Oh Biggie… #schellefürkelle

Heute wird es mal wieder Zeit für eine virtuelle Schelle für die Kelle. Die Biggie und ich sind selten einer Meinung. Das wussten wir bereits. Nachdem ich nun langsam ihren ersten Rundumschlag verdaut zu haben glaubte („Dann mach doch die Bluse zu!“), legt die erzkonservative Familienverteidigerin nochmal ordentlich nach – ein bisschen Sexismus hier, ein obsoletes Weltbild da, garniert mit einer saftigen Portion Populismus, schon hört man sie förmlich aus der Küche flöten: Bullshit ist fertig! 

Ein neues Buch ist geschrieben und will beworben werden – klar, dass sich das Sprachrohr des deutschen Erzkonservatismus  nicht zwei Mal bitten lässt, um sich mit fragwürdigen Behauptungen ins Gespräch zu bringen. Im aktuellen Focus bittet die „Demo für alle„-Aktivistin („für alle“ = heterosexuell, christlich-konservativ und am besten in klassischer Familienstruktur organisierte Menschen = eben nicht „für alle“) nun, dass man sie bitte nicht „vollgendern“ solle. Sie selbst verortet sich als „eindeutig weiblich“ und hat kein Verständnis für jene, die sie abfällig als die, „die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sind“ bezeichnet. Diese diffamierende Wortwahl hinterlässt einen ähnlich bitteren Nachgeschmack, wie die Vorstellung, dass ein gehender Mensch einen rollstuhlfahrenden Menschen verspotten würde, weil dieser seiner Meinung nach „zu blöd zum Laufen“ sei. Für Frau Kelle mag es vielleicht erfreulich sein, dass sie sich in dem heteronormativen System einer binär strukturierten Gesellschaft so passend verorten kann – damit genießt sie jedoch ein Privileg, das nicht jedem ihrer Mitmenschen zuteil wird. Sich auf seine gegebenen Privilegien etwas einzubilden und diejenigen, die durch das limitierende Raster fallen, zu diskriminieren und herablassend zu verspotten, scheint selbst ihren sonst so fundamentalistisch propagierten „christlichen“ Werten wenig gerecht zu werden.

„Berlin hat zwar keinen modernen Flughafen, aber in manchen Bezirken drei Türen, wenn Sie aufs Klo müssen. Man muss Prioritäten setzen. Gendersensibel nennt es sich, dass wir neuerdings Unisextoiletten vorfinden, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind.“

Der Auftakt ihres Focus-Beitrags beginnt bereits ziemlich frustrierend: Tatsachen verdrehend, populistisch und schlicht falsch. Erstens ist es keineswegs so, dass, wie es in diesem Satz suggeriert wird, flachendeckend bezirksweit Unisextoiletten eingeführt worden wären. Nur in vier von zwölf Bezirken ist die Idee der Unisextoilette überhaupt ernsthaft im Gespräch gewesen, nach etlichen Monaten Stillstand wurden zögerlich einige wenige realisiert: z.B. eine Toilette in Tiergarten, eine im Gesundheitsamt Mitte und in insgesamt drei Bürgerämtern. Diese wurden auch nicht, wie Kelles Formulierung erwarten lassen könnte, neu gebaut, sondern bereits vorhandene Toiletten neu ausgewiesen. Einzige Investition: Ein neues Schild an der Tür.1 Und selbst dafür reicht es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Aufgrund einer Haushaltssperre müssen die Unisex-Toiletten warten.2

Wirklich unerhört, wie hier mit den Steuergeldern umgegangen wird! Nicht mal für den Flughafen reicht es! Nicht mal für jenen (bereits über 4 Milliarden Euro teuren) Flughafen, der nichts, aber auch rein gar nichts mit der Finanzierung von ein paar genderneutralen Türschildern zu tun hat. Jenem Flughafen, dessen Eröffnung seit Jahren wegen diverser Fehlplanungen, baulicher Mängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen verschoben wird – und nicht etwa, weil Mehdorn persönlich damit beschäftig ist, in Berlin-Mitte neue Türschilder an die Klos zu schrauben, statt sich um die Eröffnung zu kümmern.

Hier stehen reale Milliarden-Verluste einer Haushaltssperre gegenüber, die nicht einmal ein neues Kloschild finanzieren kann. Es wird deutlich: Frau Kelle spielt gezielt mit der Wut und den Ängsten der Menschen. Kein Flughafen, aber Klos für die „Unentschlossenen“ unter „uns“ (und eigentlich gehören „die“ ja gar nicht so richtig zu „uns“)?! Hier scheint kein noch so weit hergeholtes Pseudoargument zu absurd, um gegen eine verhältnismäßig völlig unerhebliche finanzielle Investition zu wettern und die dahinter stehende Idee ins Lächerliche zu ziehen.

Nicht weniger kritisch erscheint der süffisante Zusatz „…, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind“. Das klingt ja nach einem echten Luxusproblem, damit die „Unentschlossenen“ unter uns zukünftig nicht vor jedem Klogang eine Münze werfen müssen, um zu entscheiden, welche Tür sie wählen. Die Realität sieht jedoch anders aus und kann für Betroffene mehr als belastend sein, wenn den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen im öffentlichen Raum nicht nachgegangen werden kann, ohne mit unangenehmen sozialen Konfrontationen, Anfeindungen oder Ausgrenzungen rechnen zu müssen. Fakt ist, dass es viele Menschen gibt, für die die Existenz einer Unisextoilette sinnvoll sein könnte. Da wären zum einen die rund 15.000 Menschen, die seit 1995 in Deutschland ihre geschlechtliche Identiät verändert haben3. Hinzu kommen beispielsweise intersexuelle Menschen – jeder 2000. Mensch, wird mit Geschlechtsmerkmalen geboren, aufgrund derer er nicht eindeutig als „Mädchen“ oder „Junge“ zu kategorisieren ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen wird mit bis zu 120 000 angegeben.Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer jener Menschen, die durch solche Statistiken überhaupt nicht erfasst werden, zum Beispiel, weil sie sich mit dem Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, nicht identifizieren können, es jedoch nicht per gerichtlichem Entscheid formal ändern lassen. Aber auch für Väter kann die Unisextoilette hilfreich sein: Gab es Wickeltische bislang meist nur in den Frauentoiletten (was wiederum eine sexistische Rollenverteilung reproduziert), könnte die Unisextoilette ein neutraler neuer Ort für den Wickeltisch sein –  ein Fortschritt für ein egalitäres Familienmanagement, sowohl für heterosexuelle, als auch schwule Paare und nicht zuletzt: alleinerziehende Väter.

Mal zum Vergleich: In Deutschland leben rund 150 000 blinde Menschen.5  Das ist kein Problem, dass alle Menschen betrifft und auch keins, das die meisten Menschen betrifft. Vor allem ist es kein Problem, das Frau Kelle persönlich betrifft. Nach ihrer Logik scheint dies also ein guter Grund zu sein, gegen die Ausrüstung öffentlicher Beschilderungen mit Braille-Schrift zu wettern. Vermutlich würde sie sich niemals so positionieren, das Beispiel verdeutlicht dennoch die Systematik, die hinter ihrem Argumentationsstil steckt: Er ist geprägt von Egozentrismus und Intoleranz.

Birgit Kelle biedert sich nicht nur einer uninformierten und reaktionär denkenden Bildzeitungsleserschaft an, sie scheint in vielen Hinsichten selber gar nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich spricht. Das bewies sie nun einmal mehr in der Talkshow „Hart aber fair“. Als Anne Wizorek beispielsweise die These äußerte, dass geschlechterspezifisch beworbenes Spielzeug lediglich eine Marketingstrategie der Industrie sei, die nichts zwingend mit den „natürlichen“ Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun haben müsse, versuchte die vierfache Mutter Kelle dies zu widerlegen, indem sie beschrieb, dass sich ihre Töchter in den ersten Lebensjahren sehr wohl mit allen möglichen Sorten von Spielzeug gerne beschäftigt hätten, sich dies jedoch mit dem Besuch vom Kindergarten schlagartig änderte. Pink und Glitzer seien plötzlich angesagt gewesen – für Kelle ein eindeutiger Beweis dafür, dass das „Pink und Glitzer“-Programm unvermeidbar in die Mädchengenetik eingraviert sei und nichts mit Sozialisierung und Erwartungshaltung von außen zu tun hätte. Da musste selbst Talkmaster Plasberg schmunzeln.

Nicht nur ihr jüngster Beitrag im Focus, auch der Auftritt bei „Hart aber fair“ ist durchzogen von inneren Widersprüchen und dem Bezug auf falsche „Tatsachen“. Kritik kann nicht zuletzt auch die Genderforschung selber voranbringen und konstruktiv sein – in diesem Fall scheint es jedoch nur allzu offensichtlich, dass die Kritikerin selbst einer „Ideologie“ (um bei ihrem Jargon zu bleiben) verfallen ist und es daher nicht schafft, sich an der Debatte bereichernd zu beteiligen. Aber was möchte man auch von einer Protagonistin erwarten, die ihr Lager im Schulterschluss mit einer kompetenten „Meinungsmacherin“ wie Sophia Thomalla verteidigen muss, die wiederum noch nie von sprachlicher Diskriminierung gehört hat und weder Sexismus von einem Kompliment, noch Muslime von Islamisten unterscheiden kann…

 


1 „Die Unisextoiletten werden nicht neu gebaut. Stattdessen wird einer der Räume, der bisher exklusiv für Männer oder Frauen bestimmt war, neu beschildert. Faktisch wird das nur in größeren Gebäuden möglich sein, in denen es mehr als zwei öffentliche Toiletten gibt.“ (http://www.taz.de/!111922/)

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/genderdebatte-pinkeln-fuer-alle-berlin-mitte-eroeffnet-unisex-toilette/10709278.html

3 http://www.stern.de/gesundheit/sexualitaet/vorlieben/transsexuelle-fremd-im-eigenen-koerper-1521741.html

4 http://www.national-coalition.de/pdf/28_10_2012/Kinderrechte_und_Intersexualitaet_NC.pdf

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

6 http://www.stern.de/kultur/tv/hart-aber-fair-sophia-thomallas-dreister-auftritt-2177324.html


 

#24hPolizei feat. Geschlechterdiskurs

Diese Woche hat uns die Berliner Polizei, im Rahmen einer gelungenen PR-Aktion, 24 Stunden über alles informiert, was in der Hauptstadt so anfiel. Als ich gerade interessehalber die ganzen Beitrage durchgeschaut habe, sind mir vor allem geschlechtsspezifische Auffälligkeiten ins Auge gefallen.

– Wenn von häuslicher Gewalt (bzw. von Gewalt zwischen Mann/Frau) die Rede war, ging diese ausschliesslich von Männern gegen Frauen aus.

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– Wenn in einem zweigeschlechtlichen Verhältnis eine Person bedrängt worden ist, dann war dies die Frau.

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– Wenn ein unbestimmter Hilferuf wahrgenommen worden ist, dann war dieser weiblich.

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– Wenn der bloße Verdacht einer möglichen Straftat ausgesprochen worden ist, dann richtete sich dieser (anscheinend unbegründete) Verdacht ausschliesslich gegen Männer.

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– Wenn eine Person hilflos und schutzbedürftig war, dann handelte es sich fast ausschliesslich um Männer.

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In der Vergangenheit hat es einige Studien und nicht wenige Diskussionen gegeben, die belegen wollten, dass Männer und Frauen gleichermaßen von häuslicher Gewalt betroffen wären. Daher habe ich es als sehr auffällig empfunden, dass ich zwar zahlreiche Beiträge gefunden habe, die Gewalt gegen Frauen thematisieren, aber keinen einzigen, der Gewalt gegen Männer (durch Frauen) behandelt (ich habe nur einen Beitrag gefunden, in dem eine alte, verwirrte Frau ihren Mann nicht mehr in die gemeinsame Wohnung lassen wollte – das steht aber wohl in keinem Verhältnis zu Häufigkeit und Intensität der aufgeführten Beispiele oben).

Ich sehe diesen Umstand keinesfalls als fadenscheinigen „Beleg“ dafür, dass Männer nicht auch unter Gewalt innerhalb von Partnerschaften leiden können. Doch woran liegt es, dass die Tweets so deutlich einseitig geprägt sind? Rufen Männer einfach nie um Hilfe? Oder ist der Anteil der Männer, der bei solchen Situationen krankenhausreif geschlagen wird, im Verhältnis einfach tatsächlich wesentlich geringer? Ist die Schwelle für Frauen viel niedriger, Hilfe zu erfragen? Sind Frauen eben doch signifikant häufiger von massiver häuslicher Gewalt betroffen? Oder melden sich Männer einfach in solchen Situationen nicht bei der Polizei?

Gleiches gilt für die unbestimmten „Hilferufe“: rufen Frauen eher nach Hilfe, als Männer? Oder werden Frauen einfach eher als Männer als Opfer wahrgenommen? Hilft man Frauen eher als Männern? Oder geraten Frauen öfter als Männer in die Situation sich Hilfe suchen zu müssen? Versuchen sich Männer eher selbst zu helfen, als Frauen? Können Frauen sich überhaupt selber helfen?

Dem gegenüber stehen dann die tatsächlich hilflosen und verwirrten Personen: die waren nämlich in der Regel männlich (und haben nicht selbst um Hilfe gerufen). Und wenn jemand einfach pauschal als Täter verdächtigt worden ist, dann war das natürlich ein Mann. In Anbetracht der ganzen anderen Vorfälle zu Recht? Oder ist der Generalverdacht gegen das männliche Geschlecht nur eine Nachwirkung der möglicherweise einseitig repräsentierten Vorfälle?

Besonders interessant fand ich auch den Aspekt, dass besonders viele Männer nicht von ihren Ex-Freundinnen ablassen konnten. Folge von strukturell verankertem Sexismus? Können diese Männer eine Abweisung einfach nicht ertragen? Oder stehen in der Realität genauso viele Frauen vor den Türen ihrer Ex-Männer – ohne, dass dies zur Anzeige kommt? Üben verlassene Frauen einfach auf eine andere Art Druck auf ihren Ex-Partner aus? Und wenn ja, woran liegt das?

 

Alles in allem sehe ich diese Tweets als treffendes Beispiel dafür, wie die Täter-Opfer-Rollenverteilung in unserer Gesellschaft ausgerichtet ist und wie Männer (stark, brutal, Täter)/ Frauen (schwach, hilflos, Opfer) oft wahrgenommen werden. Viele der Fragen sind sicher nicht so schnell final beantwortbar – aber sie bieten immerhin einige interessante Denkanstösse.

 

Sicher ist diese Momentaufnahme, die wir vom Alltag der Berliner Polizei erhalten haben, nicht repräsentativ und es kann natürlich auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Auswahl der Vorfälle* und die subjektive Wahrnehmung der Tweet-Verfasserinnen und Verfasser das Bild verzerrt. Ich kann außerdem nicht ausschliessen, bei den zahlreichen Tweets etwas übersehen zu haben!

*Angeblich wurden alle Einsätze wiedergegeben.

Der Muschi-Komplex.

Der folgende Artikel könnte deinen Blick auf Muschis nachhaltig verändern. Die Darstellung des Muschi-Komplex ist mir eine Herzensangelegenheit. Er ist omnipräsent in den Medien, im alltäglichen Leben und den heimischen Betten. Was ich mit Schwanzarroganz meine, was Jenna Jameson und Emilia Galotti gemeinsam haben und die quälende Frage warum Frauen nicht einfach stolz auf ihr eigenes Geschlecht sein können.

In der Schule haben wir im Sexualkundeunterricht einiges über die menschliche Anatomie gelernt. Da war die Rede von Schwellkörpern und Eileitern, Hoden und Schamlippen. Als „Ziel“  haben wir uns die Ejakulation und im weitesten Sinne natürlich die Fortpflanzung notiert. Was wir machen müssen, um unsere Art zu erhalten wird uns früh beigebracht, praktischerweise ist für etwa die Hälfte der Unterrichteten diese Information deckungsgleich mit sexueller Befriedigung. Der weibliche „Rest“ weiß nun zwar was er tun muss, damit die Menschheit in naher Zukunft nicht ausstirbt, wie er verhütet und seinen männlichen Sexualpartner befriedigen kann, bleibt aber im Bezug auf die eigenen sexuellen Bedürfnisse im Unklaren. Gleich der erste schulische Kontakt mit Sexualität hinterlässt für Mädchen in erster Linie die Information zur Fremdbefriedigung. Der Gebrauch des Terminus „Schamlippen“ impliziert bereits im Kindesalter, dass die Gegend „da unten“ (die gerne verlegen umschrieben, anstatt selbstbewusst benannt wird) unanständig und schuldbehaftet ist.
Schon von kleinauf haben Mädchen einen anderen Bezug zu ihren Geschlechtststeilen als gleichaltrige Jungen. Sie nehmen es nicht ständig zum Pinkeln in die Hand (schon gar nicht ohne anschliessendes Hände waschen!) und erhalten nicht selten schon möglichst früh eine spezielle Reinigungsschulung zur Instandhaltung dieses anscheinend nicht ganz unkomplizierten Organs. Im Zweifel gibt es einen speziellen „für unten“-Waschlappen als Vermittler zwischen dem Mädchen und dem Bereich zwischen den Beinen – der ja nicht mit dem für „oben“ vertauscht werden darf. Noch im Erwachsenenalter benutzen viele Frauen Hilfsmittel zur eigenen Befriedigung, bei Männern geht die Zahl gegen Null. Das „Dolmetschen“ nimmt für manche Frauen im Alter also kein Ende, der direkte Kontakt zum eigenen Geschlecht ist nicht immer selbstverständlich. Das Thema weiblicher Masturbation ist überhaupt sehr wenig in unserer alltäglichen Wahrnehmung präsent – im Kontrast zum männlichen Pendant. Dabei belegen neue Studien, dass sich mindestens genauso viele Frauen regelmäßig selbst befriedigen wie Männer. Während heranwachsende Mädchen hinter verschlossenen Türen vielleicht die ersten Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper machen (wer weiß das schon so genau, darüber gesprochen wird jedenfalls nicht), werden heranwachsende Jungen mit einer regelrechten Onaniekultur supportet. Männliche Selbstbefriedigung ist salonfähig und wird in den Medien repräsentiert, wie beispielsweise in dem Jugendfilm „Crazy“.

Die Darstellung des „Kekswichsen“ ist vielleicht nicht für jeden heranwachsenden Mann von realer Relevanz, sie führt uns dennoch vor Augen, was mit diesem Geschlecht theoretisch alles möglich ist. Gemeinschaftliche Masturbation bei Mädchen? Schier unvorstellbar. Bis zu welchem Höhepunkt auch? Vom weiblichen Orgasmus existiert wenn überhaupt nur ein konfuses Bild, das durch niemanden definiert wird. Für den „Hite-Report“ wurden über vier Jahre hinweg rund zwanzig verschiedene weibliche Masturbationstypen gezählt, die einem als junges Mädchen aber keiner auf dem Silbertablett präsentiert. Stattdessen lernen sie schon früh ihre eigene Befriedigung über die Luststillung ihres Sexualpartners zu definieren. Es geht mehr um die Ablieferung einer Leistung und das Erfüllen bestimmter Erwartungen, als um tatsächliche Selbsterfahrung. Die Beziehung zur eigenen Sexualität – die auch ohne konkreten Partner präsent sein sollte – ist nicht selten von Unsicherheit und Unkenntnis geprägt. Die Tabuisierung der Sexualität hat in der Kirche eine lange Tradition und spiegelt sich bis heute im Sexualempfinden der Frau wieder. Was einst so natürlich war wie Essen und Trinken wurde systematisch entnaturalisiert.
Was soll frau nun also mit diesem laut Freud „defekten Genital“ anstellen, das ja bekanntermaßen „nach Fisch stinkt“, weder mess- noch vergleichbar ist und nicht normiert funktioniert?
40% aller Frauen meinen bei sich eine sexuelle Störung oder Dysfunktion erkennen zu können – doch gemessen an welcher Normalität? Das Abbild weiblicher Befriedigung ist kaum präsent. Viele Frauen entwickeln eine Art sexuelle Schizophrenie, benannte Fremdbefriedigung verdrängt die Selbsterfahrung und macht ihre Abwesenheit kaum spürbar. Mangelnde Orgasmusfähigkeit und fehlende Lust sind – vor allem in langjährigen Partnerschaften, wo die Fremdbefriedigung auf Dauer auch ihren Reiz verliert – die Folge. Die Lösung des Problems wird dennoch weiter in der Befriedigung externer Bedürfnisse zu zweit gesucht, anstatt den Fokus endlich auf die eigene, autonome Sexualität zu richten. Frustration und später Resignation sind die Folge. „Ich funktioniere nicht richtig!“ oder „Das ist ganz normal mit der Zeit!“ sind typische Phrasen der Verdrängung. Die Situation gipfelt nicht selten darin, sich mit seinem Schicksal abzufinden, anstatt sich seinem eigenen Körper tatsächlich mal zu stellen.
In den Medien wird oft das Bild der enthemmten, sexuell befreiten und selbstbewussten Frau vermittelt. Eigentlich gar nicht so schlecht, möchte man im ersten Augenblick meinen. Leider reproduzieren die meisten Darstellungen lediglich den bereits beschriebenen Stereotyp, der zur Fremdbefriedigung dient. Die enthemmte Frau wird als Werkzeug des Mannes zur eigenen Lustgewinnung benutzt, die authentische Lust der Frau bleibt meist unberücksichtigt. Eine Frau die sich einfach nimmt was sie will? Sowas funktioniert in den geläufigen bildlichen Darstellung nur dann, wenn das, was „sie will“, zufällig mit männlichen Fantasien konform geht. Was ist so schwer daran einen authentischen Blick auf die weiblich-triebhaften Empfindungen zu gewähren, ohne sie vorher männergerecht zu filtern?
Bei dieser Frage assoziiere ich ein Symptom, das auf viele anorektische Frauen zutrifft: das Unvermögen vor anderen Menschen zu essen. Über 90% aller Betroffenen einer Essstörung sind weiblich. Es gibt sicher viele Gründe, die so eine Krankheit auslösen können, aber ich möchte mich an dieser Stelle nur auf diese Erscheinung beziehen, die übrigens auch bei scheinbar „gesunden“ Frauen auftreten kann. Was bedeutet es eigentlich zu essen? Sich etwas einzuverleiben? Es handelt sich um einen lustvollen Vorgang, der vielleicht sogar etwas von uns preisgibt, das wir nicht immer mit anderen Teilen wollen, vor allem wenn unsere Sozialisierung etwas anderes von uns erwartet. Essen hat etwas potentes, triebhaftes und ursprüngliches. Attribute, die so gar nicht dem medialen Bild der anpassungsfähigen Frau entsprechen, die nicht nur zwischenmenschlich sondern auch im Bett alles dafür gibt, externe Bedürfnisse zu stillen.

Was Freud mit seinem Geschlechtermonismus bereits vor Jahrzehnten in unserer Gesellschaft etablierte, spiegelt sich heute in der allgegenwärtigen Präsenz männlicher Genitalien und der unverdrossenen Abwesenheit weiblicher Geschlechtsorgane in unserem Alltag wieder. Es gibt Filme, in denen Männer mit ihrem „besten Stück“ sprechen und „er“ regelrecht ein selbstbestimmtes Eigenleben führt. Mit Freude wird auf Partys (und mehr oder weniger vertrauten gesellschaftlichen Runden) die Selbstverständlichkeit zelebriert „ihn“ nach Lust und Laune auspacken zu können – ein Phänomen das ich gerne als „Schwanzarroganz“ bezeichne. Egal, ob es nun um erheiternde Spielchen wie das allseits beliebte „Teebeuteln“ (wer es nicht kennt: ein Streich pubertierender Jungen, bei dem Hoden in die Gesichter schlafender Freunde geklatscht werden) geht oder gar um artistische Shows, in denen dieses verblüffend vielseitig einsetzbare Genital (spricht da etwa der blanke Penisneid aus mir?!) zum Kunstwerk oder gar Künstler wird – es gibt für die meisten albernen Rituale (und mögen sie auch noch so überflüssig sein) kein weibliches Äquivalent.
Es wird langsam deutlich: die Frau ist keine Akteurin. Das Bild der rezeptiv-empfangenden Weiblichkeit, das sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte, ist aktueller denn je. Trotz all der Verdrängung des Weiblichen aus den aktiv-produzierenden Bereichen (sei es in den Medien oder im Bett), dient sie dennoch als überrepräsentierte Projektionsfläche für männliche Fantasien. Heute finden wir hierfür zahlreiche Fälle beispielsweise in der Pornoindustrie, ich verweise an dieser Stelle jedoch auch auf die vorangegangene Jahrhunderte überdauernde Entwicklung in der Literatur.

„Im Reich der Phantasie ist sie, (die Frau) von höchster Bedeutung, praktisch ist sie völlig unbedeutend“ – Virginia Woolf

Literaturhistorisch relevante, oft begehrenswerte wenn nicht selten auch labile, Frauenfiguren wie Anna Karenina, Effi Briest oder Emilia Galotti sind genauer betrachtet nichts weiter als die Abbilder der Weiblichkeitsentwürfe ihrer männlichen Erschaffer. Sie zeigen die Frau mal mehr und mal weniger als ihren eigenen Emotionen hilflos ausgeliefertes Subjekt, neigen dazu sie zu mysthifizieren, entrationalisieren und entmündigen. Querverweis Porno: der Blick auf die Frau, durch die Brille des Mannes. Trotz der omnipräsenten Darstellung von Sexualität, stellt sie diese oft nur einseitig dar. Im Porno ist die Frau das Zentrum des Geschehens, die Protagonistin – der Mann nur austauschbares Beiwerk. Die Nachricht die uns dabei übermittelt wird, ist dennoch mehr männlicher denn weiblicher Natur. Jenna Jameson mutet vor diesem Hintergrund wie eine zeitgemäße Emilia Galotti an.
Dieses Ungleichgewicht würde sich nach und nach ausgleichen, würden sich mehr Frauen aus der passiven Rolle befreien und aktiv am Pornogeschäft beteiligen (in einer Art die nicht weiter die bekannten Stereotypen reproduziert, sondern ihre eigene befreite Sexualität widerspiegelt). Doch viele Frauen trauen sich nicht mal als Konsumentin an diese Thematik heran. Die Darstellung von Frauen in Pornos wird von feministischer Seite aus immer wieder gerne kritisiert. Abgesehen davon, dass es durchaus auch einige Frauen gibt, die dem Standard heteronormativ geprägten Vorne-Hinten-Vorne-Gesicht-Szenario etwas abgewinnen können, kann ich darauf nur entgegnen: wo keine Nachfrage, da kein Angebot! Aber wozu auch Pornos konsumieren, wenn sich das eigene Sexualleben sowieso in erster Linie mit der Befriedigung anderer beschäftigt?
Auf einschlägigen Porno-Plattformen gibt es zwar mittlerweile zwischen all der zahlreichen anderen Rubriken eine spezielle „Female Choice“-Kategorie, aber bei der Auswahl dieser Clips werden auch hier lediglich die Stereotypen der romantischen und empfindsamen Frau (die mehr Wert auf eine schöne Deko als auf triebhafte Handlung legt) durch den niemals müden Klischeewolf gedreht. In Internetforen lese ich immer wieder von Mädchen und Frauen, die darüber diskutieren, dass sie ihren Freund bei der Selbstbefriedigung erwischt haben oder er regelmäßig Pornos schaut. Manche sind davon verunsichert, andere finden das „schon ok“ – dass es aber noch die Möglichkeit gibt, sich auch als Mädchen selbst zu befriedigen oder mal einen Porno anzuschauen bleibt bei solchen Gesprächen meist völlig unberücksichtigt.
Alice Schwarzer hat bereits in den 80ern mit ihrer „PorNO“-Kampagne Darstellungen in Pornos mit sexueller Erniedrigung gleich gesetzt. Das sexuell bedingte Machtgefälle zwischen Mann und Frau kann jedoch nicht durch die Entsexualisierung des Mannes, sondern insbesondere durch die aktive Sexualisierung der Frau genesen werden. Die Frau muss dem Mann sexuell (und es ist kein Geheimnis, dass sexuelle Potenz auch politische Potenz meint) in nichts nachstehen, wenn sie endlich den Mut fasst zu ihrer autonomen Sexualität öffentlich zu stehen und aufhört diese unentwegt über die Lust des so selbstverständlich begehrenden Mannes zu definieren. In der Grundschule hing ein Zettel mit dem Leitspruch „ich muss deine Kerze nicht auspusten, damit meine besser brennt“ an unserer Tür. Vielleicht sollten „wir Frauen“ lernen, es mit öffentlich gezeigter Sexualität auch so zu halten und nicht in den Momenten der Ungerechtigkeit unserem männlichen Gegenüber das Recht auf Sexualität absprechen.
Wenn die Portishead-Frontfrau Beth Gibbons in ihrem bekannten Hit „Glorybox“ die Zeilen „give me a reason to be a woman“ haucht, sollten wir uns fragen, ob tatsächlich stets ein binäres männliches Echo von Nöten ist, um unsere Weiblichkeit sichtbar zu machen und unsere sexuelle Energie zu spüren.

Wenn nur eine Frau sich von diesem Text inspiriert fühlt, bei der nächsten Party ungefragt ihre Muschi auszupacken, hat er sich für mich schon gelohnt. Ich erbitte Bericht!