Unterwegs (vol. I): Öffentliches Onanieren.

In meinem Job habe ich es tagtäglich mit unzähligen Menschen zu tun. Kleinen Kindern, die nicht wissen, wohin sie ihr Weg führen wird. Greisen Ehepaaren, die schon unzählige Kilometer in ihrem Leben gemeinsam bewältigt haben. Businessmenschen, in Wollgemischensembles, welche noch starrer wirken als der fixierender Blick auf ihr Notebook. Einsame postadoleszente Rastaheads mit riesigen Rucksäcken, umgeben von einer Geruchsaura irgendwo zwischen Patchouli und Theaterfundus. Manche Familien sind mit ihrem frisch geborenen Baby das erste Mal. Andere Menschen treten offenkundig ihre letzte Reise an – zurück nachhause oder hinaus in die Welt, Endstation in jedem Fall ungewiss. Sie alle eint ihr gemeinsamer Weg, der doch zu unterschiedlichen Destinationen führen wird.

Der Tag neigt sich bereits dem Abend zu, als ich eine junge Frau* in einer Ecke stehen sehe. Wir befinden uns mitten in unseren routinemäßigen Arbeitsabläufen, Gegenstände wandern zum zigtausendsten Mal durch unsere aufgerauhten Hände. Wer täglich mit unzähligen Menschen zu tun hat, braucht nicht nur interkulturelle Kompetenzen, sondern auch genügend Desinfektionsmittel. Ich unterbreche meine Arbeit und gehe auf sie zu, um sie nach ihrem Befinden zu fragen. Sie nickt eifrig und schaut auf den Boden. „Wenn Sie die Zeit finden… also nicht jetzt, ich kann gerne warten… dann würde ich gerne kurz persönlich mit jemandem reden…“, schiebt sie zögerlich nach. In diesem Moment legt sich bei mir ein Schalter um. Alles an dieser Situation sagt mir: Hier ist irgendetwas ganz und gar nicht okay.

Ich lege alles zur Seite und sage meinen Kolleginnen, dass sie kurz ohne mich auskommen müssen. Die junge Frau gestikuliert ausweichend, als wolle sie sagen: Machen Sie nur weiter, ich will niemanden stören, ich kann warten! „Was ist denn passiert?“, frage ich sie mit fester Stimme und versuche ihren Blick einzufangen. Die Situation scheint ihr sichtlich unnagenehm zu sein. „Der Mann neben mir… er fässt sich an…“.

Natürlich handelte es sich hier um eine aus verschiedenen Gründen prekäre Situation. Die junge Frau wollte aus Scham und auch aus der Angst, dass sie anschließend weiterhin neben diesem Herren* sitzen müsse, nicht, dass wir ihn direkt ansprechen. Das wäre auch aus unserer Perspektive heikel geworden: Auch er ist zahlender Kunde, es gibt keine Zeugen. Wenn die Situation war wie von der Frau beschrieben, würde er es im Gespräch wohl kaum zugeben (wozu auch?), niemand von uns war persönlich bei der beschriebenen Situation anwesend, die Brisanz einer solchen Anschuldigung jedoch gleichsam enorm – der Mehrwehrt wäre im Verhältnis zum Eskalationspotenzial nicht wirklich ökonomisch. Wir haben also in einvernehmlicher Absprache mit der Frau möglichst diskret einen anderen Platz für sie gesucht.

Ich denke, wir konnten die Situation aus professioneller Perspektive zufriedenstellend lösen. Möglicherweise hätte ich als Privatperson konfrontativer agiert, wenn ich eine solche Situation mitbekommen hätte – das soll nun aber nicht Gegenstand meiner folgenden Überlegungen sein. Was mich vielmehr beschäftigt ist die Reaktion des einzig männlichen Kollegen, der in die ganze Situation verwickelt war. Meine weibliche Vorgesetzte, sowie auch meine drei weiblichen Kolleginnen (die alle auch persönlich mit der jungen Frau gesprochen haben), haben die ganze Angelegenheit ohne Umschweife ernstgenommen. Und damit meine ich nicht, dass sie mit Mistgabeln und Fackeln auf den beschuldigten Kunden losgegangen sind und ihn öffentlch gelyncht haben. Ich meine, dass sie versucht haben eine Lösung zu finden. Sicher aber auch, weil wir alle sehr gut aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, wie unangenehm eine solche Situation sein kann. Selbst meine Vorgesetzte konnte von einem identischen Erlebnis berichten. Der beschuldigte Mann blieb von der ganzen Angelegenheit übrigens gänzlich unbetroffen: Sicherlich hat er die Umsetzaktion mitbekommen, die hätte jedoch auch zahlreiche andere Gründe haben können. Egal was genau vorgefallen war: Er musste sich keine Sekunde aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen oder sich in irgendeiner Art rechtfertigen, geschweige denn real einschränken lassen.

Aber zurück zu meinem männlichen* Kollegen: Er ist von der ganzen Situation völlig unbetroffen, denn er war zum entsprechenden Zeitpunkt in einem anderen Bereich tätig. Deshalb hat er auch bis zuletzt keinen persönlichen Kontakt zu der vermeintlich betroffenen Frau. Beiläufig erfährt er von der Situation.

Er mischt sich ein und fragt, ob wir den vermeintlichen Vorfall persönlich mitbekommen hätten. Ich verneine. Na dann, würde er das grundsätzlich sowieso nicht glauben. Er könne sich generell nicht vorstellen, dass so etwas vorkäme… aber Frauen, die würden solche Dinge ja gerne mal erfinden – Fall Kachelmann! Fall Trump! Er wedelt mit diesen boulevardesk-verschmierten Schlagworten (und ich bezweifle stark, dass es Kachelmann gefallen würde, mit Trump in einem Atemzug gennant zu werden), als seien sie die triumphierenden Asse in seinen gut gestärkten Hemdärmeln.

Wenn es keiner sonst mitbekommen hätte, sei die Situation wohl uneindeutig gewesen. Und wenn sie denn so uneindeutig war, führe ja naturgemäß nur viel Interpretationsspielraum zu einem solchen Vorwurf. Vielleicht hat er sich der Herr nur ungünstig bewegt? Im Zweifel für den Angeklagten, so funktioniere das im deutschen Recht – bis das Gegenteil bewiesen sei, gäbe es keinen Täter und solange auch keinen Handlungsbedarf. Apropos Recht: Er wüsste von vielen Fällen in denen Frauen sich selbst Verletzungen zugefügt hätten, um unschuldige Männer der Vergewaltigung zu bezichtigen… Außerdem: Wenn sie sich denn so sicher war, warum hat sie (so würde er ja handeln), dann nicht direkt etwas vor allen gesagt? Warum hat sie nicht ihre Umgebung involviert? Konnte man denn überhaupt sein Geschlechtsteil sehen? Nein? War es dann tatsächlich so schlimm? Ja, okay, wenn er sich entblößt hätte… aber so? Selbst wenn er sich befriedigt hätte… Den einen störts, den anderen nicht, er kenne auch Frauen, die sich davon nicht belästigt gefühlt hätten. Das sei doch alles Ansichtssache.

Ob mensch sich von so einem Verhalten nun belästigt fühlt oder nicht, ist sicher von Person zu Person unterschiedlich. Dennoch besteht ein entscheidender Unterschied zu der oben beschriebenen Situation: Niemand ist dazu gezwungen, auf engem Raum und über Stunden neben diesem Mann zu sitzen. Es besteht die Option, sich aus der Situation zu ziehen, ohne sich mit ihm auseinandersetzen oder sich vor Dritten für sein Empfinden rechtfertigen zu müssen.

Man muss dazu sagen, dass es  in unserem Fall zu keinem Zeitpunkt um eine „Verurteilung“ und „Bestrafung“ des vermeintlichen „Täters“ nach „deutschem Recht“ oder irgendwelchen anderen normativen oder moralischen Standards ging. Es ging zunächst einmal lediglich darum, eine junge Dame umzusetzen, die sich auf ihrem Platz unwohl gefühlt hat. Eine ziemlich triviale Angelegenheit, wenn man bedenkt, aus welchen Gründen wir tagtäglich neue Plätze für unsere Kunden suchen: Weil die Sitznachbarin oder der Sitznachbar erkältet ist, weil es zu zugig ist… Fragen wie: „Sind Sie sicher, dass die Person neben Ihnen erkältet ist? Hat die Person neben Ihnen nicht vielleicht nur zufällig geniesst und es ist Ihre Interpretation, dass es sich hierbei um eine Erkältung handelt? Wenn diese Person tatsächlich erkältet ist, warum stört das nicht auch die zahlreichen anderen Gäste um Sie herum?“ oder „Warum haben Sie keine Jacke mitgebracht? Sind Sie vielleicht einfach ein wenig empfindlich? Andere Leute haben so ein frisches Lüftchen um die Nase manchmal recht gerne, warum stört Sie das eigentlich überhaupt?“, tauchen dann erstaunlicherweise nicht auf.

Im Fokus der Argumentation meines Kollegens stand nicht die konstruktive Lösung eines real existierenden Problems zwischen zwei Gästen (unabhängig was nun tatsächlich zwischen ihnen vorgefallen war), sondern die vehemente und ausdauernde Widerlegung der Notwendigkeit des Schutzanspruches des vermeintlichen „Opfers“ (wobei natürlich diese ganze Täter-Opfer-Dichotomie selbst nicht unproblematisch ist). Zunächst bezweifelt er, dass solche Vorfälle überhaupt vorkämen (ergo:Das Problem existiert generell nicht!“), dann definiert er konkrete Bedingungen dafür, wann es angemessen wäre, auf das vermeintliche Fehlverhalten zu reagieren (ergo: „Sich belästigt zu fühlen, reicht nicht aus!“). Gleichzeitig kritisiert er jedoch das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau als zu zurückhaltend: Warum hat sie nicht die umsitzenden Menschen involviert? Ihn direkt lautstark konfrontiert? (ergo: „Selbst schuld!“). Später geht er dazu über, die ganze Situation zu verharmlosen: Was wäre eigentlich so schlimm daran? (ergo: „Stell‘ dich nicht so an!“). Störend finde ich dabei keineswegs den Ansatz die ganze Situation differenziert und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: Schließlich wusste niemand von uns sicher, was tatsächlich passiert war. Aber genau deshalb empfand ich auch seine leidenschaftliche Argumentation gegen – ja was eigentlich genau? – so befremdlich. Sein einziges Ziel schien der Versuch, um jeden Preis die Glaubwürdigkeit der Frau und damit auch unsere Handlungsnotwendigkeit in Frage zu stellen. Dass sich seine einzelnen Argumente dabei teils widersprachen (einerseits habe die Frau kein Recht sich belästigt zu fühlen, andererseits habe sie zu zurückhaltend auf die Situation reagiert – einerseits sei der Fall, dass ein Mann öffentlich masturbiere, unvorstellbar, andererseits ja auch keine große Sache…), ist egal, solange sie dem Zweck dienen um jeden Preis die Wahrnehmung oder das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau zu diffamieren.

Wo fängt sexuelle Gewalt oder Belästigung überhaupt an? Sicher ist das Empfinden, was als Belästigung gewertet wird sehr subjektiv. Dennoch gibt es bestimmte Verhaltensweisen, von denen man zumindest ausgehen muss, dass sie andere Menschen in Verlegenheit oder Bedrängnis bringen könnten. Und wer an sich selbst sexuelle Handlungen in einem öffentlichen Raum in Anwesenheit Dritter ausübt (am besten noch in einer Situation, in der sich anwesende Menschen nicht entziehen können oder sich gar durch offensive Blicke und unausweichliche Nähe gegen ihren Willen in die Handlung involviert fühlen), nimmt solche Folgen seines aktiven Verhaltens zumindest billigend in Kauf – wenn es nicht sogar jene sind, welche ebendieses Handeln antreiben. Das Ganze kann man als Machtdemonstration werten (so wie ich), oder man kann es lassen (so wie mein Kollege) – es sollte jedoch in jedem Fall  zumindest ausreichend sein, dass sich jemand belästigt fühlt, damit Handlungsbedarf gesehen wird.

Auch diese Situation wäre gemäß meines Kollegen eine Grauzone: Man sieht keine Genitalien, „vielleicht kratzt er sich auch nur“ 😉 . Unter dem Video fragt ein offenbar männlicher User: „Why didn’t you call his ass out?!“ – vielleicht weil andere Menschen (wie mein Kollege) so konkrete Regeln dafür aufstellen, wann es „angemessen“ ist, sich belästigt zu fühlen? Vielleicht, weil man nicht jederzeit die Kraft für eine Konfrontation hat? Weil man die Situation nicht weiter eskalieren lassen möchte? Oder auch weil  man eben meist doch eher an seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt, als belästigende, übergriffige oder bedrohliche Situationen ernstzunehmen.

Das Ziel der Frau war weder eine öffentliche Denunzierung des Mannes, noch einen persönlichen Vorteil aus der ganzen Sache zu schlagen: Nachdem sie einige Zeit wortlos wartend in ihrer Ecke stand, nahm sie selbst einen objektiv betrachtet schlechteren anderen Platz dankend an. Es stellt sich also die Frage, weshalb man ihr den Wunsch umgesetzt zu werden verwehren sollte: Zählt die theoretische Erhaltung der Unschuldsvermutung eines Mannes, der in keiner Weise real wirksame Konsequenzen zu fürchten hatte mehr, als der Schutz einer sich konkret belästigt fühlenden Frau, die im Fall der berechtigten Anschuldigung sehr wohl reale Konsequenzen im Sinne fortwährender Übergriffe zu fürchten hätte?

Das Problem ist diese Logik, die jede Aussage-gegen-Aussage-Situation zwangsläufig in eine Einbahnstraße dirigiert. Im Endeffekt werden in diesem System Ausübende sexueller Gewalt generell geschützt (anstatt zu unrecht Beschuldigte zu schützen) und Gewaltbetroffene postwendend zu Täter_innen, indem sie bei mangelnder Beweisbarkeit automatisch der Falschbeschuldigung bezichtigt werden. Insbesondere sexuelle Übergriffe sind in sehr vielen Fällen eben nicht einwandfrei belegbar – mal abgesehen davon, dass viele Formen sexueller Gewalt strafrechtlich bislang überhaupt keine Relevanz hatten und auch weiterhin nicht oder nur ungenügend verfolgbar bleiben. Repräsentative Untersuchungen (BMFSFJ, 2004) haben ergeben, dass 58% der befragten Frauen aus Deutschland unterschiedliche Formen sexueller  Belästigungen erlebt haben, 40% gaben an Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beidem) ab ihrem 16. Lebensjahr geworden zu sein. Nur 5% der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt haben, zeigten diese auch an – wobei von diesen Anzeigen wiederum nur ein Bruchteil überhaupt zu einer Verurteilung führten (die Verurteilungsquote bei angezeigten Vergewaltigungen liegt bei 13%, während die Quote der belegbaren Falschbeschuldiguldigungen von Vergewaltigungsfällen quellenabhängig sich im deutschen Raum lediglich auf eine marginale Spanne zwischen 5% und 7,4% im beziffern).

„Nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehen der EU-Studie zufolge zur Polizei, wenn ihr Partner gewalttätig wird; 17 Prozent sind es, wenn sie nicht mit dem Täter zusammen sind. Bei vielen Frauen ist Scham der Grund. Einige rechnen sich nur geringe Erfolgschancen aus, andere sagen, sie hätten selbst eine Lösung gefunden oder wollten alleine zurechtkommen. {…}

Zum Vergleich: In Niedersachsen wurden 2014 etwa sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt – aber 94 Prozent der Autodiebstähle.

(Süddeutsche Zeitung, 27.04.2016)

Fakt ist also: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen erlebt in ihrem Leben Formen von sexueller Gewalt, während nur ein Bruchteil davon strafrechtlich verfolgbar ist. Von diesem Bruchteil werden wiederum nur 5% überhaupt zur Anzeige gebracht, weniger als ein Sechstel dieser Anzeigen führen dann zu einer Verurteilung. Der Prozess dorthin ist lang und oft erneut traumatisierend: Schambehaftete Details müssen vor fremden Menschen offenbart werden, Betroffenen schlägt Misstrauen und Argwohn entgegen, während die Chance auf „Erfolg“ (inwiefern eine Verurteilung im Individualfall einem „Erfolgs“gefühl auch immer gerecht werden kann) nicht gerade vielversprechend ist. In Wiesbaden startet aktuell ein Projekt, dass Frauen überhaupt die Möglichkeit bieten soll, sich ohne Polizeidruck nach einer Vergewaltigung medizinisch versorgen lassen zu können (von 90 Frauen haben lediglich 30 Spuren sichern lassen und wiederum lediglich 10 letztlich Anzeige erstattet). Eine andere aktuelle Studie berichtet zudem, dass mehr als jeder vierte Europäer Vergewaltigungen unter bestimmten Bedingungen für rechtfertigbar hält. Die Hemmung sich zur Wehr zu setzen, sich Hilfe zu suchen oder die Tat gar juristisch zu verfolgen ist aus vielen Gründen oft enorm hoch. Meine Beobachtungen im privaten Umfeld können diesen Eindruck nur bestätigen: Wenn beispielsweise eine Freundin im Club auf der Tanzfläche angefasst wird, verlässt sie oft eher selbst den Ort, als dass sie eine Sicherheitskraft holt. Die Erfahrung nicht ernstgenommen zu werden oder auch durch eine nervenaufreibende Konfrontation eine übergriffige oder bedrohliche Situation nicht nennenswert verbessern zu können, ist weit verbreitet.

Die theoretische Option sich durch Dritte – sei es die Polizei, Sicherheitspersonal oder andere Außenstehende – Hilfe zu suchen, ist eben oft überhaupt keine real sinnvolle Option. Insbesondere dann, wenn man an Menschen wie meinen Kollegen gerät, die genaue Vorstellungen davon vertreten, wie Gewalttaten auszusehen haben und wie sich  deren „Opfer“ bitte fachgerecht zu verhalten haben.

Ich sehe ein, dass eine konkrete Strafverfolgung nur dann stattfinden sollte, wenn ein Delikt nachgewiesen werden kann. Was ich nicht einsehe, ist, dass jede Anschuldigung die nicht einwandfrei belegt werden kann im Umkehrschluss automatisch zur Falschaussage wird. Dass mit fehlender Legitimation zur Bestrafung des potenziell Gewaltausübenden auch der Anspruch der vermeintlich Betroffenen auf Schutz und Hilfe versiegt. Dass sich generell alles Denken und Diskutieren ausschließlich um die potenziellen Täter_innen zu drehen scheint, während die Perspektive und Bedürfnisse Gewaltbetroffener nur schwammige Randnotizen zu bleiben scheinen.

In unserem Gespräch versuche ich meinem zweifelnden Kollegen  anhand persönlicher Erfahrungen zu illustrieren, wie schnell man in eine übergriffige Situation im Alltag hineingeraten kann und wie schwierig es oft ist, sich überhaupt zur Wehr zu setzen. Keine der unzähligen anzüglichen Kommentare, übergriffigen bzw. bedrohlichen Situtationen oder ungewollten Berührungen in meinem Leben haben (aus unterschiedlichsten Gründen) je zu irgendeiner nennenswerten Konsequenz für die jeweils ausübende Person geführt.  „Männer scheinen ja ganz schön schlimm zu sein!“, polemisiert er spöttisch, als fühle er sich von meinen Schilderungen persönlich angegriffen. Dieses ganze Männer-gegen-Frauen-Frontenbildungsding geht mir langsam gehörig auf die Nerven.

Sind „Männer“ also meiner Meinung nach schlimm? Nein. Menschen sind schlimm – und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Menschen die andere Menschen im öffentlichen Raum sexuell bedrängen genauso wie solche, die sexuelle Übergriffe aus welchen Gründen auch immer erfinden und somit Unschuldige in existenzbedrohliche Situationen bringen. Menschen die Erfahrungen sexueller Gewalt herunterspielen und generell in Frage stellen. Menschen wie mein Kollege, die Hilfesuchende (egal ob weiblich oder männlich) erstmal nach der Beweislage abfragen und mit der Kachelmann-Klatsche wedeln, anstatt mit ihnen gemeinsam in akuten Fällen nach kurzfristigen Lösungen zu suchen. Sie alle sind Kompliz_innen eines Systems, in dem Betroffene von Gewalt nur doppelte Verlierer_innen sein können.


Eine 2004 veröffentlichte repräsentative Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland


*Ich verwende gegenderte Ausdrücke wie „Frau“/“Mann“/“männliche“/“Dame“/“Herr“… o.Ä. als analytisch-beschreibende Begriffe für Menschen, die sich durch entsprechendes Verhalten und Auftreten, sowie kohärentes Anzeigen „weiblich“ oder „männlich“ konnotierter Attribute und des entsprechenden Habitus offenkundig selbst dementsprechend kategorisieren. Ich möchte diese ganze Mann-Frau-Dichotomie und damit einhergehendes binäres und heteronormatives Denken damit nicht sprachlich manifestieren und reproduzieren, eine Verwendung der genannten Begriffe bietet sich jedoch der Verständlichkeit und Klarheit dienend an.

Du willst es doch auch.

Was sind wir weit entwickelt. Denken wir wohlwollend. Meistens über uns selber.

Kritisch wird beäugt, was „woanders“ verbrochen wird. Sei es die Kriminalisierung von Homosexualität, die Tabuisierung von Transsexualität oder die offensichtliche, strukturelle und in Gesetze zementierte Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen*  – so rückständig! Und vor allem so weit weg. So weit weg von uns. (1)

Wenn du hier in Berlin als junge Frau* auf eine Party gehst, wundert sich niemand, dass du studierst oder arbeiten gehst, dir deine_n Partner_in selber ausgesucht hast oder andere Dinge tust, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – es aber für viele frauisiert gelesene Personen auf dieser Welt nicht sind. Meistens bin ich dankbar dafür, hier zu leben. Manchmal ernüchtert mich jedoch die bittere Erkenntnis, dass eben jenes Gefühl, in einer ach-so-weit-entwickelten Gesellschaft zu leben, manche Menschen über die Tatsache hinweg zu täuschen scheint, dass sie in ihrem Denken, trotz aller Bildung und Fortschritt, immer noch hochproblematischen Mustern nachhängen, welche sie vermutlich selbst verurteilen würden, wenn sie sie als solche erkennen würden. Was ich hier heute niederschreibe, hat lange in mir gegärt. Zumindest die letzten 15 Jahre. Denn in der Grundschule wurde ich das ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert, dass sexuelle Gewalt an Mädchen* und Frauen* oft nicht als solche verurteilt wird. (2)

Mit diesem Denken, das Frauen* eine objektifizierende und limitierende Rolle zuschreibt, sie sexuell verfügbar oder gänzlich promisk sehen will, irgendwo zwischen Hure („sie wollte es ja so“) und Heilige („das hat sie nur falsch verstanden“), würde sich wohl keine Grundschullehrerin, kein Student, kein Freund von Freunden und sicherlich auch keiner meiner Freunde identifizieren. Und dennoch reproduzieren sie es. In der Schule. In der Uni. Auf der Party. Beim gemeinsamen Abendessen. Und stigmatisieren so reale Opfer. Und potenzielle Opfer. Und im Prinzip jede Person, zwischen deren Beine eine Muschi vermutet wird. Oder die zumindest Brüste hat. Oder sich hat welche machen lassen. Oder irgendwelche anderen Markierungen (freiwillig oder nicht) an ihrem Körper, ihrem Verhalten oder Auftreten trägt, die sie durch das Raster „männlich“ fallen lassen.

Ich bin keine Missionarin, keine Predigerin, keine Beauftragte für irgendwas. Ich fühle mich in Alltagssituationen nicht dazu berufen, andere Menschen von meiner Meinung zu überzeugen. Wenn ich mich mit Menschen umgebe, dann meistens mit solchen, von denen ich glaube, dass sie des rationalen Denkens fähig sind, sich kritisch und reflektierend mit der eigenen Persönlichkeit und ihrer Umwelt auseinandersetzen – von deren Ansichten ich, so hoffe ich zumindest, noch profitieren kann, auch wenn, oder gerade weil, wir uns nicht immer einig sind.

Umso schockierter bin ich dann regelmäßig, wenn mir aus den bislang hochgeschätzten Mündern, der rohste Sexismus entgegenschlägt. Ich meine hier einen Sexismus, der sexuelle Übergriffe herunterspielt, somit legitmiert und die Sicht des Opfers in Frage stellt.

Neulich auf einer Party, wurde eine Frau* gefragt, was denn ihr schlimmster Alptraum gewesen sei. Nach kurzem Zögern erzählte sie, dass sie in ihrem schlimmsten Traum einmal vergewaltigt worden sei. „Traum oder Alptraum?“, fragt einer der anwesenden Männer* und hakt sogar noch rechtfertigend nach, als er meinen reservierten Blick bemerkt: „Naja, es gibt doch genug Frauen, die darauf stehen! Das ist doch eine berechtigte Frage!“.

Diese Worte aus dem Mund eines jungen, gebildeten Mannes*, der sich kurz zuvor noch über die rassistischen Äußerungen einer anderen anwesenden Person beschwert hatte. Ich war fassungslos. Angenommen, sie hätte geträumt, dass ihre Mutter gestorben wäre. Wäre es dann auch eine „berechtigte“ Frage gewesen, ob sie sich den Tod ihrer Mutter nicht insgeheim gewünscht hätte, da es ja durchaus Menschen gäbe, die in dem Tod naher Mitmenschen einen persönlichen Profit sehen? Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage nach dem „schlimmsten Alptraum“ eigentlich an sich schon jedes noch so pietätsloses Erörtern ihrer Position erübrigt hätte, scheint es mehr als übergriffig und bizarr, dass diese Nachfrage impliziert, dass Frauen* in einem nicht unwesentlichen Teil der Fälle, ihre eigene Vergewaltigung begrüßen würden. Dies scheint so selbstverständlich in dem Denkmuster des Nachfragenden verankert zu sein, dass er die Legitimität seiner Formulierung zunächst nicht anzweifelt.

Was heißt das für reale und potenzielle Betroffene? Die Statistiken zeichnen ein klares Bild: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau*, die bereits Opfer von sexuellen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt war oder es eines Tages werden wird, zum Zeitpunkt dieses leidigen Gesprächs im Raum befand, ist nicht unerheblich. Unbedachte Äußerungen á la „du-wolltest-es-doch-eigentlich-auch“ machen vor allem eins: Mundtot.

Als meine Mitbewohnerin vor kurzem aufgebracht ins Wohnzimmer stürzte und berichtete, dass sie ein Nachbar ganz offensichtlich und penetrant durch das Fenster beobachtet hat, während sie sich umgezogen hat (und es auch nicht einstellte, als sie dies bemerkte), schlug ihr postwendend der Kommentar entgegen, dass sie sich ja auch über die Aufmerksamkeit freuen könnte, anstatt sich darüber zu beschweren, dass ungefragt in ihren eigenen vier Wänden und gegen ihren Willen in ihre Privatsphäre eingedrungen wurde. Schließlich käme es einfach nur auf ihre Sichtweise an. Es ist ein perfides Spiel, einen sexuellen Übergriff so zu drehen, als ob das „Opfer“ davon ernsthaft profitieren würde und es nur seine Perspektive ändern müsse, um den „Wert“ der Sache erkennen zu können. Die ganze Situation wird so umformuliert, als würde es sich sozusagen um eine Win-Win-Situation handeln – und das klingt doch nach einem fairen Deal, oder nicht? Es ist aber kein Deal, es ist keine Verhandlung, keine Abmachung, nichts auf das sich zwei vernünftige, erwachsene Menschen hinreichend wissentlich einlassen. Sicher gibt es objektiv betrachtet (was auch immer das sein mag) schlimmere Dinge, als „angeschaut“ zu werden, aber man darf den psychologischen Effekt bei der ganzen Angelegenheit nicht außer Acht lassen. Solche Situationen verursachen das Gefühl, dass man sich selbst in seiner eigenen Wohnung nicht frei bewegen kann, ohne dass sensible Momente bei der kleinsten Unachtsamkeit durch Dritte ausgenutzt werden. Und wenn man äußert, dass man sich durch die ganz offensichtlich sexuell motivierten, drängenden Blicke gestört gefühlt hat, wird einem erklärt, dass man sich ja auch daran erfreuen könnte, in der eigenen Wohnung unter Beobachtung zu stehen.

Um es kurz in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist nicht okay, eine fremde Person in einem intimen Moment innerhalb ihrer eigenen vier Wände gezielt zu beobachten. Es ist auch nicht okay, in einer Vergewaltigung in erster Linie einen Akt zu sehen, der durchaus auch vom Opfer gewollt sein könnte. Es ist einfach nicht richtig, Dinge mit Menschen zu machen, die sie nicht wollen und ihnen hinterher zu erklären, dass sie doch eigentlich gute Gründe hätten, das was ihnen widerfahren ist, quasi retrospektiv doch noch gut zu finden.

Mir begegnen solche Kommentare immer wieder. Aus den Mündern mir sehr sympathischer Menschen. Die eigentlich schlau sind. Und Rassismus voll doof finden. Und auch keine Tiere essen. Also total aufgeklärt, richtig sophisticated und eigenständig denkend. Jaja klar. Mir vergeht der Appetit aufs Menschsein.

Resignation also. Und auch Rekapitulation. Ich denke an die Pograbscher (im Club, in der Bahn, auf der WG-Party, in der Menschenmenge…) und die zahllosen Ausraster, als ich meine Handynummer nicht rausgeben wollte. Der Eine, der mir mal minutenlang nachts durch die Straßen gefolgt ist, bis ich mich in ein Café gesetzt und mich von einem Freund abholen lassen habe, weil ich mich nicht alleine nachhause getraut habe. Die Lehrerin, die meinte, ich hätte da was falsch verstanden, als mich ein Mitschüler festgehalten und mir zwischen die Beine gefasst hat. Der Moment, als ich das Wort „Vergewaltigung“ das erste Mal in meinem Leben gehört habe – während ein Mitschüler es auf dem Pausenhof, selbstredend unfreiwillig und in Begleitung von körperlicher Gewalt, an meiner damals besten Freundin simuliert hat. Meine Kommilitonin, die während einer medizinischen Behandlung sexuell genötigt worden ist. Meine Mitbewohnerin, die auf einer Party mit K.O.-Tropfen vergiftet und sexuell bedrängt worden ist. Eine Bekannte, der das Gleiche passiert ist – nur, dass es nicht bei der „Bedrängung“ geblieben ist. Eine Freundin, die in einem U-Bahnhof von einem nackten Mann* angefasst worden ist. Die Unitoiletten, die man vor der Benutzung erst auf Gucklöcher auf Sitzhöhe kontrollieren muss (3). Ich denke daran, wie mir letzte Woche ein älterer Mann im Flugzeug erklärt hat, ich solle als so „junges Mädchen“ (ich bin Mitte zwanzig) nicht alleine reisen, wie mich gestern ein Typ nicht aus der U-Bahn aussteigen lassen wollte, weil er „mit mir reden wollte“ und wie mir vorhin auf dem Heimweg jemand „Geile Bitch!“ zugerufen hat.

Ich könnte noch endlos so weitermachen. Alles ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Über die man sich ja auch freuen kann. Und manche Frauen* stehen schließlich auch drauf. Und wenn nicht, dann muss dies doch zumindest zur Diskussion stehen dürfen. Interessant, dass selten jemand auf die Idee kommt, das übergriffige Verhalten selbst in Frage zu stellen, sondern stets auf der womöglich falschen oder unverhältnismäßigen Sicht der Betroffenen herumgeritten wird. Als ich das Wort „rape culture“ das erste Mal gehört habe, musste es mir jedenfalls niemand erklären.

Danke. Danke, all ihr lieben Männer*, die ihr meinen Körper ungefragt und gegen meinen Willen angefasst habt – natürlich nur als Zeichen der Aufmerksamkeit. Und danke, all ihr lieben anderen Männer*, die ihr eine Frau* niemals ohne ihren Willen anfassen würdet, aber dennoch der Ansicht seid, dass es ihr, wenn dann, doch mindestens in 50% der Fälle auch gefallen würde – ohne euch wäre uns die altruistische Seite sexueller Übergriffe gänzlich verborgen geblieben. Bitte hört nicht auf uns aufzuklären!

Es geht hier nicht um mich und meine persönlichen Erfahrungen und Ärgernisse. Es geht um mehr, als meine Erinnerungen aus Schule, Uni und Alltag. Es geht um Freiheit. Nicht etwa meine individuelle Freiheit, sondern um das, was Frauen* und frauisiert gelesene Personen als Gruppe aufgrund geschlechtshierarchisierenden gesellschaftlichen und historischen Mechanismen unfrei gemacht hat. Die Freiheit ungestört zu sein, sich nicht stetig gegen drängende Blicke schützen, gegen Anfassen wehren und gegen Schuldzuweisungen rechtfertigen zu müssen. Die Freiheit unbehelligt über die Straße zu laufen (egal zu welcher Uhrzeit), anzuziehen was man will oder einfach mit einem Verkehrsmittel von A nach B zu gelangen, ohne übergriffigen Kommentaren oder paternalistischen Belehrungen ausgesetzt zu werden. Die Freiheit nicht permanent mit dem mir zugeschriebenen Geschlecht konfrontiert zu werden (und den dazugehörigen Konnotationen wie „Schwäche“, „Verfügbarkeit“ und „Anpassung“). Ich bin nicht in erster Linie Frau, sondern Mensch. Und als solcher möchte ich auch gerne behandelt werden.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* ist kein statistischer Mythos. Und sie findet nicht irgendwo statt. Sondern hier. Auf der Straße. In der Schule. Bei dir zuhause. Ja hier! In unserem tollen emanzipierten Deutschland! Und das, obwohl sogar eine Frau Bundeskanzlerin ist  (und daher Feminismus und der ganze Gender-Quatsch ja eigentlich sowieso total überflüssig sind!!!!1111elf).

Applaus, wenn du nicht zu den Menschen gehörst, die andere Menschen gegen ihren Willen anfassen würden. Das reicht aber nicht. Wenn du trotzdem auf der nächsten Party erklärst, dass sich Betroffene doch über sexuelle Übergriffe freuen können, dann bist du vielleicht immer noch kein Täter, aber zumindest Komplize.


(1) – Soll nicht heißen, dass in unserer Gesellschaft Transsexualiät nicht tabuisiert wird, Frauen nicht strukturell benachteiligt werden etc. – andere Kulturen werden hierzulande nur oft genau in diesen Punkten als rückständig belächelt.

(2) – Bitte nicht misszuverstehen: Hier ist nicht gemeint, dass sexualisierte Gewalt an Frauen nicht verurteilt wird, sexualisierte Gewalt an Männer aber schon. Männer, die unter sexualisierter Gewalt zu leiden haben, haben es sicher ebenfalls sehr schwer, sich Gehör und Akzeptanz zu verschaffen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass strukturelle sexualisierte Gewalt an Frauen einen anderen Kontext hat und möchte daher beide Phänomene nicht in einen Topf werfen. Diesem Vorgehen ist keine Wertung inhärent.

(3) – Funfact: Natürlich konnte bei keiner der genannten Situationen ein Täter zu juristischer Verantwortung gezogen werden.

Frau*/Mann*: Ich setze hinter die Begriffe von „Frau“/“Mann“ Sternchen um deutlich zu machen, dass ich mich auf den Begriff als Analysekategorie beziehe.  Das Sternchen heißt für mich einerseits „frauisiert“/“typisiert gelesen“, soll der lesenden Person aber auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich die Kategorisierung von Menschen in zwei Gruppen schwierig finde und diesen Mechanismus eigentlich nur ungern reproduziere. In diesem Fall ist es jedoch, nach meinem Empfinden, notwendig darauf hinzuweisen, dass hier ein genderspezifisches Problem vorliegt, das eben nicht alle Menschen unabhängig des ihnen zugeschriebenen Geschlechts in der gleichen Systematik betrifft.

Oh Biggie… #schellefürkelle

Heute wird es mal wieder Zeit für eine virtuelle Schelle für die Kelle. Die Biggie und ich sind selten einer Meinung. Das wussten wir bereits. Nachdem ich nun langsam ihren ersten Rundumschlag verdaut zu haben glaubte („Dann mach doch die Bluse zu!“), legt die erzkonservative Familienverteidigerin nochmal ordentlich nach – ein bisschen Sexismus hier, ein obsoletes Weltbild da, garniert mit einer saftigen Portion Populismus, schon hört man sie förmlich aus der Küche flöten: Bullshit ist fertig! 

Ein neues Buch ist geschrieben und will beworben werden – klar, dass sich das Sprachrohr des deutschen Erzkonservatismus  nicht zwei Mal bitten lässt, um sich mit fragwürdigen Behauptungen ins Gespräch zu bringen. Im aktuellen Focus bittet die „Demo für alle„-Aktivistin („für alle“ = heterosexuell, christlich-konservativ und am besten in klassischer Familienstruktur organisierte Menschen = eben nicht „für alle“) nun, dass man sie bitte nicht „vollgendern“ solle. Sie selbst verortet sich als „eindeutig weiblich“ und hat kein Verständnis für jene, die sie abfällig als die, „die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sind“ bezeichnet. Diese diffamierende Wortwahl hinterlässt einen ähnlich bitteren Nachgeschmack, wie die Vorstellung, dass ein gehender Mensch einen rollstuhlfahrenden Menschen verspotten würde, weil dieser seiner Meinung nach „zu blöd zum Laufen“ sei. Für Frau Kelle mag es vielleicht erfreulich sein, dass sie sich in dem heteronormativen System einer binär strukturierten Gesellschaft so passend verorten kann – damit genießt sie jedoch ein Privileg, das nicht jedem ihrer Mitmenschen zuteil wird. Sich auf seine gegebenen Privilegien etwas einzubilden und diejenigen, die durch das limitierende Raster fallen, zu diskriminieren und herablassend zu verspotten, scheint selbst ihren sonst so fundamentalistisch propagierten „christlichen“ Werten wenig gerecht zu werden.

„Berlin hat zwar keinen modernen Flughafen, aber in manchen Bezirken drei Türen, wenn Sie aufs Klo müssen. Man muss Prioritäten setzen. Gendersensibel nennt es sich, dass wir neuerdings Unisextoiletten vorfinden, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind.“

Der Auftakt ihres Focus-Beitrags beginnt bereits ziemlich frustrierend: Tatsachen verdrehend, populistisch und schlicht falsch. Erstens ist es keineswegs so, dass, wie es in diesem Satz suggeriert wird, flachendeckend bezirksweit Unisextoiletten eingeführt worden wären. Nur in vier von zwölf Bezirken ist die Idee der Unisextoilette überhaupt ernsthaft im Gespräch gewesen, nach etlichen Monaten Stillstand wurden zögerlich einige wenige realisiert: z.B. eine Toilette in Tiergarten, eine im Gesundheitsamt Mitte und in insgesamt drei Bürgerämtern. Diese wurden auch nicht, wie Kelles Formulierung erwarten lassen könnte, neu gebaut, sondern bereits vorhandene Toiletten neu ausgewiesen. Einzige Investition: Ein neues Schild an der Tür.1 Und selbst dafür reicht es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Aufgrund einer Haushaltssperre müssen die Unisex-Toiletten warten.2

Wirklich unerhört, wie hier mit den Steuergeldern umgegangen wird! Nicht mal für den Flughafen reicht es! Nicht mal für jenen (bereits über 4 Milliarden Euro teuren) Flughafen, der nichts, aber auch rein gar nichts mit der Finanzierung von ein paar genderneutralen Türschildern zu tun hat. Jenem Flughafen, dessen Eröffnung seit Jahren wegen diverser Fehlplanungen, baulicher Mängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen verschoben wird – und nicht etwa, weil Mehdorn persönlich damit beschäftig ist, in Berlin-Mitte neue Türschilder an die Klos zu schrauben, statt sich um die Eröffnung zu kümmern.

Hier stehen reale Milliarden-Verluste einer Haushaltssperre gegenüber, die nicht einmal ein neues Kloschild finanzieren kann. Es wird deutlich: Frau Kelle spielt gezielt mit der Wut und den Ängsten der Menschen. Kein Flughafen, aber Klos für die „Unentschlossenen“ unter „uns“ (und eigentlich gehören „die“ ja gar nicht so richtig zu „uns“)?! Hier scheint kein noch so weit hergeholtes Pseudoargument zu absurd, um gegen eine verhältnismäßig völlig unerhebliche finanzielle Investition zu wettern und die dahinter stehende Idee ins Lächerliche zu ziehen.

Nicht weniger kritisch erscheint der süffisante Zusatz „…, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind“. Das klingt ja nach einem echten Luxusproblem, damit die „Unentschlossenen“ unter uns zukünftig nicht vor jedem Klogang eine Münze werfen müssen, um zu entscheiden, welche Tür sie wählen. Die Realität sieht jedoch anders aus und kann für Betroffene mehr als belastend sein, wenn den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen im öffentlichen Raum nicht nachgegangen werden kann, ohne mit unangenehmen sozialen Konfrontationen, Anfeindungen oder Ausgrenzungen rechnen zu müssen. Fakt ist, dass es viele Menschen gibt, für die die Existenz einer Unisextoilette sinnvoll sein könnte. Da wären zum einen die rund 15.000 Menschen, die seit 1995 in Deutschland ihre geschlechtliche Identiät verändert haben3. Hinzu kommen beispielsweise intersexuelle Menschen – jeder 2000. Mensch, wird mit Geschlechtsmerkmalen geboren, aufgrund derer er nicht eindeutig als „Mädchen“ oder „Junge“ zu kategorisieren ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen wird mit bis zu 120 000 angegeben.Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer jener Menschen, die durch solche Statistiken überhaupt nicht erfasst werden, zum Beispiel, weil sie sich mit dem Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, nicht identifizieren können, es jedoch nicht per gerichtlichem Entscheid formal ändern lassen. Aber auch für Väter kann die Unisextoilette hilfreich sein: Gab es Wickeltische bislang meist nur in den Frauentoiletten (was wiederum eine sexistische Rollenverteilung reproduziert), könnte die Unisextoilette ein neutraler neuer Ort für den Wickeltisch sein –  ein Fortschritt für ein egalitäres Familienmanagement, sowohl für heterosexuelle, als auch schwule Paare und nicht zuletzt: alleinerziehende Väter.

Mal zum Vergleich: In Deutschland leben rund 150 000 blinde Menschen.5  Das ist kein Problem, dass alle Menschen betrifft und auch keins, das die meisten Menschen betrifft. Vor allem ist es kein Problem, das Frau Kelle persönlich betrifft. Nach ihrer Logik scheint dies also ein guter Grund zu sein, gegen die Ausrüstung öffentlicher Beschilderungen mit Braille-Schrift zu wettern. Vermutlich würde sie sich niemals so positionieren, das Beispiel verdeutlicht dennoch die Systematik, die hinter ihrem Argumentationsstil steckt: Er ist geprägt von Egozentrismus und Intoleranz.

Birgit Kelle biedert sich nicht nur einer uninformierten und reaktionär denkenden Bildzeitungsleserschaft an, sie scheint in vielen Hinsichten selber gar nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich spricht. Das bewies sie nun einmal mehr in der Talkshow „Hart aber fair“. Als Anne Wizorek beispielsweise die These äußerte, dass geschlechterspezifisch beworbenes Spielzeug lediglich eine Marketingstrategie der Industrie sei, die nichts zwingend mit den „natürlichen“ Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun haben müsse, versuchte die vierfache Mutter Kelle dies zu widerlegen, indem sie beschrieb, dass sich ihre Töchter in den ersten Lebensjahren sehr wohl mit allen möglichen Sorten von Spielzeug gerne beschäftigt hätten, sich dies jedoch mit dem Besuch vom Kindergarten schlagartig änderte. Pink und Glitzer seien plötzlich angesagt gewesen – für Kelle ein eindeutiger Beweis dafür, dass das „Pink und Glitzer“-Programm unvermeidbar in die Mädchengenetik eingraviert sei und nichts mit Sozialisierung und Erwartungshaltung von außen zu tun hätte. Da musste selbst Talkmaster Plasberg schmunzeln.

Nicht nur ihr jüngster Beitrag im Focus, auch der Auftritt bei „Hart aber fair“ ist durchzogen von inneren Widersprüchen und dem Bezug auf falsche „Tatsachen“. Kritik kann nicht zuletzt auch die Genderforschung selber voranbringen und konstruktiv sein – in diesem Fall scheint es jedoch nur allzu offensichtlich, dass die Kritikerin selbst einer „Ideologie“ (um bei ihrem Jargon zu bleiben) verfallen ist und es daher nicht schafft, sich an der Debatte bereichernd zu beteiligen. Aber was möchte man auch von einer Protagonistin erwarten, die ihr Lager im Schulterschluss mit einer kompetenten „Meinungsmacherin“ wie Sophia Thomalla verteidigen muss, die wiederum noch nie von sprachlicher Diskriminierung gehört hat und weder Sexismus von einem Kompliment, noch Muslime von Islamisten unterscheiden kann…

 


1 „Die Unisextoiletten werden nicht neu gebaut. Stattdessen wird einer der Räume, der bisher exklusiv für Männer oder Frauen bestimmt war, neu beschildert. Faktisch wird das nur in größeren Gebäuden möglich sein, in denen es mehr als zwei öffentliche Toiletten gibt.“ (http://www.taz.de/!111922/)

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/genderdebatte-pinkeln-fuer-alle-berlin-mitte-eroeffnet-unisex-toilette/10709278.html

3 http://www.stern.de/gesundheit/sexualitaet/vorlieben/transsexuelle-fremd-im-eigenen-koerper-1521741.html

4 http://www.national-coalition.de/pdf/28_10_2012/Kinderrechte_und_Intersexualitaet_NC.pdf

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

6 http://www.stern.de/kultur/tv/hart-aber-fair-sophia-thomallas-dreister-auftritt-2177324.html


 

Buchkritik: Wieviel Tussi steckt in dir?

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Das hier ist für alle, die sich gefragt haben, was eigentlich hinter diesem Tussikratie-Buch steckt, das neulich durch die Medien geisterte. Ich habe mich stellvertretend geopfert und erstatte nun Bericht.

Thema

Die Grundidee, den Geschlechterdiskurs einmal kritisch zu beleuchten, ohne ihn gänzlich zu verurteilen oder gar als überflüssig-lästiges Übel der westlichen Zivilisation abzustempeln, gefällt mir zunächst. Die Autorinnen machen bereits auf den ersten Seiten ihren Standpunkt deutlich: Gleichberechtigung – ja, bitte! Verkrampfte den-Spieß-Umdreh-Allüren (denn die bösen Männer haben es ja nach Dekaden der weiblichen Unterdrückung nicht anders verdient!) – nein, danke! Diese Art eines pseudo-feministischen Handelns sei der Inbegriff von der nachfolgend viel besungenen Tussikratie.

Hier findet ihr einen Podcast zum Thema auf 1Live – lohnt sich vielleicht einleitend mal reinzuhören, um sich einen Überblick über die Ansichten der Autorinnen zu verschaffen. Wer keine 40 Minuten Zeit hat, kann das Ganze auch auf die ersten zehn eindampfen und hat dann mehr Zeit für meine nun folgende, natürlich fürchterlich bereichernde, Analyse.

Inhalt

Die Frau, die die Autorinnen im ersten Kapitel zur „Tussi“ stilisieren, mutet gar beängstigend an: Ein rücksichtsloses Karriere-Monster, das sich insgeheim nicht nur eine Welt ohne Männer wünscht, sondern ebendiese obendrein noch für all ihre persönlichen Probleme verantwortlich macht, sie ausnutzt und warm hält – um sie abzuservieren, bevor Kinder gezeugt werden können. Sie sieht selbst ihren eigenen Partner – sofern er ein Mann ist – als Gegner, von dem sie weder ökonomisch noch emotional abhängig sein möchte und ihn noch spöttisch verhöhnt, wenn er sich „feminismuskonform“ weiblich konnotierten Aufgabenfeldern widmet.

„Jetzt läuft es mal andersrum!“ – Kann das wirklich die Lösung sein?

Der Appell lautet: Die weibliche Emanzipation sollte kein negatives Abziehbild sein, das Männer im Umkehrschluss benachteiligt und diskriminiert. Außerdem soll aus der Option für Frauen Karriere zu machen, kein Zwang entstehen. Frauen sollen auch Hausfrauen sein können. Männer auch die Hauptverdiener.

Was bei dieser Forderung jedoch ein wenig paradox erscheint: Genau das ist momentan doch noch eher der Standard, als die Ausnahme. Ist dieses 320 Seiten lange Plädoyer für die Option auf Tradition also wirklich notwendig oder nicht doch eher eine, als Schlichtungsversuch getarnte, Derailingsdemontage, die uns weit weg von den eigentlich interessanten Fragen der Geschlechterproblematik treibt?

Die Autorinnen kritisieren den Geschlechter-Tunnelblick: Nicht jedes gesellschaftliche Problem sei auch ein Genderproblem. Die Frage kommt auf, ob die Benachteiligung im Job nicht vielleicht eher ein Klassenproblem sei als ein Produkt des Patriarchats. Dieser Ansatz ist insofern sinnvoll, da sich sicherlich nicht alle Asymmetrien in unserer Gesellschaft  auf das Geschlecht zurückführen lassen und die Möglichkeit besteht, geblendet vom Geschlechterdiskurs, den Blick für eben diese parallel existierenden Problematiken zu verlieren – so beispielsweise bei Verteilungsfragen zwischen Arm und Reich oder Beschäftigten und Unternehmern. Doch auch hier gilt: Wer Kapitalismus so offen „doof“ findet, sollte wenigstens so konsequent sein, das Patriarchat mindestens genauso „doof“ zu finden. Diese Schlagworte gehen nun mal Hand in Hand und sind nicht isoliert zu betrachten.

„Es ist hipper denn je, Frauen und Männern anhand ihrer biologischen Unterschiede auch unterschiedliche Fähigkeiten zuzuschreiben.“

Im nächsten Kapitel geht es um Pseudo-Hardfacts, krude Experimente und einseitig dargestellte Statistiken, die uns manipulieren und Hypothesen als Tatsachen verkaufen wollen. Das Problem seien nicht die Forschungsergebnisse, sondern die Schlüsse, die wir aus ihnen ziehen würden. Sympathisch finde ich einen an dieser Stelle angeführten Religionsvergleich: Wenn ich für „persönliche“ Eigenschaften und Mängel die „Evolution“ bemühe, also „nicht anders kann“, erleichtert mir das vielleicht die Akzeptanz, wie bei Gläubigen, etwas als „gottgegeben“ (bzw. in diesem Fall dann „biologische vorgegeben“)  zu verstehen und so zu akzeptieren. Die altbekannte Leier á la „typisch Frau“ und „typisch Mann“ wird hier treffend als Produkt banaler Angst entlarvt.

Im Folgenden werden populärwissenschaftliche, geschlechterdualisitische Erkenntnisse angeprangert: Sie brächten mehr Schaden als Nutzen! Was in den Zeitschriften über die Eigenschaften und Verschiedenheiten der Geschlechter propagiert werden würde, hätte mit der Wissenschaft nicht mehr viel zu tun. Daten und Auswertungen würden auf billige Pointen heruntergebrochen und populistisch verpackt. Was wir der populärwissenschaftlichen Wartezimmerliteratur über „die Männer“ und „die Frauen“ entnehmen könnten, eignete sich keinesfalls dazu, Aussagen für Individuen zu treffen. Für die meisten wissenschaftlichen „Tatsachen“ gäbe es einfache und nachvollziehbare Erklärungen, die dieser Form von Geschlechterdeterminismus widersprächen. Forschungsergebnisse zu Geschlechterklischees würden kurzerhand so zurecht geschnitten, dass sie zu den gewünschten Stereotypen passten und griffen dabei sogar skrupellos auf bereits als fragwürdig erkannte Forschungsergebnisse zurück. Verallgemeinernde Aussagen über „die Männer“ oder „die Frauen“ seien also nichts weiter als stupide Bauernweisheiten, die uns ein fiktives Gefühl von Sicherheit vorgaukelten.

Bei der Frage, warum evolutionäre Erklärungen derart erfolgreich seien, wird die Genderforscherin Melanie Groß zitiert:

„Mit der Freiheit – mehr Wahlmöglichkeiten, weniger Tradition – steigt die soziale Verunsicherung der Gesellschaft. Indem wir die Geschlechterbilder verfestigen, versuchen wir, unsere identitäre Sicherheit zu untermauern, zu verdeutlichen, wer wir sind.“

Unterschiede zwischen Mann und Frau würden geradezu „cartoonhaft überzeichnet“ werden – vielleicht auch, um das Gefühl zu forcieren, dass in einer Zeit, die sich im Wandel befindet, doch noch alles irgendwie „seine Richtigkeit“ hat.

Tussikratie nutze die Populärwissenschaft, um Frauen zum überlegenen Geschlecht zu machen – eine Spielart, die ich persönlich ehrlich gesagt bislang in erster Linie  von Maskulisten und Feminismusgegnern kannte. So wirklich stimmig erscheint mir die Argumentation nicht, denn die Autorinnen zitieren an anderer Stelle selbst einige bekannte, populärwissenschaftliche Schlagzeilen der vergangenen Jahre, die traditionelle Geschlechterrollen und genderbedingte gesellschaftliche Asymmetrien evolutionär begründen wollen.

Für welches „Lager“ wird die arme Populärwissenschaft denn nun so hundsgemein missbraucht? Ging es den Autorinnen nicht eigentlich darum, „Lager“ zu überwinden und endlich an einem Strang zu ziehen? Und wem möchte dieses Buch eigentlich erklären, dass man Medieninhalte, die einem zwischen Titten und dem Wetterbericht im opportunistischen Vierzeiler mundgerecht serviert werden, möglicherweise lieber hinterfragen sollte, anstatt sie unzerkaut herunterzuwürgen? Ich bezweifel irgendwie, dass diejenigen, die diese Erkenntnis bitter nötig hätten, sich als Adressat_innen dieses Buches verstehen. Aber (und das muss man ihnen lassen): Die Autorinnen plädieren für eine Weltsicht, die darauf verzichten kann, selbige in „Mann“ und „Frau“ einteilen zu müssen. Prädikat: sehr vernünftig. Bravo, bravo! Zugabe!

An einer Stelle, in der unkommentiert das Klischee zitiert worden ist, dass Frauen seltener One-Night-Stands hätten, als Männer, musste ich ein wenig schmunzeln. Finde den Fehler! Es ist schliesslich davon auszugehen, dass sich diese Aussage auf hetereosexuelle Beziehungen bezieht und die Schwulenszene überhaupt nicht impliziert. In diesem, sehr wahrscheinlichen, Fall, geht die Aussage schlicht und ergreifend nicht auf. Fand ich amüsant.

Aber kommen wir zurück zur bösen Tussi (und irgendwie beginnt sie mich im fortgeschrittenen Teil des Werkes regelrecht zu gruseln… sie folgt mir mittlerweile als düsterer Schatten durch meinen sonst so sorglos-bunten Alltag auf Schritt und Tritt. Denn an jeder Ecke könnte sie lauern und Besitz von dir, mir, ja der Menschheit ergreifen!). Der neue, bittere Vorwurf: Angeblich pauschale Argumente für Gleichberechtigung würden als Instrument missbraucht, um individuelle Karriereziele durchzusetzen. Ring Ring. Der Trolldetektor fiept auf. Der aufmerksame Lesermensch ist langsam ein wenig beunruhigt, wenn nicht gar alarmiert. Die Antifeminist-Classics häufen sich verdächtig.

Ich bin mir nicht sicher, ob das im vollen Bewusstsein geschieht (obwohl sich die Autorinnen selber als Feministinnen bezeichnen würden), oder weil sie sich vielleicht noch nicht oft genug dem oft absurden und ermüdenden Diskurs mit extremen Antifeministen gestellt haben. Dann würden sie vielleicht etwas vorsichtiger mit der Stammtischkeule schwingen und nicht immer wieder in diese durch Ignoranz und Male-White-Tears vorbelasteten Kerben schlagen.

Eine hingegen sehr angebrachte Kritik an „falsch“ ausgelegetem Feminismus (Wer entscheidet eigentlich, was falsch und richtig ist?): Oft wird im Zuge der Geschlechterdebatte für „die Frauen“ gesprochen, individuelle Bedürfnisse auf alle „Frauen“ übertragen und generalisiert. Diese bevormundende Spielart kennen wir von einigen namenhaften Feministinnen und ja, bei dem Punkt, dass das nicht cool ist, sind wir uns sicher alle einig.

Die Autorinnen lamentieren: es sei so schwer heutzutage eine Beziehung ohne den Satz: „Denk nicht, dass ich deine Unterhosen bügle“ anzufangen. Bitte was? So viel dann wohl zum Thema „bitte nicht so verkrampft“ – wer seine Beziehungen so beginnen muss, hat vielleicht tatsächlich ein Krampfproblem. Aber vielleicht doch eher ein Individuelles, denn obwohl ich mich in einer gendersensiblen Umgebung bewege, habe ich solch merkwürdige Einleitungssätze weder je selbst verwendet, noch von irgendwem gehört. Ich kenne auch keine Frau in meinem Alter, die sich über so ein Szenario im Vorfeld überhaupt Gedanken machten würde.

Außerdem hätten es männliche Aufsteiger auf dem Arbeitsmarkt angeblich auch deshalb schwer, da sie aufgrund ihres Geschlechts schnell als „Günstling“ abgestempelt werden würden (wir lassen jetzt mal alle Statistiken zu Geschlechterverteilungen in wichtigen Positionen außer Acht…). Im Gegensatz dazu könnte man jedoch äquivalent ebenfalls anführen, dass es sicher auch viele Frauen gibt, denen unterstellt wird, sich hochgeschlafen zu haben oder lediglich aufgrund ihres Aussehens (ihrer weiblichen Reize) erfolgreich zu sein. Das sind doch schon wieder zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich höre die Maskulisten klatschen. Ja, toll, eine Frau, die endlich mal nur darüber nachdenkt, auf welche Stolpersteine Männer während ihrer Karriere stoßen könnten und die gleichwertig dazu existierenden weiblichen Stigmatisierungen völlig ignoriert! Aber… Moment mal… war das erklärte Ziel nicht eigentlich, den Spieß eben nicht umzudrehen, sondern beide Seiten mit einzuschließen?

Die Frauenquote wird im Zuge dieser Unterstellung kritisiert, Studien die z.B. belegen, dass man eher Leute einstellt, die einem ähnlich sind (Geschlecht), bleiben gänzlich unberücksichtigt. Es gibt sicher Argumente die für und gegen eine Frauenquote sprechen. Hier wird jedoch ausgeklammert, dass es durchaus objektiv bewertbare Anhaltspunkte dafür gibt, dass es Frauen, ungeachtet ihrer Qualifitkationen, durch ihr Geschlecht in gewissen, zufälligerweise mit Macht und Geld behafteten, Branchen schwerer haben, als Männer.

Die Autorinnen führen an, dass es nicht unbedingt eine Frage der Geschlechter sein muss, dass wir es heutzutage schwer haben, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Wir müssten einfach mehr verdienen!

„Wir verdienen aber nicht mehr, und viele Eltern müssen, man kann es kaum anders sagen, schuften. Oder einer schuftet, und die andere bleibt zu Hause.“ Autsch! Hier wird nicht nur das klassische (wie obsolete) Familien-Schema-F reproduziert, der Satz wertet zudem die als weiblich konnotierte Hausarbeit ab – die, so klingt es zumindest an dieser Stelle, eben kein „für die Familie schuften“ darstellt. Die, ohnehin in Dekaden der Unterdrückung unsichtbar gemachte, weibliche Hausarbeit, wird hier mit einem beiläufigen „die andere bleibt zu Hause“ völlig entwertet. Leider ist diese Aussage kein Einzelfall, ein bisschen mehr Sensibilität für die Grundthematik, über die hier ja immerhin in einem ganzen Buch ausgiebig referiert wird, wäre nicht nur an dieser exemplarischen Stelle wünschenswert gewesen.

Die Kapitel über Verhütung und Pornografie schenken dem Buch ein wenig Auftrieb. Verhütung sollte natürlich beide Seiten etwas angehen und nicht Anlass für Machtspiele sein. Es wird die Ex-EMMA-Chefredakteurin Lisa Ortgies zitiert – und ja, einem Menschen, der sich um Gleichberechtigung für beide Geschlechter bemüht, stellen sich hier zurecht die Nackenhaare auf.

Ich finde den Teil, in dem ein bisschen vom Set der Fempornregisseurin Erika Lust (mehr zum Thema FemPorn und Erika Lust, erfährst du im Muschimieze-Interview mit Patrick Catuz) erzählt wird, ganz bereichernd für dieses Buch, da es vielen Leser_innen sicher einen neuen, erfrischenden Blickwinkel auf die Pornoindustrie schenken kann. Das Thema wird dennoch lediglich angeschnitten. Mir fehlt beispielsweise der Aspekt, dass die Kritik an Mainstream-Pornografie nicht nur in möglicher Ausbeutung der Darsteller_innen besteht, sondern eben auch insbesondere in der einseitigen Darstellung von sexueller Befriedigung und dem Ausklammern von weiblicher Lust. Also der kurze Exkurs zum Thema Porno ist in jedem Fall ein Pluspunkt fürs Buch, dennoch, sicher auch aufgrund der begrenzten Kapazität eines Kapitels, eher oberflächlich.

Im letzten Kapitel richten sich die Autorinnen dann direkt an „die Frauen“. Mir tat es ganz gut zu lesen, dass, nach den ganzen vorangegangenen halb-schwierigen Aussagen, hier nochmal relativ deutliche Worte gefunden werden konnten: Fast jede Frau hat bereits mehrfach Erfahrungen sexueller Belästigung und Bedrängung hinnehmen müssen, das ist keine Mär, sondern für die meisten Frauen bittere Realität. Es wird eingeräumt, dass viele Frauen auf dieser Welt noch unter den Fesseln von Unterdrückung und Diskriminierung zu leiden haben. Der Tenor lautet aber auch: Wir befinden uns im Umbruch und Frauen hatten noch nie mehr Macht als heute! Wir brauchen eine Geschlechterrollenrevolution! Reproduzierte Stereotype aus Großmutters Zeiten sollten zwar ein Auslaufmodell werden – das Business-Outfit den Hausfrauenkittel als „Zwangsjacke“ jedoch im Gegenzug nicht ablösen. Männer sollten zudem nicht als Sündenböcke der Menschheit dargestellt und die Geschlechter nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide hätten halt ihr Genderpäckchen zu tragen. Es wird für individuelle Lebensentwürfe und persönliches Glück appelliert – alles schön und gut. Doch wie individuell und persönlich kann der Lebensentwurf aussehen, wenn uns äußere Zwänge (gemäß unseres Geschlechts) einen bestimmten Lebenslauf vorgeben? Kollidiert die Geschlechterdebatte tatsächlich mit diesem Individualitätsbedürfnis oder ist sie nicht eben deshalb notwendig?

Fazit:

Spiegel Online bezeichnete das Buch als „wohltuend differenziert“. Der gemäßigte, niemals polemische, Schreibstil, ist durchaus die größte Stärke, bei genauerer Betrachtung meiner Meinung nach jedoch auch die frappierendste Schwäche, des gemeinsamen Werkes von Bäuerlein und Knüpling. So „erfrischend entspannt“ die Abhandlungen der beiden Journalistinnen auch sein mögen, ich habe mich Seite um Seite nach einer Pointe, einer Stellungnahme, ja, einer Meinung gesehnt. Auf diesen Moment der Erkenntnis, den einem eigentlich jedes gute Sachbuch schenken sollte, wartete ich jedoch vergeblich. Die Kapitel zogen sich teilweise ziemlich und drehten sich immer wieder um die gleichen, bereits durch die Einleitung vorhersehbaren, Überlegungen – viele Wiederholungen und leider auch der ein oder andere innere Widerspruch. Vielleicht habe ich auch zu viel erwartet. Ich habe mich weder direkt angesprochen gefühlt, noch konnte ich die viel bemühte „Tussi“ in meinem Freundeskreis ausmachen. Ich konnte mich einfach nicht mit dieser Figur identifizieren, die aufgrund ihrer Weiblichkeit eine Art Reparationszahlung des anderen Geschlechts erwartet – so eine Haltung ist mir völlig fremd und ich hatte zuweilen das Gefühl, dass es sich bei den Schilderungen mehr um autobiografische, persönliche Momente der Autorinnen, als um tatsächliche, allgegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen handelt. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon Teil einer neuen Generation, in der manch angesprochene „Tussi„-Problematik schon ein wenig überholt ist. Möglicherweise habe ich auch die ein oder andere Stelle falsch verstanden oder bin schlicht und ergreifend von Grund auf anders gestrickt, als die Autorinnen (die übrigens auch ein Buch mit dem Titel „Fleisch essen – Tiere lieben“ geschrieben haben… #widerspruch).

Mir gefällt sehr, dass sich die Autorinnen für ein Miteinander der Geschlechter einsetzen und auf eine sehr empathische Weise mehr Selbstreflexion fordern – wobei sie sich selber, sympathischerweise, nicht ausschließen. Außerdem wird warnend appelliert: Wer sich zu sehr darin verrennt, gegen das System zu rebellieren, wird vielleicht selber Opfer dieses Systems – ganz Thusnelda-like. Sinnvoll finde ich auch, dass an manchen Stellen deutlich wird, dass zwischen Feminismus (gut!) und Tussi-Pseudofeminismus (böse!) unterschieden werden muss, das Eine nicht unbedingt viel mit dem Anderen zu tun haben muss – Letzteres jedoch die Dringlichkeit und Notwendigkeit „richtiger“ feministischer Bemühungen in der Öffentlichkeit oft in Frage stellt und negativ konnotiert.

Was mich wirklich stört, ist, dass die Angst vor „Verkrampftheit“ an einigen Stellen unterschwellig über die Möglichkeit des Selbstschutzes vor sexistischen Übergriffen gestellt wird. Ist das Problem tatsächlich, dass uns die Genderdebatte dazu ermutigt Grenzüberschreitungen zu benennen und zu ahnden – oder nicht vielmehr, dass diese immer noch und immer wieder stattfinden? Ich persönlich kenne mehr Frauen, die eben aus der Angst, als hysterische „Tussi“ abgestempelt zu werden, Sexismus stumm über sich ergehen lassen, anstatt sich offen gegen ihn zur Wehr zu setzen. Die Krux ist doch, dass ein Mann vielleicht im Zweifel mittlerweile schneller als böser Sexist abgestempelt werden kann, als vor einigen Jahrzehnten – betroffene Frauen sich durch dieses „Tussi„-Manifest womöglich jedoch nach wie vor oft nicht trauen, sich in entsprechenden Situationen zur Wehr zu setzen. Was ist nun schlimmer? Zu Unrecht den Sexist-Stempel oder zu Unrecht den Tussi-Stempel aufgedrückt zu bekommen? Wir sprechen hier doch im Prinzip von zwei Seiten derselben Medaille und es macht wenig Sinn, sie gegeneinander auszuspielen. Wann ist man zu Unrecht Sexist und wann zu Recht Tussi? Und gibt es eigentlich empirische Statistiken zur Relation zwischen Tussis und Sexisten?

Außerdem wird leider die „Akademikerin“ oder „Genderforscherin“ an einigen Stellen wahllos mit der „Tussi„, die in Stammtisch-Manier sexistische Weisheiten über „die“ Männer vom Stapel lässt, in einen Topf geworfen. Dabei arbeiten gerade Genderforscher_innen gegen binäre Ansichten von Geschlecht und sind im seltensten Fall diejenigen, die Geschlechterstereotype noch weiter in den Köpfen der Menschen festtreten. Ich fürchte, dass Vorurteile und Abneigungen gegenüber vielen Genderaktivist_innen so möglicherweise noch unnötig aufgebauscht werden – ob das einem „entkrampften“ Umgang mit der Thematik wirklich förderlich ist, bleibt die Frage.

Wer sich in der ersten Hälfte gelangweilt hat, sollte auf jeden Fall noch zu den Kapiteln zum Thema Verhütung und Pornografie vorblättern, bevor das Buch weggelegt wird – diese sind meiner Meinung nach nämlich am besten gelungen und können einigen Menschen sicher noch ein paar neue Sichtweisen schenken. Hier schenkt die aufgeschlossene Herangehensweise der Autorinnen dem Buch auch definitiv etwas Aufwind.

Für alle, die sich noch nie wirklich mit den vom Buch behandelten Themen auseinander gesetzt haben, ist dies bestimmt ein ganz guter Einstieg: der Schreibstil ist nicht zu extrem, lässt viel Platz für eigene Überlegungen und unterschiedliche Ansichten. Das vielseitge Anschneiden von Themen, kann für Einsteiger_innen (die vielleicht bislang Hemmungen hatten, in die Debatte einzusteigen) interessant sein. Für alle, die schon das ein oder andere Genderbuch in der Hand hatten oder sich gelegentlich durch einschlägige Blogs scrollen, ist es inhaltlich vermutlich etwas unterfordernd.

Das Buch ist mit knapp 17€ nicht geschenkt. Nicht wirklich Sachbuch, nicht wirklich Unterhaltung, außerdem als Taschenbuch verlegt. Preis-Leistung finde ich daher eher mäßig – wenigstens das Orange auf dem Einband ist echt voll schön.

Aber da ich nun damit durch bin, kann es ab sofort wieder in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin-Kreuzberg ausgeliehen werden. Just in case.

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Re: Free Your Boobs!

Auf den Beitrag „Free Your Boobs!“ habe ich einige Rückmeldungen erhalten – für euch habe ich heute die interessantesten zusammengefasst.


Ein Leser hat folgende Frage gestellt:

„Nackte Brüste sind in Tageszeitungen, Videoclips und Anzeigen vollkommen normal?! Du lebst doch auch in Deutschland, wo sind diese nackten Brüste?!“

Da der Bedarf offensichtlich groß war, habe ich mir mal die Mühe gemacht, ein paar schöne Beispiele für Werbung herauszusuchen, bei der Brüste (knapp bekleidet, hochgebunden, entblösst) im Mittelpunkt stehen. Ich habe mich dabei auf deutschsprachige Werbung beschränkt, da sich der Kommentator selbst auf Deutschland bezogen hat – aber die Auswahl war auch groß genug. Nach einiger Zeit ist mir regelrecht langweilig geworden, denn es war immer dasselbe…

Produkt: Brillen? Motiv: Brüste! Produkt: Bier? Motiv: Brüste! Produkt: Elektronik? Motiv: Brüste! Produkt: Radiosender? Motiv: Brüste, Brüste, Brüste!

Ich habe mich dazu entschieden, Werbung für Erotikartikel, Dessous, Bademoden oder Ähnlichem außen vor zu lassen, um die Absurdität der Tatsache, was alles so mit Brüsten beworben wird, noch mehr hervorzuheben. Ihr könnt also davon ausgehen, dass keine der unten abgebildeten Werbungen auch nur im entferntesten etwas anpreisen, das irgendwie nachvollziehbar mit der weiblichen Brust im Zusammenhang stehen könnte.

Brüste

„Manche mögens heiß!“ | „Lass das Biest raus!“ | „Darf’s a bisschen mehr sein?“ | „Für mehr Offenheit.“  | „Sie lieben Ballsport?“  | „Mehr muss man nicht anhaben!“  | „Geil auf Pizza?“ | „Endlich kann ich, so oft ich will!“  | „Unsere Preise sind so knapp, wie dieser Bikini!“  | „Die Neue. Kommt schneller als die Alte, ist besser gebaut und macht, was man ihr sagt!“

Werbung, in denen Produkte mit sexualisiert dargestellten Brüsten beworben werden, sind keine Ausnahmeerscheinungen! Große und kleine Unternehmen setzen auf diesen „Trigger“, der positive Assoziationen zum Produkt und mit Sicherheit auch in erster Linie Aufmerksamkeit erregen soll.

Hier die Art der beworbenen Produkte und Firmen: Astra (Bier), Puntingamer (Bier), Reven (Luftreiniger), Karstadt (Kaufhaus), Löwenbräu (Bier), Schwäbische Stadthallenwerbung, Faschingsfeier, Media Markt (Elektronikhandel), Radio Lora, Hirter (Bier), Optiker, Radio Arabella, Viva Con Aqua (Spendenorganisation), Lieferservice, Redcoon (Onlinehändler), Wellnessangebot, Nordsee (Restaurantkette), Gitsche (Holzhandelsfirma), Bet at home (Sportwetten), Boch (Sanitär), Netkellner (Lieferservice), Tom Ford (Herrenparfum), Sony (Elektronik), Cinemaxx (Kino), Antenne Koblenz (Radio), L’Tur (Reiseveranstalter), Neue Nordhäuser Zeitung, PR CAR (Autoservice), Dachdeckerei Schröder, American Apparel (Modemarke), Witz (Recyclingfirma), RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten), Pantene Pro-V (Haarpflege), Partyflyer, Platzer (Transportfirma), XLink (Telekommunikationsfirma), Shark (Energiedrink), Schider-Schilder (Werbung), Ryanair (Fluggesellschaft)

Manche Anzeigen habe ich auf folgenden empfehlenswerten Seiten gefunden: Watchgroup Salzburg#ichkaufdasnicht

Und zum Thema Tageszeitungen – hier nur ein aktuelles Beispiel für eine Tageszeitung, die direkt auf der Startseite (unübersehbar neben ihrem Logo) eine sexualisiert dargestellte Frau präsentiert:

Bild 7

Nun könnte man die Gegenfrage stellen: der Kommentator lebt doch auch in Deutschland – wie kann es sein, dass ihm die Flut sexualisierter Darstellungen der weiblichen Brust in Medien und Werbung überhaupt nicht mehr auffällt? Schon so abgestumpft?


Dann hat mir die liebe Nina für ihren Blog „Busenfreundinnen“ ein paar Fragen zum Artikel und generell zu meinen Ansichten gestellt – in Kürze wird ein komplettes Gespräch zum Thema auf ihrem Blog zu finden sein. Hier ein kleiner Vorgeschmack.

Bist du stolz eine MUSCHI alias Frau zu sein? Was bedeutet für dich Frau sein?
Ich bin so wenig stolz auf mein Geschlecht wie auf meine Nationalität. Ich finde nicht, dass das Dinge sind, auf die man stolz sein kann.
Frau-sein bedeutet für mich nichts anderes als Mensch-sein. Mein Geschlecht ist nicht der Indikator, der mich von 50% der „anderen“ Menschen grundlegend unterscheidet und mich mit dem Rest pauschal verbindet. Ich habe Prinzipien, Werte und Moralvorstellungen als Mensch – nicht primär als Frau.

Findest du Brüste schön? Egal, ob groß oder klein?
Klar, was wäre eine Welt ohne Brüste?!

Kannst du das heterosexuelle, männliche Wesen verstehen, wenn sie an dem weiblichen Busen hängen bleiben?
Ich muss nicht versuchen, mich dafür in den  „ominösen Heteromann“ hineinzuversetzen – ich schau selber gerne auf schöne Brüste und ich kenne keine Frau in meinem Umfeld, der es nicht auch so geht. Brüste sind keine Erfindung für den Heteromann und es ist ein Mythos, dass nur Männer „am weiblichen Busen hängen bleiben“.  Also kurz: klar, kann ich das verstehen. Ich finde aber nicht, dass es sich dabei um ein ontologisch männliches Phänomen handelt.

Mir wurde ja oft gesagt, dass ein Hetero-Mann nicht anders kann. Aufgrund ihres Testosterons sind sie den weiblichen Rundungen komplett verfallen. Hirn und Herz rutschen in die Hose und denken nur noch daran, wie sie an die Rundungen ran kommen. Sie meinen das nicht böse, nein, ganz und gar nicht, sie können nicht anders, da sie ihrem Instinkt und Trieb, welcher ja schon immer da war und immer da sein wird, weil es ja auch um die Fortpflanzung geht und der Mensch auch „nur“ ein Säugetier ist, verfallen sind. Glaubst du das den Herren?
Also erstmal kenne ich keinen Mann, der sich selber so beschreiben würde. Warum? Weil es im Grunde total männerfeindlich ist, anzunehmen, ein Mann wäre nichts als ein auf seine Triebe reduziertes, schwanzwedelndes Wesen, der beim Anblick eines blanken Busens (was in unserer Gesellschaft nun auch nicht gerade selten ist), die Kontrolle über seinen Verstand verliert. Ich glaube, dass unangemessenes Verhalten sehr häufig einfach aus unbedacht reproduzierten gesellschaftlichen Strukturen und Gewohnheiten entsteht.

Beispiel: Es gibt Männer, die Frauen auf Partys einfach anfassen, weil sie denken, dass das normal oder „schon okay“ wäre, sich dabei einfach keine Gedanken über die Empfindungen ihres Gegenüber machen. Viele Männer würden so etwas aber niemals tun, weil sie genau wissen, wie unangebracht das wäre. Daraus lässt sich ableiten, dass nicht das biologische Geschlecht, sondern deine Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung, dich ungefiltert triebgesteuert handeln lässt.
Aussagen wie „Männer sind halt so“ oder „Männer können einfach nicht anders“ sind durch und durch sexistisch.

Siehst du dich mit deiner Aktion auch als Demonstrantin? – die für Gleichberechtigung demonstriert?
Ich finde nicht, dass man es als Aktion bezeichnen kann, wenn man sich morgens für oder gegen einen BH entscheidet. Ich will auch gar nicht, dass so einer banalen Sache so viel Bedeutung beigemessen wird – eigentlich ist sogar genau das der Punkt, den ich kritisiere. Ich will, dass das selbstverständlich ist und andere Menschen mich deshalb nicht anders behandeln.

Da kommt mir dir Frage, werden wir je gleichberechtigt sein, wenn uns das Testosteron fehlt?
„Uns“ fehlt das Testosteron nicht, es ist sogar maßgeblich für „unsere“ Lust mitverantwortlich. Ein körperliches Attribut sollte außerdem nichts mit Gleichberechtigung zu tun haben, warum auch? Sonst könnte man sich auch die Frage stellen, ob schwarze und weiße Menschen gleichberechtigt sein können, obwohl ihre Haut unterschiedlich pigmentiert ist.

Wir Frauen, wissen ja nicht, was aufgrund des nicht gleichen Hormonaushaltes, in den Herren vorgeht, genauso wenig, wie die in uns. Wird es dann je Gleichberechtigung geben auf diesem Gebiet?
Dieser Aussage würde ich ganz vehement widersprechen. Ja, Männer und Frauen haben einen unterschiedlichen Hormonhaushalt, aber das ist ganz sicher nicht die Grundlage dafür, dass alle Männer gleich funktionieren, alle Frauen anders und sie sich aufgrund dieser Tatsache nie ganz verstehen werden. Das stimmt einfach nicht. Ich führe zu einigen Männern ein sehr inniges Verhältnis und sie stehen mir intellektuell und emotional um ein Vielfaches näher, als die meisten Frauen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Ich unterscheide mich in meinem Wesen von vielen Frauen mehr, als von manchen Männern. Und natürlich gibt es auch einige Frauen, die mir sehr Nahe stehen – aber das liegt nicht daran, dass sie weiblich sind. So was lässt sich einfach nicht am Geschlecht ausmachen.
Ich glaube, dass diese Art von Geschlechterdualismus, die uns glauben lassen will, dass Frau und Mann eben so unüberwindbar verschieden seien, der Motor für Asymmetrien in unserer Gesellschaft sind und diese Vorstellung eines binären Geschlechtermodells daher (zumindest in dieser allgegenwärtigen und exzessiv-präsenten Form, wie wir es zur Zeit gewohnt sind) überwunden werden muss, um eine allumfassende Gleichberechtigung zu schaffen.


Zum Abschluss noch zwei interessante und bereichernde Kommentare, weiblicher Leserinnen via Facebook – nochmal ein anderer Blickwinkel! Um ihre Privatsphäre zu wahren, habe ich Namen und Profilbild unkenntlich gemacht. Ich bedanke mich herzlich für diese beiden Beiträge!

 

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Feminismus fickt! Ein Treffen in Wien.

Patrick Catuz mit Buch

Der Titel „Feminismus fickt!“ provoziert und erregt Aufmerksamkeit. Als ich im Netz über das Werk von Kulturwissenschaftler Patrick Catuz gestolpert bin, habe ich mir gleich gedacht, dass die Thematik ambivalent und spannend sein dürfte. Also habe ich mich kurzerhand mit dem Autor in Wien getroffen – über männliche Komplizenschaft im Feminismus, Macho-Mainstream und positive Aspekte der Internetpornografie.

Muschimieze:
Eine viel zitierte Aussage von dir lautet: „Die Frage sollte nicht lauten, was feministischer Porno ist, sondern, was er sein könnte.“
Das ist doch eine sehr passende Eingangsfrage: Was könnte feministischer Porno denn in deinen Augen sein?

Patrick Catuz:
Für mich ist das ein Schlüsselsatz. Ich hab das gerade gestern wieder in einem Pornoseminar gehabt, wo eine Teilnehmerin aufgezählt hat, was am Mainstreamporno zu kritisieren sei – beispielsweise bezogen auf Herabwürdigung von Frauen in Mainstreampornografie. Und die Teilnehmerin hat in dieser Reihe eben auch den Cumshot, also die externe Ejakulation ins Gesicht, aufgezählt. Das ist eine Praktik, die speziell vom konservativen oder gemäßigten Feminismus, oder von PorNO-Seite, gerne gebrandmarkt wird, quasi als Sinnbild dessen, wie die Herabwürdigung von Frauen per se dargestellt wird. Aber in meinen Augen geht es beim feministischen Porno, um das jetzt auf meine Aussage herunter zu brechen, eben nicht um eine konkrete Praktik, die man tun darf oder nicht, sondern um die Art und Weise, wie man die Dinge tut. Das ist zum Beispiel auch das, was mir an Erika Lust so gefallen hat. Ich habe mich nicht grundlos dafür entschieden, mit ihr zu arbeiten. Ich schätze an ihr, dass sie so undogmatisch ist und sich eben nicht an einen „Regelkatalog“ bindet.

Muschimieze:
Du sagst also im Prinzip, dass auch Praktiken, die auf den ersten Blick unterwerfend oder herabwürdigend erscheinen können, vom devoten Part selbstbestimmt dargestellt werden können?

Patrick Catuz:
Selbstverständlich. Der Sexakt ist immer auch ein Rollenspiel. Bei wem spiegelt sich denn das, was beim Sex ausgelebt wird, im alltäglichen Leben so wieder? Und ich meine damit beispielsweise Menschen, die eine Vorliebe für SM-Praktiken haben. Das eine hat nicht zwangsläufig etwas mit dem anderen zu tun.

Muschimieze:
Wie ist das denn beispielsweise bei der Pornodarstellerin Sasha Grey. In ihren Filmen nahm sie oft an Praktiken teil, die gemeinhin als frauenverachtend wahrgenommen werden. Dennoch wird sie immer wieder als Beispiel für selbstbestimmte oder „emanzipierte“ Pornografie genannt.

Patrick Catuz:
Ich hab mich bisher nicht eingehend mit Sasha Grey beschäftigt und bin mir nicht sicher, ob diese Figur nicht auch eine gewisse Ambivalenz in sich trägt. Pornos sind in erster Linie Filme und Filme sind eine Inszenierung. Wir können von der Medienfigur Sasha Grey nicht wirklich auf die Person dahinter schließen. Um herauszufinden, was die Leute da tatsächlich machen, müsste man sich die Produktion ansehen. Das kann man nicht allein von dem vermittelten Bild ableiten. Auch nicht, wie PorNO behauptet, ob Leute dazu genötigt wurden, ob sie etwas gerne machen oder nicht, weil das Darstellende sind, die Rollen spielen. Das wird inszeniert, hinterher geschnitten und bearbeitet – was natürlich die Umstände am Set verfälscht und eine Illusion erzeugt. So ist das bei jedem Film und in jedem Genre. Nur beim Porno neigen wir dazu, am Bild bewerten zu wollen, was da wirklich passiert ist, wie es den Leuten dabei geht und wie die Machtverhältnisse sind. Bei jedem anderen Film kämen wir nicht auf die Idee.

Patrick Catuz 2

„Ich glaube nicht, dass Medien etwas mit uns machen. Ich bin radikaler Verfechter der Haltung: Wir machen etwas mit Medien! “

 

Muschimieze:
Aber bilden beispielsweise Produktionen, ungeachtet dessen unter welchen Umständen sie Zustande kamen, beispielsweise in denen Frauen immer und immer wieder als untergeordnet und „erniedrigt“ dargestellt werden, nicht auch die Grundlage für Sehgewohnheiten und somit die Brücke vom Fiktiven zum Realen? Können solche stereotypen Darstellungen Menschen nicht unterbewusst beeinflussen?

Patrick Catuz:
Ich glaube nicht, dass Medien etwas mit uns machen. Ich bin radikaler Verfechter der Haltung: Wir machen etwas mit Medien! Deshalb müssen wir uns die Frage stellen, wieso Leute spezifische Medieninhalte konsumieren. Wir können uns natürlich auch Gedanken darüber machen, was für eine Haltung diese Inhalte vielleicht transportieren. Ich glaube jedoch nicht, dass, so wie es vor einigen Jahrzehnten von den Verfechterinnen der PorNO-Kampagne dargestellt worden ist, Pornos „Vergewaltiger“ produzieren würden. Es ist nicht so, dass ein Mann sich eine Vergewaltigung im Porno ansieht, raus geht und selber vergewaltigen will.
Man kann auch distanziert Medieninhalte schauen oder sie gegen den Strich lesen.

Muschimieze:
Du glaubst also nicht, dass es auch Menschen gibt, die Medien undifferenzierter konsumieren? Können bestimmte Darstellungen nicht auch Sehgewohnheiten schaffen und so zur Selbstverständlichkeit werden? Ich beziehe diese Frage nicht zwangsläufig auf Vergewaltigungen, sondern schon auf viel subtilere Einflüsse und Folgen.

Patrick Catuz:
Ja, doch, das glaube ich schon. Aber ich glaube auch, dass das eine Melodie ist, die von einem ganzen Orchester gespielt wird. Die Pornografie ist in dem Ganzen nur ein Instrument. Und wenn wir jetzt in so einer schönen, geschlechtergerechten Gesellschaft leben würden, dann würde ein frauenverachtendes Bild in der Pornografie, um das jetzt mal ganz platt runterzubrechen, nur eine kleine Dissonanz erzeugen. Ich glaube, dass die Dinge, bei denen wir Angst haben, sie könnten bei den Menschen durch Pornografie ausgelöst werden, bereits tief in dieser Gesellschaft verankert sind. Die Verdinglichung und Herabwürdigung der Frau finden wir in allen Mainstream-Medien: in Hollywood-Filmen, auf Werbeplakaten, an Schaufensterpuppen – einfach überall. Und ich glaube, wenn wir das alles auf die Pornografie schieben, dann machen wir es uns ein bisschen zu leicht. Dann haben wir ein schwarzes Schaf gefunden und brauchen uns keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie weitgehend das doch eigentlich unseren ganzen Alltag begleitet. Und zwar nicht die Pornographie, sondern etwas Profunderes. Wir verkaufen Autos und Bratwürste mit nackten Frauen, die in diesem Zusammenhang nur Dekoration für ein Konsumobjekt darstellen. Es gibt auch viele Überschneidungen, zwischen Werbung und Pornografie. Dem, was da dahinter steckt, werden wir jedoch nicht gerecht, wenn wir uns nur an die Pornographie wenden. Dafür bräuchten wir eine umfassendere Kapitalismuskritik.

Muschimieze:
Das geht sicher Hand in Hand und potenziert sich möglicherweise auch gegenseitig. Mediale Mainstream-Darstellungen gewinnen möglicherweise auch ihre Legitimität durch den typischen Mainstream-Porno. Wo liegt da jetzt eigentlich genau der Unterschied zum feministischen Porno?

Patrick Catuz:
Da spielen zwei Faktoren eine Rolle: Der Eine ist die Produktion. Ich würde es durchaus auch als feministischen Porno bezeichnen, wenn es sich um eine Unternehmung handelt, die von Frauen geführt wird. Ich würde sogar dann von einem feministischen Porno sprechen, wenn sich das Bild nicht sonderlich von den geläufigen Darstellungen unterscheidet – allein aufgrund der Tatsache, dass eine Frau hinter der ganzen Angelegenheit steht. Die Pornoindustrie ist noch sehr stark davon geprägt, dass dort Frauen nichts anderes tun, als Darstellerinnen oder vielleicht noch Make-Up-Artists zu sein. Es gibt in der Regel keine Regisseurinnen oder Produzentinnen, sie sind massiv unterrepräsentiert in Positionen, in denen man irgendwie etwas zu melden hat. Insofern würde ich dem einen großen Wert beimessen. Der andere Faktor ist, dass die Frauen, die in den letzten 15 Jahren in die Pornoindustrie geströmt sind, auch die Arbeitsweise verändert haben. Durch diese andere Herangehensweise, andere Produktionsabläufe, ändert sich auch mit der Zeit das Bild, dass am Ende dabei herauskommt. Allein schon dadurch, dass die meisten keine Lust darauf haben, Filme zu machen, die einfach nur männliche Bedürfnisse befriedigen.

Patrick Catuz seitlich

„Bei einer Podiumsdiskussion hat sich einmal eine Philosophie-Professorin an die anwesenden Männer gerichtet, die ich vielleicht als Feministen bezeichnet hätte, und sie „Komplizen“ genannt. Ich habe keinen Bock darauf, nur Komplize zu sein. Ich sehe mich nicht als Komplize.“

Muschimieze:
Du würdest also selbst eine Produktion, die diesen geläufigen Pornostereotyp der weiblichen Unterwerfung reproduziert und sich an einem imaginiert mannhaften Betrachter orientiert, als feministisch bezeichnen – nur weil sie von Frauen geleitet wird?

Patrick Catuz:
Ja! Denn ich glaube, wir müssen das als Weg interpretieren. Manchmal muss man halt einen Schritt zurückgehen, um zwei nach vorne zu kommen. Wenn du dir die Anfänge von Candida Royalle in den Neunzigerjahren mit ihren Femme Productions beispielsweise anschaust. Das war eine Pornodarstellerin in den USA, die bereits in den 80ern den „Club 90“ gegründet hat, aus dem dann später ihre eigene Produktionsfirma entstanden ist. Dort haben sich Pornodarstellerinnen zusammengetan und darüber nachgedacht, wie sie Porno verändern können. Und eben nicht nur mit irgendwelchen Gesetzesentwürfen, wie die PorNO-Verfechterinnen. Sie haben angefangen, ihre eigenen Filme zu produzieren und hatten zu diesem Zeitpunkt wenig Material, an dem sie sich, außerhalb des Mainstreams, orientieren konnten. Es mussten also zunächst neue Wege gefunden werden. Und dabei macht man natürlich auch Fehler. Bei den meisten Fem Porn-Produktionen findet man auch heute noch Aspekte, an denen man vielleicht noch arbeiten könnte.
Es wird doch nirgends so leidenschaftlich darüber gestritten, was feministisch ist, wie im Feminismus selber. Und das ist auch jetzt bei den aktuelleren Titeln so. Die Candida Royalle-Produktionen haben sich noch sehr stark am Mainstream orientiert und man musste einige Fantasie aufbringen, um feministische Aspekte erkennen zu können. Aber selbst bei den heutigen Erika Lust-Filmen, kommt man immer wieder mal an einen Punkt, an dem man ein bisschen Nähe zum männlichen Mainstream ausmachen kann. Wir befinden uns einfach in einem Entwicklungsprozess. Nach so vielen Dekaden männlich dominierter Pornogeschichte haben sich einfach bestimmte Darstellungsformen einzementiert und das bricht eben nur langsam auf.

Muschimieze:
Kann man auch in feministischen Produktionen die Nähe zum männlichen Mainstream bewusst einsetzen?

Patrick Catuz:
Ja, klar!

Muschimieze:
Stichwort: feministisch. Hattest du Hemmungen diesen Begriff im Titel deines Buches zu verwenden, da er oft vorbelastet ist und möglicherweise viele fehlleitende Assoziationen weckt?

Patrick Catuz:
Ob ich Angst hatte, dass das Wort „Feminismus“ gewisse Vorbehalte bei den Leserinnen und Lesern wecken könnte? Nein, ich hatte ehrlich gesagt eine ganz andere Befürchtung. Ich identifiziere mich, solang ich denken kann, als Feminist. Mit der Haltung bereits in Kindheit und Jugend, noch bevor ich das überhaupt mit diesem Begriff in Verbindung bringen konnte. Und daher hatte ich schon öfter das Problem als Mann in feministischen Kreisen als Feminist gelten zu dürfen. Bei einer Podiumsdiskussion hat sich einmal eine Philosophie-Professorin an die anwesenden Männer gerichtet, die ich vielleicht als Feministen bezeichnet hätte, und sie „Komplizen“ genannt. Ich habe keinen Bock darauf, nur Komplize zu sein. Ich sehe mich nicht als Komplize.

Muschimieze:
Kein Bock auf lila Pudel?

Patrick Catuz: (lacht)
Genau. Also ich war mir dessen bewusst, dass es schwer wird ein Buch zu schreiben, in dem man als Feminist für Pornografie spricht. Es ist aber auch schon schwer genug als Mann für den Feminismus zu sprechen. Ich habe mich dazu entschlossen, mit dieser Problematik zu spielen und so bin ich auch zu dem Buchtitel, Feminismus in Kombination mit dem eher unschicklichen Wort „ficken“, gekommen. Mir war klar, dass ich als Mann und als Feminist sowieso nur provozieren kann. Aufgrund dieser Tatsache habe ich mich dazu entschlossen, gleich auf‘s Ganze zu gehen.

 

Patrick Catuz mit seinem Buch

„Dabei hat Internetpornografie nicht nur Nachteile. Sie hat für eine Demokratisierung des Genres gesorgt. „

Muschimieze:
Findest du, dass es ausreichen würde, wenn feministischer Porno ein Gegengewicht zur bestehenden Industrie ausmacht – oder wäre es sogar wünschenswert, dass er den Mainstream-Porno gänzlich ablöst?

Patrick Catuz:
Der Mainstream-Porno ist sicher nicht gänzlich abschaffbar und ich weiß auch nicht, ob das unbedingt notwendig ist. Was meiner Meinung nach wichtig ist, dass wir die Arbeitssituation verbessern und möglicherweise auch die Vermittlung einer gewissen Medienkompetenz, dass Porno eben keine Dokumentation ist.

Muschimieze:
Wirkt das starke Aufkommen von Internetpornografie nicht dem Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen entgegen? Schliesslich schaden YouPorn& Co. der Industrie, drücken Löhne und können jeden beliebigen Hinterhof zum Pornoschauplatz machen.

Patrick Catuz:
Das stimmt für den Mainstream, aber Internetporno hat das Aufkommen von feministischer Pornografie überhaupt erst in diesem Ausmaß möglich gemacht. Das Internet hat Produktionen fernab der großen Distributionshäuser, die alles filtern, erst realisierbar gemacht. Wenn du früher einen Porno machen wolltest, bist du zu einer großen Firma gegangen und hast deine Idee vorgestellt oder gleich eine Produktion verkauft. Die haben aber nur Titel genommen, bei denen sie sich gedacht haben, dass sie auch ein breites Publikum ansprechen.

Muschimieze:
Männer?

Patrick Catuz:
Ja und möglichst viele! Die Produktion sollte eine möglichst breite Zielgruppe erreichen, möglichst viele Männer erschließen. Und nun ist es ja auch nicht so, dass alle Männer den gleichen Geschmack hätten. Es wurde nach einem Stereotyp Mann gefischt, der so ja auch nicht haltbar ist. Die Tatsache, dass alternative Produktionen mittlerweile überhaupt möglich sind, ist dem Umstand geschuldet, dass man heutzutage alles relativ unkompliziert selber in die Hand nehmen kann, wenn man möchte. Alle Glieder der Wertschöpfungskette können von den Produzierenden selbst kontrolliert werden. Die „Gatekeeper“ sind einfach verschwunden. Und daran geht die Mainstream-Industrie mittlerweile auch nach und nach zu Grunde. Sie stellen sich einfach nicht auf die neuen Anforderungen ein.

Muschimieze:
Also ist der Internetporno ein feministischer Gewinn?

Patrick Catuz:
Wir können in jedem Fall von ihm profitieren. Internetpornografie wird gerne kategorisch abgewertet, nach dem Motto: „Denkt auch jemand mal an die Kinder?“.
Dabei hat Internetpornografie nicht nur Nachteile. Sie hat für eine Demokratisierung des Genres gesorgt. Niemand denkt darüber nach, was sich dabei überhaupt erst für Möglichkeiten erschließen, wenn Amateure anfangen, Plattformen wie YouPorn mit nicht-kommerziellen Inhalten zu fluten.

 

Patrick Catuz 'pssst'

„Fem Porn ist ja kein Projekt, dass das ganze Ding für Frauen nur umdrehen möchte, sondern von dem beide Seiten profitieren können. Genauso wie Feminismus letztendlich auch zum Vorteil für Männer ist.“

 

Muschimieze:
Glaubst du, dass weibliche Sexualität ein anderes Konsumbedürfnis hat, als männliche? Ist die Ausrichtung des Produkts „Porno“ auf Geschlecht und sexuelle Orientierung überhaupt notwendig?

Patrick Catuz:
Ich glaube nicht, dass das in der Sexualität von Frauen oder Männern selbst liegt. Fem Porn hatte das Problem, dass Frauen als Pornokonsumentinnen überhaupt erst erschlossen werden mussten. Frauen als Gruppe musste erstmals vermittelt werden, dass sie Porno „wollen können“, bzw. dass es einen anderen Porno geben kann. Insofern mussten die Produzentinnen des Fem Porn ihre Titel und Produktionen auch ganz anders vermitteln, als herkömmliche Produktionen. Oft war das Label „Porno“ selbst Gegenstand der Debatte, da ihm einschlägige Assoziationen anhaften. Fem Porn will Platz für Frauen in der Pornografie schaffen und sich eben nicht mehr an den Bedürfnissen von Männern abarbeiten. Frauen sollen kein Konsumobjekt mehr sein, sondern ihnen soll die Möglichkeit zugestanden werden, ihren Bedürfnissen zu folgen und zu befriedigen. Dabei ist Femporn keineswegs eine Kategorie die nur für Frauen gedacht ist. Im Gegenteil – nur weil die Frau als Akteurin mitberücksichtigt wird, heißt das nicht, dass nicht auch viele Männer gerne diese Produktionen schauen. Hier wird teilweise versucht, eine realistischere Sexualität darzustellen – das erreicht Frauen und Männer gleichermaßen.
Das ist wie im Feminismus allgemein. Fem Porn ist ja kein Projekt, dass das ganze Ding für Frauen nur umdrehen möchte, sondern von dem beide Seiten profitieren können. Genauso wie Feminismus letztendlich auch zum Vorteil für Männer ist.

 

Cover Feminismus fickt!

Patricks Arbeit interessiert dich? Dann kannst du auf seiner Webseite vorbeischauen oder dir sein Buch auf Amazon bestellen.

Wenn du Lust auf gelungene Beispiele feministischer Pornographie bekommen haben solltest, – und nein, die „Female Choice“-Kategorie auf YouPorn (der ein kitschiges Blumenbouquet im Hintergrund des Geschehens ausreicht, um den Clip als frauenfreundlich zu kategorisieren) gehört nicht dazu – schau doch mal auf der Seite von Erika Lust vorbei oder dir ihren FIlm „Cabaret Desire“ an – an dem hat Patrick übrigens auch mitgewirkt.

Körperbilder: Leere? Ehre? Objekt.

Heute ist es wieder so weit:  der Wolf und ich haben uns Gedanken zum Thema Körperbilder und Ästhetikempfinden gemacht. Was die Muschimieze zu dem Motto „Wenn ich groß bin, werd ich Barbie.“ zu sagen hat, könnt ihr hier nachlesen.

Bühne frei, für den Wolf!

Ich scrolle in meinem tumblr-Dashboard nach unten und sehe vor allem eins: Körper. Viele, viele Körper. Die Reihenfolge ist ungefähr: Kunst, Bart, Bart, Muskeln, haarige Brust, Mode, haarige Brust, Bart, Bart, Bart, Porno-Gif, Bart, Porno-Gif ad infinitum.
Jetzt liegt das zum Teil an den Blogs, denen ich folge – aber diese Blogs wiederum bedienen sich auch nur aus einem Bilder-Pool, der zum Teil aus privaten, aber zu einem großen Teil auch aus kommerziellen Quellen gespeist wird. Auf tumblr setzt sich nur fort, was in der Bildertraumwelt ohnehin umherschwirrt.
Und diese Bilderwelt, ganz freudianisch gesprochen, beeinflusst unser Unterbewusstsein, weil das nur Symbole und Bilder kennt.
Müsste ich eine Galerie der Bilder anlegen, die mich beeinflusst haben, dann ist das so gut möglich, wie bei tumblr nach ganz unten zu scrollen. Zu viel Material, das tief unten vergraben ist, sodass es kein Ende gibt, keinen Anfang, auf den ich bewusst verweisen könnte.
Was ich aber sagen kann, was mir bewusst ist, ist, dass auch Männer von Körperbildern um sie herum geprägt werden. Genauer: was Männlichkeit überhaupt bedeutet, wird durch Bilder in medialen und kommerziellen Diskursen geprägt. Dabei ist Männlichkeit ab den 1990er Jahren immer mehr zu einem Zustand geworden, der nur durch die Kommodifizierung der Disziplin funktioniert. Einfacher gesagt: einen männlichen Körper kann man sich nur durch Disziplin und Geld erkaufen. Alle Körper, die außerhalb dieser Setzung liegen, sind damit defizitäre Körper. Darunter fallen dann auch Körper, die nicht in zweigeschlechtliche Ordnungsmuster fallen – aber rollte man das Feld vom Pol „Weiblichkeit“ her auf, passiert das gleiche.
Interessanterweise sind diese männlichen Idealkörper aber nicht mehr nur Subjekt, sondern auch Objekt. Um den Mann als Konsumenten zu gewinnen, als Konsumenten eines neuen Markts, muss der Mann sich selbst – ganz narzisstisch – als Objekt erkennen, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, denn der Kapitalismus kennt keine Ideologien oder Bedenken, nur den Konsumappell. Wie weit es mit der Objektifizierung der Männlichkeit in öffentlichen Diskursen gekommen ist, zeigt das Bild eines Verhafteten aus den USA, der gerade auf Facebook die Runde macht. Das tumblr hotandbusted.tumblr.com sammelt schon länger Bilder von heißen Typen aus dem Gefängnis.

Anfang der 00er Jahre, knapp zehn Jahre nach dem der Begriff „metrosexuell“ bereits verfügbar war, eine Wortschöpfung, die mehr populär als wissenschaftlich ist, wurde David Beckham als neuer Männertypus gefeiert. Auf der einen Seite kann man „Metrosexualität“ vielleicht als Weichmacher für harte, straighte Verhaltensmuster sehen, aber wie alle Weichmacher, hat das seinen Preis: es geht, wie oben gesagt, dabei eigentlich nur darum, einen neuen Markt zu erschließen, die gender-ideologischen Nebeneffekte sind egal. Jetzt, nach 20 Jahren metro, ruft der Erfinder des Begriffs zu einer neuen Wende der Männlichkeit auf: „spornosexual“, zusammengesetzt aus sport + porno, soll den Nagel der Hobby-Bodybuilder im Staruniversum auf den Kopf treffen.
Soweit im Mainstream.
In einem schwulen Kontext werden Körperbilder und Männlichkeit wieder anders verhandelt, wobei hier Selbstdisziplinierung und Kommodifizierung noch hartnäckiger arbeiten und hier ihren Anfang hatten. Der Vorwurf „metrosexuelle“ Männer sähen schlichtweg „schwul“ aus, deutet an, wie borniert die ganze Debatte war und noch immer ist. Wenn ein Mann sich selbst als Objekt erkennt, dann ist gleichzeitig schwul, weil ein „richtiger“ Mann nur als Subjekt funktionieren darf.
Jetzt fällt meine Pubertät in die Zeit von David Beckhams Popularität und ist die Pubertät nicht die Zeit, in der man anfängt, sich tatsächlich mit seinem Körper auseinanderzusetzen? Bin ich also ein Kind von zwei Diskursen – dem mainstreamigen Metrosexualitätsangebot und dem was in der schwulen (Sub-)Kultur so passierte? Wer beeinflusst mein Bild von mir und kann ich überhaupt ein gesundes Verhältnis zu mir selbst aufbauen?
Ich kann nicht leugnen, dass mein Körper mir manchmal Probleme bereitet hat. Es ist durchaus so, dass meine Figur mir wichtig ist und es ist durchaus so, dass meine Figur auch ein wichtiger Teil meines Selbstwertgefühls ist.
Trotzdem bin ich kein Gym-Bunny. Trotzdem geht es mir um einen positiven Diskurs und ein positives Verhältnis zu mir. Egal wie intellektualistisch ich an das Thema gehe: meinen Körper kann ich nicht wegrationalisieren und mein Körpergefühl auch nicht.

Ich muss an Zitate aus „Will&Grace“ denken, diese 90er-Sitcom mit Will, dem schwulen Anwalt und seiner besten Freundin, Grace, mit der er zusammen wohnt. An Witze, die ich als Teenager als Wahrheiten verinnerlichten, denen ich nicht gewachsen war:
Männer, deren Bauch weiter vorsteht, als ihre Brustmuskeln sind ekelhaft.
Eine andere 90er-Jahre-Weisheit:
Die drei B (Bart, Brille, Bauch) gehen gar nicht.
Viel hat sich seitdem geändert. Bart und Brille hatten oder haben gerade ihre Hochphase, der Bauch ist zumindest im Bärenkontext – und der wird immer weiter gespannt – in Ordnung.
Jetzt, da ich darüber nachdenke, sehe ich sie, die Vorbilder, die mir präsentiert wurden, mit all ihren Selbstzweifeln und dem Widerspruch zwischen ihren normierten Körpern und den Selbstzweifeln, die in Plots von Sitcoms diskutiert werden.
Was also von der Popkultur lernen? Zu viel Sport ist auch eine Körperstörung. Nur die Discomuskeln (Arme und Brust) trainieren ist auch keine positive Körperpolitik. Essstörungen sind ein Thema, das nicht nur Adressaten von weiblichen Körperbildern betrifft, sondern auch alle, die sich mit männlichen Idealen identifizieren wollen.

Unter der Diktatur der Bilder sind wir alle gleich, doch wir können sie bannen, wenn wir uns ihr bewusst werden. Schauen wir den Idealbildern in die Augen, erkennen wir ihre pixeligen Leerstellen.