Oh Biggie… #schellefürkelle

Heute wird es mal wieder Zeit für eine virtuelle Schelle für die Kelle. Die Biggie und ich sind selten einer Meinung. Das wussten wir bereits. Nachdem ich nun langsam ihren ersten Rundumschlag verdaut zu haben glaubte („Dann mach doch die Bluse zu!“), legt die erzkonservative Familienverteidigerin nochmal ordentlich nach – ein bisschen Sexismus hier, ein obsoletes Weltbild da, garniert mit einer saftigen Portion Populismus, schon hört man sie förmlich aus der Küche flöten: Bullshit ist fertig! 

Ein neues Buch ist geschrieben und will beworben werden – klar, dass sich das Sprachrohr des deutschen Erzkonservatismus  nicht zwei Mal bitten lässt, um sich mit fragwürdigen Behauptungen ins Gespräch zu bringen. Im aktuellen Focus bittet die „Demo für alle„-Aktivistin („für alle“ = heterosexuell, christlich-konservativ und am besten in klassischer Familienstruktur organisierte Menschen = eben nicht „für alle“) nun, dass man sie bitte nicht „vollgendern“ solle. Sie selbst verortet sich als „eindeutig weiblich“ und hat kein Verständnis für jene, die sie abfällig als die, „die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sind“ bezeichnet. Diese diffamierende Wortwahl hinterlässt einen ähnlich bitteren Nachgeschmack, wie die Vorstellung, dass ein gehender Mensch einen rollstuhlfahrenden Menschen verspotten würde, weil dieser seiner Meinung nach „zu blöd zum Laufen“ sei. Für Frau Kelle mag es vielleicht erfreulich sein, dass sie sich in dem heteronormativen System einer binär strukturierten Gesellschaft so passend verorten kann – damit genießt sie jedoch ein Privileg, das nicht jedem ihrer Mitmenschen zuteil wird. Sich auf seine gegebenen Privilegien etwas einzubilden und diejenigen, die durch das limitierende Raster fallen, zu diskriminieren und herablassend zu verspotten, scheint selbst ihren sonst so fundamentalistisch propagierten „christlichen“ Werten wenig gerecht zu werden.

„Berlin hat zwar keinen modernen Flughafen, aber in manchen Bezirken drei Türen, wenn Sie aufs Klo müssen. Man muss Prioritäten setzen. Gendersensibel nennt es sich, dass wir neuerdings Unisextoiletten vorfinden, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind.“

Der Auftakt ihres Focus-Beitrags beginnt bereits ziemlich frustrierend: Tatsachen verdrehend, populistisch und schlicht falsch. Erstens ist es keineswegs so, dass, wie es in diesem Satz suggeriert wird, flachendeckend bezirksweit Unisextoiletten eingeführt worden wären. Nur in vier von zwölf Bezirken ist die Idee der Unisextoilette überhaupt ernsthaft im Gespräch gewesen, nach etlichen Monaten Stillstand wurden zögerlich einige wenige realisiert: z.B. eine Toilette in Tiergarten, eine im Gesundheitsamt Mitte und in insgesamt drei Bürgerämtern. Diese wurden auch nicht, wie Kelles Formulierung erwarten lassen könnte, neu gebaut, sondern bereits vorhandene Toiletten neu ausgewiesen. Einzige Investition: Ein neues Schild an der Tür.1 Und selbst dafür reicht es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Aufgrund einer Haushaltssperre müssen die Unisex-Toiletten warten.2

Wirklich unerhört, wie hier mit den Steuergeldern umgegangen wird! Nicht mal für den Flughafen reicht es! Nicht mal für jenen (bereits über 4 Milliarden Euro teuren) Flughafen, der nichts, aber auch rein gar nichts mit der Finanzierung von ein paar genderneutralen Türschildern zu tun hat. Jenem Flughafen, dessen Eröffnung seit Jahren wegen diverser Fehlplanungen, baulicher Mängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen verschoben wird – und nicht etwa, weil Mehdorn persönlich damit beschäftig ist, in Berlin-Mitte neue Türschilder an die Klos zu schrauben, statt sich um die Eröffnung zu kümmern.

Hier stehen reale Milliarden-Verluste einer Haushaltssperre gegenüber, die nicht einmal ein neues Kloschild finanzieren kann. Es wird deutlich: Frau Kelle spielt gezielt mit der Wut und den Ängsten der Menschen. Kein Flughafen, aber Klos für die „Unentschlossenen“ unter „uns“ (und eigentlich gehören „die“ ja gar nicht so richtig zu „uns“)?! Hier scheint kein noch so weit hergeholtes Pseudoargument zu absurd, um gegen eine verhältnismäßig völlig unerhebliche finanzielle Investition zu wettern und die dahinter stehende Idee ins Lächerliche zu ziehen.

Nicht weniger kritisch erscheint der süffisante Zusatz „…, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind“. Das klingt ja nach einem echten Luxusproblem, damit die „Unentschlossenen“ unter uns zukünftig nicht vor jedem Klogang eine Münze werfen müssen, um zu entscheiden, welche Tür sie wählen. Die Realität sieht jedoch anders aus und kann für Betroffene mehr als belastend sein, wenn den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen im öffentlichen Raum nicht nachgegangen werden kann, ohne mit unangenehmen sozialen Konfrontationen, Anfeindungen oder Ausgrenzungen rechnen zu müssen. Fakt ist, dass es viele Menschen gibt, für die die Existenz einer Unisextoilette sinnvoll sein könnte. Da wären zum einen die rund 15.000 Menschen, die seit 1995 in Deutschland ihre geschlechtliche Identiät verändert haben3. Hinzu kommen beispielsweise intersexuelle Menschen – jeder 2000. Mensch, wird mit Geschlechtsmerkmalen geboren, aufgrund derer er nicht eindeutig als „Mädchen“ oder „Junge“ zu kategorisieren ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen wird mit bis zu 120 000 angegeben.Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer jener Menschen, die durch solche Statistiken überhaupt nicht erfasst werden, zum Beispiel, weil sie sich mit dem Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, nicht identifizieren können, es jedoch nicht per gerichtlichem Entscheid formal ändern lassen. Aber auch für Väter kann die Unisextoilette hilfreich sein: Gab es Wickeltische bislang meist nur in den Frauentoiletten (was wiederum eine sexistische Rollenverteilung reproduziert), könnte die Unisextoilette ein neutraler neuer Ort für den Wickeltisch sein –  ein Fortschritt für ein egalitäres Familienmanagement, sowohl für heterosexuelle, als auch schwule Paare und nicht zuletzt: alleinerziehende Väter.

Mal zum Vergleich: In Deutschland leben rund 150 000 blinde Menschen.5  Das ist kein Problem, dass alle Menschen betrifft und auch keins, das die meisten Menschen betrifft. Vor allem ist es kein Problem, das Frau Kelle persönlich betrifft. Nach ihrer Logik scheint dies also ein guter Grund zu sein, gegen die Ausrüstung öffentlicher Beschilderungen mit Braille-Schrift zu wettern. Vermutlich würde sie sich niemals so positionieren, das Beispiel verdeutlicht dennoch die Systematik, die hinter ihrem Argumentationsstil steckt: Er ist geprägt von Egozentrismus und Intoleranz.

Birgit Kelle biedert sich nicht nur einer uninformierten und reaktionär denkenden Bildzeitungsleserschaft an, sie scheint in vielen Hinsichten selber gar nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich spricht. Das bewies sie nun einmal mehr in der Talkshow „Hart aber fair“. Als Anne Wizorek beispielsweise die These äußerte, dass geschlechterspezifisch beworbenes Spielzeug lediglich eine Marketingstrategie der Industrie sei, die nichts zwingend mit den „natürlichen“ Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun haben müsse, versuchte die vierfache Mutter Kelle dies zu widerlegen, indem sie beschrieb, dass sich ihre Töchter in den ersten Lebensjahren sehr wohl mit allen möglichen Sorten von Spielzeug gerne beschäftigt hätten, sich dies jedoch mit dem Besuch vom Kindergarten schlagartig änderte. Pink und Glitzer seien plötzlich angesagt gewesen – für Kelle ein eindeutiger Beweis dafür, dass das „Pink und Glitzer“-Programm unvermeidbar in die Mädchengenetik eingraviert sei und nichts mit Sozialisierung und Erwartungshaltung von außen zu tun hätte. Da musste selbst Talkmaster Plasberg schmunzeln.

Nicht nur ihr jüngster Beitrag im Focus, auch der Auftritt bei „Hart aber fair“ ist durchzogen von inneren Widersprüchen und dem Bezug auf falsche „Tatsachen“. Kritik kann nicht zuletzt auch die Genderforschung selber voranbringen und konstruktiv sein – in diesem Fall scheint es jedoch nur allzu offensichtlich, dass die Kritikerin selbst einer „Ideologie“ (um bei ihrem Jargon zu bleiben) verfallen ist und es daher nicht schafft, sich an der Debatte bereichernd zu beteiligen. Aber was möchte man auch von einer Protagonistin erwarten, die ihr Lager im Schulterschluss mit einer kompetenten „Meinungsmacherin“ wie Sophia Thomalla verteidigen muss, die wiederum noch nie von sprachlicher Diskriminierung gehört hat und weder Sexismus von einem Kompliment, noch Muslime von Islamisten unterscheiden kann…

 


1 „Die Unisextoiletten werden nicht neu gebaut. Stattdessen wird einer der Räume, der bisher exklusiv für Männer oder Frauen bestimmt war, neu beschildert. Faktisch wird das nur in größeren Gebäuden möglich sein, in denen es mehr als zwei öffentliche Toiletten gibt.“ (http://www.taz.de/!111922/)

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/genderdebatte-pinkeln-fuer-alle-berlin-mitte-eroeffnet-unisex-toilette/10709278.html

3 http://www.stern.de/gesundheit/sexualitaet/vorlieben/transsexuelle-fremd-im-eigenen-koerper-1521741.html

4 http://www.national-coalition.de/pdf/28_10_2012/Kinderrechte_und_Intersexualitaet_NC.pdf

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

6 http://www.stern.de/kultur/tv/hart-aber-fair-sophia-thomallas-dreister-auftritt-2177324.html


 

#24hPolizei feat. Geschlechterdiskurs

Diese Woche hat uns die Berliner Polizei, im Rahmen einer gelungenen PR-Aktion, 24 Stunden über alles informiert, was in der Hauptstadt so anfiel. Als ich gerade interessehalber die ganzen Beitrage durchgeschaut habe, sind mir vor allem geschlechtsspezifische Auffälligkeiten ins Auge gefallen.

– Wenn von häuslicher Gewalt (bzw. von Gewalt zwischen Mann/Frau) die Rede war, ging diese ausschliesslich von Männern gegen Frauen aus.

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– Wenn in einem zweigeschlechtlichen Verhältnis eine Person bedrängt worden ist, dann war dies die Frau.

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– Wenn ein unbestimmter Hilferuf wahrgenommen worden ist, dann war dieser weiblich.

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– Wenn der bloße Verdacht einer möglichen Straftat ausgesprochen worden ist, dann richtete sich dieser (anscheinend unbegründete) Verdacht ausschliesslich gegen Männer.

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– Wenn eine Person hilflos und schutzbedürftig war, dann handelte es sich fast ausschliesslich um Männer.

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In der Vergangenheit hat es einige Studien und nicht wenige Diskussionen gegeben, die belegen wollten, dass Männer und Frauen gleichermaßen von häuslicher Gewalt betroffen wären. Daher habe ich es als sehr auffällig empfunden, dass ich zwar zahlreiche Beiträge gefunden habe, die Gewalt gegen Frauen thematisieren, aber keinen einzigen, der Gewalt gegen Männer (durch Frauen) behandelt (ich habe nur einen Beitrag gefunden, in dem eine alte, verwirrte Frau ihren Mann nicht mehr in die gemeinsame Wohnung lassen wollte – das steht aber wohl in keinem Verhältnis zu Häufigkeit und Intensität der aufgeführten Beispiele oben).

Ich sehe diesen Umstand keinesfalls als fadenscheinigen „Beleg“ dafür, dass Männer nicht auch unter Gewalt innerhalb von Partnerschaften leiden können. Doch woran liegt es, dass die Tweets so deutlich einseitig geprägt sind? Rufen Männer einfach nie um Hilfe? Oder ist der Anteil der Männer, der bei solchen Situationen krankenhausreif geschlagen wird, im Verhältnis einfach tatsächlich wesentlich geringer? Ist die Schwelle für Frauen viel niedriger, Hilfe zu erfragen? Sind Frauen eben doch signifikant häufiger von massiver häuslicher Gewalt betroffen? Oder melden sich Männer einfach in solchen Situationen nicht bei der Polizei?

Gleiches gilt für die unbestimmten „Hilferufe“: rufen Frauen eher nach Hilfe, als Männer? Oder werden Frauen einfach eher als Männer als Opfer wahrgenommen? Hilft man Frauen eher als Männern? Oder geraten Frauen öfter als Männer in die Situation sich Hilfe suchen zu müssen? Versuchen sich Männer eher selbst zu helfen, als Frauen? Können Frauen sich überhaupt selber helfen?

Dem gegenüber stehen dann die tatsächlich hilflosen und verwirrten Personen: die waren nämlich in der Regel männlich (und haben nicht selbst um Hilfe gerufen). Und wenn jemand einfach pauschal als Täter verdächtigt worden ist, dann war das natürlich ein Mann. In Anbetracht der ganzen anderen Vorfälle zu Recht? Oder ist der Generalverdacht gegen das männliche Geschlecht nur eine Nachwirkung der möglicherweise einseitig repräsentierten Vorfälle?

Besonders interessant fand ich auch den Aspekt, dass besonders viele Männer nicht von ihren Ex-Freundinnen ablassen konnten. Folge von strukturell verankertem Sexismus? Können diese Männer eine Abweisung einfach nicht ertragen? Oder stehen in der Realität genauso viele Frauen vor den Türen ihrer Ex-Männer – ohne, dass dies zur Anzeige kommt? Üben verlassene Frauen einfach auf eine andere Art Druck auf ihren Ex-Partner aus? Und wenn ja, woran liegt das?

 

Alles in allem sehe ich diese Tweets als treffendes Beispiel dafür, wie die Täter-Opfer-Rollenverteilung in unserer Gesellschaft ausgerichtet ist und wie Männer (stark, brutal, Täter)/ Frauen (schwach, hilflos, Opfer) oft wahrgenommen werden. Viele der Fragen sind sicher nicht so schnell final beantwortbar – aber sie bieten immerhin einige interessante Denkanstösse.

 

Sicher ist diese Momentaufnahme, die wir vom Alltag der Berliner Polizei erhalten haben, nicht repräsentativ und es kann natürlich auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Auswahl der Vorfälle* und die subjektive Wahrnehmung der Tweet-Verfasserinnen und Verfasser das Bild verzerrt. Ich kann außerdem nicht ausschliessen, bei den zahlreichen Tweets etwas übersehen zu haben!

*Angeblich wurden alle Einsätze wiedergegeben.

Fehler im Quellcode: Schwuler Misogynismus

Muschi meets Wolf! Frauenhass und Männerhass, Worte mit denen gerne in Stammtischdebatten um sich geworfen wird – aber was kann eigentlich dahinter stecken? Wir haben uns Gedanken zu dieser Frage gemacht, der Wolf schreibt hier über Frauenhass und den Muschibeitrag über Männerhass findet ihr auf wolf auf tausend plateaus.

 

Nun Bühne frei für Kevin von wolf auf tausend plateaus zum Thema Frauenhass!

Fehler im Quellcode: Schwuler Misogynismus

Auch wenn ich nicht den ersten Stein werfen würde, ohne Sünde ist ja keiner, halte ich mich eigentlich für eine reflektierte und diskriminierungssterile Person, was meine Kommunikationsfähigkeiten angeht. Trotzdem: als schwuler Mann bin ich auf einer seltsamen Position gegenüber Frauen. Ohne es zu wollen, denke ich in sexistischen und damit diskriminierenden und damit misogynistischen Kategorien. Queere akademische Ausbildung hin oder her – das ist kein Freifahrtsschein.

Wen soll ich dafür anklagen?

Weil ich denke, dass wir diskursive Wesen sind und unsere Vorstellungen sich stark aus unserer Erziehung, unseren gesellschaftlich indoktrinierten Vorstellungen und anderen Quellen speisen, erstmal ganz abstrakt:  ALLE. Damit auch die „Frauen“, die „Männer“, die „Gesellschaft“, die „Medien“, auch „mich“.

Zuerst ist mir wichtig, zu definieren, was ich mit Frauenfeindlichkeit meine. Jede Art von Sexismus, das heißt für mich Aussagen, die auf Grund meiner eigenen Interpretation der Genderperformance einer anderen Person stattfinden, ist per se diskriminierend, weil ich meine Konzepte von Geschlecht über die akute und aktuelle Person stelle. Alle Arten von Verallgemeinerungen, die Geschlecht als Achse nutzen, sind sexistisch, weil sie „sex“ (biologisches Geschlecht) zur Grundlage einer Aussage machen. Wer seine Judith Butler gelesen hat, der weiß, dass „sex“ deckungsgleich mit „gender“, dem kulturell konstruierten und performten Geschlecht ist. Es gibt also keine biologische Grundlage, keine Meta-Rechtfertigung außerhalb der kulturellen Sphäre, keine wissenschaftliche Wahrheit über Geschlecht.

Der nächste Schritt meiner Beweisführung ist die Annahme, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, in der Männlichkeit über Weiblichkeit dominiert. Beide Konstrukte werden gegeneinander ausgespielt, noch immer, und Männlichkeit ist per se der Weiblichkeit als überlegen konstruiert. Wenn ich spreche, dann also aus einer männlichen Perspektive und damit einer privilegierten.

Noch weiter Gedacht: Wir alle haben diese Normierungen übernommen, das heißt Misogynismus muss nicht immer von Männern ausgehen – Sexismus kann und ist auch innerhalb der konstruierten Gruppe „Frau“ möglich. Frauen diskriminieren einander aus vielen Gründen: weil sie zu stark von gegenderten Verhaltensweisen abweichen, weil sie ihnen zu stark entsprechen, eine zu weibliche Feministin ist nicht goutiert, eine zu butche Feministin zu sehr Klischee, ad absurdum.

Kurz gesagt: Frauenfeindlichkeit ist eines der Herrschaftskonstrukte unserer Gesellschaft.

Schwuler Misogynismus ist dabei aber eine Sonderform, weil er aus einer Subjektposition heraus kommt, die Weiblichkeit nicht als sexuelles Objekt sieht. Trotzdem funktionieren hier Diskurse von männlicher Überlegenheit, die unreflektiert passieren, weil das Fehlen von sexuellem Interesse am weiblichen Körper unterstellt, frei von Sexismus, wie oben definiert, zu sein.

Durch mediale Repräsentation werden Freundschaften zwischen schwulen Männer und cis-straighten, das heißt mit normativen Setzungen übereinstimmende Genderperformances von Weiblichkeit, als besondere Allianz dargestellt. Kurz gesagt: heterosexuelle Frauen und schwule Männer bekommen die Freundschaft zwischen Fag und Hag als Deutungsangebot.

Dieses Deutungsangebot legt einen besonderen Zugang zum weiblichen Körper, der zwar nicht sexuelles, aber dennoch Objekt sein kann. Welches Recht hat ein schwuler Mann eine Frau anzufassen, mehr als jede andere Person? Man greift niemandem einfach an die Brüste oder an den Arsch oder in den Schritt. Das sind Grenzen, die uns anerzogen wurden, ja, aber die wir oft auch für unsere eigenen Körper ziehen. Würde eine Person, die einer Frau an die Brust grabscht auch einem (straighten) Mann an den Arsch gehen? Die selbst ausgesprochene Unschuldsvermutung, weil frei von sexuellem Interesse, ist nichtig.

Genauso lächerlich ist die Angst vor dem weiblichen Körper, die im Klischee gedacht, tuckig rumgeschrien Kund getan wird. „Iiiih Fotzen!“ Vielleicht sind Vaginas nicht unbedingt mein Lieblingskörperteil, aber sie sind für mich genauso neutral wie, sagen wir Ohren, abgesehen davon, dass sie in der Intimssphäre einer anderen Person liegen. Auch hierfür kann man nicht das Individuum ankreiden, ich will argumentieren, dass es diskursinterne Logiken sind, die da vor sich gehen:

Homosexuelle Männer müssen reiner Weste sein. Das heißt um dem straighten Generalverdacht zu entgehen, müssen sie pur pur pur gay sein. Jedes sexuelle Interesse an einer Frau schickt sie zurück ins straighte Team, es sei denn, sie deklarieren sich selbst als bisexuell. Aus dieser Logik heraus müssen sie sich vom weiblichen Körper abgrenzen, ihn ostentativ ekelhaft finden. Misogynie ist quasi einprogrammiert in die homosexuelle Performance. Der diskursive Gender-Quellcode gibt das so vor.

Ein weiterer Fallstrick ist Hypervirilität. Um nicht als weiblich durchzugehen, werden Übermännlichkeitskonstrukte aufgebaut, die zwar ästhetisch interessant sind, aber wenn zu ernst durchgezogen, nur in Abgrenzung von Weiblichkeit funktionieren. Auch hier sagt der Gender-Quellcode wieder:

(male=”true” female/behavior=”no”)

In einem älteren Text habe ich bereits über die Verquickung von Misogynismus-Vorwürfen und Homophobie hingewiesen. Die These war: Misogynie als Vorwurf gegenüber schwulen Männern hat das Potential eine Strategie zu sein, die von cis-straighten Männern gefahren wird, die versuchen den (popkulturell konstruierten) privilegierten Zugang von schwulen Männern zu Frauen (und damit ihren Körpern) streitig zu machen. Was sich als feministische Allianz tarnt, kann unter umständen, in einer homophoben Keule enden.

So viel Cross-Diskriminierung, so viel Grabenkämpfe zwischen konstruierten Gruppen, da wird einem schnell schlecht und man verliert den Überblick.

Wie kommen wir da jetzt raus? Wie komme ich da jetzt raus?

Ich will hier die Begriffe Frustrationstoleranz und Kollateralschaden einführen. Das sind gefährliche Begriffe, die schnell missbraucht werden können. Sie heißen bei weitem nicht: das wird man wohl doch noch sagen dürfen! Im Gegenteil: in die Praxis übersetzt, will ich damit sagen: Das habe ich gerade gesagt, das war unreflektiert, tut mir leid.

Weil aus einer schwulen Subjektposition heraus der Zugriff auf die Welt per se schon schwierig und anders gelagert ist, als der eine straighten Position, glaubt man sich aus vielen Debatten heraushalten zu können. Es ist ein Trugschluss zu denken, dass nur, weil wir unter Diskrimierung gelitten haben, wir frei von diesen Tendenzen wären. Wichtig ist aber, dass wir unsere eigene Erfahrung dazu nutzen, Empathie aufzubauen.

Schwuler Misogynismus ist also vertrackt und auch schwule Männer sind nicht frei von Sexismus, weil niemand von Sexismus frei ist. Egal wie reflektiert wir sind, solange Geschlecht eine Kategorie ist, werden wir daran entlang definieren und diskriminieren. Die Frage ist allerdings: haben wir eine Frustrationstoleranz, eine Art definitorischen Kollateralschaden, den wir hinnehmen – oder glauben wir, dass wir einen zu großen Puffer haben und nehmen uns zu viel heraus. Heteronormativität ist der Trugschluss aus dem alle anderen Fehler resultieren. Wir sollten den Gender-Quellcode debuggen. Ernsthaft. Die Software läuft offensichtlich schlecht und entspricht der Hardware nicht.

 

>> Was Muschimieze über Männerhass zu sagen hat, könnt ihr hier nachlesen.