Unterwegs (vol. I): Öffentliches Onanieren.

In meinem Job habe ich es tagtäglich mit unzähligen Menschen zu tun. Kleinen Kindern, die nicht wissen, wohin sie ihr Weg führen wird. Greisen Ehepaaren, die schon unzählige Kilometer in ihrem Leben gemeinsam bewältigt haben. Businessmenschen, in Wollgemischensembles, welche noch starrer wirken als der fixierender Blick auf ihr Notebook. Einsame postadoleszente Rastaheads mit riesigen Rucksäcken, umgeben von einer Geruchsaura irgendwo zwischen Patchouli und Theaterfundus. Manche Familien sind mit ihrem frisch geborenen Baby das erste Mal. Andere Menschen treten offenkundig ihre letzte Reise an – zurück nachhause oder hinaus in die Welt, Endstation in jedem Fall ungewiss. Sie alle eint ihr gemeinsamer Weg, der doch zu unterschiedlichen Destinationen führen wird.

Der Tag neigt sich bereits dem Abend zu, als ich eine junge Frau* in einer Ecke stehen sehe. Wir befinden uns mitten in unseren routinemäßigen Arbeitsabläufen, Gegenstände wandern zum zigtausendsten Mal durch unsere aufgerauhten Hände. Wer täglich mit unzähligen Menschen zu tun hat, braucht nicht nur interkulturelle Kompetenzen, sondern auch genügend Desinfektionsmittel. Ich unterbreche meine Arbeit und gehe auf sie zu, um sie nach ihrem Befinden zu fragen. Sie nickt eifrig und schaut auf den Boden. „Wenn Sie die Zeit finden… also nicht jetzt, ich kann gerne warten… dann würde ich gerne kurz persönlich mit jemandem reden…“, schiebt sie zögerlich nach. In diesem Moment legt sich bei mir ein Schalter um. Alles an dieser Situation sagt mir: Hier ist irgendetwas ganz und gar nicht okay.

Ich lege alles zur Seite und sage meinen Kolleginnen, dass sie kurz ohne mich auskommen müssen. Die junge Frau gestikuliert ausweichend, als wolle sie sagen: Machen Sie nur weiter, ich will niemanden stören, ich kann warten! „Was ist denn passiert?“, frage ich sie mit fester Stimme und versuche ihren Blick einzufangen. Die Situation scheint ihr sichtlich unnagenehm zu sein. „Der Mann neben mir… er fässt sich an…“.

Natürlich handelte es sich hier um eine aus verschiedenen Gründen prekäre Situation. Die junge Frau wollte aus Scham und auch aus der Angst, dass sie anschließend weiterhin neben diesem Herren* sitzen müsse, nicht, dass wir ihn direkt ansprechen. Das wäre auch aus unserer Perspektive heikel geworden: Auch er ist zahlender Kunde, es gibt keine Zeugen. Wenn die Situation war wie von der Frau beschrieben, würde er es im Gespräch wohl kaum zugeben (wozu auch?), niemand von uns war persönlich bei der beschriebenen Situation anwesend, die Brisanz einer solchen Anschuldigung jedoch gleichsam enorm – der Mehrwehrt wäre im Verhältnis zum Eskalationspotenzial nicht wirklich ökonomisch. Wir haben also in einvernehmlicher Absprache mit der Frau möglichst diskret einen anderen Platz für sie gesucht.

Ich denke, wir konnten die Situation aus professioneller Perspektive zufriedenstellend lösen. Möglicherweise hätte ich als Privatperson konfrontativer agiert, wenn ich eine solche Situation mitbekommen hätte – das soll nun aber nicht Gegenstand meiner folgenden Überlegungen sein. Was mich vielmehr beschäftigt ist die Reaktion des einzig männlichen Kollegen, der in die ganze Situation verwickelt war. Meine weibliche Vorgesetzte, sowie auch meine drei weiblichen Kolleginnen (die alle auch persönlich mit der jungen Frau gesprochen haben), haben die ganze Angelegenheit ohne Umschweife ernstgenommen. Und damit meine ich nicht, dass sie mit Mistgabeln und Fackeln auf den beschuldigten Kunden losgegangen sind und ihn öffentlch gelyncht haben. Ich meine, dass sie versucht haben eine Lösung zu finden. Sicher aber auch, weil wir alle sehr gut aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, wie unangenehm eine solche Situation sein kann. Selbst meine Vorgesetzte konnte von einem identischen Erlebnis berichten. Der beschuldigte Mann blieb von der ganzen Angelegenheit übrigens gänzlich unbetroffen: Sicherlich hat er die Umsetzaktion mitbekommen, die hätte jedoch auch zahlreiche andere Gründe haben können. Egal was genau vorgefallen war: Er musste sich keine Sekunde aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen oder sich in irgendeiner Art rechtfertigen, geschweige denn real einschränken lassen.

Aber zurück zu meinem männlichen* Kollegen: Er ist von der ganzen Situation völlig unbetroffen, denn er war zum entsprechenden Zeitpunkt in einem anderen Bereich tätig. Deshalb hat er auch bis zuletzt keinen persönlichen Kontakt zu der vermeintlich betroffenen Frau. Beiläufig erfährt er von der Situation.

Er mischt sich ein und fragt, ob wir den vermeintlichen Vorfall persönlich mitbekommen hätten. Ich verneine. Na dann, würde er das grundsätzlich sowieso nicht glauben. Er könne sich generell nicht vorstellen, dass so etwas vorkäme… aber Frauen, die würden solche Dinge ja gerne mal erfinden – Fall Kachelmann! Fall Trump! Er wedelt mit diesen boulevardesk-verschmierten Schlagworten (und ich bezweifle stark, dass es Kachelmann gefallen würde, mit Trump in einem Atemzug gennant zu werden), als seien sie die triumphierenden Asse in seinen gut gestärkten Hemdärmeln.

Wenn es keiner sonst mitbekommen hätte, sei die Situation wohl uneindeutig gewesen. Und wenn sie denn so uneindeutig war, führe ja naturgemäß nur viel Interpretationsspielraum zu einem solchen Vorwurf. Vielleicht hat er sich der Herr nur ungünstig bewegt? Im Zweifel für den Angeklagten, so funktioniere das im deutschen Recht – bis das Gegenteil bewiesen sei, gäbe es keinen Täter und solange auch keinen Handlungsbedarf. Apropos Recht: Er wüsste von vielen Fällen in denen Frauen sich selbst Verletzungen zugefügt hätten, um unschuldige Männer der Vergewaltigung zu bezichtigen… Außerdem: Wenn sie sich denn so sicher war, warum hat sie (so würde er ja handeln), dann nicht direkt etwas vor allen gesagt? Warum hat sie nicht ihre Umgebung involviert? Konnte man denn überhaupt sein Geschlechtsteil sehen? Nein? War es dann tatsächlich so schlimm? Ja, okay, wenn er sich entblößt hätte… aber so? Selbst wenn er sich befriedigt hätte… Den einen störts, den anderen nicht, er kenne auch Frauen, die sich davon nicht belästigt gefühlt hätten. Das sei doch alles Ansichtssache.

Ob mensch sich von so einem Verhalten nun belästigt fühlt oder nicht, ist sicher von Person zu Person unterschiedlich. Dennoch besteht ein entscheidender Unterschied zu der oben beschriebenen Situation: Niemand ist dazu gezwungen, auf engem Raum und über Stunden neben diesem Mann zu sitzen. Es besteht die Option, sich aus der Situation zu ziehen, ohne sich mit ihm auseinandersetzen oder sich vor Dritten für sein Empfinden rechtfertigen zu müssen.

Man muss dazu sagen, dass es  in unserem Fall zu keinem Zeitpunkt um eine „Verurteilung“ und „Bestrafung“ des vermeintlichen „Täters“ nach „deutschem Recht“ oder irgendwelchen anderen normativen oder moralischen Standards ging. Es ging zunächst einmal lediglich darum, eine junge Dame umzusetzen, die sich auf ihrem Platz unwohl gefühlt hat. Eine ziemlich triviale Angelegenheit, wenn man bedenkt, aus welchen Gründen wir tagtäglich neue Plätze für unsere Kunden suchen: Weil die Sitznachbarin oder der Sitznachbar erkältet ist, weil es zu zugig ist… Fragen wie: „Sind Sie sicher, dass die Person neben Ihnen erkältet ist? Hat die Person neben Ihnen nicht vielleicht nur zufällig geniesst und es ist Ihre Interpretation, dass es sich hierbei um eine Erkältung handelt? Wenn diese Person tatsächlich erkältet ist, warum stört das nicht auch die zahlreichen anderen Gäste um Sie herum?“ oder „Warum haben Sie keine Jacke mitgebracht? Sind Sie vielleicht einfach ein wenig empfindlich? Andere Leute haben so ein frisches Lüftchen um die Nase manchmal recht gerne, warum stört Sie das eigentlich überhaupt?“, tauchen dann erstaunlicherweise nicht auf.

Im Fokus der Argumentation meines Kollegens stand nicht die konstruktive Lösung eines real existierenden Problems zwischen zwei Gästen (unabhängig was nun tatsächlich zwischen ihnen vorgefallen war), sondern die vehemente und ausdauernde Widerlegung der Notwendigkeit des Schutzanspruches des vermeintlichen „Opfers“ (wobei natürlich diese ganze Täter-Opfer-Dichotomie selbst nicht unproblematisch ist). Zunächst bezweifelt er, dass solche Vorfälle überhaupt vorkämen (ergo:Das Problem existiert generell nicht!“), dann definiert er konkrete Bedingungen dafür, wann es angemessen wäre, auf das vermeintliche Fehlverhalten zu reagieren (ergo: „Sich belästigt zu fühlen, reicht nicht aus!“). Gleichzeitig kritisiert er jedoch das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau als zu zurückhaltend: Warum hat sie nicht die umsitzenden Menschen involviert? Ihn direkt lautstark konfrontiert? (ergo: „Selbst schuld!“). Später geht er dazu über, die ganze Situation zu verharmlosen: Was wäre eigentlich so schlimm daran? (ergo: „Stell‘ dich nicht so an!“). Störend finde ich dabei keineswegs den Ansatz die ganze Situation differenziert und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: Schließlich wusste niemand von uns sicher, was tatsächlich passiert war. Aber genau deshalb empfand ich auch seine leidenschaftliche Argumentation gegen – ja was eigentlich genau? – so befremdlich. Sein einziges Ziel schien der Versuch, um jeden Preis die Glaubwürdigkeit der Frau und damit auch unsere Handlungsnotwendigkeit in Frage zu stellen. Dass sich seine einzelnen Argumente dabei teils widersprachen (einerseits habe die Frau kein Recht sich belästigt zu fühlen, andererseits habe sie zu zurückhaltend auf die Situation reagiert – einerseits sei der Fall, dass ein Mann öffentlich masturbiere, unvorstellbar, andererseits ja auch keine große Sache…), ist egal, solange sie dem Zweck dienen um jeden Preis die Wahrnehmung oder das Verhalten der vermeintlich betroffenen Frau zu diffamieren.

Wo fängt sexuelle Gewalt oder Belästigung überhaupt an? Sicher ist das Empfinden, was als Belästigung gewertet wird sehr subjektiv. Dennoch gibt es bestimmte Verhaltensweisen, von denen man zumindest ausgehen muss, dass sie andere Menschen in Verlegenheit oder Bedrängnis bringen könnten. Und wer an sich selbst sexuelle Handlungen in einem öffentlichen Raum in Anwesenheit Dritter ausübt (am besten noch in einer Situation, in der sich anwesende Menschen nicht entziehen können oder sich gar durch offensive Blicke und unausweichliche Nähe gegen ihren Willen in die Handlung involviert fühlen), nimmt solche Folgen seines aktiven Verhaltens zumindest billigend in Kauf – wenn es nicht sogar jene sind, welche ebendieses Handeln antreiben. Das Ganze kann man als Machtdemonstration werten (so wie ich), oder man kann es lassen (so wie mein Kollege) – es sollte jedoch in jedem Fall  zumindest ausreichend sein, dass sich jemand belästigt fühlt, damit Handlungsbedarf gesehen wird.

Auch diese Situation wäre gemäß meines Kollegen eine Grauzone: Man sieht keine Genitalien, „vielleicht kratzt er sich auch nur“ 😉 . Unter dem Video fragt ein offenbar männlicher User: „Why didn’t you call his ass out?!“ – vielleicht weil andere Menschen (wie mein Kollege) so konkrete Regeln dafür aufstellen, wann es „angemessen“ ist, sich belästigt zu fühlen? Vielleicht, weil man nicht jederzeit die Kraft für eine Konfrontation hat? Weil man die Situation nicht weiter eskalieren lassen möchte? Oder auch weil  man eben meist doch eher an seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt, als belästigende, übergriffige oder bedrohliche Situationen ernstzunehmen.

Das Ziel der Frau war weder eine öffentliche Denunzierung des Mannes, noch einen persönlichen Vorteil aus der ganzen Sache zu schlagen: Nachdem sie einige Zeit wortlos wartend in ihrer Ecke stand, nahm sie selbst einen objektiv betrachtet schlechteren anderen Platz dankend an. Es stellt sich also die Frage, weshalb man ihr den Wunsch umgesetzt zu werden verwehren sollte: Zählt die theoretische Erhaltung der Unschuldsvermutung eines Mannes, der in keiner Weise real wirksame Konsequenzen zu fürchten hatte mehr, als der Schutz einer sich konkret belästigt fühlenden Frau, die im Fall der berechtigten Anschuldigung sehr wohl reale Konsequenzen im Sinne fortwährender Übergriffe zu fürchten hätte?

Das Problem ist diese Logik, die jede Aussage-gegen-Aussage-Situation zwangsläufig in eine Einbahnstraße dirigiert. Im Endeffekt werden in diesem System Ausübende sexueller Gewalt generell geschützt (anstatt zu unrecht Beschuldigte zu schützen) und Gewaltbetroffene postwendend zu Täter_innen, indem sie bei mangelnder Beweisbarkeit automatisch der Falschbeschuldigung bezichtigt werden. Insbesondere sexuelle Übergriffe sind in sehr vielen Fällen eben nicht einwandfrei belegbar – mal abgesehen davon, dass viele Formen sexueller Gewalt strafrechtlich bislang überhaupt keine Relevanz hatten und auch weiterhin nicht oder nur ungenügend verfolgbar bleiben. Repräsentative Untersuchungen (BMFSFJ, 2004) haben ergeben, dass 58% der befragten Frauen aus Deutschland unterschiedliche Formen sexueller  Belästigungen erlebt haben, 40% gaben an Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beidem) ab ihrem 16. Lebensjahr geworden zu sein. Nur 5% der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt haben, zeigten diese auch an – wobei von diesen Anzeigen wiederum nur ein Bruchteil überhaupt zu einer Verurteilung führten (die Verurteilungsquote bei angezeigten Vergewaltigungen liegt bei 13%, während die Quote der belegbaren Falschbeschuldiguldigungen von Vergewaltigungsfällen quellenabhängig sich im deutschen Raum lediglich auf eine marginale Spanne zwischen 5% und 7,4% im beziffern).

„Nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehen der EU-Studie zufolge zur Polizei, wenn ihr Partner gewalttätig wird; 17 Prozent sind es, wenn sie nicht mit dem Täter zusammen sind. Bei vielen Frauen ist Scham der Grund. Einige rechnen sich nur geringe Erfolgschancen aus, andere sagen, sie hätten selbst eine Lösung gefunden oder wollten alleine zurechtkommen. {…}

Zum Vergleich: In Niedersachsen wurden 2014 etwa sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt – aber 94 Prozent der Autodiebstähle.

(Süddeutsche Zeitung, 27.04.2016)

Fakt ist also: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen erlebt in ihrem Leben Formen von sexueller Gewalt, während nur ein Bruchteil davon strafrechtlich verfolgbar ist. Von diesem Bruchteil werden wiederum nur 5% überhaupt zur Anzeige gebracht, weniger als ein Sechstel dieser Anzeigen führen dann zu einer Verurteilung. Der Prozess dorthin ist lang und oft erneut traumatisierend: Schambehaftete Details müssen vor fremden Menschen offenbart werden, Betroffenen schlägt Misstrauen und Argwohn entgegen, während die Chance auf „Erfolg“ (inwiefern eine Verurteilung im Individualfall einem „Erfolgs“gefühl auch immer gerecht werden kann) nicht gerade vielversprechend ist. In Wiesbaden startet aktuell ein Projekt, dass Frauen überhaupt die Möglichkeit bieten soll, sich ohne Polizeidruck nach einer Vergewaltigung medizinisch versorgen lassen zu können (von 90 Frauen haben lediglich 30 Spuren sichern lassen und wiederum lediglich 10 letztlich Anzeige erstattet). Eine andere aktuelle Studie berichtet zudem, dass mehr als jeder vierte Europäer Vergewaltigungen unter bestimmten Bedingungen für rechtfertigbar hält. Die Hemmung sich zur Wehr zu setzen, sich Hilfe zu suchen oder die Tat gar juristisch zu verfolgen ist aus vielen Gründen oft enorm hoch. Meine Beobachtungen im privaten Umfeld können diesen Eindruck nur bestätigen: Wenn beispielsweise eine Freundin im Club auf der Tanzfläche angefasst wird, verlässt sie oft eher selbst den Ort, als dass sie eine Sicherheitskraft holt. Die Erfahrung nicht ernstgenommen zu werden oder auch durch eine nervenaufreibende Konfrontation eine übergriffige oder bedrohliche Situation nicht nennenswert verbessern zu können, ist weit verbreitet.

Die theoretische Option sich durch Dritte – sei es die Polizei, Sicherheitspersonal oder andere Außenstehende – Hilfe zu suchen, ist eben oft überhaupt keine real sinnvolle Option. Insbesondere dann, wenn man an Menschen wie meinen Kollegen gerät, die genaue Vorstellungen davon vertreten, wie Gewalttaten auszusehen haben und wie sich  deren „Opfer“ bitte fachgerecht zu verhalten haben.

Ich sehe ein, dass eine konkrete Strafverfolgung nur dann stattfinden sollte, wenn ein Delikt nachgewiesen werden kann. Was ich nicht einsehe, ist, dass jede Anschuldigung die nicht einwandfrei belegt werden kann im Umkehrschluss automatisch zur Falschaussage wird. Dass mit fehlender Legitimation zur Bestrafung des potenziell Gewaltausübenden auch der Anspruch der vermeintlich Betroffenen auf Schutz und Hilfe versiegt. Dass sich generell alles Denken und Diskutieren ausschließlich um die potenziellen Täter_innen zu drehen scheint, während die Perspektive und Bedürfnisse Gewaltbetroffener nur schwammige Randnotizen zu bleiben scheinen.

In unserem Gespräch versuche ich meinem zweifelnden Kollegen  anhand persönlicher Erfahrungen zu illustrieren, wie schnell man in eine übergriffige Situation im Alltag hineingeraten kann und wie schwierig es oft ist, sich überhaupt zur Wehr zu setzen. Keine der unzähligen anzüglichen Kommentare, übergriffigen bzw. bedrohlichen Situtationen oder ungewollten Berührungen in meinem Leben haben (aus unterschiedlichsten Gründen) je zu irgendeiner nennenswerten Konsequenz für die jeweils ausübende Person geführt.  „Männer scheinen ja ganz schön schlimm zu sein!“, polemisiert er spöttisch, als fühle er sich von meinen Schilderungen persönlich angegriffen. Dieses ganze Männer-gegen-Frauen-Frontenbildungsding geht mir langsam gehörig auf die Nerven.

Sind „Männer“ also meiner Meinung nach schlimm? Nein. Menschen sind schlimm – und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Menschen die andere Menschen im öffentlichen Raum sexuell bedrängen genauso wie solche, die sexuelle Übergriffe aus welchen Gründen auch immer erfinden und somit Unschuldige in existenzbedrohliche Situationen bringen. Menschen die Erfahrungen sexueller Gewalt herunterspielen und generell in Frage stellen. Menschen wie mein Kollege, die Hilfesuchende (egal ob weiblich oder männlich) erstmal nach der Beweislage abfragen und mit der Kachelmann-Klatsche wedeln, anstatt mit ihnen gemeinsam in akuten Fällen nach kurzfristigen Lösungen zu suchen. Sie alle sind Kompliz_innen eines Systems, in dem Betroffene von Gewalt nur doppelte Verlierer_innen sein können.


Eine 2004 veröffentlichte repräsentative Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland


*Ich verwende gegenderte Ausdrücke wie „Frau“/“Mann“/“männliche“/“Dame“/“Herr“… o.Ä. als analytisch-beschreibende Begriffe für Menschen, die sich durch entsprechendes Verhalten und Auftreten, sowie kohärentes Anzeigen „weiblich“ oder „männlich“ konnotierter Attribute und des entsprechenden Habitus offenkundig selbst dementsprechend kategorisieren. Ich möchte diese ganze Mann-Frau-Dichotomie und damit einhergehendes binäres und heteronormatives Denken damit nicht sprachlich manifestieren und reproduzieren, eine Verwendung der genannten Begriffe bietet sich jedoch der Verständlichkeit und Klarheit dienend an.

Die Anderen.

Männlichkeitskultur. So nennen sie es, „das Fremde“, das sich langsam, aber unausweichlich, auf völlig überfüllten Booten über das Mittelmeer in unser schönes Deutschland einschleppt und sich nun in unsere Gesellschaft zu fressen scheint, wie eine plötzliche Krankheit oder ein lästiger Parasit.

Die Silvesternacht in Köln sitzt dem gegenwärtigen Diskurs in den Knochen. Eine junge Frau, unter dem Pseudonym „Anja Meier“, rekonstruiert bei „Hart aber fair“ die Ereignisse der Nacht: Sie war eine jener Frauen, die von einer großen Gruppe Männer* umzingelt, angefasst und anzüglich beschimpft, ausgelacht und bedrängt worden ist. Es gehen Anzeigen wegen Diebstahl, Körperverletzung und Vergewaltigung ein. Die Bilanz einer beschämenden Nacht: Mehr als 650 Anzeigen meldete die Kölner Staatsanwaltschaft bezüglich jener Übergriffe, die die Boulevardpresse medienwirksam als „Schande von Köln“ oder besonders reißerisch als „Sex-Mob“ bezeichnete. Dass das, was da in dieser Nacht in Köln passiert ist, nichts mit „Sex“ zu tun hat, sondern, wie bei jeder anderen Ausübung von sexualisierter Gewalt auch, mit der Demonstration und Sicherung von Machtstrukturen, wird durch solche Bezeichnungen weiter verschleiert. In jener Nacht sei eine Männlichkeitskultur zu Tage getreten, die Deutschland so noch nicht kennen würde, meint Ex-Familienministerin Kristina Schröder. Um Männlichkeitskonzeptionen geht es sicher. Inwiefern solche Übergriffe, die in einer besonderen Konzentration in der Kölner Silvesternacht auftraten, deutschen Frauen* jedoch tatsächlich unbekannt sind, bleibt fraglich.

Das bizarre an dem ganzen Spiel, das derzeit in Talkshows, Nachrichtensendungen und deutschen Wohnzimmern ausgetragen wird, ist, dass die Dimension der sexualisierten Gewalt, die die Frauen in der Nacht zum ersten Januar erfahren mussten, trotz des außerordentlichen Ausmaß‘ an Massivität, nach wie vor nicht das zentrale Thema der Debatte zu sein scheint. Warum wird eine Nacht, in der hunderte Frauen belästigt wurden, die Herkunft der Täter aber noch unbekannt ist, von offizieller Seite her zunächst als „ruhig“ bezeichnet, später, als sich ein möglicher Migrationshintergrund abzeichnet, zur „Schande von Köln“ stilisiert? Fakt ist, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Täter auf die Opfer und Beobachterinnen einen „arabischen“ oder „nordafrikanischen“ Eindruck machten (was auch immer dies über den wahren kulturellen Hintergrund, beziehungsweise die persönlichen Einstellungen der Täter aussagen möge). Fakt ist aber auch, dass ein Großteil jener „Taten“ die als sexualisierte Gewalt gewertet werde können (das Bedrängen von Frauen* durch Männer*, obszöne Kommentare und Zurufe, teilweise sogar das Anfassen des Körpers, einschließlich Brust, Po und Schritt, gegen den Willen der Frau*) gar nicht vernünftig nach deutschem Strafrecht zur Anzeige gebracht und verfolgt werden können.  Selbst eine Vergewaltigung wird in Deutschland nur dann als solche verurteilt, wenn sich das Opfer „angemessen“ zur Wehr gesetzt und alle „möglichen Fluchtwege“ genutzt hat – ein deutliches „Nein“ des Opfers reicht, nach wie vor, nicht aus.

Die Öffentlichkeit fordert rechtliche Konsequenzen, verschärfte Abschiebungsgesetze und Ausweisungen. Warum steht eigentlich nicht endlich die Verschärfung der Gesetze für Sexualdelikte im Fokus? Warum wundert sich niemand darüber, dass „Ausländer“, die nicht ungeschoren davon kommen sollen, nach deutschem Strafrecht für den Ausdruck „ihrer Männlichkeitskultur“ überhaupt nicht belangt werden können? Es soll also härter gegen kriminelle Ausländer durchgegriffen werden, was bei einer Vielzahl der sexualisiert geprägten Delikte der Kölner Silvesternacht aufgrund der Tatsache scheitert, dass auch Deutsche bislang für ähnliche Taten überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten – ein Umstand, der bislang weder die Bildung einer „Bürgerwehr“, wie jetzt in Düsseldorf geschehen („um unsere Frauen zu schützen“), noch die Hells Angels auf den Plan gerufen hat. Der Eindruck entsteht, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Warum liegt es eigentlich an „deren“ Kultur, wenn mich ein Mann mit Migrationshintergrund auf der Straße anzüglich kommentiert und warum „verstehe“ ich eigentlich so oft „etwas falsch“, wenn ich mich von einem Deutschen belästigt, bedrängt oder verfolgt fühle? Ja, es lässt sich schwer leugnen, dass die Häufung der Situationen, in denen man sich als Frau* in Berlin belästigt fühlen kann, in Neukölln eine andere ist als in Mitte – aber zu behaupten, es handele sich um ein genuin „arabisches“ oder „nordafrikanisches“ Problem, ist schlichtweg falsch und dient höchstens zur Ablenkung  von allgegenwärtigen Problemen. Das Ausmaß der Ausschreitungen in Köln hat nicht in erster Linie die Mechanismen einer „fremden“ und gleichsam exotisierten Kultur zum Vorschein gebracht, sondern insbesondere den defizitären Stand unserer Gesetzeslage und nicht zuletzt unsere schizophrene Kultur, die aufgrund einer sexualisierten Machtdemonstration eines Migranten seine Existenzberechtigung in Frage stellt und nach Abschiebung schreit, während die anzügliche Bemerkung eines weißen Geschäftsmannes oder der Griff an den Po im Club, welche auf genau den gleichen Zweck abzielt, belächelnd in Schutz genommen oder zumindest auf eine Individualerfahrung heruntergespielt, wird („So sind Männer halt!“, „Hab dich nicht so!“, „Das sind ja nur Einzelfälle!“). Denn am Ende geht es in dieser Diskussion nicht um die erniedrigende, diskriminierende und unterdrückende Wirkung solcher Machtdemonstrationen auf Frauen*, sondern darum, wieviel „Recht“ der Täter zur Ausübung hat. Platt wie pathetisch formuliert: „Unsere“ Frauen* wollen wir bitteschön gerne selber belästigen!

„Die Monsterisierung asozialer, fremdartiger, bedrohlicher Menschen ist aller Wahrscheinlichkeit nach phylogenetisch verankert. Deshalb pflegen Feindbilder gegenüber rationalen Einwänden resistent zu bleiben.“ (A. Holl, 1993)

Die kolonial geprägte Brille des „zivilisierten“ Deutschen hat schon immer das Bild des sexuell „ausschweifenden, triebhaften“ und „perversen“ nicht-weißen Mannes transportiert. Dessen Begehren nach der hilflosen weißen Frau, scheint in den vergangenen Jahrhunderten zu einer archetypischen Urangst mutiert zu sein, einer Angst, die nun dazu instrumentalisiert wird, rassistische und sexistische Hierarchien weiter zu festigen. Das Herz des Rassimus nährt sich vom Drang nach Selbstverständnis durch die Schaffung von Polarität und binärer Abgrenzung. So lang man also dem „verwilderten“ und „entmenschlichten Nordafrikaner“ oder „Araber“ möglichst viel Schuld für sexualisierte Gewalt zuschreiben kann, desto besser lässt sich das eigene Defizit kaschieren und darüber hinwegtäuschen, dass diese Strukturen eben nicht ontologisch der Fremde entspringen. Werden Rassismen hier zur Dimension eines deutschen Identitätskonflikts, eines Landes, dass sich selbst gerne als besonders fortschrittlich betrachtet und strukturell verankerte Diskriminierungen gegenüber Frauen nicht in seinem Konzept unterbringen kann? Der exzessive Austausch über Folgen für die Flüchtlingspolitik wirkt in jedem Fall wie eine Farce für all diejenigen, die schon seit Jahren eine opferfreundlichere Gesetzgebung für Sexualdelikte fordern und daran kläglich scheitern, solange es sich um weiße Täter handelt. Die Überkompensation mit Worten versucht hektisch einen Zustand zu therapieren, der schon überfällig handlungsbedürftig war. „Jeder verdient die gleiche Strafe, egal aus welchem Land er kommt.“, stellt die Betroffene Anja Meier im Interview mit Plasberg klar. True dat, girl. Wenn es nur so einfach wäre.

 

 

Oh Biggie… #schellefürkelle

Heute wird es mal wieder Zeit für eine virtuelle Schelle für die Kelle. Die Biggie und ich sind selten einer Meinung. Das wussten wir bereits. Nachdem ich nun langsam ihren ersten Rundumschlag verdaut zu haben glaubte („Dann mach doch die Bluse zu!“), legt die erzkonservative Familienverteidigerin nochmal ordentlich nach – ein bisschen Sexismus hier, ein obsoletes Weltbild da, garniert mit einer saftigen Portion Populismus, schon hört man sie förmlich aus der Küche flöten: Bullshit ist fertig! 

Ein neues Buch ist geschrieben und will beworben werden – klar, dass sich das Sprachrohr des deutschen Erzkonservatismus  nicht zwei Mal bitten lässt, um sich mit fragwürdigen Behauptungen ins Gespräch zu bringen. Im aktuellen Focus bittet die „Demo für alle„-Aktivistin („für alle“ = heterosexuell, christlich-konservativ und am besten in klassischer Familienstruktur organisierte Menschen = eben nicht „für alle“) nun, dass man sie bitte nicht „vollgendern“ solle. Sie selbst verortet sich als „eindeutig weiblich“ und hat kein Verständnis für jene, die sie abfällig als die, „die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sind“ bezeichnet. Diese diffamierende Wortwahl hinterlässt einen ähnlich bitteren Nachgeschmack, wie die Vorstellung, dass ein gehender Mensch einen rollstuhlfahrenden Menschen verspotten würde, weil dieser seiner Meinung nach „zu blöd zum Laufen“ sei. Für Frau Kelle mag es vielleicht erfreulich sein, dass sie sich in dem heteronormativen System einer binär strukturierten Gesellschaft so passend verorten kann – damit genießt sie jedoch ein Privileg, das nicht jedem ihrer Mitmenschen zuteil wird. Sich auf seine gegebenen Privilegien etwas einzubilden und diejenigen, die durch das limitierende Raster fallen, zu diskriminieren und herablassend zu verspotten, scheint selbst ihren sonst so fundamentalistisch propagierten „christlichen“ Werten wenig gerecht zu werden.

„Berlin hat zwar keinen modernen Flughafen, aber in manchen Bezirken drei Türen, wenn Sie aufs Klo müssen. Man muss Prioritäten setzen. Gendersensibel nennt es sich, dass wir neuerdings Unisextoiletten vorfinden, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind.“

Der Auftakt ihres Focus-Beitrags beginnt bereits ziemlich frustrierend: Tatsachen verdrehend, populistisch und schlicht falsch. Erstens ist es keineswegs so, dass, wie es in diesem Satz suggeriert wird, flachendeckend bezirksweit Unisextoiletten eingeführt worden wären. Nur in vier von zwölf Bezirken ist die Idee der Unisextoilette überhaupt ernsthaft im Gespräch gewesen, nach etlichen Monaten Stillstand wurden zögerlich einige wenige realisiert: z.B. eine Toilette in Tiergarten, eine im Gesundheitsamt Mitte und in insgesamt drei Bürgerämtern. Diese wurden auch nicht, wie Kelles Formulierung erwarten lassen könnte, neu gebaut, sondern bereits vorhandene Toiletten neu ausgewiesen. Einzige Investition: Ein neues Schild an der Tür.1 Und selbst dafür reicht es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Aufgrund einer Haushaltssperre müssen die Unisex-Toiletten warten.2

Wirklich unerhört, wie hier mit den Steuergeldern umgegangen wird! Nicht mal für den Flughafen reicht es! Nicht mal für jenen (bereits über 4 Milliarden Euro teuren) Flughafen, der nichts, aber auch rein gar nichts mit der Finanzierung von ein paar genderneutralen Türschildern zu tun hat. Jenem Flughafen, dessen Eröffnung seit Jahren wegen diverser Fehlplanungen, baulicher Mängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen verschoben wird – und nicht etwa, weil Mehdorn persönlich damit beschäftig ist, in Berlin-Mitte neue Türschilder an die Klos zu schrauben, statt sich um die Eröffnung zu kümmern.

Hier stehen reale Milliarden-Verluste einer Haushaltssperre gegenüber, die nicht einmal ein neues Kloschild finanzieren kann. Es wird deutlich: Frau Kelle spielt gezielt mit der Wut und den Ängsten der Menschen. Kein Flughafen, aber Klos für die „Unentschlossenen“ unter „uns“ (und eigentlich gehören „die“ ja gar nicht so richtig zu „uns“)?! Hier scheint kein noch so weit hergeholtes Pseudoargument zu absurd, um gegen eine verhältnismäßig völlig unerhebliche finanzielle Investition zu wettern und die dahinter stehende Idee ins Lächerliche zu ziehen.

Nicht weniger kritisch erscheint der süffisante Zusatz „…, damit wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Mann oder Frau sind“. Das klingt ja nach einem echten Luxusproblem, damit die „Unentschlossenen“ unter uns zukünftig nicht vor jedem Klogang eine Münze werfen müssen, um zu entscheiden, welche Tür sie wählen. Die Realität sieht jedoch anders aus und kann für Betroffene mehr als belastend sein, wenn den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen im öffentlichen Raum nicht nachgegangen werden kann, ohne mit unangenehmen sozialen Konfrontationen, Anfeindungen oder Ausgrenzungen rechnen zu müssen. Fakt ist, dass es viele Menschen gibt, für die die Existenz einer Unisextoilette sinnvoll sein könnte. Da wären zum einen die rund 15.000 Menschen, die seit 1995 in Deutschland ihre geschlechtliche Identiät verändert haben3. Hinzu kommen beispielsweise intersexuelle Menschen – jeder 2000. Mensch, wird mit Geschlechtsmerkmalen geboren, aufgrund derer er nicht eindeutig als „Mädchen“ oder „Junge“ zu kategorisieren ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen wird mit bis zu 120 000 angegeben.Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer jener Menschen, die durch solche Statistiken überhaupt nicht erfasst werden, zum Beispiel, weil sie sich mit dem Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, nicht identifizieren können, es jedoch nicht per gerichtlichem Entscheid formal ändern lassen. Aber auch für Väter kann die Unisextoilette hilfreich sein: Gab es Wickeltische bislang meist nur in den Frauentoiletten (was wiederum eine sexistische Rollenverteilung reproduziert), könnte die Unisextoilette ein neutraler neuer Ort für den Wickeltisch sein –  ein Fortschritt für ein egalitäres Familienmanagement, sowohl für heterosexuelle, als auch schwule Paare und nicht zuletzt: alleinerziehende Väter.

Mal zum Vergleich: In Deutschland leben rund 150 000 blinde Menschen.5  Das ist kein Problem, dass alle Menschen betrifft und auch keins, das die meisten Menschen betrifft. Vor allem ist es kein Problem, das Frau Kelle persönlich betrifft. Nach ihrer Logik scheint dies also ein guter Grund zu sein, gegen die Ausrüstung öffentlicher Beschilderungen mit Braille-Schrift zu wettern. Vermutlich würde sie sich niemals so positionieren, das Beispiel verdeutlicht dennoch die Systematik, die hinter ihrem Argumentationsstil steckt: Er ist geprägt von Egozentrismus und Intoleranz.

Birgit Kelle biedert sich nicht nur einer uninformierten und reaktionär denkenden Bildzeitungsleserschaft an, sie scheint in vielen Hinsichten selber gar nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich spricht. Das bewies sie nun einmal mehr in der Talkshow „Hart aber fair“. Als Anne Wizorek beispielsweise die These äußerte, dass geschlechterspezifisch beworbenes Spielzeug lediglich eine Marketingstrategie der Industrie sei, die nichts zwingend mit den „natürlichen“ Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun haben müsse, versuchte die vierfache Mutter Kelle dies zu widerlegen, indem sie beschrieb, dass sich ihre Töchter in den ersten Lebensjahren sehr wohl mit allen möglichen Sorten von Spielzeug gerne beschäftigt hätten, sich dies jedoch mit dem Besuch vom Kindergarten schlagartig änderte. Pink und Glitzer seien plötzlich angesagt gewesen – für Kelle ein eindeutiger Beweis dafür, dass das „Pink und Glitzer“-Programm unvermeidbar in die Mädchengenetik eingraviert sei und nichts mit Sozialisierung und Erwartungshaltung von außen zu tun hätte. Da musste selbst Talkmaster Plasberg schmunzeln.

Nicht nur ihr jüngster Beitrag im Focus, auch der Auftritt bei „Hart aber fair“ ist durchzogen von inneren Widersprüchen und dem Bezug auf falsche „Tatsachen“. Kritik kann nicht zuletzt auch die Genderforschung selber voranbringen und konstruktiv sein – in diesem Fall scheint es jedoch nur allzu offensichtlich, dass die Kritikerin selbst einer „Ideologie“ (um bei ihrem Jargon zu bleiben) verfallen ist und es daher nicht schafft, sich an der Debatte bereichernd zu beteiligen. Aber was möchte man auch von einer Protagonistin erwarten, die ihr Lager im Schulterschluss mit einer kompetenten „Meinungsmacherin“ wie Sophia Thomalla verteidigen muss, die wiederum noch nie von sprachlicher Diskriminierung gehört hat und weder Sexismus von einem Kompliment, noch Muslime von Islamisten unterscheiden kann…

 


1 „Die Unisextoiletten werden nicht neu gebaut. Stattdessen wird einer der Räume, der bisher exklusiv für Männer oder Frauen bestimmt war, neu beschildert. Faktisch wird das nur in größeren Gebäuden möglich sein, in denen es mehr als zwei öffentliche Toiletten gibt.“ (http://www.taz.de/!111922/)

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/genderdebatte-pinkeln-fuer-alle-berlin-mitte-eroeffnet-unisex-toilette/10709278.html

3 http://www.stern.de/gesundheit/sexualitaet/vorlieben/transsexuelle-fremd-im-eigenen-koerper-1521741.html

4 http://www.national-coalition.de/pdf/28_10_2012/Kinderrechte_und_Intersexualitaet_NC.pdf

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

6 http://www.stern.de/kultur/tv/hart-aber-fair-sophia-thomallas-dreister-auftritt-2177324.html


 

No bloomy day.

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Als das Radio mir morgens im Badezimmer den Valentinstags-Slogan des Blumenversandhandels „Bloomy Days“ ins Ohr flötete, habe ich mich fast an der Zahnpasta verschluckt. Frauen? Die wollen Blumen. Und Männer? Natürlich immer nur das Eine.

„Je schöner die Bumen, desto schöner das Dankschön.“ (zwinker, zwinker)

Eine „intelligente und stilsichere“ Werbekampagne, wie Franziska von Hardenberg versichert, denn „wir wissen was Frauen wollen“. Anscheinend nicht, was alle Frauen* wollen – denn die (durch und durch sexistische) Werbung stieß vor allem im Netz auf viel Empörung.

Sexistisch weil die Blume aussieht wie eine Muschi? Im Gegenteil, das Abbilden der Vulva im öffentlichen Raum rief weitgehend positive Reaktionen hervor. Weil die Werbung heteronormative Stereotype aufruft? Geschenkt. Das ist zwar bedauerlich, aber leider immer noch Standard. Das Problem ist sicher auch nicht der offene Umgang mit Sexualität, sondern die gängige sexistische Praxis, die ihm in diesem Fall inhärent ist.

Der Mann kauft also eine besonders schöne Blume (stellvertretend hierfür könnte ein x-beliebiges materielles Gut stehen) und die Frau macht sich ihm dafür sexuell verfügbar. Eine Werbung, die Frauen im ähnlichen Sinne dazu animiert, durch einen finanziellen Einsatz ihren Mann zur Befriedigung ihrer sexuellen Triebe zu motivieren, wirkt gleichsam kontraintuitiv. Genau in diesem kontraintuitiven Moment, manifestiert sich der Kerngedanke, der hier genutzten sexistischen Spielart: der Mann (aktiv) agiert (rational) und die Frau (passiv) reagiert (emotional).

„Aus dem Mann stürmt die Begierde, in dem Weibe siedelt sich die Stille Sehnsucht an.“ (Brockhaus, 1815)

Das Paradoxon: Während die Frau entsexualisiert wird (denn ihr wird keine autonome sexuelle Potenz zugeschrieben, sie wird maximal gefügig „gemacht“), wird sie doch im gleichen Atemzug mit Empfängnis und sexueller Verfügbarkeit gleichgesetzt. Der flache Slogan des Blumenversands passt wie die Faust aufs Auge zu der im Laufe des 18. Jahrhunderts (mit der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft) ergründeten Zähmung und Domestizierung der Frau selbst und ihrer Sexualität gleichermaßen.

Allein das semantische Vokabular spricht Bände: Die Aktion des Mannes hat den Erfolg zum Ziel (typisch männlich konnotierter Begriff – ähnlich wie Wettkampf, Stärke, Zielstrebigkeit) und die Reaktion der Frau ist (natürlich) der Dank (typisch weiblich konnotierter Begriff – denn wer dankbar ist, macht sich klein, „zu Dank verpflichtet“/“in der Schuld stehend“ etc.). Dem Mann wird hier also die „Macht“ zugeschrieben, die Situation aktiv verändernd zu beeinflussen, während sich die Frau (passiv) dem Verhalten des Mannes entsprechend verhält.

Der weibliche Körper wird zum unzähligsten Mal zum Austragungsort eines sexuell aufgeladenen Machtkampfs: Ist sein materieller Einsatz gut genug, umso eher macht sie die Beine breit – was als „Erfolg“ gewertet wird. Interessant finde ich zudem den Aspekt, dass Prostitution gemeinhin gesellschaftlich stigmatisiert und tabuisiert wird, das dazugehörige Sinnbild hier jedoch instrumentalisiert wird, um „die Frau von nebenan“ gefügig zu machen – wirkt auf mich wie das reproduzierende Abrufen der limitierenden Weiblichkeitsvorstellung von Hure und Heiliger.

Ihrem Interview mit „W&V Online“ fügte Frau von Hardenberg noch hinzu:

„P.S. Liebe Männer, man kann bei uns auch mehrere Abos anlegen und diese getrennt voneinander verwalten, das heißt pausieren oder beenden. Ihr habt also stets die Zügel in der Hand und bestimmt, wann Schluss ist.“

Warum wirkt das hier gewählte Vokabular nur so… passend?

Weitere Artikel zum Thema:

„Give and you shall receive“ / Femstern

„Gloomy Days bei Bloomy Days: Sex gegen Blumen“ / Genderfail

„Biete Blume, suche Sex“ / taz.de

„Valentinsvulva“ / pinkstinks

Mein schwules BILD-Girl.

Heute mal zwei (mehr oder auch weniger erfreuliche) Dinge in einem Abwasch: Muschimieze ist Teil des neuen Jahrbuchs für schwule Erotik „Mein schwules Auge 11“! Außerdem möchte ich euch eine Kampagne vorstellen, die gegen Sexismus in der BILD-Zeitung kämpft.

 

Mein schwules Auge 11

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„Unter dem Motto „Die Freiheit, die wir meinen“ setzen sich 40 Autoren* und 50 internationale Künstler mit den Grenzen auseinander, die Schwulen heute durch Gesellschaft und Politik gesetzt werden. Sie zeigen facettenreich und auf lustvolle, provokative wie aufschlussreiche Weise, wie sich schwule Männer moralischen Zwängen, gesellschaftlichen Normen und Erwartungen widersetzen und zu ihrer eigenen – auch sexuellen – Freiheit finden.“

*und mindestens eine Autorin 😉

Den Band könnt ihr beim konkursbuch Verlag bestellen. Er ist wirklich schön gelungen, mit tollen Bildern und Kunstwerken illustriert – ich freue mich schon sehr darauf, die anderen Texte zu lesen. Meinen findet ihr natürlich auch weiterhin hier: Die Angst vor der Frau im Mann.

 

Schafft das BILD-Girl ab!

Es ist vielen sicherlich schon seit Jahren ein Dorn im Auge: Die Art und Weise, wie die BILD-Zeitung Frauen darstellt und sie auf ihre Sexualität reduziert. Sicher gäbe es auch viele andere „journalistische“ Praktiken, die man an dem Blatt kritisieren könnte – über die Qualität der Artikel lässt sich vermutlich nicht mal mehr groß streiten, es ist gemeinhin bekannt, welches Klientel sie bedienen. Wo man sich seine Informationen übers Weltgeschehen holt, ist und bleibt jedoch glücklicherweise Geschmackssache. Eine andere Sache ist es jedoch, wenn politisch relevante Diskriminierungen und unterschwellige Degradierungen von Menschengruppen immer wieder ihren Weg in die Schlagzeilen finden. Es lässt sich nicht leugnen, dass die BILD-Zeitung eine große Leserschaft hat. Umso schlimmer, wenn rund 2,5 Millionen Leser_innen täglich mit sexistischen Denkstrukturen infiltriert werden. Nun wendet sich die Studentin Kristina Lunz mit einer Petition an die BILD-Zeitung und fordert:

„BILD: Zeigt allen Respekt – schafft das BILD-Girl ab! #BILDsexism“

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„Anlässlich des Weltfrauentages 2012 haben sich BILD und BILD.de beispielsweise für mehr Achtung für Frauen eingesetzt. Sie verbannten das bekannte BILD-Girl von der Titelseite Ihrer Zeitung und reagierten damit auf das, was „viele Frauen – auch in den BILD-Leserbeiräten – sich immer gewünscht hatten“. Doch so ganz verschwand das BILD-Girl leider nicht: Es findet sich seitdem noch immer im Zeitungsinneren der BILD und rankt offensiv auf der Hauptseite von BILD.de.

Eine derartig verzerrte und sexistische Darstellung findet man täglich in BILD und auf BILD.de. Wie am 17. September 2014, als Sie das Dekolleté von sechs prominenten Frauen auf Ihrer Titelseite abbildeten und Ihre Leser dazu aufforderten, deren Busen zu bewerten. Diese sechs Frauen sind erfolgreiche Persönlichkeiten der deutschen Medien- und Kulturlandschaft. Dennoch werden sie, anders als ihre männlichen Kollegen, nur auf ihr Äußeres und ihre sexuelle Attraktivität reduziert. Dadurch wird unterstützt, dass diese Reduktion auch außerhalb von BILD und BILD.de gelebt wird.“

 

Schaut doch mal auf ihrer Seite vorbei, ich denke es kann nicht verkehrt sein, auf solche Strukturen aufmerksam zu machen. Ob die Petition letztlich jedoch tatsächlich zum Umdenken bei Axel Springer führen wird, bleibt vermutlich abzuwarten. Ohne Titten, müssen die sich nämlich vermutlich mal mit etwas ganz Neuem beschäftigen: Inhalten.

Aufregerin der Woche: Sexuelle Belästigung?

Eine ganz „normale“ Frau. Schwarzes T-Shirt, ohne Ausschnitt. Eine Jeans. Sie läuft schweigend eine Straße entlang. Ob sie dabei irgendwem, irgendetwas beweisen will ist eigentlich egal – sie könnte auch auf dem Weg zur Uni sein oder nach einem stressigen Arbeitstag einfach nachhause wollen. Wer diese Frau ist, was sie anhat, wie es ihr geht oder was sie gerade vorhat ist unerheblich – denn vor den Reaktionen der Männer in ihrem Umfeld, schützt sie weder ein 0815-Outfit, noch ihre offensichtlich distanzierte Haltung.

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– Smile! Smile!

– Beautiful!
– Somebody`s acknowledging you for being beautiful – you should say thank you more!

– God Bless you mami… Damn!

– Nice!

 

Kurz gefasst: Diese Frau wird permanent „angesprochen“. Ich setze dieses Wort in Anführungszeichen, da ich in keiner der Zurufe einen ernsthaften Kommunikationsversuch eines möglicherweise schüchternen Verehrers sehe, der sich dieser Frau ehrlich nähern möchte. „Lächel doch mal!“, „Hey Babe!“, „Verdammt!“ – das sind keine „Flirtversuche“ im eigentlichen Sinne. Das sind Machtdemonstrationen. Bedrängend, beschämend, beschneidend. Hier nehmen sich wildfremde Männer das Recht heraus, diese Frau offen zu bewerten, ihr Anzüglichkeiten zuzurufen, ihr ihren sexuellen Reiz vor Augen zu halten. Sie soll lächeln, sie soll sich sogar noch dafür bedanken. Dieses Video soll verdeutlichen, wie viele Frauen im Alltag übergriffigem Verhalten von ihren Mitmenschen ausgesetzt sind. Umso bedauerlicher, dass es anscheinend immer noch eine ganze Reihe Männer gibt, die sich durch das Sichtbarmachen solcher Strukturen, bedroht und angegriffen fühlen. Wer sich nicht angesprochen fühlt: Herzlichen Glückwunsch! Das heißt ja aber im Umkehrschluss nicht, dass diese Problematik nicht dennoch existiert.

Shoshana Roberts erhält mittlerweise Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Damit ist sie nicht die erste Frau, die sich, nachdem sie sich öffentlich gegen Sexismus und Machtstrukturen eingesetzt hat, mit solchen Bedrohungen auseinandersetzen muss. Beunruhigend. Und, so traurig es auch leider ist: Bezeichnend.

Bevor wir mal wieder einen kleinen Exkurs zu den Abgründen der Kommentarspalten wagen, möchte ich noch einleitend den Reaktionen einiger Frauen auf dieses Video-Experiment Raum geben:

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Achtung: Der nun folgende Teil ist nichts für schwache Nerven. Baldrian raus – Augen zu und durch. Die Top-Tiefpunkte der Debatte.


 

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Genau! Sie war einfach nicht emanzipiert genug! Das wird es sein! Unemanzipiert (als sie „wirklich“ bedrängt wurde) und überempfindlich (als sie es sich eigentlich nur „eingebildet“ hat), jetzt haben wir es! Schließlich liegt es an der Frau, Übergriffe im Vorfeld zu vermeiden und sich dann im Ernstfall, ganz nach dem Geschmack des Kommentatoren Schmidt, angenemessen zu Wehr zu setzen. Sonst ist sie einfach selber Schuld (diese praktische These lässt sich bequemerweise auch auf auf alle möglichen anderen Formen der sexuellen Belästigung – bis hin zur Vergewaltigung – übertragen).

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Na, wie gut, dass dieser Kommentator genau verstanden hat, wo sexuelle Belästigung anfängt (muss auf jeden Fall was anderes sein, als die Szenen die im Video gezeigt werden), um nicht zu sagen: sich die Deutungshoheit darüber nimmt. Harmlose, kurze Sprüche gehören auf jeden Fall nicht dazu. Kurz müssen sie schließlich auch sein, damit möglichst viele Männer pro Stunde zum Zug kommen können.

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„Liebe Frauen (…) bitte werdet EUCH EINIG was ihr wollt“ – genau, weil die FrauTM schließlich ein Produkt ist, das bitte auch immer gleich zu funktionieren hat. Vielleicht rührt sein Problem, das er „mit DEN Frauen“ hat,  auch daher, dass er nicht den individuellen Menschen, sondern nur „die Frauen“ (die nach seiner Aufassung alle die gleichen Bedürfnisse, Geschmäcker und Abneigungen haben) sieht? Ich wurde schon zigfach auf nette Weise (unabhängig davon, ob ich den Mann attraktiv fand oder nicht) angesprochen, das funktioniert tatsächlich, wenn Mann in der Lage ist, durch Blickkontakt und Feingefühl seine Gesprächspartnerin nicht zu übermannen (lol). Trotzdem kenne auch ich das Gefühl, morgens eine andere Klamotte zu wählen, weil ich weiß, in bestimmten Bezirken unterwegs zu sein und dann den ganzen Tag keine Ruhe zu haben, vor übergriffigem und unangenehmen Verhalten meiner Mitmenschen (sprich: Männer). Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe und es ist echt ermüdend, sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht belästigt werden zu wollen. Die Floskel „Ich bin kein Sexist, ABER ich reproduziere sexistisches Gedankengut“ hat mittlerweile einen ziemlich langen Bart.

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„Keine Frau wird einen normalen Mann ansprechen.“

Dich vielleicht nicht.

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Noch so ein goldenes Stück Stammtischrethorik. Bitte notieren: Männer dürfen die Ollen so behandeln wie sie es gerne möchten, erst wenn sie (die Ollen) den Mund aufmachen, kann man das männliche Verhalten (aber nur ganz vielleicht eventuell ein kleines bisschen) als Belästigung werten. Und was passiert dann? Recht des Stärkeren wahrscheinlich, Evolution und so. Vermut‘ ich mal. „Naturgegebene“ Rechte sind schließlich die besten.

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Ergo haben sich Frauen also nur in einem kontrolliert-geschützten Raum aufzuhalten, zu dem bestimmte Männer keinen Zutritt haben – wenn sich frau nicht daran halten kann, selber Schuld! Dann soll sie sich halt wenigstens über die Aufmerksamkeit des Pöbels freuen! Doch wie könnte so ein Raum aussehen? Achja, da fällt mir was altbewährtes ein! Fängt mit „K“ an und hört mit „üche“ auf!

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Klar, das wird von den allermeisten immer direkt verstanden. So was „weiß man als Mann“, der sich so einem Spießroutenlauf sicher schon oft unterziehen musste, auf jeden Fall besser, als jede Frau, die sich mittlerweile eine Strategie aus Ignoranz und Distanziertheit zurecht gelegt hat, um sich vor Übergriffen zu schützen. Dieses „bewusste nicht-reagieren“ ist auf jeden Fall eine gezielte Provokation gewesen, das hat den Männern gar keine andere Wahl gelassen und sie regelrecht zu ihrem Verhalten gezwungen. Echt durchtrieben, wie die Protagonistin ihr Umfeld durch systematische Nicht-Einwirkung manipuliert hat.

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Richtig! Wenn Frauen sich endlich wieder ein wenig „angemessener“ verhalten würden, dann wären sie solchen Übergriffen auch nicht ausgesetzt! Wenigstens so wie in den 90ern (in denen bekannterweise nie jemals eine Frau sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen ist). Noch schöner wäre natürlich, wenn sich diese anbiedernden Weiber endlich wieder besinnen würden und sich wenigstens ein kleines bisschen wie in den 50ern benehmen würden. Da hatten sie zwar gar nichts zu melden, waren aber anstatt hunderten Ledigen, lediglich einem (Ehe)mann ausgesetzt. Auch hier gilt also: selber Schuld!

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Ja, z.B. diese hier, mit ihrem aufreizenden schwarzen T-Shirt und ihrem genervten Blick. Sie hat regelrecht darum gebettelt. Gut, dass sie keinen Rock anhatte, sonst wäre sie, nach diesem Kommentator, wohl noch zu Recht befummelt worden.

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Die Lösung ist gefunden: Wir schaffen einfach ein Frauen-Exil in Münster, dem Mekka des Antisexismus. Aber in den Augen dieses Kommentators, ist das ja eigentlich auch gar nicht nötig. Er sieht das Problem nicht. Und was man(n) nicht sehen kann, das gibt es schließlich auch nicht! Messerscharf kombiniert – 40 Jahre Feminismus für die Katz‘.

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Netter Versuch, leider am Thema vorbei. In dem Video wird gezeigt, wie die Frau sexuellen Kommentaren ausgesetzt, zu Reaktionen aufgefordert und sogar minutenlang verfolgt wird. Das hat nichts mit einem freundlichen Umgangston zu tun. Aber auch das ist wohl eine Vermeidungsstrategie, um sich mit den eigentlichen Inhalten nicht auseinandersetzen zu müssen. Leider nicht sehr originell. Sechs, setzen.

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Des Users Geheimtipp gegen sexuelle Übergriffe: Burka!

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Sehe ich auch so. Schließlich grüßen die ganzen Männer ja auch alle anderen (männlichen) Menschen, die ihnen den ganzen Tag so begegnen. Sicher rufen sie sich auch untereinander anzügliche Bemerkungen über ihre Ärsche zu, oder fordern sich gegenseitig vehement dazu auf, doch mal zu lachen! Klarer Fall von Nächstenliebe. Richtig sozial! Die soll sich mal nicht so isolieren und lieber für alle verfügbar machen.

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Satire? Bitte, sag dass das Satire ist!

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Kann ich so nicht bestätigen. Aber vielleicht ist das was anderes, wenn man keine Freunde hat.


Ich könnte zwar ewig so weiter machen, aber das hat vermutlich keinen Sinn. Lieber bringe ich das Ganze noch zu einem halbwegs positiven Abschluss. Denn, natürlich, sind nicht alle Männer so (was ja auch nie von der Initiatorin behauptet woden ist…). Zum Glück.


 

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Re: Free Your Boobs!

Auf den Beitrag „Free Your Boobs!“ habe ich einige Rückmeldungen erhalten – für euch habe ich heute die interessantesten zusammengefasst.


Ein Leser hat folgende Frage gestellt:

„Nackte Brüste sind in Tageszeitungen, Videoclips und Anzeigen vollkommen normal?! Du lebst doch auch in Deutschland, wo sind diese nackten Brüste?!“

Da der Bedarf offensichtlich groß war, habe ich mir mal die Mühe gemacht, ein paar schöne Beispiele für Werbung herauszusuchen, bei der Brüste (knapp bekleidet, hochgebunden, entblösst) im Mittelpunkt stehen. Ich habe mich dabei auf deutschsprachige Werbung beschränkt, da sich der Kommentator selbst auf Deutschland bezogen hat – aber die Auswahl war auch groß genug. Nach einiger Zeit ist mir regelrecht langweilig geworden, denn es war immer dasselbe…

Produkt: Brillen? Motiv: Brüste! Produkt: Bier? Motiv: Brüste! Produkt: Elektronik? Motiv: Brüste! Produkt: Radiosender? Motiv: Brüste, Brüste, Brüste!

Ich habe mich dazu entschieden, Werbung für Erotikartikel, Dessous, Bademoden oder Ähnlichem außen vor zu lassen, um die Absurdität der Tatsache, was alles so mit Brüsten beworben wird, noch mehr hervorzuheben. Ihr könnt also davon ausgehen, dass keine der unten abgebildeten Werbungen auch nur im entferntesten etwas anpreisen, das irgendwie nachvollziehbar mit der weiblichen Brust im Zusammenhang stehen könnte.

Brüste

„Manche mögens heiß!“ | „Lass das Biest raus!“ | „Darf’s a bisschen mehr sein?“ | „Für mehr Offenheit.“  | „Sie lieben Ballsport?“  | „Mehr muss man nicht anhaben!“  | „Geil auf Pizza?“ | „Endlich kann ich, so oft ich will!“  | „Unsere Preise sind so knapp, wie dieser Bikini!“  | „Die Neue. Kommt schneller als die Alte, ist besser gebaut und macht, was man ihr sagt!“

Werbung, in denen Produkte mit sexualisiert dargestellten Brüsten beworben werden, sind keine Ausnahmeerscheinungen! Große und kleine Unternehmen setzen auf diesen „Trigger“, der positive Assoziationen zum Produkt und mit Sicherheit auch in erster Linie Aufmerksamkeit erregen soll.

Hier die Art der beworbenen Produkte und Firmen: Astra (Bier), Puntingamer (Bier), Reven (Luftreiniger), Karstadt (Kaufhaus), Löwenbräu (Bier), Schwäbische Stadthallenwerbung, Faschingsfeier, Media Markt (Elektronikhandel), Radio Lora, Hirter (Bier), Optiker, Radio Arabella, Viva Con Aqua (Spendenorganisation), Lieferservice, Redcoon (Onlinehändler), Wellnessangebot, Nordsee (Restaurantkette), Gitsche (Holzhandelsfirma), Bet at home (Sportwetten), Boch (Sanitär), Netkellner (Lieferservice), Tom Ford (Herrenparfum), Sony (Elektronik), Cinemaxx (Kino), Antenne Koblenz (Radio), L’Tur (Reiseveranstalter), Neue Nordhäuser Zeitung, PR CAR (Autoservice), Dachdeckerei Schröder, American Apparel (Modemarke), Witz (Recyclingfirma), RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten), Pantene Pro-V (Haarpflege), Partyflyer, Platzer (Transportfirma), XLink (Telekommunikationsfirma), Shark (Energiedrink), Schider-Schilder (Werbung), Ryanair (Fluggesellschaft)

Manche Anzeigen habe ich auf folgenden empfehlenswerten Seiten gefunden: Watchgroup Salzburg#ichkaufdasnicht

Und zum Thema Tageszeitungen – hier nur ein aktuelles Beispiel für eine Tageszeitung, die direkt auf der Startseite (unübersehbar neben ihrem Logo) eine sexualisiert dargestellte Frau präsentiert:

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Nun könnte man die Gegenfrage stellen: der Kommentator lebt doch auch in Deutschland – wie kann es sein, dass ihm die Flut sexualisierter Darstellungen der weiblichen Brust in Medien und Werbung überhaupt nicht mehr auffällt? Schon so abgestumpft?


Dann hat mir die liebe Nina für ihren Blog „Busenfreundinnen“ ein paar Fragen zum Artikel und generell zu meinen Ansichten gestellt – in Kürze wird ein komplettes Gespräch zum Thema auf ihrem Blog zu finden sein. Hier ein kleiner Vorgeschmack.

Bist du stolz eine MUSCHI alias Frau zu sein? Was bedeutet für dich Frau sein?
Ich bin so wenig stolz auf mein Geschlecht wie auf meine Nationalität. Ich finde nicht, dass das Dinge sind, auf die man stolz sein kann.
Frau-sein bedeutet für mich nichts anderes als Mensch-sein. Mein Geschlecht ist nicht der Indikator, der mich von 50% der „anderen“ Menschen grundlegend unterscheidet und mich mit dem Rest pauschal verbindet. Ich habe Prinzipien, Werte und Moralvorstellungen als Mensch – nicht primär als Frau.

Findest du Brüste schön? Egal, ob groß oder klein?
Klar, was wäre eine Welt ohne Brüste?!

Kannst du das heterosexuelle, männliche Wesen verstehen, wenn sie an dem weiblichen Busen hängen bleiben?
Ich muss nicht versuchen, mich dafür in den  „ominösen Heteromann“ hineinzuversetzen – ich schau selber gerne auf schöne Brüste und ich kenne keine Frau in meinem Umfeld, der es nicht auch so geht. Brüste sind keine Erfindung für den Heteromann und es ist ein Mythos, dass nur Männer „am weiblichen Busen hängen bleiben“.  Also kurz: klar, kann ich das verstehen. Ich finde aber nicht, dass es sich dabei um ein ontologisch männliches Phänomen handelt.

Mir wurde ja oft gesagt, dass ein Hetero-Mann nicht anders kann. Aufgrund ihres Testosterons sind sie den weiblichen Rundungen komplett verfallen. Hirn und Herz rutschen in die Hose und denken nur noch daran, wie sie an die Rundungen ran kommen. Sie meinen das nicht böse, nein, ganz und gar nicht, sie können nicht anders, da sie ihrem Instinkt und Trieb, welcher ja schon immer da war und immer da sein wird, weil es ja auch um die Fortpflanzung geht und der Mensch auch „nur“ ein Säugetier ist, verfallen sind. Glaubst du das den Herren?
Also erstmal kenne ich keinen Mann, der sich selber so beschreiben würde. Warum? Weil es im Grunde total männerfeindlich ist, anzunehmen, ein Mann wäre nichts als ein auf seine Triebe reduziertes, schwanzwedelndes Wesen, der beim Anblick eines blanken Busens (was in unserer Gesellschaft nun auch nicht gerade selten ist), die Kontrolle über seinen Verstand verliert. Ich glaube, dass unangemessenes Verhalten sehr häufig einfach aus unbedacht reproduzierten gesellschaftlichen Strukturen und Gewohnheiten entsteht.

Beispiel: Es gibt Männer, die Frauen auf Partys einfach anfassen, weil sie denken, dass das normal oder „schon okay“ wäre, sich dabei einfach keine Gedanken über die Empfindungen ihres Gegenüber machen. Viele Männer würden so etwas aber niemals tun, weil sie genau wissen, wie unangebracht das wäre. Daraus lässt sich ableiten, dass nicht das biologische Geschlecht, sondern deine Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung, dich ungefiltert triebgesteuert handeln lässt.
Aussagen wie „Männer sind halt so“ oder „Männer können einfach nicht anders“ sind durch und durch sexistisch.

Siehst du dich mit deiner Aktion auch als Demonstrantin? – die für Gleichberechtigung demonstriert?
Ich finde nicht, dass man es als Aktion bezeichnen kann, wenn man sich morgens für oder gegen einen BH entscheidet. Ich will auch gar nicht, dass so einer banalen Sache so viel Bedeutung beigemessen wird – eigentlich ist sogar genau das der Punkt, den ich kritisiere. Ich will, dass das selbstverständlich ist und andere Menschen mich deshalb nicht anders behandeln.

Da kommt mir dir Frage, werden wir je gleichberechtigt sein, wenn uns das Testosteron fehlt?
„Uns“ fehlt das Testosteron nicht, es ist sogar maßgeblich für „unsere“ Lust mitverantwortlich. Ein körperliches Attribut sollte außerdem nichts mit Gleichberechtigung zu tun haben, warum auch? Sonst könnte man sich auch die Frage stellen, ob schwarze und weiße Menschen gleichberechtigt sein können, obwohl ihre Haut unterschiedlich pigmentiert ist.

Wir Frauen, wissen ja nicht, was aufgrund des nicht gleichen Hormonaushaltes, in den Herren vorgeht, genauso wenig, wie die in uns. Wird es dann je Gleichberechtigung geben auf diesem Gebiet?
Dieser Aussage würde ich ganz vehement widersprechen. Ja, Männer und Frauen haben einen unterschiedlichen Hormonhaushalt, aber das ist ganz sicher nicht die Grundlage dafür, dass alle Männer gleich funktionieren, alle Frauen anders und sie sich aufgrund dieser Tatsache nie ganz verstehen werden. Das stimmt einfach nicht. Ich führe zu einigen Männern ein sehr inniges Verhältnis und sie stehen mir intellektuell und emotional um ein Vielfaches näher, als die meisten Frauen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Ich unterscheide mich in meinem Wesen von vielen Frauen mehr, als von manchen Männern. Und natürlich gibt es auch einige Frauen, die mir sehr Nahe stehen – aber das liegt nicht daran, dass sie weiblich sind. So was lässt sich einfach nicht am Geschlecht ausmachen.
Ich glaube, dass diese Art von Geschlechterdualismus, die uns glauben lassen will, dass Frau und Mann eben so unüberwindbar verschieden seien, der Motor für Asymmetrien in unserer Gesellschaft sind und diese Vorstellung eines binären Geschlechtermodells daher (zumindest in dieser allgegenwärtigen und exzessiv-präsenten Form, wie wir es zur Zeit gewohnt sind) überwunden werden muss, um eine allumfassende Gleichberechtigung zu schaffen.


Zum Abschluss noch zwei interessante und bereichernde Kommentare, weiblicher Leserinnen via Facebook – nochmal ein anderer Blickwinkel! Um ihre Privatsphäre zu wahren, habe ich Namen und Profilbild unkenntlich gemacht. Ich bedanke mich herzlich für diese beiden Beiträge!

 

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