nach ihrer Logik scheint dies also ein guter Grund zu sein, gegen die Ausrüstung öffentlicher Beschilderungen mit Braille-Schrift zu wettern. Vermutlich würde sie sich niemals so positionieren, das Beispiel verdeutlicht dennoch die Systematik, die hinter ihrem Argumentationsstil steckt: Er ist geprägt von Egozentrismus und Intoleranz.

Birgit Kelle biedert sich nicht nur einer uninformierten und reaktionär denkenden Bildzeitungsleserschaft an, sie scheint in vielen Hinsichten selber gar nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich spricht. Das bewies sie nun einmal mehr in der Talkshow „Hart aber fair“. Als Anne Wizorek beispielsweise die These äußerte, dass geschlechterspezifisch beworbenes Spielzeug lediglich eine Marketingstrategie der Industrie sei, die nichts zwingend mit den „natürlichen“ Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun haben müsse, versuchte die vierfache Mutter Kelle dies zu widerlegen, indem sie beschrieb, dass sich ihre Töchter in den ersten Lebensjahren sehr wohl mit allen möglichen Sorten von Spielzeug gerne beschäftigt hätten, sich dies jedoch mit dem Besuch vom Kindergarten schlagartig änderte. Pink und Glitzer seien plötzlich angesagt gewesen – für Kelle ein eindeutiger Beweis dafür, dass das „Pink und Glitzer“-Programm unvermeidbar in die Mädchengenetik eingraviert sei und nichts mit Sozialisierung und Erwartungshaltung von außen zu tun hätte. Da musste selbst Talkmaster Plasberg schmunzeln.

Nicht nur ihr jüngster Beitrag im Focus, auch der Auftritt bei „Hart aber fair“ ist durchzogen von inneren Widersprüchen und dem Bezug auf falsche „Tatsachen“. Kritik kann nicht zuletzt auch die Genderforschung selber voranbringen und konstruktiv sein – in diesem Fall scheint es jedoch nur allzu offensichtlich, dass die Kritikerin selbst einer „Ideologie“ (um bei ihrem Jargon zu bleiben) verfallen ist und es daher nicht schafft, sich an der Debatte bereichernd zu beteiligen. Aber was möchte man auch von einer Protagonistin erwarten, die ihr Lager im Schulterschluss mit einer kompetenten „Meinungsmacherin“ wie Sophia Thomalla verteidigen muss, die wiederum noch nie von sprachlicher Diskriminierung gehört hat und weder Sexismus von einem Kompliment, noch Muslime von Islamisten unterscheiden kann…

 


1 „Die Unisextoiletten werden nicht neu gebaut. Stattdessen wird einer der Räume, der bisher exklusiv für Männer oder Frauen bestimmt war, neu beschildert. Faktisch wird das nur in größeren Gebäuden möglich sein, in denen es mehr als zwei öffentliche Toiletten gibt.“ (http://www.taz.de/!111922/)

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/genderdebatte-pinkeln-fuer-alle-berlin-mitte-eroeffnet-unisex-toilette/10709278.html

3 http://www.stern.de/gesundheit/sexualitaet/vorlieben/transsexuelle-fremd-im-eigenen-koerper-1521741.html

4 http://www.national-coalition.de/pdf/28_10_2012/Kinderrechte_und_Intersexualitaet_NC.pdf

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

6 http://www.stern.de/kultur/tv/hart-aber-fair-sophia-thomallas-dreister-auftritt-2177324.html


 

No bloomy day.

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Als das Radio mir morgens im Badezimmer den Valentinstags-Slogan des Blumenversandhandels „Bloomy Days“ ins Ohr flötete, habe ich mich fast an der Zahnpasta verschluckt. Frauen? Die wollen Blumen. Und Männer? Natürlich immer nur das Eine.

„Je schöner die Bumen, desto schöner das Dankschön.“ (zwinker, zwinker)

Eine „intelligente und stilsichere“ Werbekampagne, wie Franziska von Hardenberg versichert, denn „wir wissen was Frauen wollen“. Anscheinend nicht, was alle Frauen* wollen – denn die (durch und durch sexistische) Werbung stieß vor allem im Netz auf viel Empörung.

Sexistisch weil die Blume aussieht wie eine Muschi? Im Gegenteil, das Abbilden der Vulva im öffentlichen Raum rief weitgehend positive Reaktionen hervor. Weil die Werbung heteronormative Stereotype aufruft? Geschenkt. Das ist zwar bedauerlich, aber leider immer noch Standard. Das Problem ist sicher auch nicht der offene Umgang mit Sexualität, sondern die gängige sexistische Praxis, die ihm in diesem Fall inhärent ist.

Der Mann kauft also eine besonders schöne Blume (stellvertretend hierfür könnte ein x-beliebiges materielles Gut stehen) und die Frau macht sich ihm dafür sexuell verfügbar. Eine Werbung, die Frauen im ähnlichen Sinne dazu animiert, durch einen finanziellen Einsatz ihren Mann zur Befriedigung ihrer sexuellen Triebe zu motivieren, wirkt gleichsam kontraintuitiv. Genau in diesem kontraintuitiven Moment, manifestiert sich der Kerngedanke, der hier genutzten sexistischen Spielart: der Mann (aktiv) agiert (rational) und die Frau (passiv) reagiert (emotional).

„Aus dem Mann stürmt die Begierde, in dem Weibe siedelt sich die Stille Sehnsucht an.“ (Brockhaus, 1815)

Das Paradoxon: Während die Frau entsexualisiert wird (denn ihr wird keine autonome sexuelle Potenz zugeschrieben, sie wird maximal gefügig „gemacht“), wird sie doch im gleichen Atemzug mit Empfängnis und sexueller Verfügbarkeit gleichgesetzt. Der flache Slogan des Blumenversands passt wie die Faust aufs Auge zu der im Laufe des 18. Jahrhunderts (mit der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft) ergründeten Zähmung und Domestizierung der Frau selbst und ihrer Sexualität gleichermaßen.

Allein das semantische Vokabular spricht Bände: Die Aktion des Mannes hat den Erfolg zum Ziel (typisch männlich konnotierter Begriff – ähnlich wie Wettkampf, Stärke, Zielstrebigkeit) und die Reaktion der Frau ist (natürlich) der Dank (typisch weiblich konnotierter Begriff – denn wer dankbar ist, macht sich klein, „zu Dank verpflichtet“/“in der Schuld stehend“ etc.). Dem Mann wird hier also die „Macht“ zugeschrieben, die Situation aktiv verändernd zu beeinflussen, während sich die Frau (passiv) dem Verhalten des Mannes entsprechend verhält.

Der weibliche Körper wird zum unzähligsten Mal zum Austragungsort eines sexuell aufgeladenen Machtkampfs: Ist sein materieller Einsatz gut genug, umso eher macht sie die Beine breit – was als „Erfolg“ gewertet wird. Interessant finde ich zudem den Aspekt, dass Prostitution gemeinhin gesellschaftlich stigmatisiert und tabuisiert wird, das dazugehörige Sinnbild hier jedoch instrumentalisiert wird, um „die Frau von nebenan“ gefügig zu machen – wirkt auf mich wie das reproduzierende Abrufen der limitierenden Weiblichkeitsvorstellung von Hure und Heiliger.

Ihrem Interview mit „W&V Online“ fügte Frau von Hardenberg noch hinzu:

„P.S. Liebe Männer, man kann bei uns auch mehrere Abos anlegen und diese getrennt voneinander verwalten, das heißt pausieren oder beenden. Ihr habt also stets die Zügel in der Hand und bestimmt, wann Schluss ist.“

Warum wirkt das hier gewählte Vokabular nur so… passend?

Weitere Artikel zum Thema:

„Give and you shall receive“ / Femstern

„Gloomy Days bei Bloomy Days: Sex gegen Blumen“ / Genderfail

„Biete Blume, suche Sex“ / taz.de

„Valentinsvulva“ / pinkstinks

The Game.

Zum ersten Mal habe ich von „PickUp“ in meinem eigenen Bekanntenkreis vor einigen Jahren gehört. Dieses Frauenaufreißer-System wurde von jener Sorte Mann* betrieben, mit denen alle auf der Party Spaß hatten, aber keine im Anschluss das Bett teilen wollte. Die Sorte von Typen, bei denen sich die Frauen*  das Herz ausschütteten, aber an die sie es nie verloren. Kurz: everybodys darling, but nobodys lover.

Dass da Frustrationen vorprogrammiert sind, ist sicher nachvollziehbar. Den irgendwie verzweifelt anmutenden Schritt, sich deshalb einer Art Flirtguru-System anzuvertrauen, schien mir jedoch bereits zu diesem Zeitpunkt, lange bevor die ersten großen Artikel zu diesem Thema medial verwurstet worden sind, eher befremdlich.

„Frauen stehen halt auf Arschlöcher!“, wurde von den PickUpern (die ich im Folgenden PUA, also PickUp-Artist nenne) dann rechtfertigend lamentiert. Aber mal abgesehen davon, dass solche stark verallgemeinernden Aussagen sowieso eher schwierig sind – könnte es nicht vielleicht auch so sein, dass Typen, die nicht so viel zu bieten haben (Humor, Talente, Attraktivität, Schlagfertigkeit…), ihre Nice-Guy-Attitüden einfach als Kompensationsstrategie nutzen, um wenigstens die Sympathien auf ihrer Seite zu wissen? Lieber Taschentuchhalter als gar keinen Herzschmerz? Was war zuerst da? Die Unattraktivität oder das Kuschelweich-Superflauschig-Nirgendwo-Aneck-Programm? Wer nicht auf Ja-Sager ohne Selbstwertgefühl steht, fährt im Umkehrschluss auf jeden Fall nicht zwingend auf Arschlöcher ab.  Manchmal hilft eine eigene Meinung und ein gesunder Selbstrespekt jedoch, andere Menschen von sich zu überzeugen. Nur so eine Idee.

Lange Zeit war dieses System, eine Mischung aus Selbstmotivation, psychologischen Strategien und rhetorischen Tricks (getarnt durch eine hieroglyphisch anmutende Geheimsprache) ein Buch mit sieben Siegeln für viele Außenstehende. Vergangene Woche dann (mal wieder) der große mediale Aufschrei: In verschiedenen Werbevideos wirbt der Protagonist Julien Blanc für seine „besonders zielführenden“ Strategien. Unter anderem beschreibt er, wie er gegen den Willen einer Frau, mit ihr geschlafen habe oder wie er als „weißer Mann“ in Japan tun und lassen könne, was er will – beispielsweise die Köpfe wildfremder Frauen beim vorbeigehen in den eigenen Schritt zu drücken. Mit dem Hashtag #chokegirlsaroundtheworld animierte er Männer dazu, Frauen rund um den Globus zu demütigen und sie physischer und psychischer Gewalt auszusetzen. Als kürzlich hier in Berlin ein Seminar von RSD (das PickUp-Coaching-Unternehmen, für das Blanc arbeitet) stattfinden sollte, führte dies zu Protesten von allen möglichen Seiten.

Je mehr ich zu dem Thema gelesen habe, desto stärker wurde die Wut – aber auch die Verunsicherung. Unweigerlich musste ich an die paar PickUp-Nice-Guys aus meinem Bekanntenkreis denken und egal wie skeptisch ich der ganzen Sache auch gegenüberstehen mag: So Recht wollte das durch die Medien gezeichnete Bild der Frauenschänder nicht zu ihnen passen. Ist das Ganze nicht vielleicht einfach nur ein gut inszenierter PR-Gag? Wie lässt sich dieses heterogene Bild, der verunsicherten Verlierer (Kunden) auf der einen und der dominant-brutalen Fraueneroberer (Coaches) auf der anderen Seite zusammenbringen?

RSD ließ mittlerweile verlauten, dass es sich bei dem „Vergewaltigungsvideo“ nur um eine Provokation handeln würde. Doch an wen sollte diese sich sich denn richten? Letztlich handelt es sich – ob überspitzt formuliert oder nicht – um ein Werbeversprechen mit dem Slogan: „Ohne Kompromisse – Ficke wen du willst!“

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Ein Post von Julien Blanc.

 

Es gibt grob nur zwei Möglichkeiten auf so eine Aussage zu reagieren: mit Ablehnung oder (zustimmender) Faszination. PR-Gag hin oder her, ein Promovideo spricht mit solchen Aussagen und Versprechen immer auch diejenigen an, die dafür empfänglich sind – hier findet sich ein ziemlich deutliches Indiz dafür, auf welches Klientel das Unternehmen setzt.

Eine Diskussion darüber, ob das Verhalten von RSD okay ist oder nicht, erübrigt sich eigentlich. Viel interessanter finde ich den Punkt, inwiefern das Bild von PickUp, wie es durch RSD derzeit öffentlich geprägt worden ist, dem Prinzip von PickUp, wie es bereits seit Jahren in den deutschen Clubs und Städten praktiziert wird, tatsächlich entspricht.

Interessiert schaue ich mich also in den großen deutschen PickUp-Foren um und scrolle mich ein bisschen durch Beiträge mit Titeln wie „Ist ein Date ohne Kino auch okay?“, „Auf Tinder kennengelernt und sie meldet sich nicht mehr – was tun?!“ oder „Ich mag meine Kopfform nicht und habe deshalb Komplexe gegenüber Frauen“. Ich sehe verpickelte Abiturienten an ihren Schreibtischen vor jeweils zwei großen Bildschirmen sitzen – damit sie parallel World Of Warcraft spielen und sich dabei die ultimativen Datetipps für das Leben austauschen können, das sie nicht haben. Gleichzeitig ärgere ich mich ein bisschen über mein Klischeedenken, besonders da ich es ja eigentlich besser weiß.

Ihre hierogylphischen Formulierungen erinnneren mich an eine Mischung aus Kindergeheimsprache und den unverständlichen Kurzbzeichnungen, die meine Zahnärztin  bei der Kontrolle immer ihrer Assistentin zuruft. Vielleicht gleich mal vorneweg: Ja, viele Beiträge haben ein bisschen was von Bravo-Dr-Sommer oder den pubertär-verunsicherten Datingfragen in irgendwelchen einschlägigen Teeniezeitschriften. „Nur Flirttipps!“, wie einem ja dann gerne aufgebracht versichert wird. Für einen gewissen Prozentsatz mag das definitiv zutreffen, ich fürchte aber, dass kaum ein Hahn danach krähen würde, wenn solche Filrtforen in einer weniger organisierten Form existieren würden (vermutlich tun sie das sogar und es ist tatsächlich nicht von medialem Interesse). Wo liegt also der Knackpunkt?

Ich habe im Folgenden jene Punkte zusammengefasst, die ich am PickUp-Prinzip problematisch finde:

 

1. Das Spiel

Das Wort „Spiel“ suggeriert, dass es Spieler_innen und Spielregeln gibt. Wir assoziieren mit diesem Begriff einerseits Schlagworte wie „Fairness“ oder „Spielgeist“, andererseits aber auch „Kampf“ oder „Wettbewerb“. Was ist das also für ein Spiel, zwischen zwei angeblich gleichwertigen und gleichberechtigten erwachsenen Menschen, bei dem nur eine Seite die Spielregeln kennt? Bei dem die eingeweihten Akteuere immer männlich*-heterosexuell sind und die unwissende, zu bespielende Fläche immer weiblich*?

Es ist ein sehr großer Unterschied, ob ich mir aus Unsicherheit von anderen Menschen Ratschläge einhole oder mich einer organisiserten Gruppe anschließe, die Frauen lediglich als Austragungsort für ihre „Spiele“ sieht.

Wer unverbindlich jemanden abschleppen will, kann dies meinetwegen auf die Art und Weise tun, wie er oder sie möchte. Man sollte sich jedoch bewusst machen: Wer sich dabei so organisierten Methoden bedient, wird immer auch ein Machtgefälle schaffen und Asymmetrien reproduzieren. Das heißt nicht zwangsläufig, dass jeder PUA ein Verbrecher und jedes „Target“ im Anschluss ein traumatisiertes Opfer ist. Dennoch kann einfach nicht von einer Beziehung auf Augenhöhe gesprochen werden, wenn sich eine Seite Mitteln bedient, die die andere Seite manipulieren und in ihrem Sinne handeln lassen soll.

2. Die Sprache

Sprache ist ein wichtiger Teil unserer Kultur. Wir identifizieren uns mit ihr und wir können durch bewusst gewählte Sprache aktiv unser Umfeld mitgestalten. Dass PUAs mittels einer eigenen Sprache miteinander agieren, empfinde ich sehr bezeichnend. Hier werden Grenzen gezogen, die Gruppe kapselt sich vom Rest der Welt und auch insbesondere von dem Verständnis- und Urteilsvermögen jener Personen ab, die gegen ihren Willen in die ganze Angelegenheit involviert werden. Hier findet also einerseits eine Isolierung und auch gewissermaßen eine Aufwertung derjenigen statt, die der Sprache mächtig sind, andererseits werden durch die gewählten Termini bestimmte Strukturen und Asymmetrien manifestiert.

Durch unsere Sprachhandlungen werden Normen und Machtverhältnisse re_produziert. Sprache ist nie nur ein bloßes Kommunikationsmittel, das auf neutrale Art Informationen vermittelt. (siehe dazu „Was tun? Sprachhandeln.“)

Ich habe hier zwei Besipiele aus dem PUA-Sprachschatz herausgesucht und sie mal genauer beleuchtet.

HB1-10  oder HotBabe1-10

PUAs nennen eine gut aussehende Frau „HotBabe“ und fügen im Anschluss noch eine Zahl ein, wie heiß dieses Babe denn sei (auf einer Skala von 1 bis 10).  In Forenbeiträgen wird dann durchgängig beispielsweise von „HB6“ und „HB7“ gesprochen. Das könnte möglicherweise folgende Konsequenzen haben: Wenn ich Frauen ganz selbstverständlich als „HBx“ bezeichne, dann…

  • … nehme ich mir wie selbstverständlich heraus, Frauen offen zu bewerten und dies wird zur normalen Routine. Dabei kaschiert die Bezeichnung „HBx“ die Subjektivität meiner Ansicht als objektiv mess- und vergleichbaren Wert. Es wird zur Selbstverständlichkeit, Frauen nach einem internem Punktesystem zu bewerten.
  • … beziehe ich mich immer dann, wenn ich von einer Frau spreche, nicht auf die Person, sondern auf den objektifizierenden Wert, den ich dieser Person zugeschrieben habe. Eine neutrale Benennung ist so nicht mehr möglich, eine Benennung wird automatisch zur Bewertung.
  • … kann ich nicht mehr von zwei Frauen sprechen, ohne diese vergleichend aufeinander zu beziehen. Zwei individuelle Personen, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, werden auf einen fiktiven Wert „eingedampft“ und nur anhand dieser Eigenschaft miteinander auf- oder abwertend in Relation gesetzt.
  • … normalisiere und rechtfertige ich diese Sprachhandlung bei jeder Wiederholung.
  • … entscheide ich mich bei jeder Wiederholung gegen eine neutralere Bezeichnung (z.B. „Person A/Person B“ oder die namentliche Benennung der Person) oder eine subjektiver gekennzeichnete Schilderung der Situation (z.B. „die Person, die ich anziehender fand“).

Hier ein treffendes Beispiel, wie abfällig ein PUA von einer „HB5,5“ spricht, die er nur (und dann hoffentlich gut geschminkt und im Dunkeln) nimmt, um Gamer-Erfahrung zu sammeln:

Bildschirmfoto 2014-12-01 um 20.11.52Die Bezeichnungen „PickUp-Artist“ und „Target“

Ausübende PUAs nennen sich selbst „PickUp-Artists“ während Frauen innerhalb dieses Mikrokosmos die Rolle des „Target“ beigemessen wird. Diese Formulierung reproduziert das Männlich-Aktiv-/ Weiblich-Passivitätsmodell, dass sich insbesondere im Zuge der Industrialisierung im 18. Jahrhundert entwickelt hat. Hier werden (teilweise bereits zurückliegende) gesellschaftliche Asymmetrien sprachlich neu zementiert. Der „Künstler“ sucht sich dabei sein „Ziel“ aus und entscheidet, wann er von ihm ablässt.

Ich hab hier noch ein paar schwierige Begriffe und Bedeutungen zusammen getragen, deren Problematik wohl für die meisten Leser_innen auf der Hand liegen dürfte, auf die ich an dieser Stelle aber nicht explizit eingehen werde.

Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.47.01 Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.47.25 Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.47.38 Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.49.40 Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.50.23 Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.50.48 Bildschirmfoto 2014-12-01 um 10.51.23

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3. Der Tenor

Wo ist das Problem, sich Flirttipps zu holen? Oder das eigene Selbstvertrauen ein bisschen aufzupolieren?

Problematisch finde ich den Tenor, dass man durch die richtigen Strategien, Frauen dazu bringt doch noch das zu tun, was man von ihnen möchte. Dieser häufige Unterton, dass sie eigentlich gar nicht „nein“ meint, wenn sie „nein“ sagt oder man sie dann eben psychisch gewissermaßen nicht gut genug „manipuliert“ hat, wenn sie sich verwehrt. Man findet in den PickUp-Foren an jeder Ecke schwierige Aussagen, die eine obsolete Rollenverteilung reproduzieren („der Mann muss führen“, „die Frau muss angelernt werden“, „wichtig ist, die Kontrolle über das Spiel zu behalten“, „du entscheidest, wie das Tempo ist“…) oder ziemlich selbstgefällig und unempathisch bestimmte Situationen schildern („wenn sie mich nicht wollte, lag es natürlich nicht an mir, sondern daran, dass sie eine Zicke war“ o.Ä.).

 

  • Ein PUA darüber, wie man Frauen zum Analsex bringt. Will nicht, gibt’s nicht.

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  • Sie will ihn nicht – zum Glück hat er ihr gleich gesagt, dass er nicht weiß, ob er das akzeptieren kann.

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  • Klar, wenn sie mit ihm keinen Orgasmus hat, kann es ja nur an ihrer eigenen Unerfahrenheit gelegen haben.

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  • Männer haben natürlich die Hosen an, grundsätzlich immer. Aber bei sexuell unerfahrenen Frauen ganz besonders.

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  • Die perfekte Frau: Kochen, Haushalt, Kinder, Bumsen. Daumen hoch!

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  • Ohne Worte. Hoffe ja immer noch, dass es sich um einen ganz besonders „lustigen“ Scherz handelt.

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  • Hauptsache, du behälst die Kontrolle!

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  • Top Vergleich.

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Konklusion

Ja, Flirten kann auch ein Spiel sein und es ist nicht immer verwerflich, andere Menschen nicht vom ersten Moment an über sämtliche persönliche Motive und Hintergründe aufzuklären. Nicht jeder PUA verhält sich Frauen gegenüber respektlos, es gibt sogar einen PickUp-Grundsatz der fordert, „Frauen besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat“ (auch wenn ich diese Formulierung selber nicht ganz unproblematisch finde). Für viele ist PickUp eine Methode, überhaupt irgendwie mit Frauen umzugehen und selbstbewusster zu werden.

Dennoch ist das ganze Prinzip mit Vorsicht zu geniessen. Es gibt zahlreiche Momente, die bei den meisten Außenstehenden nicht zu Unrecht die Intuition auslösen, dass PickUp eine Machtasymmetrie re_produziert und ausnutzt. Außerdem hängt das Klientel (zumindest scheint es nach der Untersuchung öffentlicher Forenbeiträge so), dass PickUp ausübt, größteinteils einer überholten und sexistischen Rollenverteilung nach, die Frauen ganz bestimmte Eigenschaften zuweist und sie nach reduzierenden Kategorisierungsmechanismen bewertet.

RSD ist ein wirklich unsäglicher Vertreter für PickUp in der Öffentlichkeit. Nein, das, was Julien Blanc propagiert, würden wohl die wenigsten PUAs so unterschreiben. Dennoch gibt es einen gewissen Tenor, der vielleicht nicht dazu aufruft, Frauen* zu vergewaltigen – aber sie durch spezielle Strategien eben doch noch irgendwie dazu zu bringen, das zu machen, was man von ihnen will.

 

 


* ich füge zu den Begriffen „Frau“, „Mann“, „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ Sternchen hinzu, um zu markieren, dass ich mich lediglich auf den Begriff beziehe und bei der Verwendung nicht die allgemeine Bedeutung blind reproduzieren möchte. Die Begriffe von „Mann“ und „Frau“ sind nicht ganz unproblematisch, es fällt jedoch schwer, über die Pick-Up-Thematik zu berichten, ohne mich auf jene zu beziehen.

Aufregerin der Woche: Sexuelle Belästigung?

Eine ganz „normale“ Frau. Schwarzes T-Shirt, ohne Ausschnitt. Eine Jeans. Sie läuft schweigend eine Straße entlang. Ob sie dabei irgendwem, irgendetwas beweisen will ist eigentlich egal – sie könnte auch auf dem Weg zur Uni sein oder nach einem stressigen Arbeitstag einfach nachhause wollen. Wer diese Frau ist, was sie anhat, wie es ihr geht oder was sie gerade vorhat ist unerheblich – denn vor den Reaktionen der Männer in ihrem Umfeld, schützt sie weder ein 0815-Outfit, noch ihre offensichtlich distanzierte Haltung.

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– Smile! Smile!

– Beautiful!
– Somebody`s acknowledging you for being beautiful – you should say thank you more!

– God Bless you mami… Damn!

– Nice!

 

Kurz gefasst: Diese Frau wird permanent „angesprochen“. Ich setze dieses Wort in Anführungszeichen, da ich in keiner der Zurufe einen ernsthaften Kommunikationsversuch eines möglicherweise schüchternen Verehrers sehe, der sich dieser Frau ehrlich nähern möchte. „Lächel doch mal!“, „Hey Babe!“, „Verdammt!“ – das sind keine „Flirtversuche“ im eigentlichen Sinne. Das sind Machtdemonstrationen. Bedrängend, beschämend, beschneidend. Hier nehmen sich wildfremde Männer das Recht heraus, diese Frau offen zu bewerten, ihr Anzüglichkeiten zuzurufen, ihr ihren sexuellen Reiz vor Augen zu halten. Sie soll lächeln, sie soll sich sogar noch dafür bedanken. Dieses Video soll verdeutlichen, wie viele Frauen im Alltag übergriffigem Verhalten von ihren Mitmenschen ausgesetzt sind. Umso bedauerlicher, dass es anscheinend immer noch eine ganze Reihe Männer gibt, die sich durch das Sichtbarmachen solcher Strukturen, bedroht und angegriffen fühlen. Wer sich nicht angesprochen fühlt: Herzlichen Glückwunsch! Das heißt ja aber im Umkehrschluss nicht, dass diese Problematik nicht dennoch existiert.

Shoshana Roberts erhält mittlerweise Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Damit ist sie nicht die erste Frau, die sich, nachdem sie sich öffentlich gegen Sexismus und Machtstrukturen eingesetzt hat, mit solchen Bedrohungen auseinandersetzen muss. Beunruhigend. Und, so traurig es auch leider ist: Bezeichnend.

Bevor wir mal wieder einen kleinen Exkurs zu den Abgründen der Kommentarspalten wagen, möchte ich noch einleitend den Reaktionen einiger Frauen auf dieses Video-Experiment Raum geben:

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Achtung: Der nun folgende Teil ist nichts für schwache Nerven. Baldrian raus – Augen zu und durch. Die Top-Tiefpunkte der Debatte.


 

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Genau! Sie war einfach nicht emanzipiert genug! Das wird es sein! Unemanzipiert (als sie „wirklich“ bedrängt wurde) und überempfindlich (als sie es sich eigentlich nur „eingebildet“ hat), jetzt haben wir es! Schließlich liegt es an der Frau, Übergriffe im Vorfeld zu vermeiden und sich dann im Ernstfall, ganz nach dem Geschmack des Kommentatoren Schmidt, angenemessen zu Wehr zu setzen. Sonst ist sie einfach selber Schuld (diese praktische These lässt sich bequemerweise auch auf auf alle möglichen anderen Formen der sexuellen Belästigung – bis hin zur Vergewaltigung – übertragen).

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Na, wie gut, dass dieser Kommentator genau verstanden hat, wo sexuelle Belästigung anfängt (muss auf jeden Fall was anderes sein, als die Szenen die im Video gezeigt werden), um nicht zu sagen: sich die Deutungshoheit darüber nimmt. Harmlose, kurze Sprüche gehören auf jeden Fall nicht dazu. Kurz müssen sie schließlich auch sein, damit möglichst viele Männer pro Stunde zum Zug kommen können.

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„Liebe Frauen (…) bitte werdet EUCH EINIG was ihr wollt“ – genau, weil die FrauTM schließlich ein Produkt ist, das bitte auch immer gleich zu funktionieren hat. Vielleicht rührt sein Problem, das er „mit DEN Frauen“ hat,  auch daher, dass er nicht den individuellen Menschen, sondern nur „die Frauen“ (die nach seiner Aufassung alle die gleichen Bedürfnisse, Geschmäcker und Abneigungen haben) sieht? Ich wurde schon zigfach auf nette Weise (unabhängig davon, ob ich den Mann attraktiv fand oder nicht) angesprochen, das funktioniert tatsächlich, wenn Mann in der Lage ist, durch Blickkontakt und Feingefühl seine Gesprächspartnerin nicht zu übermannen (lol). Trotzdem kenne auch ich das Gefühl, morgens eine andere Klamotte zu wählen, weil ich weiß, in bestimmten Bezirken unterwegs zu sein und dann den ganzen Tag keine Ruhe zu haben, vor übergriffigem und unangenehmen Verhalten meiner Mitmenschen (sprich: Männer). Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe und es ist echt ermüdend, sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht belästigt werden zu wollen. Die Floskel „Ich bin kein Sexist, ABER ich reproduziere sexistisches Gedankengut“ hat mittlerweile einen ziemlich langen Bart.

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„Keine Frau wird einen normalen Mann ansprechen.“

Dich vielleicht nicht.

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Noch so ein goldenes Stück Stammtischrethorik. Bitte notieren: Männer dürfen die Ollen so behandeln wie sie es gerne möchten, erst wenn sie (die Ollen) den Mund aufmachen, kann man das männliche Verhalten (aber nur ganz vielleicht eventuell ein kleines bisschen) als Belästigung werten. Und was passiert dann? Recht des Stärkeren wahrscheinlich, Evolution und so. Vermut‘ ich mal. „Naturgegebene“ Rechte sind schließlich die besten.

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Ergo haben sich Frauen also nur in einem kontrolliert-geschützten Raum aufzuhalten, zu dem bestimmte Männer keinen Zutritt haben – wenn sich frau nicht daran halten kann, selber Schuld! Dann soll sie sich halt wenigstens über die Aufmerksamkeit des Pöbels freuen! Doch wie könnte so ein Raum aussehen? Achja, da fällt mir was altbewährtes ein! Fängt mit „K“ an und hört mit „üche“ auf!

Pixel 1

Klar, das wird von den allermeisten immer direkt verstanden. So was „weiß man als Mann“, der sich so einem Spießroutenlauf sicher schon oft unterziehen musste, auf jeden Fall besser, als jede Frau, die sich mittlerweile eine Strategie aus Ignoranz und Distanziertheit zurecht gelegt hat, um sich vor Übergriffen zu schützen. Dieses „bewusste nicht-reagieren“ ist auf jeden Fall eine gezielte Provokation gewesen, das hat den Männern gar keine andere Wahl gelassen und sie regelrecht zu ihrem Verhalten gezwungen. Echt durchtrieben, wie die Protagonistin ihr Umfeld durch systematische Nicht-Einwirkung manipuliert hat.

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Richtig! Wenn Frauen sich endlich wieder ein wenig „angemessener“ verhalten würden, dann wären sie solchen Übergriffen auch nicht ausgesetzt! Wenigstens so wie in den 90ern (in denen bekannterweise nie jemals eine Frau sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen ist). Noch schöner wäre natürlich, wenn sich diese anbiedernden Weiber endlich wieder besinnen würden und sich wenigstens ein kleines bisschen wie in den 50ern benehmen würden. Da hatten sie zwar gar nichts zu melden, waren aber anstatt hunderten Ledigen, lediglich einem (Ehe)mann ausgesetzt. Auch hier gilt also: selber Schuld!

Pixel 2

Ja, z.B. diese hier, mit ihrem aufreizenden schwarzen T-Shirt und ihrem genervten Blick. Sie hat regelrecht darum gebettelt. Gut, dass sie keinen Rock anhatte, sonst wäre sie, nach diesem Kommentator, wohl noch zu Recht befummelt worden.

Pixel 4

Die Lösung ist gefunden: Wir schaffen einfach ein Frauen-Exil in Münster, dem Mekka des Antisexismus. Aber in den Augen dieses Kommentators, ist das ja eigentlich auch gar nicht nötig. Er sieht das Problem nicht. Und was man(n) nicht sehen kann, das gibt es schließlich auch nicht! Messerscharf kombiniert – 40 Jahre Feminismus für die Katz‘.

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Netter Versuch, leider am Thema vorbei. In dem Video wird gezeigt, wie die Frau sexuellen Kommentaren ausgesetzt, zu Reaktionen aufgefordert und sogar minutenlang verfolgt wird. Das hat nichts mit einem freundlichen Umgangston zu tun. Aber auch das ist wohl eine Vermeidungsstrategie, um sich mit den eigentlichen Inhalten nicht auseinandersetzen zu müssen. Leider nicht sehr originell. Sechs, setzen.

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Des Users Geheimtipp gegen sexuelle Übergriffe: Burka!

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Sehe ich auch so. Schließlich grüßen die ganzen Männer ja auch alle anderen (männlichen) Menschen, die ihnen den ganzen Tag so begegnen. Sicher rufen sie sich auch untereinander anzügliche Bemerkungen über ihre Ärsche zu, oder fordern sich gegenseitig vehement dazu auf, doch mal zu lachen! Klarer Fall von Nächstenliebe. Richtig sozial! Die soll sich mal nicht so isolieren und lieber für alle verfügbar machen.

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Satire? Bitte, sag dass das Satire ist!

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Kann ich so nicht bestätigen. Aber vielleicht ist das was anderes, wenn man keine Freunde hat.


Ich könnte zwar ewig so weiter machen, aber das hat vermutlich keinen Sinn. Lieber bringe ich das Ganze noch zu einem halbwegs positiven Abschluss. Denn, natürlich, sind nicht alle Männer so (was ja auch nie von der Initiatorin behauptet woden ist…). Zum Glück.


 

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Bloß(e) Brüste. Again.

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Neulich wollte mir jemand etwas Gutes tun und hat mir das aktuelle „Philosophie Magazin“ mitgebracht. Morgens beim Frühstück, zwischen Kaffee und Müsli, habe ich mal halbverschlafen durchgeblättert und mich gleich einem (mit Feminismus-Schlagwort gekennzeichnetem) Beitrag der stellvertretenden Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler gewidmet. Der Titel: „Bloße Brüste: Wie gleich sind Mann und Frau?“.

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem halbseitigen Artikel einleitend mit der Frage:

„Gewinnen Frauen wirklich, wenn sie im öffentlichen Raum ihre Brustwarzen zeigen dürfen?“

Stirnrunzeln meinerseits. Hier geht es also gar nicht um die Frage, ob es für eine Frau im speziell-individuellen Fall sinnvoll ist, ihre Brüste zu zeigen, sondern darum, ob es sinnvoll ist, dies auf einer institutionalisierten Ebene für alle Frauen im Allgemeinen zu erlauben oder zu verbieten (so impliziert es zumindest das Wort „dürfen“). Nochmal kurz zur Erinnerung: Aktuell kann das öffentliche Entblößen einer weiblichen Brust hierzulande eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Die Frage der Autorin könnte also auch lauten: „Gewinnen Frauen wirklich, wenn sie selber entscheiden dürfen, ob sie ihre Brustwarzen öffentlich zeigen möchten oder ist es nicht eigentlich besser, ihnen dies pauschal zu verbieten?“.

„Auf den ersten Blick stellt die Initiative, (…), einen überfälligen Schritt in Richtung Gleichheit dar: Frauen haben nicht nur ein Recht auf gleiche Berufschancen wie Männer, sie haben auch ein Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit.“

Dabei bezieht sie sich lediglich auf das „Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit„. Dass dem Zeigen der weiblichen Brust (beispielsweise im Rahmen politischer Aktionen) auch noch eine ganz eigene Dynamik inhärent ist, bleibt leider unberücksichtigt. Im Rahmen der FEMEN-Aktionen heißt die nackte Brust im Prinzip: Ihr wollt Titten? Ihr bekommt Titten! Aber nicht dann, wenn ihr sie bestellt habt, sondern wenn wir das möchten. Wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft, in der die weibliche Brust ständig präsent ist. Die völlig abwegige objektifizierende Darstellung in den absurdesten Zusammenhängen wird als gesellschaftlich „normal“ angesehen und akzeptiert. Frauen haben ihre Brüste nur dann zu zeigen, wenn dies unserer kapitalistisch-patriarchal geprägten Sozialdynamik entspricht. Das selbstbestimmte Entkleiden der weiblichen Brust stellt also eine Art „Schwimmen gegen den Strom“ dar, kann im speziellen Fall als politisches Statement verstanden werden und bekommt so noch eine ganz andere Dimension, als eben nur das „Recht auf gleiche körperliche Freizügigkeit“ – es kann als das Einfordern auf das „Recht auf gleiche körperliche Selbstbestimmung“ verstanden werden.

„Bei genauerem Hinsehen aber kann die Frau durch die Entblößung ihrer Warzen nur verlieren.“

Kann nur? Besteht gar keine andere Möglichkeit als diese von der Autorin vorgegebene? Ich finde diese Behauptung schwierig, da sie etwas undifferenziert erscheint und im Folgenden noch so schwach argumentativ untermauert wird.

„Entweder sie wird, mehr als sie es ohnehin schon ist, zu einem Objekt der Schaulust degradiert. Schließlich ist die Brust in unserem Kulturkreis seit eh und je sexualisiert, und es spricht wenig dafür, dass sich dieser Tatbestand allein durch eine feminsitische Kampagne ändert.“

Ja, natürlich kann die nackte Frau zum Objekt der Schaulust „degradiert“ werden – dies geschieht wenn dann aber nicht aufgrund des Entblößens ihrer Brust, sondern, weil die bewertenden Blicke, die sie „degradieren“, einem patriarchal-vergeschlechtlichend strukturiertem Vergesellschaftungsmodus unterworfen sind. Das Problem wäre also nicht die Aktion, sondern die Bewertung der Aktion – was wiederum als Indikator fungiert, um unsere als „normal“ verinnerlichten Gesellschaftsstrukturen sichtbar zu machen. Die Argumentation, etwas nicht ändern zu müssen oder zu können, da es seit „eh und je“ so gewesen sei, finde ich nicht sehr überzeugend. Es haben sich außerdem schon viele Dinge in unserer Gesellschaft geändert, weil es in der Vergangenheit feministische Kampagnen gab. So abwegig ist dieses Szenario also gar nicht.

„Oder aber der Busen verliert durch die Macht der Gewohnheit nach und nach tatsächlich seinen erotischen Reiz; seine Entblößung ruft nicht mehr Verlangen hervor, als ein nackter Männeroberkörper.“

Es geht ja nicht darum, immer und überall Brüste zu zeigen. Es geht auch nicht darum, dass wir alle nackt rumlaufen wollen. Absurd ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die sexualisierte Darstellung von Brüsten durch eine regulative dritte Instanz akzeptiert wird, die autonome Entscheidung einer individuellen Frau, sich vielleicht auf Strandurlaubsfotos für Facebook nicht selber zensieren zu wollen, hingegen abgelehnt wird.

„Erotik braucht das Geheimnis der Verhüllung. Eine Erkenntnis, die sich auch aufmerksamkeitshungrige Aktivistinnen zur Brust nehmen sollten“.

Wow. Der Abschluss pfeffert nochmal ganz schön rein und hinterlässt nach dem Lesen des Beitrags einen arg konservativen Nachgeschmack. Es geht hier nicht um Erotik, sondern um Sexismus. Ich glaube nicht, dass sich wütende, nackte Aktivistinnen (die die Autorin hier abschätzend als lediglich „aufmerksamkeitshungrig“ bewertet), beschämt ein Handtuch vor die entblößten Möpse halten, wenn ihnen jemand sagt, sie könnten dabei ihre erotische Ausstrahlung auf Männer verlieren. Darum ging es schließlich lang genug.

Re: Free Your Boobs!

Auf den Beitrag „Free Your Boobs!“ habe ich einige Rückmeldungen erhalten – für euch habe ich heute die interessantesten zusammengefasst.


Ein Leser hat folgende Frage gestellt:

„Nackte Brüste sind in Tageszeitungen, Videoclips und Anzeigen vollkommen normal?! Du lebst doch auch in Deutschland, wo sind diese nackten Brüste?!“

Da der Bedarf offensichtlich groß war, habe ich mir mal die Mühe gemacht, ein paar schöne Beispiele für Werbung herauszusuchen, bei der Brüste (knapp bekleidet, hochgebunden, entblösst) im Mittelpunkt stehen. Ich habe mich dabei auf deutschsprachige Werbung beschränkt, da sich der Kommentator selbst auf Deutschland bezogen hat – aber die Auswahl war auch groß genug. Nach einiger Zeit ist mir regelrecht langweilig geworden, denn es war immer dasselbe…

Produkt: Brillen? Motiv: Brüste! Produkt: Bier? Motiv: Brüste! Produkt: Elektronik? Motiv: Brüste! Produkt: Radiosender? Motiv: Brüste, Brüste, Brüste!

Ich habe mich dazu entschieden, Werbung für Erotikartikel, Dessous, Bademoden oder Ähnlichem außen vor zu lassen, um die Absurdität der Tatsache, was alles so mit Brüsten beworben wird, noch mehr hervorzuheben. Ihr könnt also davon ausgehen, dass keine der unten abgebildeten Werbungen auch nur im entferntesten etwas anpreisen, das irgendwie nachvollziehbar mit der weiblichen Brust im Zusammenhang stehen könnte.

Brüste

„Manche mögens heiß!“ | „Lass das Biest raus!“ | „Darf’s a bisschen mehr sein?“ | „Für mehr Offenheit.“  | „Sie lieben Ballsport?“  | „Mehr muss man nicht anhaben!“  | „Geil auf Pizza?“ | „Endlich kann ich, so oft ich will!“  | „Unsere Preise sind so knapp, wie dieser Bikini!“  | „Die Neue. Kommt schneller als die Alte, ist besser gebaut und macht, was man ihr sagt!“

Werbung, in denen Produkte mit sexualisiert dargestellten Brüsten beworben werden, sind keine Ausnahmeerscheinungen! Große und kleine Unternehmen setzen auf diesen „Trigger“, der positive Assoziationen zum Produkt und mit Sicherheit auch in erster Linie Aufmerksamkeit erregen soll.

Hier die Art der beworbenen Produkte und Firmen: Astra (Bier), Puntingamer (Bier), Reven (Luftreiniger), Karstadt (Kaufhaus), Löwenbräu (Bier), Schwäbische Stadthallenwerbung, Faschingsfeier, Media Markt (Elektronikhandel), Radio Lora, Hirter (Bier), Optiker, Radio Arabella, Viva Con Aqua (Spendenorganisation), Lieferservice, Redcoon (Onlinehändler), Wellnessangebot, Nordsee (Restaurantkette), Gitsche (Holzhandelsfirma), Bet at home (Sportwetten), Boch (Sanitär), Netkellner (Lieferservice), Tom Ford (Herrenparfum), Sony (Elektronik), Cinemaxx (Kino), Antenne Koblenz (Radio), L’Tur (Reiseveranstalter), Neue Nordhäuser Zeitung, PR CAR (Autoservice), Dachdeckerei Schröder, American Apparel (Modemarke), Witz (Recyclingfirma), RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten), Pantene Pro-V (Haarpflege), Partyflyer, Platzer (Transportfirma), XLink (Telekommunikationsfirma), Shark (Energiedrink), Schider-Schilder (Werbung), Ryanair (Fluggesellschaft)

Manche Anzeigen habe ich auf folgenden empfehlenswerten Seiten gefunden: Watchgroup Salzburg#ichkaufdasnicht

Und zum Thema Tageszeitungen – hier nur ein aktuelles Beispiel für eine Tageszeitung, die direkt auf der Startseite (unübersehbar neben ihrem Logo) eine sexualisiert dargestellte Frau präsentiert:

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Nun könnte man die Gegenfrage stellen: der Kommentator lebt doch auch in Deutschland – wie kann es sein, dass ihm die Flut sexualisierter Darstellungen der weiblichen Brust in Medien und Werbung überhaupt nicht mehr auffällt? Schon so abgestumpft?


Dann hat mir die liebe Nina für ihren Blog „Busenfreundinnen“ ein paar Fragen zum Artikel und generell zu meinen Ansichten gestellt – in Kürze wird ein komplettes Gespräch zum Thema auf ihrem Blog zu finden sein. Hier ein kleiner Vorgeschmack.

Bist du stolz eine MUSCHI alias Frau zu sein? Was bedeutet für dich Frau sein?
Ich bin so wenig stolz auf mein Geschlecht wie auf meine Nationalität. Ich finde nicht, dass das Dinge sind, auf die man stolz sein kann.
Frau-sein bedeutet für mich nichts anderes als Mensch-sein. Mein Geschlecht ist nicht der Indikator, der mich von 50% der „anderen“ Menschen grundlegend unterscheidet und mich mit dem Rest pauschal verbindet. Ich habe Prinzipien, Werte und Moralvorstellungen als Mensch – nicht primär als Frau.

Findest du Brüste schön? Egal, ob groß oder klein?
Klar, was wäre eine Welt ohne Brüste?!

Kannst du das heterosexuelle, männliche Wesen verstehen, wenn sie an dem weiblichen Busen hängen bleiben?
Ich muss nicht versuchen, mich dafür in den  „ominösen Heteromann“ hineinzuversetzen – ich schau selber gerne auf schöne Brüste und ich kenne keine Frau in meinem Umfeld, der es nicht auch so geht. Brüste sind keine Erfindung für den Heteromann und es ist ein Mythos, dass nur Männer „am weiblichen Busen hängen bleiben“.  Also kurz: klar, kann ich das verstehen. Ich finde aber nicht, dass es sich dabei um ein ontologisch männliches Phänomen handelt.

Mir wurde ja oft gesagt, dass ein Hetero-Mann nicht anders kann. Aufgrund ihres Testosterons sind sie den weiblichen Rundungen komplett verfallen. Hirn und Herz rutschen in die Hose und denken nur noch daran, wie sie an die Rundungen ran kommen. Sie meinen das nicht böse, nein, ganz und gar nicht, sie können nicht anders, da sie ihrem Instinkt und Trieb, welcher ja schon immer da war und immer da sein wird, weil es ja auch um die Fortpflanzung geht und der Mensch auch „nur“ ein Säugetier ist, verfallen sind. Glaubst du das den Herren?
Also erstmal kenne ich keinen Mann, der sich selber so beschreiben würde. Warum? Weil es im Grunde total männerfeindlich ist, anzunehmen, ein Mann wäre nichts als ein auf seine Triebe reduziertes, schwanzwedelndes Wesen, der beim Anblick eines blanken Busens (was in unserer Gesellschaft nun auch nicht gerade selten ist), die Kontrolle über seinen Verstand verliert. Ich glaube, dass unangemessenes Verhalten sehr häufig einfach aus unbedacht reproduzierten gesellschaftlichen Strukturen und Gewohnheiten entsteht.

Beispiel: Es gibt Männer, die Frauen auf Partys einfach anfassen, weil sie denken, dass das normal oder „schon okay“ wäre, sich dabei einfach keine Gedanken über die Empfindungen ihres Gegenüber machen. Viele Männer würden so etwas aber niemals tun, weil sie genau wissen, wie unangebracht das wäre. Daraus lässt sich ableiten, dass nicht das biologische Geschlecht, sondern deine Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung, dich ungefiltert triebgesteuert handeln lässt.
Aussagen wie „Männer sind halt so“ oder „Männer können einfach nicht anders“ sind durch und durch sexistisch.

Siehst du dich mit deiner Aktion auch als Demonstrantin? – die für Gleichberechtigung demonstriert?
Ich finde nicht, dass man es als Aktion bezeichnen kann, wenn man sich morgens für oder gegen einen BH entscheidet. Ich will auch gar nicht, dass so einer banalen Sache so viel Bedeutung beigemessen wird – eigentlich ist sogar genau das der Punkt, den ich kritisiere. Ich will, dass das selbstverständlich ist und andere Menschen mich deshalb nicht anders behandeln.

Da kommt mir dir Frage, werden wir je gleichberechtigt sein, wenn uns das Testosteron fehlt?
„Uns“ fehlt das Testosteron nicht, es ist sogar maßgeblich für „unsere“ Lust mitverantwortlich. Ein körperliches Attribut sollte außerdem nichts mit Gleichberechtigung zu tun haben, warum auch? Sonst könnte man sich auch die Frage stellen, ob schwarze und weiße Menschen gleichberechtigt sein können, obwohl ihre Haut unterschiedlich pigmentiert ist.

Wir Frauen, wissen ja nicht, was aufgrund des nicht gleichen Hormonaushaltes, in den Herren vorgeht, genauso wenig, wie die in uns. Wird es dann je Gleichberechtigung geben auf diesem Gebiet?
Dieser Aussage würde ich ganz vehement widersprechen. Ja, Männer und Frauen haben einen unterschiedlichen Hormonhaushalt, aber das ist ganz sicher nicht die Grundlage dafür, dass alle Männer gleich funktionieren, alle Frauen anders und sie sich aufgrund dieser Tatsache nie ganz verstehen werden. Das stimmt einfach nicht. Ich führe zu einigen Männern ein sehr inniges Verhältnis und sie stehen mir intellektuell und emotional um ein Vielfaches näher, als die meisten Frauen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Ich unterscheide mich in meinem Wesen von vielen Frauen mehr, als von manchen Männern. Und natürlich gibt es auch einige Frauen, die mir sehr Nahe stehen – aber das liegt nicht daran, dass sie weiblich sind. So was lässt sich einfach nicht am Geschlecht ausmachen.
Ich glaube, dass diese Art von Geschlechterdualismus, die uns glauben lassen will, dass Frau und Mann eben so unüberwindbar verschieden seien, der Motor für Asymmetrien in unserer Gesellschaft sind und diese Vorstellung eines binären Geschlechtermodells daher (zumindest in dieser allgegenwärtigen und exzessiv-präsenten Form, wie wir es zur Zeit gewohnt sind) überwunden werden muss, um eine allumfassende Gleichberechtigung zu schaffen.


Zum Abschluss noch zwei interessante und bereichernde Kommentare, weiblicher Leserinnen via Facebook – nochmal ein anderer Blickwinkel! Um ihre Privatsphäre zu wahren, habe ich Namen und Profilbild unkenntlich gemacht. Ich bedanke mich herzlich für diese beiden Beiträge!

 

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#24hPolizei feat. Geschlechterdiskurs

Diese Woche hat uns die Berliner Polizei, im Rahmen einer gelungenen PR-Aktion, 24 Stunden über alles informiert, was in der Hauptstadt so anfiel. Als ich gerade interessehalber die ganzen Beitrage durchgeschaut habe, sind mir vor allem geschlechtsspezifische Auffälligkeiten ins Auge gefallen.

– Wenn von häuslicher Gewalt (bzw. von Gewalt zwischen Mann/Frau) die Rede war, ging diese ausschliesslich von Männern gegen Frauen aus.

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– Wenn in einem zweigeschlechtlichen Verhältnis eine Person bedrängt worden ist, dann war dies die Frau.

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– Wenn ein unbestimmter Hilferuf wahrgenommen worden ist, dann war dieser weiblich.

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– Wenn der bloße Verdacht einer möglichen Straftat ausgesprochen worden ist, dann richtete sich dieser (anscheinend unbegründete) Verdacht ausschliesslich gegen Männer.

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– Wenn eine Person hilflos und schutzbedürftig war, dann handelte es sich fast ausschliesslich um Männer.

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In der Vergangenheit hat es einige Studien und nicht wenige Diskussionen gegeben, die belegen wollten, dass Männer und Frauen gleichermaßen von häuslicher Gewalt betroffen wären. Daher habe ich es als sehr auffällig empfunden, dass ich zwar zahlreiche Beiträge gefunden habe, die Gewalt gegen Frauen thematisieren, aber keinen einzigen, der Gewalt gegen Männer (durch Frauen) behandelt (ich habe nur einen Beitrag gefunden, in dem eine alte, verwirrte Frau ihren Mann nicht mehr in die gemeinsame Wohnung lassen wollte – das steht aber wohl in keinem Verhältnis zu Häufigkeit und Intensität der aufgeführten Beispiele oben).

Ich sehe diesen Umstand keinesfalls als fadenscheinigen „Beleg“ dafür, dass Männer nicht auch unter Gewalt innerhalb von Partnerschaften leiden können. Doch woran liegt es, dass die Tweets so deutlich einseitig geprägt sind? Rufen Männer einfach nie um Hilfe? Oder ist der Anteil der Männer, der bei solchen Situationen krankenhausreif geschlagen wird, im Verhältnis einfach tatsächlich wesentlich geringer? Ist die Schwelle für Frauen viel niedriger, Hilfe zu erfragen? Sind Frauen eben doch signifikant häufiger von massiver häuslicher Gewalt betroffen? Oder melden sich Männer einfach in solchen Situationen nicht bei der Polizei?

Gleiches gilt für die unbestimmten „Hilferufe“: rufen Frauen eher nach Hilfe, als Männer? Oder werden Frauen einfach eher als Männer als Opfer wahrgenommen? Hilft man Frauen eher als Männern? Oder geraten Frauen öfter als Männer in die Situation sich Hilfe suchen zu müssen? Versuchen sich Männer eher selbst zu helfen, als Frauen? Können Frauen sich überhaupt selber helfen?

Dem gegenüber stehen dann die tatsächlich hilflosen und verwirrten Personen: die waren nämlich in der Regel männlich (und haben nicht selbst um Hilfe gerufen). Und wenn jemand einfach pauschal als Täter verdächtigt worden ist, dann war das natürlich ein Mann. In Anbetracht der ganzen anderen Vorfälle zu Recht? Oder ist der Generalverdacht gegen das männliche Geschlecht nur eine Nachwirkung der möglicherweise einseitig repräsentierten Vorfälle?

Besonders interessant fand ich auch den Aspekt, dass besonders viele Männer nicht von ihren Ex-Freundinnen ablassen konnten. Folge von strukturell verankertem Sexismus? Können diese Männer eine Abweisung einfach nicht ertragen? Oder stehen in der Realität genauso viele Frauen vor den Türen ihrer Ex-Männer – ohne, dass dies zur Anzeige kommt? Üben verlassene Frauen einfach auf eine andere Art Druck auf ihren Ex-Partner aus? Und wenn ja, woran liegt das?

 

Alles in allem sehe ich diese Tweets als treffendes Beispiel dafür, wie die Täter-Opfer-Rollenverteilung in unserer Gesellschaft ausgerichtet ist und wie Männer (stark, brutal, Täter)/ Frauen (schwach, hilflos, Opfer) oft wahrgenommen werden. Viele der Fragen sind sicher nicht so schnell final beantwortbar – aber sie bieten immerhin einige interessante Denkanstösse.

 

Sicher ist diese Momentaufnahme, die wir vom Alltag der Berliner Polizei erhalten haben, nicht repräsentativ und es kann natürlich auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Auswahl der Vorfälle* und die subjektive Wahrnehmung der Tweet-Verfasserinnen und Verfasser das Bild verzerrt. Ich kann außerdem nicht ausschliessen, bei den zahlreichen Tweets etwas übersehen zu haben!

*Angeblich wurden alle Einsätze wiedergegeben.

Happy Muschi-Day!

Was bleibt, wenn die rote Rose verwelkt und auch der letzte Rabatt-Code im Zeichen des Feminismus eingelöst worden ist? Frauentag-Retrospektive 2014.

Am Samstag wurde weltweit der internationale Frauentag „gefeiert“, kommentiert oder zumindest medial bemerkt. Man konnte der Dauerversorgung mit unterschiedlichster Berichterstattung und „Beglückwünschungen“ kaum entgehen, sei es auf Facebook oder im Radio – sogar auf dem Weg zur S-Bahn wurde ich morgens von einem Typen abgefangen, der mir zum Frauentag eine Rose schenken wollte. Ob blumige Giftcard oder tolles „Frauentag“-Angebot im Online-Shop, nach 24h-Stunden Presserummel ist es an der Zeit eine Bilanz zu ziehen. Die Bild-Zeitung stellte die Frage in den Raum, ob wir solche Aktionstage überhaupt brauchen würden – Frauentag, Vegetariertag, Biertag (ist das nicht alles das Gleiche?). Was war eigentlich nochmal der Sinn, dieses Tages und was ist überhaupt noch davon übrig geblieben?
Ursprünglich entstand der internationale Weltfrauentag zur Zeit des ersten Weltkrieges, als beispielsweise für das Wahlrecht der Frauen gekämpft worden ist, als Zeichen für Gleichberechtigung und weiblicher Emanzipation. Ein Tag, an dem man auf Erfolge zurückblicken und sich auf noch unerreichte Ziele besinnen konnte. Wenn man jedoch in den letzten Tagen eine Zeitung aufgeschlagen oder bei Facebook die Timeline durchgescrollt hat, schlug einem wenig politisches Engagement, dafür aber umso mehr florales Arrangement entgegen. Was einst der Vergegenwärtigung eines politischen Kampfs diente, wird heute als gewöhnliche Werbestrategie zunächst missverstanden und schliesslich missbraucht. Nicht ganz unberechtigt twitterte „Marx21“: „Frauentag? Blumen oder gleiche Löhne?“

Seit wann möchte ich zu meinem „biologischen Geschlecht“ beglückwünscht und im Sinne der Emanzipation mit klischeegemäßer (Rosa! Shopping! Blumen!) Selbstgerechtigkeit beschenkt werden? Offensichtlich ist das ursprüngliche Anliegen dieses Tages kaum noch in den Köpfen der meisten Menschen verankert, es ist vielmehr ein fragwürdiger Anlass geworden, eine falsch verstandene „Weiblichkeit“ bestenfalls grundlos, wenn nicht profitorientiert, zu zelebrieren. Nicht verwunderlich, dass renommierte Hotelketten und Wellness-Tempel ebenfalls auf den Zug aufsprangen und mit Verwöhnangeboten und Beautyspecials warben, Shopping-Events und Rabattaktionen gestartet wurden – alles im Zeichen des Frauentags. Ich habe mich ein bisschen im Netz umgesehen und bin auf zahlreiche mehr oder weniger fragwürdige Beispiele gestossen…

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Shopping Queens, Catwalk, Chicks, VIP-Lounge… da schlägt mein Frauen-äääh-Chica-Herz gleich höher!

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Frauentag, Biertag… ist doch alles das Gleiche, oder?!

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So läuft der Hase!

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Welche Frau möchte keine Prinzessin sein? Zum Glück gibt’s am Frauentag Gelegenheit dazu!

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Schnell, schnell, schnell! Frauentag ist nur einmal im Jahr!

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Scherz, den ich nicht verstanden habe? Kochen, Spülen, Kinder? #Hausfrauentag, #Klischeetag, oder wie?

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Ich weiß, das ist eigentlich im positiven Sinne gemeint… aber warum muss man sich denn überhaupt gegenseitig beherrschen?

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Und natürlich: Blumen, Blumen, Blumen!

Von harmlosen Shopping-Angeboten bis zu anzüglichen Sprüchen ist alles dabei, was das Hashtag-Herz begehrt. Das Ungleichgewicht zwischen gehaltlos-kommerzialisierten und politisch motivierten Beiträgen ist dabei enttäuschend und alarmierend. Natürlich tut ein gratis Nagellack bei jeder Bestellung keinem weh, aber es unterwandert den Sinn der ganzen Sache und entwertet sie gewissermaßen auch. Ich muss nicht dafür gefeiert werden weiblich, männlich, schwarz, weiß, groß oder klein zu sein. Und auch meinen Beitrag für die Gesellschaft kann ich von keinem der genannten „Eigenschaften“ pauschal ablesen, sodass man mir an einem willkürlich auserkorenen Tag nun einfach mal für irgendwas danken müsste. Solche Tage wurden initiiert, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Missstände die nicht nur Frauen, sondern auch Männer betreffen können – Bier hingegen jedoch eher weniger (da muss ich die Bild-Zeitung jetzt leider mal enttäuschen). Und auch an einem Männertag verspüre ich weniger das Bedürfnis meinen Freund, Chef oder Friseur für seinen Schwanz zu beglückwünschen (und diese Geste dann am besten mit einem männlichen Kasten Bier, einer Fußballkarte oder einem Live-Strip zu unterstreichen), als sich beispielsweise mit der Problematik von Väter-Rechten in unserer Gesellschaft oder der Abwertung von Männern in sozialen Berufen zu beschäftigen.

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Natürlich habe ich den freundlichen Typen morgens auf dem Weg zur Bahn nicht dumm angemacht, für seine Bemühungen mir eine Blume schenken zu wollen (sondern lediglich höflich darauf hingewiesen, dass sich eine andere Frau mehr darüber freuen wird). Schliesslich war das eine nett gemeinte Aktion und hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich sehr daran interessiert gewesen, was ihn zu dieser Geste motiviert hat. Ich möchte an dieser Stelle auch niemanden angreifen, der einfach nur aus Nettigkeit Gratulationen und Blumengeschenke verteilt hat. Ich persönlich habe mich allerdings mehr über hämisch-ironische Kommentare wie diese hier gefreut, die ich zwischen all der missverstandenen „Frauenfreundlichkeit“ erfrischend und unterhaltsam fand.

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In diesem Sinne verbleibe ich statt mit obligatorischem Blumenbouquet mit einem solidarischen: fühlt euch gefickt!

Lesetipps zum Thema:

Frauentagfails auf Tumblr

„Flower Power?“ auf Mädchenblog

Beitrag von Dandyliving

Beitrag von Marinas Lied